der blaue reiter

 



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Die französischen Immoralisten

 



Unmoralische Moralisten?

„Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“
Martin Walser

Die Moralisten begründeten eine ganz neue, erfrischend lebendige Art des Philosophierens: subjektiv und intuitiv, assoziativ und antisystematisch, essayistisch und aphoristisch, dabei aber stets von höchster ästhetisch-literarischer Qualität. Mit ihnen vollzog sich nicht weniger als ein markanter stilistischer Paradigmenwechsel in der Philosophie. Schon vielen Generationen von Lesern wurden sie durch ihre Sammlungen kristallin geschliffener Reflexionen, Sentenzen und Maximen, die bei ihren Landsleuten schon bald nach ihrer Veröffentlichung als chef-d’œuvres, als Meisterwerke, galten, zu inspirierenden geistigen Wegbegleitern. Heute genießen ihre in viele Sprachen übersetzten Werke weltweiten Ruhm. Vorliegendes Buch versteht sich als eine Hommage in Wort und Bild an die französischen Moralisten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, zuvörderst in Gestalt von Michel de Montaigne (1533-1592), Blaise Pascal (1623-1662), François de La Rochefoucauld (1613-1680) und Nicolas Chamfort (1741-1794).
Im Zentrum steht die Erörterung ihres provokativ-subversiven Denkens über das Rätselwesen Mensch, sein oftmals unverständliches, weil unvermitteltes und widersprüchliches Verhalten sowie seine vermeintlich wahren Beweggründe. Ein weiterer damit verbundener Schwerpunkt liegt auf der Herausstellung ihrer ungeheuren Modernität durch die geniale Antizipation ganzer philosophischer, aber auch psychologischer Diskurse. Die Moralisten nahmen ein Denken vorweg, wie es uns später etwa in Friedrich Nietzsches (1844-1900) radikaler Destruktion althergebrachter Moralvorstellungen entgegentritt, aber auch in der das bisherige Selbstverständnis des Menschen „kränkenden“ Psychoanalyse Sigmund Freuds (1856-1939) oder im desillusionierenden Pessimismus Arthur Schopenhauers (1788-1860) und E.M. Ciorans (1911-1995).
Trotz ihrer zweifellos bewunderungswürdigen philosophisch-psychologischen Verdienste soll im Folgenden aber gleichzeitig der „ketzerischen“ Frage nachgegangen werden, inwieweit die französischen Moralisten in ihrer Eigenschaft als scharfsinnige Diagnostiker der condition humaine nicht vielmehr philosophische „Immoralisten“ waren. Gerade weil sie nicht als eifrige, geschweige denn moralinsaure Tugendprediger auftraten, muss die Frage gestellt werden, ob sie im wirkungsgeschichtlichen Rückblick auch als solche zu lesen und zu deuten sind. Zugespitzt formuliert: Ob diese Autoren, die das tatsächliche Verhalten ihrer Mitmenschen klarsichtig analysierten, indem sie phänomenologisch-distanziert vorgingen und die unterschiedlichen Gesichtspunkte einer normativen Ethik mehr oder weniger bewusst ausblendeten, nicht nur die metaphysisch-moralischen Werte der griechischen Antike und der jüdisch-christlichen Tradition ins Wanken brachten, sondern auch einer totalen Leugnung der Verbindlichkeit moralischer Grundsätze und Vorschriften deutlich Vorschub leisteten. Insofern geht es zugleich um den ambitionierten Versuch einer philosophie- und ideengeschichtlichen Situierung der französischen Moralisten.
Den Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildet Montaigne, dessen Wahlspruch nicht von ungefähr „Was weiß ich (eigentlich)?“ lautet. Mit seiner freigeistig-skeptischen Philosophie und der Begründung der literarischen Form des Essays in den Jahren 1580/88, in der er „methodisch unmethodisch“ (Theodor W. Adorno) verfährt, kann er gleich in zweifacher Art und Weise als Urvater der französischen Moralisten und ihrer gleichermaßen pointierten wie brillanten Formulierungskunst gelten. Wie einst für den griechischen Sophisten Protagoras von Abdera (um 490 v. Chr.–um 411 v. Chr.) in der Antike, stellt der Mensch auch für Montaigne das Maß aller Dinge dar. Montaigne erweist sich in seinen Schriften aber nicht nur als vehementer Verfechter der Freiheit des menschlichen Geistes, sondern auch als nachdrücklicher Fürsprecher eines dezidierten Erkenntnisskeptizismus und moralischen Relativismus.
Im Anschluss an Montaigne wenden wir uns dem „erleuchteten“ Universalgenie Pascal und seiner schonungslosen, bereits klar existenzialistische Züge aufweisenden Diagnose menschlicher Geworfenheit, Haltlosigkeit und Verlorenheit in der Welt zu. Diese zeigt sich ihm zufolge nicht zuletzt auf moralischem Terrain. Denn wo sollen wir in der Moral „einen festen Punkt“ finden?, fragt er der Verzweiflung nahe, die zerrissene Natur des Menschen zwischen Engel und Tier auslotend, in seinen Pensées (Gedanken). Dabei sollen sowohl Pascals negative philosophische Anthropologie, einschließlich seiner Auseinandersetzung mit dem antiken Pyrrhonismus, als auch seine positive theologische Anthropologie umrissen werden.
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An die bei Montaigne und Pascal diskutierte, vom antiken Skeptizismus eines Pyrrhon von Elis (um 362 v. Chr.–um 270/75 v. Chr.) und Sextus Empiricus (2. Jahrhundert n. Chr,), aber auch von den Sophisten präfigurierte Idee, dass es sich bei der Moral möglicherweise lediglich um eine bloße gesellschaftliche Konvention und keineswegs um etwas Metaphysisches von absoluter, zeitloser Gültigkeit handeln könne, wird sodann der „Genealoge“ und selbsternannte „Immoralist“ Nietzsche anknüpfen. Dieser reiht sich nach eigener Aussage in die Tradition der französischen Moralisten ein, dieser „Meister der Seelenprüfung“ und „Sentenzen-Schleiferei“. Nietzsche, der die Moral wie seine großen Vorbilder gleichsam auf den Seziertisch legt, wird aber über Letztere in der Befreiung des Geistes, insbesondere vom Religiösen, noch weit hinausgehen, indem er eine radikale „Umwerthung der Werthe“ fordert. Auch ihm und seinem von starker Anziehung wie Abstoßung gleichermaßen geprägten Verhältnis zu den französischen Moralisten wird ein eigenes Kapitel gewidmet, zumal er es war, der für diese neue philosophische Literaturgattung den späterhin geläufigen Begriff der „Moralistik“ prägte, aber auch eine erste Theorie aphoristischen Schreibens aufstellte.
„Oft glaubt der Mensch sich selbst zu führen, wenn er geführt wird…“ In La Rochefoucaulds schonungsloser Enthüllungs- und Entlarvungspsychologie, die in den Tugenden der Menschen meist nur verkappte Laster erkennt, begegnet uns sodann eine Art „wilde Psychoanalyse“ rund 250 Jahre vor Freud. So stellen La Rochefoucaulds Réflexions ou Sentences et maximes morales (Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen) über die Leidenschaften (les passions), die Eigenliebe (l’amour-propre) respektive den egoistischen Eigennutz (l’intérêt) und die Tugenden (les vertus) zum Teil frappante Vorwegnahmen der zentralen Freud’schen Theorien vom Unbewussten, vom Narzissmus und vom Über-Ich dar, auch wenn der Vater der Psychoanalyse den Namen La Rochefoucauld in seinem Werk nicht erwähnte. (...)
Auch ein Moralist wie Chamfort scheint in seinen 1795 publizierten Maximes et pensées, caractères et anecdotes (Maximen und Gedanken, Charaktere und Anekdoten) seiner Zeit weit voraus gewesen zu sein. Sein (nihilistischer) Pessimismus, seine bittere Welt- und Lebensverneinung respektive seine unverhohlene Misanthropie nehmen nämlich geistige Positionen vorweg, wie sie erst von Schopenhauer oder Cioran vertreten werden sollten. Seine Maxime, „Leben ist eine Krankheit, von der der Schlaf alle sechzehn Stunden einmal befreit. Es ist nur ein Palliativ, der Tod ist das Heilmittel“, könnte zweifelsfrei ebenso aus den Federn der genannten Wahlverwandten stammen. Gleiches gilt für seine despektierlichen, ja zynischen Definitionen der Liebe zwischen Mann und Frau als „liebenswürdiger Wahnsinn“ oder als bloßer „Austausch zweier Launen und die Berührung zweier Körper (eigentlich: Häute)“.
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Im Sinne eines Exkurses wird schließlich noch ein Seitenblick auf die literarischen Immoralisten und Skandalautoren des 18. Jahrhunderts gewagt, unter anderem auf den Schöpfer der 1782 publizierten Liaisons dangereuses (Gefährliche Liebschaften), Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, (1741-1803), sowie auf Donatien Alphonse-François Marquis de Sade (1740-1814) und seine in Form von Dialogen und lehrhaften Vorträgen gehaltenen, aber auch von unverblümt pornographischen und gewaltverherrlichenden szenischen Schilderungen durchwirkten Schrift aus dem Jahre 1795 La philosophie dans le boudoir, ou Les instituteurs immoraux. Dialogues destinés à l’éducation des jeunes demoiselles (Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister. Zur Erziehung junger Damen bestimmt). Noch wesentlich radikaler als manche Philosophen – wie etwa die Atheisten und sensualistischen Materialisten Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) oder Paul-Thiry d’Holbach (1723-1789) mit ihrem hehren Ideal moralischen Engagements zur Zeit der Aufklärung – lehnten die Genannten moralische Postulate und Pflichten dezidiert ab.
Wie die führenden Köpfe der Frankfurter Schule und Kritischen Theorie, Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969), überzeugend nachgewiesen haben, ist das Œuvre des Marquis de Sade ein gutes, weil besonders anschauliches Beispiel für die Dialektik der Aufklärung, das heißt für die dunkle Kehrseite des Vernunftglaubens. (...)
Im Schlusskapitel der Arbeit werden die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung resümiert. Die jahrhundertealte thematische und formale Kontinuität, die ungebrochene prospektive Strahlkraft, aber auch die subtile Subversion im Denken der französischen Immoralisten, dieser klarsichtigen Kritiker des Menschen par excellence, werden im Zuge eines zunehmenden allgemeinen Säkularisierungs- und Aufklärungsprozesses aufgezeigt und gedeutet. Es ist ein Prozesses, zu dessen oftmals ignorierten oder verdrängten Begleiterscheinungen auch und gerade jenes Phänomen gehört, das Nietzsche als „Nihilismus“ bezeichnet hat: nämlich die Erscheinung, dass die obersten, sprich die religiös-metaphysischen wie moralischen Werte, die dem Tun und Leiden der Menschen bislang Sinn und Orientierung verliehen, sich entwerten. Das führt zu dem Bewusstsein, dass das Leben im Grunde nichtig und umsonst ist, weil beides, sowohl das Ziel als auch die Antwort auf das „Warum“, fehlt. Mit anderen Worten: Die „großen Erzählungen“ vom Sinn und Ziel des Menschenlebens sind obsolet geworden. Alles, was bleibt, ist eine klaffende Leere, ein kollektives existenzielles Sinnvakuum.