der blaue reiter


oben:
Christian Thanhäuser: Michael Bakunin, 2003; Birnholzschnitt

unten:
Christian Thanhäuser: Peter Kropotkin, 2002; Birnholzschnitt



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der blaue reiter Ausgabe 47

 



Die Liebe zur Freiheit und die Revolution

Bakunin und Kropotkin im Porträt

„Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!“ Diesen Punk- und Hausbesetzer-Spruch trällerte Nina Hagen in den 1980er-Jahren bis in deutsche Wohnzimmer hinein. Ein Stück radikaler Gegenkultur war damit fernsehkompatibel geworden.

Es ist erstaunlich, wie stark der Anarchismus insbesondere auf die linke Subkultur gewirkt hat: Rudi Dutschke hatte 1966 den berüchtigten russischen Anarchisten Michael Bakunin gegen die bis dahin übliche Lesart verteidigt, beim Anarchismus handele es sich nur um eine „Durchgangsstufe“ auf dem Weg zum Sozialismus des 20. Jahrhunderts: „Wir glauben das nicht, denn in einer Zeit der sich verstärkenden Staatsbürokratien scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt der Theorie und Praxis stehende Frage der Abschaffung des Staates, der unmittelbaren Beseitigung desselben, der erneuten Durcharbeitung durchaus wert.“ Folgerichtig erklärten sich protestierende Studenten zur „antiautoritären Bewegung“, nach dem Vorbild von Bakunins „Anti-autoritärer Internationale“ von 1872. Diese hatte sich von der Sozialistischen Internationale abgespalten, weil sie deren „Generalrat“ um Karl Marx vorwarf, diktatorisch über ihre bunt zusammengewürfelten Mitgliedsgesellschaften zu bestimmen.
Ähnlich war der „antiautoritären Bewegung“ eine Spaltung vorangegangen, nämlich der Ausschluss des SDS, des „Sozialistischen Deutschen Studentenbunds“, aus der Mutterpartei, der SPD, um 1961. Und so war es kein Zufall, dass der Soundtrack zur Anti-Autoritären Bewegung lautete: „Keine Macht für Niemand!“ Dies sang die Band Ton Steine Scherben 1972, und auch hier gibt es Anspielungen auf die Bakunin’sche Vorgeschichte. Der Song Macht kaputt was Euch kaputt macht greift die anarchistische Haltung auf, die Gewalt gegen Sachen nicht als Mittel des Widerstands ausschließt („es kann keine Revolution geben ohne weitreichende, leidenschaftliche Zerstörung“, so Bakunin 1873). Allerdings wird mittendrin das von Bert Brecht und Hanns Eisler 1934 komponierte Einheitsfrontlied angestimmt: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern. Er will unter sich keine Sklaven sehen, und über sich keine Herrn!“ War schon Bertolt Brechts Betonung des „Essens“ in diesem Lied als Verständigungsangebot an Anarchisten zu verstehen (Peter Kropotkin hatte 1892 die „Eroberung des Brotes“ als zentrale anarchistische Forderung erhoben), so deutet auch die Zeile „die schwarze Front, und die rote Front, das sind wir“ im Lied von Ton Steine Scherben darauf hin, dass die anti-autoritäre Bewegung Gräben eher kitten als aufreißen wollte. Punkbands wie Canalterror legten nach: „Ich lehne jede Herrschaft ab, die bringt uns alle nur ins Grab.“ (Staatsfeind, von 1981)
Aber wie steht es heute um dieses radikale Erbe? Es scheint, als sei es, wie so einiges aus dem Protest-Arsenal der 1968er-Jahre, weit nach rechts gerückt (das gilt selbst für die musikalische Punk-Ästhetik; rechte Rockbands sind musikalisch kaum mehr von linken zu unterscheiden). John Lydon, der 1977 mit den Sex Pistols Anarchy in the UK sang, unterstützt heute den nationalistischen Brexit und den „System-Kritiker“ Donald Trump, Friedens- und Regenbogenflaggen auf Demos gegen die staatlichen Schutzmaßnahmen vor Corona wehen einhellig neben AfD- und Reichskriegsflaggen, gemeinsam fordert man den gewaltsamen politischen Umsturz. Trump vollendet derweil sein atemberaubendes Zerstörungswerk am Staat („Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“, schrieb Bakunin 1842), indem er sogar basalste Staatsfunktionen durch Unterfinanzierung oder Untätigkeit untergräbt. Derweil sind diejenigen, die sich neovölkischen Verschwörungstheorien am offensten entgegenstellen, die Anarchisten, örtliche Gruppen von Antifa und Autonomen. Das wirft Fragen nach dem Ursprung des Anarchismus auf.
Michail Alexandrowitsch Bakunin und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, so die russischen Geburtsnamen, zwei Aktivisten und Autoren des 19. Jahrhunderts, die sich übrigens nie trafen, erfreuten sich schon zeitlebens einer großen Anhängerschaft in Westeuropa, vor allem in romanischen Ländern: „in Frankreich, Spanien, Italien, der französischen Schweiz und dem wallonischen Teil Belgiens“; aber auch Teilen Englands. Beide entsprossen dem Adel, beide wurden für ihren Aktivismus verfolgt, exiliert und mehrfach jahrelang grausam eingekerkert. Sie haben noch heute ihre „Fans“. Die Schriften Bakunins sind in einer neuen kommentierten Auswahl erschienen, die Tausende von Seiten umfasst; die Schriften Kropotkins haben bis nach Japan und China gewirkt und sind noch immer Gegenstand internationaler Forschungen.

