der blaue reiter


René Weiland
Die Unruhe des Denkens



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Die Unruhe des Denkens

 




Einleitung

Denken ist zwei in eins: einerseits intuitiv, andererseits
Ordnung ins spontan Gedachte bringend. Was aber
heißt ordnen anderes, als unterscheiden zu lernen –
zwischen Innen und Außen? Sichert uns Philosophie
diesbezüglich schon einen Anhalt für die von uns
vorzunehmenden Klärungen? Das Kunstverb
„philosophieren“ legt uns dies fälschlicherweise nahe.



Wer philosophiert, denkt nicht

In einem Aufsatz von 1934 fasst Helmuth Plessner das Philosophieren als ein „auf nichts gewagtes Denken“. Anders als die auf Gegenständliches bezogenen Wissenschaften könne es sich nicht einfach an überlieferten Erkenntnissen orientieren und darauf aufbauen. Und doch darf sich das Philosophieren, so Plessner, getragen wissen: Darüber, dass es seine Bodenlosigkeit als Prinzip seiner selbst erkennt, annimmt und austrägt, erweise es sich als frei und souverän auch sich selbst gegenüber.
Frei – vielleicht. Aber souverän? Beides in einem Atemzug zu nennen, verweist auf eine vorschnelle Identifikation von Denken und Philosophie. Sicherlich, Philosophie ist, durch die Jahrhunderte hindurch, Ausdruck einer geistigen Souveränität gegenüber den sich verändernden menschlichen Lebensverhältnissen. Aber das Denken? Muss sich dieses nicht immer wieder neu erproben? Leisten wir dies etwa schon, wenn wir Philosophie „treiben“? Denken wir bereits beziehungsweise erst, wenn wir Texte von Platon, Aristoteles, Immanuel Kant oder Michel Foucault lesen? Werden wir denn von dem, was wir treiben, unsererseits umgetrieben? Sind wir, wenn wir derart „philosophieren“, auf gleiche Weise mit dem Ganzen unserer Person dabei, wie wenn wir denken? Ein Philosophiebuch können wir auf- und zuklappen, an einer philosophischen Diskussion können wir teilnehmen und sie wieder verlassen – aber wir können nicht aufhören zu denken; genauso wenig wie wir bewusstermaßen entscheiden, mit dem Denken anzufangen.

Subjektlose Souveränität

Wir denken selbst dann, wenn wir es nicht merken. Und: Wir denken auf immer eigene Weise. Denkend suchen wir uns in unserem Impuls, zu denken, selber zu ergründen; wir durchlaufen sozusagen noch einmal unsere Subjektivität, mit der wir uns, für uns selbst undurchschaubar, ausgestattet vorfinden. Gleichwohl denken wir nicht für uns alleine. Wir drücken uns in unseren Gedanken aus, um von anderen verstanden zu werden. Wie aber könnten wir je füreinander nachvollziehbar sein, wenn sich nicht jeder und jede an einem Objektiven orientierte, woraufhin wir uns mit anderen verständigen? Genau dafür steht, als Idee, die Philosophie: als ein Versprechen, das wir uns alle, in und trotz unserer Subjektivität, im Hinblick auf die Geltung einer unabhängig von uns existierenden Wirklichkeit geben.
Die Idee der Philosophie beruht auf der Bereitschaft, uns für das offenzuhalten, was wir nicht selbst sind. Jede entstandene und noch entstehende Philosophie verdankt sich unserer unversiegbaren Fähigkeit zu solcher Offenheit. Keine Philosophie vermag die Quelle, die wir für uns darstellen, auszuschöpfen. Für die Unausdenkbarkeit der Philosophie als institutioneller Entsprechung unserer Fähigkeit zu lernen steht der Name philosophia perennis, „ewige Philosophie“, ein. Sie spiegelt, als Idee, unser eigenes, uns selbst nicht ganz erklärliches Vermögen, uns mit Wahrheiten zu konfrontieren, die über uns selbst hinausgehen. So wenig irgendeine Philosophie die Wahrheit „hat“, so hat sie doch an unserer Bereitschaft zu ihr teil. So verstanden, umkreisen die vielen Philosophien – wie Karl Jaspers (1883–1969) in seiner 1948 gehalte- nen öffentlichen Antrittsvorlesung an der Universität Basel sagte – die Idealvorstellung einer immerwährenden Philosophie, im Bewusstsein, sie nie zu erreichen.
Bloß Philosophie „treibend“, müssen wir uns indessen nicht groß an jene uns selbst betreffende Versprechen halten, uns selbst zu hinterfragen. Wir machen spielerisch-souveränen Gebrauch von unserem Denkvermögen, ohne dass uns unser Denken gefährlich würde. Philosophisch gebildet oder gar geschult, mögen wir problemlos eine philosophische Disputation durchstehen – und haben doch keinen einzigen Gedanken gedacht, der das Potenzial hätte, uns aufzuwühlen und umzuwenden: Wir sind philosophische Souveräne, ohne Subjekte unseres eigenen Denkens zu sein. Allein, welchen Gewinn wollen wir aus unserer Vernunftbegabtheit ziehen, wenn wir nicht, uns durch unsere Subjektivität hindurcharbeitend, versuchten, Licht in unser Welt- und Selbstverhältnis zu bringen? Denken wir, so virtuos wir auch „philosophieren“ mögen, womöglich an uns vorbei?
Als Subjekte sind wir uns unseres Unterworfenseins unter Bedingungen bewusst, die wir nicht selbst geschaffen haben. Mit dem Bewusstsein unseres Bestimmtseins wächst paradoxerweise auch unsere Verantwortung: Wir sehen uns aufgerufen, die Bedingtheit unseres Lebens in einem Zug anzunehmen, uns zu eigen zu machen und darin unseren Spielraum zu ermitteln. Mit dem Effekt, dass wir mit dem Augenblick, da wir uns unseres Bedingtseins bewusst werden, schon beginnen, uns von unserem Verstricktsein darin zu lösen. Philosophie, als Versprechen auf unsere eigene Lernfähigkeit, verheißt uns ein umso besseres, freieres Leben, haben wir es erstmal geschafft, uns von unserer Egozentrik zu befreien.