der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Werner Seltier



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der blaue reiter Ausgabe 46

 



Wozu Erziehung?


Immanuel Kant war überzeugt: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Dass der Mensch erziehbar sei, ist jedoch nicht nur die Hoffnung vieler um die Zukunft ihrer Kinder besorgter Eltern. Auch Staatsführern und Industriellen ist sehr daran gelegen, das Verhalten ihrer Bürger respektive Kunden zu steuern. Für die Erziehung zum Untertanen wie zum Konsumenten lieferten Psychologen wie Burrhus Frederic Skinner mit ihren Experimenten Mitte des letzten Jahrhunderts die passenden Theorien und Methoden. Im Rahmen von deren mechanistischer „Sozialphysik“ erscheint der Mensch nurmehr als „Black Box“. Innere Prozesse gelten ihnen als nicht wissenschaftlich greifbar und ließen sich ohnehin anhand äußerer Regungen mit naturwissenschaftlichen Methoden objektiv messen. Alles, was er erreichen wolle, so Skinner, sei die „sinnvolle Steuerung der Verhaltensweisen“.
Um Gesellschaften so zu modellieren, dass „höhere Level an Fairness, Vertrauen und Stabilität“ erreicht werden, entwickelte der Informatiker und Psychologe Alex Pentland für die Theorien Skinners ein zeitgemäßes Design. Mittels kleiner, auch als Modeaccessoire tragbarer elektronischer Geräte wie der Apple-Watch und Smartphones soll eine Rund-um-die-Uhr-Aufzeichnung von Bewegungs- und Körperdaten erfolgen. Menschliche Verhaltensmuster werden derart nicht nur erfasst, sondern durch entsprechende Rückkoppelungsmechanismen wie zum Beispiel den Hinweis „Sie sind heute zu wenige Schritte gelaufen“ auch verändert. Pentland setzt zur Verhaltenssteuerung nicht auf Zwang, wie der von George Orwell im Roman 1984 beschriebene Überwachungsstaat, sondern auf Mechanismen der Belohnung wie günstigere Krankenkassentarife und Gruppendruck: „Claudia und Lydia haben heute mehr Kalorien verbrannt als du.“ Denn, so Pentland, menschliches Handeln ist vor allem kontextuell geprägt. Das heißt, unsere Ansichten und Handlungsimpulse werden vor allem von unbewusst wahrgenommenen Signalen des uns umgebenden sozialen Gefüges bestimmt. Entsprechend ließen sich individuelle Einstellungen und Absichten über das, was andere Menschen tun, vorhersagen. Pentland perfektioniert mit seinen elektronischen „ultra-schnellen Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ (Gilles Deleuze) die von Michel Foucault in Überwachen und Strafen beschriebenen Mechanismen der Disziplinierung. Kontrolle und Zurechtweisung von außen wandeln sich dabei als Selbstoptimierung unmerklich in Selbstdisziplinierung, werden sozusagen zur fremdbestimmten Selbstbestimmung. Mit dem von Immanuel Kant formulierten Ideal der Aufklärung, dem „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, das heißt einem Leben jenseits „fremder Leitung“, hat das nichts mehr zu tun. Unbeantwortet bleibt vor allem die Frage, welches Verhalten als vernünftig und entsprechend wünschenswert und welches als abweichend gilt: Wer bestimmt, auf welches Ziel hin erzogen werden soll und welche Mittel durch welchen „guten“ Zweck geheiligt werden? Denn Geschäftsmodelle sind hier kaum von Gesellschaftsmodellen zu unterscheiden, gute Absichten kaum von guten Geschäften.