Michael Bakunin: Ein Leben für die Revolution

Bakunin wird 1814 als Sohn eines russischen Landadligen geboren und geht bereits mit 14 Jahren auf eine Artillerieschule in St. Petersburg. Angewidert von Militäreinsätzen als Leutnant in Polen, gibt er die militärische Karriere schon 1835 wieder auf und studiert in Moskau, wobei er – ähnlich wie später Marx – auf Kosten des Vaters lebt, mit dem es zu Konflikten kommt. Protegiert von Alexander Herzen, wechselt er 1840 nach Berlin, wo er bei Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hört, Iwan Sergejewitsch Turgenew und Arnold Ruge kennenlernt, zu dem er 1842 nach Dresden übersiedelt. Wo er hinkommt, verkehrt Bakunin mit bedeutenden Geistesgrößen. Auf einer Reise mit Georg Herwegh in die Schweiz lernt er Wilhelm Weitling kennen. Als dieser radikale Kommunist verhaftet wird, hat das Auswirkungen auch auf Bakunin: Die russische Botschaft in Bern beordert ihn heim, er weigert sich – und wird, knapp dreißigjährig, staatenlos. Er flieht nach Paris, wo er erstmals den ebenfalls exilierten und vier Jahre jüngeren Marx trifft. Enger freundet sich Bakunin mit Pierre-Joseph Proudhon an, der im Nachhinein zu den Vätern des Anarchismus gezählt wird. In Aufsätzen dieser frühen Zeit tritt Bakunin als betont „volksnaher“ Radikalist auf; unter anderem ruft er mehrfach zu einem gesamt-slawischen Aufstand gegen Russland auf, da dort die Revolution bevorstehe, was zu seiner Ausweisung aus Frankreich führt, seine nächste Station ist Belgien. Damit einher ergeht der Rufmord, er sei ein russischer Spion, der ihm noch lange anhaften sollte.

 

   Man muss lernen, füreinander
   Verantwortung zu tragen.
   (Peter Kropotkin)

 

1848 eilt er von Belgien in die Revolutionshauptstadt Paris, was ihn regelrecht berauscht. Er wird von der dortigen republikanischen Regierung (die froh ist, ihn los zu sein) bei einer Reise nach Polen unterstützt. Dort soll er für einen Aufstand gegen Russland trommeln; doch ein solcher scheitert, bevor Bakunin eintrifft (er hatte einen Zwischenstopp an der Frankfurter Paulskirche eingelegt), ebenso wie ein tschechischer Aufstand gegen Österreich, an dem Bakunin aktiv teilnimmt. Ein Jahr später finden wir Bakunin mit Richard Wagner auf den Barrikaden in Dresden, wo die Republikaner den König vertrieben hatten, aber von den Preußen eingeschlossen und trotz Gegenwehr rasch besiegt werden. Bakunin flieht mit einer Schar von Soldaten, wird aber in Chemnitz verhaftet. Es folgen Todesurteile, die nach mehrfachen Gnadengesuchen in lebenslange Haft (in Dresden, Prag, Olmütz, Petersburg) und schließlich Verbannung nach Sibirien umgewandelt werden. Nach einer spektakulären Flucht über Japan und die USA taucht er 1861, nach zwölf Jahren, plötzlich wieder in London auf, um im revolutionären Geschehen mitzumischen.
In London sitzen die alten Kampfgenossen Herzen und Marx. Nach einem abermals gescheiterten polnischen Aufstand 1863, an dem Bakunin vergeblich teilzunehmen versucht, verlegt er seinen Schwerpunkt nach Südeuropa: In Italien stößt er ab 1864 eine anarchistische Bewegung an, die er als Geheimbund namens „Allianz“ organisiert, verfasst 1865 seinen Revolutionären Katechismus und bezeichnet sich erstmals selbst als Anarchisten. Die lange Reihe von Aufständen, an denen Bakunin beteiligt war, macht klar, dass „Revolution“ für Bakunin nicht nur Theorie, sondern vor allem Praxis ist – ihm vielleicht sogar Selbstzweck geworden war. Nicht Schriften oder Deklamationen, sondern das reale Verhalten der Würdenträger in diesen Extremsituationen wurde für ihn zum Richtmaß. Sein harsches Urteil über das Unvermögen der Politik, bei gleichzeitigem Vertrauen in das einfache „Volk“, speist sich vor allem aus diesen langen Erfahrungen als Berufsrevolutionär.
Auf seinen vielen Reisen wirbt er zahlreiche Anhänger – in einem Brief an Herzen (19.7.1866) nennt er solche in „Schweden, Norwegen, Dänemark, England, Belgien, Frankreich, Spanien und Italien“. Bemüht, seinen Wirkungskreis zu vergrößern, stößt er 1867 zunächst zur „Internationalen Friedensliga“, die ihn freudig aufnimmt, sich aber nicht auf seinen radikalen Kurs einschwören lässt. 1868 bricht in Spanien eine Revolution aus; über seinen Anhänger Giuseppe Fanelli erlangt Bakunin auch dort großen Einfluss. Im selben Jahr, inzwischen in Genf logierend, tritt er dann der Internationalen Arbeiter-Assoziation bei.
Über das, was nun folgt, gehen die Meinungen derart auseinander, dass man darüber kaum neutral berichten kann. Zunächst gibt es eine Episode der Zusammenarbeit mit dem jungen Heißsporn Sergei Gennadijewitsch Netschajew, der Bakunin zu gewaltverherrlichenden und elitären Schriften verleitet, die zu anarchistischen Attentaten anregen und damit der Bewegung sehr schaden. In diesen heißt es unter anderem: „Wir erkennen keine andere Aktivität an als die der Arbeit der Ausrottung, räumen allerdings ein, dass diese Aktivität sich äußerst unterschiedlicher Mittel bedienen wird – Gift, Messer, Strick usw. Bei diesem Kampf heiligt die Revolution alles in gleichem Maße.“ Marx und Friedrich Engels weiden kompromittierende und oft zitierte Stellen wie diese im Bericht über das Treiben Bakunins von 1873 geradezu genüsslich aus. …

Autor: Christoph Henning