der blaue reiter


der blaue reiter, Ausgabe 47
ISBN: 978-3-933722-71-3
Preis: 16,90 € (D), 17,40 € (A)



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der blaue reiter Ausgabe 47

 



Revolution

Philosophie radikaler Umbrüche

Wenn plötzlich alles anders wird
Leben heißt Veränderung. Von Revolution als der gravierendsten aller Veränderungen spricht man dann, wenn nach einem Ereignis der Weg zurück, der Weg zum Zustand davor unmöglich geworden ist. Im Denken und im zwischenmenschlichen Umgang hat sich dann etwas derart unabänderlich gewandelt, dass man aus den Erfahrungen der Vergangenheit keine Handlungsoptionen zur Bewältigung des Kommenden mehr ableiten kann. Eine grundsätzlich andere Art des Denkens stellt alles in ein neues, unerwartetes Licht: „Nach der Revolution klingt alles anders.“ Entsprechend sind Revolutionen nicht nur die Lokomotiven der Geschichte, wie Karl Marx schreibt, sondern für jeden Einzelnen auch Anstoß und Triebkraft zur Erneuerung und Weiterentwicklung seines Denkens, Fühlens und Handelns.

Aus dem Inhalt:
 

thema


Revolution!
Über den Bedeutungswandel eines widersprüchlichen Begriffs

Die Floskel von der „friedlichen Revolution“ hat dem Begriff Revolution wieder etwas Akzeptanz verschafft. Schon in der Aufklärung zum bloßen Modewort verkommen, ist Revolution als Kategorie durch beliebigen Gebrauch jedoch so „zerschlissen“ beziehungsweise so „elastisch“ geworden, dass eine präzise Definition nicht mehr möglich ist.
Autor: Franz J. Bauer

Revolutionäres Denken
oder: Änderungen der Denkart

Veränderungen beginnen immer mit Zweifeln an vermeintlichen Gewissheiten herrschender Denkschemata. Revolution als grundsätzlichste Form der Veränderung heißt, vom passiven Beobachter zum aktiven Gestalter zu werden.
Autor: Otfried Höffe

Revolution und Metaphysik
Metaphysik als Streben, die Verfasstheit der Welt in rationalen Strukturen zu erfassen, versucht das Neue als Ausfluss bestehender Strukturen zu erklären. Revolutionen schließen nichts Altes ab, sondern Neues auf. Revolutionäre Metaphysik bringt entsprechend nicht das Bestehende in eine Ordnung, sondern sucht nach Neuem, nach Noch-nicht-Seiendem.
Autor: Gunnar Hindrichs

Philosophie? Nein danke!
Eine kleine Traumgeschichte der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit

Je mehr die moderne Wissenschaft über die Welt in Erfahrung bringt, desto mehr verlieren die überlieferten philosophischen Wahrheiten an Bedeutung. Der altehrwürdigen Disziplin der „Weltweisheit“ kommt damit ein wichtiger Teil ihres Wissens abhanden: die Welt. Der prominenteste Leidtragende dieser Entwicklung ist Aristoteles: Seine Physik, die bis ins 16. Jahrhundert tonangebend war, wird kurzerhand aufs Altenteil geschickt.
Autor: Thomas Bach

Die Krise als Zumutung und Chance
Jeder Revolution geht eine existenzielle Krise der Gesellschaft voraus, aber nicht jede Krise zieht eine Revolution nach sich. Man kann die Formel „Aus Krisen lernen“ – gerade in Corona-Zeiten – fast schon nicht mehr hören. Und dennoch lohnt es sich, noch einmal und anders, nämlich aus historischer Perspektive, darüber nachzudenken.
Autor: Klaus Ries

Wider die Sehnsucht nach dem großen Umbruch
Goethes Plädoyer für naturgemäße langsame Entwicklungen

Johann Wolfgang Goethe hat in seinem langen Leben viele Revolutionen erlebt. Die erste literarische Revolution Deutschlands, den Sturm und Drang, hat er als junger Wilder sogar selbst mit ausgelöst – um sich später, im reiferen Alter klassisch und konservativ geworden, deutlich von ihr zu distanzieren. Radikale Veränderungen waren ihm suspekt geworden, mit zunehmendem Alter setzte er auf langsame Evolution anstelle von schneller Revolution.
Autorin: Jutta Heinz

Die Logik der Revolution
Revolution beginnt mit Bildung

Nicht zuletzt aufgrund der ökologischen Krise ist die Idee einer radikalen Transformation der bestehenden Verhältnisse wieder in aller Munde. Doch „Revolutionäre machen keine Revolution. Und die Reformisten machen keine Reformen“, so der italienische Kommunist Fausto Bertinotti. Um die Gesellschaft wirklich zu verändern, müssen wir mit Marx über den traditionellen Marxismus hinausgehen.
Autor: Christian Iber

Die gescheiterte Revolution
Verblichene Beschwörungsformeln einer einst revoltierenden Jugend

Am 17. Mai 1968 konnten die revoltierenden Studenten am Haupteingang der neuen Pariser Universität folgenden Anschlag lesen: „Die jetzt beginnende Revolution stellt nicht nur die kapitalistische Gesellschaft, sondern auch die gesamte Industriegesellschaft infrage. Die Konsumgesellschaft muss eines gewaltsamen Todes sterben. Die Gesellschaft der Entfremdung muss aus der Geschichte verschwinden. Wir erfinden eine neue und eigene Welt. Fantasie ergreift die Macht.“ Wie kann Fantasie die durch den Konsum korrumpierte Sinnlichkeit revolutionieren?
Autor: Otto-Peter Obermeier

Revolution für das Leben
Plädoyer für die „Wiederannahme“ von Welt

Es darf nicht darum gehen, das Bestehende um jeden Preis zu vernichten. Revolution muss sich nicht nur der bestehenden Herrschaft entgegenstellen, sondern sie muss sich dem Lebendigen annehmen. Das heißt: Wir müssen aufhören, der Welt Herr werden zu wollen. Heute heißt Revolution: langsamer aber allgegenwärtiger Umbau des Alltags.
Autorin: Eva von Redecker

Die abstrakte Revolution
Über das Verschwinden der Dinge

Anfang des 20. Jahrhunderts verschwand plötzlich alles Gegenständliche von den Leinwänden der Künstler. Anstelle von Landschaften, Porträts, Tieren oder arrangierten Gegenständen sah man auf Gemälden nur noch farbige Flächen und Linien. Was war passiert?
Autor: Burkhard Müller

Revolte versus Revolution
Jean-Paul Sartre und Albert Camus zur Frage der Rechtfertigung von Gewalt

Ist revolutionäre Gewalt gegen Unterdrückung ein Akt der Freiheit oder zerstört sie das kollektive Band der Solidarität, das die Menschheit zusammenhält? Bekräftigt Gewalt nur die Widersinnigkeit des menschlichen Daseins oder ist sie absolut notwendiges Übel auf dem Weg zur Freiheit?
Autorin: Annemarie Pieper

Revolutionäre Technik
Über gescheiterte technische Utopien

Technik wird aus Träumen geboren: Visionen und technische Utopien öffnen das Denken für neue Möglichkeiten und waren schon immer die treibende Kraft technischer Revolutionen. Doch wäre es nicht besser, bei der Einführung neuer Technologien einem Prinzip der Verantwortung zu folgen als dem „Prinzip Hoffnung“?
Autor: Thomas Zoglauer

Die Macht des gemeinsamen Handelns
Hannah Arendt und Walter Benjamin über die Revolution

Hannah Arendt hatte die Hälfte ihrer Lebenszeit noch vor sich, als sie den Schergen des deutschen Nationalsozialismus entkam; Walter Benjamin beendete sein Leben in dem Moment, als im Westen Europas die Konterrevolution über die Revolution triumphierte. Wenn es darum ging, die Eigenart von Revolutionen zu entschlüsseln, vertraten sie konträre Positionen. Doch in einem waren sich diese beiden Ausnahme-Denker des 20. Jahrhunderts völlig einig: Revolutionen sind Wunder. Sie öffnen Zeit und Raum.
Autorin: Antonia Grunenberg


umfrage
Was ist Revolution?
Brauchen wir eine Revolution?

Mit dem Mikrofon unterwegs war Rebecca Wolfs.


kolumne
Lokomotive oder Schuss in die Uhr?
Topoi des Revolutionären

Für Walter Benjamin sind Revolutionen der Griff des Menschengeschlechts nach der Notbremse. Die wahre Revolution sei die symbolische Stillstellung der bisherigen Zeit, der „Schuß in die Uhr“. Ist das kürzlich passiert? Rund um den Globus laufen Menschen so herum, wie es von der Ausbreitung des Islam beunruhigte Dresdner an die Wand gemalt hatten: mit einer obligatorischen Gesichtsverschleierung.
Autor: Friedrich Dieckmann


lexikon
Berufsrevolutionär
Autor: Alexander Straßner

Guillotine
Autorin:
Jutta Heinz

Kopernikanisches Weltbild
Autor:
Martin Carrier

Linguistic turn
Autorin:
Jutta Heinz

Paradigmenwechsel
Autor:
Robert Zimmer


unterhaltung
Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur

Haben Sie Probleme philosophischer Art?
Das Dr. B. Reiter Team sorgt für Aufklärung!

Das Dr. B. Reiter Team beantwortet Ihre Fragen auch auf seiner > Facebook-Seite.

Die nächste Revolution beginnt im Kinderzimmer
Ist die Revolution tot? Wird es noch mal Revolution geben? „Ich bin alt, ich bin leise, ich bin weg auf Kreuzfahrtreise“, singen die Alt-68er nach ihrem Marsch durch die Institutionen. Den revoltierenden Kindern rufen sie nurmehr zu: „Ihr wart da, ihr wart laut, bloß habt ihr euch nix getraut.“
Autor: Stefan Reusch


porträt
Die Liebe zur Freiheit und die Revolution
Bakunin und Kropotkin im Porträt

„Keine Macht für Niemand!“ war der Soundtrack zur antiautoritären Bewegung der 68er. Auch die Liedzeile „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ der Band Ton Steine Scherben hat ihren Ursprung im Anarchismus. „Es kann keine Revolution geben ohne weitreichende, leidenschaftliche Zerstörung“, schrieb Michael Bakunin 1873. Die lange Reihe von Aufständen, an denen er und Peter Kropotkin beteiligt waren, macht klar, dass „Revolution“ nicht nur Theorie, sondern vor allem Praxis ist. Für Bakunin war sie vielleicht sogar Selbstzweck geworden.
Autor: Christoph Henning


ethik aktuell
Ethik ohne Gott?
Albert Camus’ Ethik des Widerstehens

Die Disziplin der Ethik fragt nach dem sittlichen Handeln, nach dessen Qualität und Begründung. Unterschiedliche Ethikkonzepte stehen sich gegenüber. Spekulative Entwürfe berufen sich auf jenseitige Mächte wie Gott oder Götter. Camus ging einen anderen Weg. Moral steht für ihn nicht über dem Menschen, seine Ethik ist geerdet. In der Humanität sieht er keine Idee aus dem Jenseits, Humanität entsteht vielmehr erst in der Konfrontation von Individuum und Geschehen.
Autor: Thomas Berger