 

„Der Mensch ist das einzige Geschöpf,
das erzogen werden muss.“ (Immanuel Kant)

 

„Wir werden schwach geboren und bedürfen der Kräfte; wir werden hilflos geboren und bedürfen des Beistands; wir werden dumm geboren und bedürfen des Verstandes. All das, was uns bei der Geburt noch fehlt und dessen wir als Erwachsene bedürfen, wird uns durch die Erziehung zuteil“, schreibt Jean-Jacques Rousseau zu Beginn seines Romans Émile oder ü̈ber die Erziehung. Der freie Wille gilt Rousseau als einziger qualitativer Unterschied zum Tier, den es um jeden Preis zu erhalten gelte. Als Autorität anerkennt er lediglich den sogenannten Allgemeinwillen oder, wie sein Zeitgenosse Kant formuliert, den Gerichtshof der Vernunft beziehungwseise das moralische Gesetz. Rousseau zufolge sollten Erziehende im Zweifelsfall besser auf belehrenden Unterricht verzichten und stattdessen die Zöglinge beobachten, um Reifegrade abschätzen und Interessen ermitteln zu können: „Ihr habt mit Nichtstun begonnen und endet mit einem Erziehungswunder.“
Schon für Platon, dessen Dialoge sich auch als Erziehungsprogramm lesen lassen, war klar, dass Bildung und Erziehung nicht dem Einsetzen von Erkenntnissen in die Seele der zu Erziehenden gleichkommen: Weisheit lasse sich nicht so einfach wie Wein vom volleren ins leerere Gefäß gießen. Entsprechend könne es für die Erziehenden immer nur darum gehen, bereits vorhandene Vermögen zu erkennen und auszubilden. Erziehen heiße ermöglichen, nicht eingreifen!
Dessen ungeachtet verfolgen gerade wohlmeinende Eltern mit ihren Bemühungen in aller Regel konkrete Ziele. Erziehungsverhältnisse sind jedoch komplexe soziale Arrangements, die sich nicht ohne weiteres dem Willen der Erziehungsberechtigten fügen. Denn nur selten, so eine vielgeteilte Erfahrung, gelingt es Eltern und Lehrern, ihre Absichten auch in die Tat umzusetzen. Dass prägende Einflüsse allzu oft weniger von den Eltern ausgehen, schildert die amerikanische Schriftstellerin Ann Petry in ihrem in den 1940er-Jahren erschienenen Roman Die Straße: „Und während du auf der Arbeit warst, um die Miete für das Drecksloch zusammenzubringen“, lässt sie einen Freund gegenüber einer frustrierten Mutter resümieren, „na, da sorgte die Straße für deinen Jungen. Die Straße wurde ihm Mutter und Vater und zog ihn für dich auf, und sie war ein schlechter Vater und eine böse Mutter.“ Infolge solcher zumeist kaum greif- und beeinflussbarer Konstellationen symbolischer Gewalt realer Erziehungsverhältnisse bilden sich schichtspezifische Verhaltensweisen aus, für die Pierre Bourdieu den Begriff des Habitus prägte. Das heißt, im gesellschaftlichen Verteilungskampf treffen nicht nur junge Menschen mit unterschiedlichen Ausstattungen an Bildung und Kapital aufeinander, sondern auch Menschen mit unterschiedlichem Habitus – jene, für die eine besondere Anspruchshaltung typisch ist und diejenigen, die von Anfang an durch Erfahrungen der Wertlosigkeit geprägt sind. Das Umschlagen in flegelhaft provokatives Verhalten oder gar kriminelle Gewalttätigkeit bei minder Privilegierten ist dabei zumeist weniger naturgegebene Veranlagung als vielmehr Reaktion respektive Überkompensation.
Entsprechend sieht der Sozialphilosoph und Begründer des philosophischen Anarchismus, William Godwin (1756–1836), das Ziel der Erziehung in der Arbeit an der Abschaffung von deren Notwendigkeit. Die Differenz zwischen Erziehenden und zu Erziehenden dürfe, wie auch in den übrigen Gliedern der Gesellschaft, niemals hierarchisch bestimmt werden. Erst die Emanzipation vom erzieherischen Einfluss markiere die Menschwerdung. Freiheit und Individualität gelten Anarchisten als oberste Priorität. Doch die Vorstellung von antiautoritärer Erziehung im Sinne absoluter Herrschaftsfreiheit, zumal in Kontexten der Erziehung zwischen Eltern und Kindern, ist weltfremde Utopie. In der Praxis ist sie eine gefährliche Illusion, die Erziehungsarbeit aus der Familie in die Gesellschaft und letztlich die Justiz verlagert. Die Freiheit, von der Rousseau im Émile schreibt, ist eine gelebte persönliche Freiheit, die sich ihrer Grenzen, der Freiheit der Anderen und dem Gemeinwohl immer bewusst ist.
