der blaue reiter


Maik und Dirk Löbbert:
Steckdosen (Ausschnitt), 1984;
Kunststoff, Klebeband



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der blaue reiter Ausgabe 46

 



Träume eines Sozialphysikers

oder: Schöne neue Wearables

Die digitale Technik steckt voller Widersprüche: Neue Geräte in modischem Design wie die Apple Watch, Fitness- und Health-Apps für Smartphones werden mit dem Versprechen auf Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit aufgeladen. Als emanzipativ gefeiert, schafft die Nutzung dieser „Geräte“ ein neues Welt- und Selbstverständnis. Weniger die Individualität des Individuums steht im Zentrum des Interesses, sondern die smarte Erziehung eines quantifizierten Kollektivs zu Wohlverhalten im Sinne der Anbieter und Regierungen.

Das von Überwachungsskandalen durchgeschüttelte vergangene Jahrzehnt förderte – vor allem im Zuge der Enthüllungen Edward Snowdens – die Renaissance eines dystopischen Klassikers zu Tage. Mit Blick auf die Geheimdienste NSA, GCHQ und Co. erkannten viele gemäß Orwells Roman 1984 das Erstarken eines neuen, alten „großen Bruders“ und in der Expansion installierter Überwachungskameras potenzielle Teleschirme, die jeden Bürger in Augenschein nehmen, jede seiner Bewegungen kontrollieren. Auch jüngere Datenaffären wie um Cambridge Analytica taten den autoritären Bilderwelten kaum Abbruch: Immer wieder tauchte die Idee eines vermeintlich gleichgeschalteten Individuums auf, dessen Verhalten, so meinte man, nicht nur beobachtet, sondern fremd bestimmt, allumfänglich kontrolliert werde. Wenn es also um den Verlust der Privatsphäre, um den Aufbau immer detaillierteren Wissens über den Einzelnen und die Machtverschiebungen im Digitalen ging, war das bedrohliche orwellsche Szenario mehr als präsent, bestimmte zuweilen recht einseitig den Diskurs.

 

   Unsere Ansichten werden
   im Wesentlichen von den unbewussten
   Signalen des uns umgebenden
   sozialen Gefüges bestimmt.

 

In den Hintergrund geriet ob dieser diskursiven Prägekraft ein ebenfalls 1948 verfasster, kontroverser Gesellschaftsentwurf, der das Autoritäre ablehnte, stattdessen die Harmonisierung von Wunsch und Weisung, von Freiheit und Kontrolle avisierte – und uns womöglich mehr über die Strukturen der digitalen Gegenwart zu erzählen vermag als die Romanwelt orwellscher Despotie: Futurum Zwei/Walden Two. Bereits Anfang der 1940er-Jahre formulierte Burrhus Fredric Skinner, ein einflussreicher, in Harvard lehrender Psychologe und Verhaltensforscher, als Antwort auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs die Vision einer zukünftigen Gesellschaft, die durch „Vertrauen und nicht durch Verdacht“ bestimmt ist, deren experimentelle Einrichtung nicht durch Disziplinierungen, Zwang oder proklamierte „ewige Wahrheit(en)“ verfestigt werden sollte. Vielmehr skizzierte Skinner – als publikumswirksame Übersetzung der eigenen Forschung – eine Utopie, in der die erwünschten Verhaltensweisen eines einfachen, egalitären und glücklichen Lebens über „programmiertes Lehrmaterial“ und „erzieherische Technologie“, das heißt „Technologie(n) der Verhaltenssteuerung“ übertragen und schließlich „mit Hilfe sanfter, aber eindringlicher ethischer Sanktionen“ durchgesetzt werden. „(D)ie Hauptsache ist“, heißt es in Futurum Zwei, „wir erziehen unsere Leute dazu, jede Gewohnheit, jeden Brauch auf Verbesserungsmöglichkeiten hin zu betrachten … Lösungen von Problemen aller Art sind fast wie durch ein Wunder das Ergebnis.“ So bestimmt Skinners Fiktion, im Gegensatz zu Orwells totalitärem Überwachungsstaat, schließlich „eine neue Lebensform“, eine aggressionsfreie, unpolitische Gesellschaft, in der sich ein ausbalanciertes Zusammenleben durch reflexhafte Lernprozesse einstellen sollte: „Alles, was wir erreichen wollen, ist eine sinnvolle Steuerung der Verhaltensweisen.“
Interessant ist vor diesem Hintergrund nicht allein, dass mit Futurum Zwei ein Roman aus dem diskursiven Sichtfeld geriet, dessen Autor weniger auf autoritäre Kontrolle denn auf totale Harmonie, weniger auf ideologische Propaganda denn auf technokratische Planung setzt. Interessant ist vielmehr, dass dieses Motiv vielleicht aktueller denn je ist, dass zwischen diesem fiktionalen Zukunftsentwurf und unserer digitalen Gegenwart signifikante Verbindungslinien bestehen. Diese Parallelen lassen sich einerseits, wie es Shoshana Zuboff in ihrem einflussreichen Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus beschreibt, als „Erfüllung von Skinners Traum“ lesen, andererseits konturieren sie auch ein dezidiertes Update: ein Forschungsprogramm, das behavioristische Fantasien revitalisiert (siehe Erläuterung), neu justiert und heute – wie es scheint – immer mehr Akzeptanz findet.

Der Traum von der „sinnvollen“ Verhaltenssteuerung

Als technologieaffiner Erbe Skinners präsentiert sich dabei vor allem einer der „mächtigsten Datenwissenschaftler“ (Forbes) der Gegenwart: Alex „Sandy“ Pentland. Bereits seit den 1990er-Jahren erforscht der Informatiker und Psychologe das menschliche Verhalten in digitalen Umwelten, ist nicht nur Direktor diverser Forschungslabore am MIT und berät unter anderem Tech-Monopolisten wie Google, das Bankenschwergewicht UBS oder den Telekommunikationskonzern AT&T. Er gilt auch als Vordenker des „Reality Minings“ beziehungsweise als „Godfather“ sogenannter „Wearable“-Technologien, das heißt tragbarer digitaler Geräte, die mithilfe multisensorisch aufgezeichneter Umwelt-, Bewegungs- und Körperdaten menschliche Verhaltensmuster erfassen, simulieren und schließlich neu zu gestalten helfen. Unter anderem entwickelte Pentland die Datenbrille Google Glass. Er tritt auch immer wieder als einflussreicher Stichwortgeber in Erscheinung und verleiht dabei auch den skinnerschen „Technologien der Verhaltenssteuerung“ ein zeitgemäßes Design.
In seinen Forschungslaboratorien setzt Pentland auf einen datengestützten Experimentalismus, verbindet psychologische Versuche mit diversen Gadgets (englisch für „technische Spielereien“, „praktische Gerätschaften“), Big Data-Analyse mit sozialer Theorie und Praxis. Mit dem Labor „Connection Science“ erforscht er etwa soziale Beziehungen in öffentlichen Infrastrukturen sowie das menschliche Verhalten in sozialen Medien. Durch rechnergestützte Datenanalyse will er soziale Netzwerke nicht nur neu beschreiben, sondern gleich „revolutionieren“. In einem weiteren Forschungsfeld – hier ist das „Human Dynamics Lab“ federführend – hat sich Pentland darauf spezialisiert, maschinell aufgezeichnete Umweltdaten einzusetzen, um menschliche Verhaltensmuster vorhersagbar zu machen. Dabei experimentiert das Team des „Toshiba“-Professors immer wieder mit eigens entwickelten Wearables. Diese zeichnen als sogenannte Soziometer die körperlichen Reaktionen, Verhaltensmuster oder unbewusste Gesten auf – der Informatiker spricht hier von „ehrlichen Signalen“ – und eröffnen damit einen durchdringenden Blick auf kommunikative Wechselbeziehungen und atmosphärische Verfasstheiten. In diesem gläsernen Gefüge sollen, so das Ziel der technischen „teilnehmenden Beobachtung“, schließlich die Umgangsformen der Individuen verbessert, ihre Interaktion oder Kommunikation ausgewogener gestaltet und Störungen frühzeitig behoben werden. So konnten über die Einführung der Soziometer in Unternehmen bereits der Ausgang von Gehaltsverhandlungen restrukturiert oder gar sich anbahnende Konflikte zwischen Abteilungen so eingehegt werden, dass sie gar nicht erst entstanden. Desweiteren forschte man bereits an einem Gerät, das Teilnehmenden einer Videoschaltung in Echtzeit die jeweiligen Gesprächsanteile anzeigte, sie derart auf Dominanzen, Introvertiertheit oder Animositäten hinwies. Über die transparente Analyse ließen sich fast automatisch ausgegliche- nere Diskussionskulturen etablieren.
Obgleich Pentland ein subtileres didaktisches Programm verfolgt als Skinner – der Informatiker setzt vor allem auf gezielte Anreizsetzung und selbstinduzierten Gruppendruck („peer-pressure“) –, wiederholt er dabei die alte behavioristische Hoffnung von einer „sinnvolle(n) Steuerung der Verhaltensweisen“. Er zielt stets darauf, „die Muster des sozialen Lernens in Situationen der tatsächlichen Welt zu verändern.“ So lassen sich fast sämtliche Anwendungen Pentlands als Modi technischer Supervision beschreiben, die das Verhalten der Menschen proaktiv in geordnete Bahnen lenken sollen – kurz: Order from noise

Autoren: Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski