der blaue reiter


Carl Fredrik Reuterswärd:
Non Violence (The knotted Gun), 1988



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der blaue reiter Ausgabe 47

 



Revolte versus Revolution

Jean-Paul Sartre und Albert Camus zur Frage der Rechtfertigung von Gewalt

Ist revolutionäre Gewalt gegen Unterdrückung ein Akt der Freiheit oder zerstört sie das kollektive Band der Solidarität, das die Menschheit zusammenhält?

Das lateinische Verb revolvere bezeichnet eine Drehbewegung, durch die etwas gewendet oder umgewälzt wird. Ein Revolver ist eine „Drehpistole“, deren Trommel sechs oder mehr Patronen enthält und sich nach jedem abgefeuerten Schuss zur nächsten Kugel weiter bewegt.
Diese Drehbewegung macht auch das Charakteristikum der beiden Wörter Revolte und Revolution aus. Bestehende, als ungerecht empfundene Verhältnisse werden durch empörte Bürger umgewälzt, gleichsam plattgemacht. Der Unterschied zwischen einem Revoltierenden und einem Revolutionär, wie er insbesondere von den französischen Denkern Jean-Paul Sartre und Albert Camus charakterisiert wurde, lässt sich durch das Bild des Revolvers veranschaulichen. Während Sartre die Drehbewegung der Trommel als politischen Ausdruck für die Berechtigung physischer Gewaltausübung gegen jegliche Form der Unterdrückung verteidigt, übersetzt Camus sie in die Kreisbewegung vernünftigen Denkens, das im Zusammenhang mit den absurden Ausgangsbedingungen der menschlichen Existenz nach sinnvollen Zielen fragt.
Geprägt durch die französische Résistance, die sich im Widerstand gegen Nazi-Deutschland formierte, setzten sich Sartre und der acht Jahre jüngere Camus mit den Mitteln und Strategien auseinander, die im Kampf gegen die Unterdrückung von Freiheit als erlaubt gelten dürfen. Beide waren Philosophen und Literaten, die sowohl reflexiv als auch dichterisch der Frage nach legitimen Formen des Widerstands nachgingen. Ihre Antworten fielen gegensätzlich aus, insbesondere hinsichtlich des Stellenwerts von Revolte und Revolution. Sartre hielt die Revolte für das schwächere Instrument: zwar unverzichtbar für die Klärung der Gedanken, aber ungeeignet für Veränderungen der Wirklichkeit, die nur durch Revolutionen herbeigeführt werden könnten. Camus hingegen verstand unter Revolte eine existenzielle Grundeinstellung und lehnte die Revolution als menschenunwürdig ab.
Sartre machte die schriftstellerische Kunst des Philosophen an dessen Fähigkeit fest, den Leser, anstatt ihn zur bloßen Kontemplation zu animieren, zum Handeln zu bewegen. Der Schreibende müsse seine Thesen so formulieren, dass der Lesende sich den Text zwar gedanklich aneignet, dabei aber zugleich einen Anstoß erhält, den Schritt in das „Reich der Zwecke“ im Sinne einer durch und durch freien Welt tatsächlich zu wagen. „Obwohl Literatur und Moral zwei ganz verschiedene Dinge sind, erkennen wir im Kern des ästhetischen Imperativs den moralischen Imperativ“, das heißt die Aufforderung zu handeln. Es genügt also nicht, die Notwendigkeit einer Revolte abstrakt einsichtig zu machen, sondern es müsse – bildlich gesprochen – um der Freiheit aller willen tatsächlich zum Revolver gegriffen werden. Sartre bietet in seiner Philosophie der Revolution die Rechtfertigung für eine gewaltsame Veränderung der bestehenden Verhältnisse an.

 

   Gewalt ist ein Fortschritt
   in Richtung Freiheit.
   (Jean-Paul Sartre)

 

Die Revolte ist demnach die Vorstufe zur Revolution. In seinen nachgelassenen Entwürfen zu einer Moralphilosophie analysiert Sartre unter dem Stichwort „Die Revolte“, anknüpfend an Georg Wilhelm Friedrich Hegels Beschreibung des Herr-Knecht-Verhältnisses, das Dilemma des Sklaven, der begreift, dass er als Unterdrückter der Freiheit ermangelt, die sich der Herr zuschreibt, dem Sklaven aber abspricht. Für ihn ist Freiheit unerreichbar, es sei denn, dass er seinerseits den Herrn unterdrückt und ihn seiner Freiheit beraubt. Der Preis für den Gewinn der eigenen Freiheit ist die Vernichtung der Freiheit des anderen: „So ist die Revolte ein schwarzes Gefühl: der Sklave wählt, Unrecht zu haben, sich selbst zu verabscheuen, im BÖSEN und in der Angst zu leben, im verinnerten Konflikt.“
Aus dieser Selbstverurteilung findet der seine Freiheit begehrende Sklave nur heraus, wenn er die Perspektive wechselt, sich selbst also nicht mehr dem Freiheitskonstrukt des Herrn als für ihn verbindliche Norm unterstellt, sondern dessen Wertesystem grundsätzlich in Frage stellt, weil ihm klar geworden ist, dass Freiheit ein allen Menschen unterschiedslos zustehendes Recht ist. Wer dieses allgemeine Menschenrecht negiert, setzt sich damit selbst ins Unrecht und darf dafür bestraft werden. Dies ist für Sartre der Punkt, an dem sich entscheidet, ob der Sklave ein Revoltierender bleibt, der sein Recht bloß theoretisch in einem praktisch folgenlos bleibenden Idealismus einklagt, oder ob er zum Revolutionär und damit zum Handelnden wird.
Wenn er sich zum Handeln entschließt, befürwortet er das Gewaltprinzip, ohne damit das Freiheitsprinzip zu negieren, denn die Gewalt, so Sartre, stellt „notwendigerweise einen Fortschritt in Richtung auf die Freiheit dar“. Verletzt wird nur das Freiheitsverständnis der alten Wertordnung, das die Herren privilegiert und den größeren Teil der Menschheit benachteiligt. Gewalt, die den Umsturz des alten Wertesystems herbeiführen soll, geschieht jedoch im Namen der Freiheit als allgemeines Menschenrecht und ist somit für Sartre selbst ein Freiheitsakt, auch wenn dadurch die Freiheit des Herrn vernichtet wird, dessen angemaßte Privilegien auf reiner Willkür beruhen. Freiheit als Menschenrecht fordert die Freiheit aller und kann nicht nach Belieben eingeschränkt oder gar vollständig negiert werden. Gewalt ist damit für Sartre als Mittel zur Beseitigung von Unfreiheit vollumfänglich legitim.
Während der Revoltierende sich also kampflos gegen seine Unterdrückung auflehnt und nichts unternimmt, um seine Lage zu verändern, greift der Revolutionär zu den Waffen, um einen Umsturz der Verhältnisse zu erzwingen. Schützenhilfe leistet ihm dabei „der Intellektuelle“, der ihm gute Gründe für seinen Kampf liefert: „Sobald sich das Problem stellt, eine revolutionäre, nicht-kapitalistische Gesellschaft aufbauen zu müssen, heißt das sofortige und totale Gewalt. Die Gewalt ist etwas absolut Notwendiges. Aber Gewalt ist immer schlecht, das steht außer Frage. Nur ist sie unerlässlich und da gut, wo sie Volksgewalt ist. Man muss einzig und allein die Zweckmäßigkeit betrachten.“ Sartre argumentiert aus der Perspektive der Unfreien – der „Unterdrückten“, der „Sklaven“ –, denen er, obwohl er selbst nicht zu ihnen gehört, in seiner „revolutionären Philosophie“ den intellektuellen Überbau für jede Art von Handlung bietet, die der Freiheit den Weg bereiten soll.
Unfrei sind für Sartre „die Arbeiter“. Damit meint er die von Karl Marx als Proletariat bezeichnete Klasse der von den Kapitalisten Ausgebeuteten. In dieser Klasse gibt es keine „Intellektuellen“. Mangels Bildung und Diskursfähigkeit sind die zur Arbeiterklasse Zählenden auch aus schierem Zeitmangel gar nicht in der Lage, eine revolutionäre Philosophie zu entwickeln. Die muss ihnen jemand liefern, der wie Sartre aus dem Großbürgertum stammt und die Privilegien genossen hat, die ein wohlhabendes Elternhaus bietet. Als kritischer Intellektueller versteht Sartre die mit dem Machtanspruch der Bessergestellten verbundene Spaltung zwischen den beiden Klassen: „Jedes Glied der herrschenden Klasse ist ein Mensch göttlichen Rechtes. In eine Umwelt von Führern hineingeboren, ist er von seiner Kindheit an überzeugt, dass er zum Befehlen geboren ist.“
Das Arbeiterkind hingegen wächst mit der Einübung in Gehorsam und der Befolgung fremder Anweisungen auf, für deren gründliche Hinterfragung ihm die intellektuellen Voraussetzungen fehlen. Sartre macht sich daher zum Anwalt der Arbeiterklasse, deren Erfahrungshorizont er zwar erlebnismäßig nicht teilt, aber als untermenschlich einschätzt. Nun könnte man daraus folgern, dass er sich als Vermittler zwischen den beiden Lagern betätigt und beide Seiten über das Unrecht aufklärt, das Herkunft und Bildung über den Grad an individueller Freiheit bestimmen lässt und ein Denken in Hierarchien für selbstverständlich hält. Stattdessen macht er sich zum Anwalt der „Arbeiter“, weil er in ihnen das größere Potenzial für Veränderung sieht. Zwar stiftet er sie nicht direkt zur Revolution an, doch indem er die Revolution als legitimes Mittel gegen die Unterdrückungsmechanismen der Herrschenden favorisiert, entfacht er in den Köpfen derer, die bereits (wenn auch schlechten Gewissens und in der Praxis folgenlos) gegen ihre Freiheitseinschränkungen revoltieren, ein Feuer, das zum Handeln anstachelt. Die dem Revolutionär von Sartre untergeschobene Philosophie, die dieser sich zu eigen machen soll, zielt auf „die Ersetzung der Gesellschaft der Gesetze durch den Staat der Zwecke“ ab. Sartre schwebt ein klassenloser Sozialverband vor, in dem die bürgerlichen Wertvorstellungen verabschiedet sind und Freiheit nicht den Mächtigen vorbehalten ist, sondern als allgemein verbindliches Menschenrecht jedem Individuum als Recht auf persönliche Selbstbestimmung zugestanden wird.
Stellvertretend für die Arbeiterklasse positioniert sich Sartre mit seiner Rechtfertigung von Gewalt als nicht nur zulässiges, sondern notwendiges Mittel für die Etablierung des Staats der Zwecke selbst außerhalb der Sphäre des Handelns. Anstatt durch eigene aktive Beteiligung an der Neuausrichtung des gesellschaftlichen Systems mitzuwirken – etwa durch Ausübung eines politischen Amts – oder gar sich selbst in den realen Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse mit der Pistole einzubringen, hält er Distanz zu seiner Arbeiterklientel. Handeln soll der auf dem Sprung zur Freiheit sich in einen Revolutionär verwandelnde Revoltierende, dem die gesamte Verantwortung für das Gelingen oder Scheitern der ihm nahe gelegten Gewalttaten aufgebürdet wird. …

Autorin: Annemarie Pieper