Neuankömmlinge wie Kinder sind für jede soziale Ordnung sowohl Chance als auch Bedrohung. Auf ihrem Weg bedürfen sie gleichermaßen planender Begleitung wie einer Haltung der Offenheit. Denn Gelingen kann die Integration in eine Gesellschaft nur, wenn sich die Erziehenden permanent der Zufälligkeit und Wandelbarkeit gesellschaftlicher Regeln und Glaubenssätze bewusst bleiben und auf eine gestaltbare, auf eine offene Zukunft hin zu begleiten versuchen. Natalität (von lateinisch natalis für „zur Geburt gehörend“), so ein von Hannah Arendt geprägter Begriff, meint dabei die Möglichkeit des permanenten Neuanfangs für beide Seiten – für die der bestehenden Sozialordnung wie für die der Neuankömmlinge. Soziale Verbünde, die keine Veränderungen mehr zulassen, sind dem Untergang geweiht. Wo ideologische Glaubenssätze als Dogmen absolut gesetzt werden, gibt es keine Verantwortung des Einzelnen, zieht man sich im Zweifelsfall immer auf vermeintliche Autoritäten und letztlich auf Entschuldigungen wie einen gefühlten Befehlsnotstand zurück. Anders formuliert: Erziehung ist keine Einbahnstraße. Schon viele Erziehende mussten feststellen, dass sie sich durch ihre Erziehungsversuche selbst mehr veränderten als ihre Zöglinge. Auch vieles, was Erziehende im Rahmen des Erziehungsgeschehens glaubten aus sich selbst zu schöpfen, vieles, das sie selbst entwickelt zu haben meinten, so müssen sie allzu oft hilflos konstatieren, war aus der eigenen, vormals so verteufelten Erziehung unbewusst in ihr Denken und Handeln eingeflossen. Entsprechend ist die Frage, wer hier wen erzieht, die Eltern das Kind oder die Kinder die Eltern, leicht zu beantworten: Gelingende Erziehung ist, wie jede Form gelingender Beziehung, immer ein wechselseitiges Geschehen. Es ist ein komplexes Beziehungshandeln zwischen Eltern und Kindern im Beziehungsgeflecht der jeweiligen Gesellschaft, die selbst wiederum in vielfältigen Beziehungen zu anderen Kulturen steht, was gegenseitige Lernbereitschaft erfordert. Der Zwang der Erziehung kann entsprechend nur dann zur Freiheit führen, wenn die Schutzbefohlenen in ihrer Eigenart jederzeit ernst genommen werden. Erschöpft sich das Wesen der Dressur in der unerbittlichen Konsequenz von Belohnung gegen Gehorsam und Strafe bei Fehlverhalten, besteht die Kunst der Erziehung vor allem darin zu erfühlen, wann man inkonsequent sein kann und festgefahrene Vorstellungen über Bord werfen muss. Erziehung in diesem Sinne meint, zum Leben in Beziehung befähigen: einem Leben in Beziehung zu sich selbst wie in Beziehung zu anderen. Anders ausgedrückt: Die Erziehenden müssen bereit sein, von den zu Erziehenden zu lernen. Denn Erziehung ist ebenso wenig planbare Entwicklung wie sie nur ein Produkt des Zufalls ist.
Bei aller Vorsicht allzu einfachen Antworten gegenüber kö̈nnte man zur Beantwortung der allgegenwärtigen Fragen nach dem „Wozu“ der Erziehung des Menschen auch die Formel wagen, die der Mitherausgeber dieses Journals, Klaus Giel, vor 25 Jahren in der ersten Ausgabe auf die Frage nach dem „Wozu“ von Philosophie fand: „Zur Selbstaufklärung des Menschen.“ Leisten kann dies jeder einzelne immer nur für sich selbst; doch ohne den Anstoß des Anderen (Johann Gottlieb Fichte), das heißt ohne ergebnisoffene Auseinandersetzung mit anderen, bleibt jeder unveränderlich in seiner eigenen engen Welt gefangen.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur