der blaue reiter


der blaue reiter, Ausgabe 46
ISBN: 978-3-933722-69-0
Preis: 16,90 € (D), 17,40 € (A)



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der blaue reiter Ausgabe 46

 



Leben lernen

Über die Erziehung des Menschen

Immanuel Kant war überzeugt: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Dass der Mensch erziehbar sei, ist jedoch nicht nur die Hoffnung vieler um die Zukunft ihrer Kinder besorgter Eltern. Auch Staatsführern und Industriellen ist sehr daran gelegen, das Verhalten ihrer Untergebenen respektive Kunden zu verstehen und ihren Vorstellungen entsprechend zu steuern. Aber wie kann das gelingen und wer entscheidet, auf was hin erzogen werden soll beziehungsweise welche Mittel durch welchen „guten“ Zweck geheiligt werden? Wie kann man jemanden dazu bringen, frei und eigenständig zu denken? Ändern nur Disziplin, Zucht und Strafe die Tierheit in Menschlichkeit um? Ist Erziehung eine „unvermeidliche soziale Tatsache“? Sind Neuankömmlinge wie Kinder eine latente Gefahr für die bestehende gesellschaftliche Ordnung? Kann man sich auch selbst erziehen und wie lässt sich fremdbestimmte Selbstbestimmung vermeiden?

Aus dem Inhalt:
 

thema


Träume eines Sozialphysikers
oder: Schöne neue Wearables

Wearables wie die Apple Watches, Fitness- und Health-Apps für Smartphones werden mit dem Versprechen auf Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit verkauft. Dabei steht jedoch weniger die Individualität des Individuums im Zentrum des Interesses als vielmehr die smarte Erziehung eines quantifizierten Kollektivs zu Wohlverhalten im Sinne der Anbieter und Regierungen. Denn alles, was erreicht werden soll, so schreibt B. F. Skinner, einer der Vordenker moderner Sozialphysik, ist eine sinnvolle Steuerung der Verhaltensweisen.
Autoren: Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski

Die „natürliche“ Erziehung
Jean-Jacques Rousseaus Entwurf einer modernen Pädagogik

„Der Mensch wird schwach geboren und braucht Stärke. Er weiß nichts und braucht Vernunft. Was ihm bei Geburt fehlt und was er als Erwachsener braucht, gibt ihm die Erziehung“, schreibt Jean-Jacques Rousseau zu Beginn seines Romans Émile oder über die Erziehung. Die Frage ist, ob man die ursprüngliche Güte, die Rousseau dem Menschen unterstellt, trotz Erziehung erhalten kann? Und wie soll diese vonstatten gehen?
Autorin: Ursula Reitemeyer

Die Macht der Gewohnheit und die Kraft des Neubeginns
Über Disziplinierung und Freiheit bei Michel Foucault und Hannah Arendt

Die Gesellschaft ist zur Erziehung von Neuankömmlingen verdammt. Denn der Mensch wird nicht nur unfertig geboren, er tritt auch als Neuling in eine fremde Welt. Neuankömmlinge sind entsprechend niemals nur Schutzbedürftige und niemals nur Ungebärdige; sie sind ebenso Quelle der Erneuerung, ohne die jede Gesellschaft zum Untergang verurteilt ist, wie deren schärfste innere Bedrohung.
Autor: Andreas Gelhard

Selbstbildung zum Kosmopoliten
Über die Ideale der Stoa und die Meditationen von Marc Aurel

Wissenserwerb und Erziehung war für die Stoiker der Antike eine lebenslange Aufgabe. Wissen erreicht man ihrer Ansicht nach jedoch nicht durch Belehrungen oder Anweisungen von Eltern, Lehrern oder der Gesellschaft. Der Erwerb von Wissen gelingt vielmehr nur dadurch, dass man sich selbst um eine möglichst rationale Perspektive auf die Welt und den eigenen Platz in ihr bemüht. Wer Wissen im stoischen Sinn besitzt, erkennt sich selbst und alle anderen Menschen als gleichwertige Teile derselben Weltgemeinschaft.
Autorin: Anna Schriefl

Mit den Händen denken
Eine Verteidigung des poietischen Prinzips

Man muss die Philosophie vom Kopf auf die Füße stellen! Der Mensch ist nicht nur Geist und er ist nicht nur Körper. Auch im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung sind Körper und Geist immer wechselseitig aufeinander bezogen. Denn der Mensch wurzelt nicht nur als erkennendes Subjekt in der Welt, sondern auch als leibhaftiges Individuum. Nur wer mit den Händen arbeitet, kann durch den Widerstand der Objekte zugleich den eigenen Leib spüren, und nur wer mit den Händen zu denken versteht, bleibt mit seinem Denken auf Wesentliches, auf Welt bezogen.
Autor: Lenz Prütting

Das Gesetz der Straße
Mit Pierre Bourdieu über Erziehung nachdenken

Erziehungsverhältnisse sind komplexe soziale Arrangements, die sich nicht jenseits gesellschaftlicher Machtverhältnisse vollziehen. Ann Petry schreibt in ihrem Roman Die Straße: „Und während du auf der Arbeit warst, um die Miete für das Drecksloch zusammenzubringen, na, da sorgte die Straße für deinen Jungen. Die Straße wurde ihm Mutter und Vater und zog ihn für dich auf, und sie war ein schlechter Vater und eine böse Mutter.“
Autor: Markus Rieger-Ladich

Praktiken der Strafe
Eine kurze Geschichte der Züchtigung

Aufgabe der Erziehung des Menschen ist es, die Verhaltensnormen der zu Erziehenden so auszurichten, dass sie ihre Anstößigkeit für einen sozial definierten Kreis verlieren. Entsprechend sind Maßnahmen zur Erzwingung des Erwünschten seit jeher ein unentbehrliches Element der menschlichen Kultur. Doch selbst härteste Körperstrafen, so lehrt die Geschichte, führen offensichtlich nicht dazu, das „Wollen“ der Einzelnen mit einem gemeinschaftsdienlichen „Sollen“ in Einklang zu bringen.
Autor: Helmut Birkhan

Die erzieherische Kraft der Kunst
Über die Nachwirkungen aufklärerischer Gedanken zur ästhetischen Erziehung

Es ist ein Fehler, die Aufklärung auf einen Sieg der Vernunft über die Triebe zu gründen. Denn die Auseinandersetzung mit der Kunst bringt die widerstreitenden Seiten der menschlichen Natur zum Einklang: Kunstwerke haben einen Bezug zum Geist wie zu den Sinnen.
Autorin: Iris Laner

Kann man zum Guten erziehen?
Über die Beziehung von Erziehung und Bildung zur Ethik

Der Mensch ist ein „krummes Holz“ (Immanuel Kant); die Rede von Moral und Sittlichkeit täuscht über die wahren Verhältnisse. Die Rede von Freiheit und Würde ist zu einer bloßen Ideologie verkommen. Schlüssel zu einer „Erziehung zum Guten“ ist nurmehr die philosophische Bildung; das heißt, den philosophischen Prozess des Verstehens, Reflektierens und Beurteilens selbst zu durchlaufen.
Autor: Christian Thein

Ein ganzer Mensch werden
Rudolf Steiners Theorie der Erziehung

Will man das Wesen des werdenden Menschen erkennen, muss man Rudolf Steiner zufolge von einer Betrachtung der verborgenen Natur des Menschen ausgehen. Hauptziel seines Erziehungskonzepts sind nicht herkömmliche Berufsertüchtigung beziehungsweise Studierfähigkeit. Vielmehr geht es ihm um eine umfassende spirituelle Erneuerung, die Entfaltung der Seelenkräfte der Heranwachsenden und damit einhergehend die Ausbildung zu einem auch geistig erfüllenden Leben in Gemeinschaft.
Autor: Heiner Ullrich

Bildung zur Freiheit
Hegel als Lehrer und Rektor des ersten humanistischen Gymnasiums in Deutschland

Eine Bildungsanstalt repräsentiert einen sittlichen Zustand, denn Bildung ist ein absoluter Zweck, kein bloßes Mittel. Weil der Gedanke der Vernunft untrennbar mit dem der Freiheit verbunden ist, machte es sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Rektor des Nürnberger Egidiengymnasiums zur Aufgabe, den Begriff der Freiheit in den Köpfen der Schüler auszubilden – und dadurch in die Welt hinauszutragen.
Autor: Klaus Vieweg

„Alles andere ist unbedeutend…“
Platon und die Erziehung

Die richtige Erziehung sorgt Platons Sokrates zufolge nicht nur dafür, dass die Menschen in der Gemeinschaft sich von allein an das rechte Maß des Handelns halten, sondern auch dafür, dass sich die menschliche Natur in bestmöglicher Weise entwickeln und weiterbilden kann. Und: Erziehung bestimme auch das Schicksal der Seele nach dem Tod.
Autor: Christian Vogel

Die Wiederentdeckung des Pädagogischen
Eine Philosophie der Reformpädagogik

Erziehung ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst! Nicht von ungefähr leitet sich das heute gebräuchliche Wort für die Theorie, Lehre, Wissenschaft und Praxis der Erziehung, Pädagogik, von den altgriechischen Worten paidagogike techne ab: wörtlich übersetzt „Erziehungskunst“. Und bei dieser Kunst geht es letztlich immer um ein Handeln. Doch von was ist diese Kunst abhängig und was ist ihr Zweck?
Autor: Michael Winkler


umfrage
Was ist Erziehung?
Ist der Mensch erziehbar?

Mit dem Mikrofon unterwegs auf den Straßen von Marburg war Rebecca Wolfs.


kolumne
Educare necesse est
Leicht erziehbar, schwer erziehbar

Wir Pioniere geloben,
Wir wollen nicht mehr toben,
Wir wollen nicht mehr rumgammeln
Sondern lieber Altpapier sammeln!
(Georg Seidel, um 1985)
Über die Erziehbarkeit des Menschen.
Autor: Friedrich Dieckmann


essay
Selbst(ab)stand
Die Suche nach der Mitte

Gleichsam eingeklemmt zwischen Psychologie und Physik, Innerlichkeit und Außenwelt, kennen wir uns selber niemals ganz, während wir uns gleichzeitig nie genug sind. Unsere Bereitschaft zum Lernen bringt uns immer neu in Abstand zu uns und lässt uns gerade darüber, paradoxerweise, uns nah sein. Lernunwillig, ist unser Lebensgefühl notwendigerweise von Gier, Furcht und Defätismus bestimmt.
Autor: René Weiland


lexikon
Frühlings Erwachen
Autor: Franz Josef Wetz

Kompetenz
Autor:
Udo Grün

Struwwelpeter
Autorin:
Beate Zekorn-von Bebenburg

Supermama
Autorin:
Jutta Heinz


unterhaltung
Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur

Erziehung scheitert immer
Autor, auf Anfrage: Ja, gerne mache ich einen erziehungsaffinen Text, so was wie „Kinder waren schon immer dumm“ … Eventuell mache ich einen Exkurs auf meinen Vater, der seinerzeit als aufgeklärter Pädagoge galt, weil er in seinen Klassen nur Buben eine knallte, und das, wo angeraten, revolutionärerweise mit Vorankündigung verband: „Brille ab!“
Autor: Stefan Reusch

Haben Sie Probleme philosophischer Art?
Das Dr. B. Reiter Team sorgt für Aufklärung!

Das Dr. B. Reiter Team beantwortet Ihre Fragen auch auf seiner > Facebook-Seite.


porträt
Bildung ist die Bestimmung des Menschen
Wilhelm von Humboldt im Porträt

Wilhelm von Humboldt gilt als Garant einer Bildung, die dem Materialismus der Gegenwart das Humane des Menschen entgegensetzt. Aufklärung heißt für ihn auch, dass der Mensch durch Erziehung verbessert werden kann. Doch, so Humboldt, für die Erziehung wie für die Bildung „ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung“. Staatliche Gängelung verhindere die Bildung des Menschen.
Autor: Gerhard Lauer


ethik aktuell
Eine Frage der Tugend?
Perspektiven für die Tierethik

Tierschützer beschuldigen Nutztierhalter der Tierquälerei, Fleischliebhaber werden von Veganern als „Massenmörder“ und „Klimakiller“ verunglimpft. Im Gegenzug beschimpfen Verfechter des Fleischkonsums Tierschutzaktivisten als natur- und lebensferne Egozentriker, die ihr eigenes Weltbild verallgemeinern wollen und die genetische Veranlagung des Menschen zum Fleischkonsum leugnen. Bietet die Übertragung der von Aristoteles entwickelten Tugendethik auf die Beziehung von Mensch und Tier eine neue Perspektive?
Autorin: Dagmar Borchers