Wolfgang Steih
Die Kunst der digitalen Zuversicht



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Die Kunst der digitalen Zuversicht




Zeit sollte nicht
wie ein Konsumgut behandelt werden,
sondern wie ein Raum,
der mit Bedeutung gefüllt wird.
Byung-Chul Han, Philosoph
 

Die Wahrnehmung der Zeit


Von der Antike bis heute, von Seneca bis Hartmut Rosa – nur wenige Themen wurden so kontrovers reflektiert wie die „Zeit“ und die damit verbundene Wahrnehmung.
Zeit durchdringt alle Aspekte unseres Lebens, und doch bleibt sie ein Rätsel. Wir messen sie in Stunden und Minuten, planen, speichern und erinnern entlang ihrer Achse – doch ihre wahre Natur entzieht sich unserem direkten Zugriff.
Ist die Zeit eine fundamentale Eigenschaft des Universums, eine unumstößliche Realität, wie Isaac Newton es glaubte, oder ist sie, wie Immanuel Kant vorschlägt, eine Anschauungsform unseres Verstandes – ein Rahmen, den wir verwenden, um die Welt zu ordnen? Dieses Kapitel beleuchtet verschiedene philosophische Perspektiven und fragt: Ist Zeit mehr als nur eine Illusion unseres Bewusstseins?
Kant (1724–1804) zufolge sind Zeit und Raum reine, inhaltsleere „Formen der Anschauung“, ohne die eine Erfahrung beziehungsweise Erkenntnis der Welt nicht möglich wäre. Diese Formen ermöglichen es, alles, was geschieht, mittels des Intellekts in ein Wann und ein Wo einzuordnen – mit klaren Trennlinien und Reihenfolgen.
Newton (1642–1726) beschreibt die Zeit als absolut, gleichmäßig fließend und unabhängig von allem anderen. In seinem Weltbild ist die Zeit ein universeller Rahmen, innerhalb dessen alle Ereignisse stattfinden.
Diese Sichtweise wurde von der modernen Physik teilweise infrage gestellt, hat aber bis heute Einfluss auf unser Verständnis von „linearen Abläufen“. Die Relativitätstheorie Einsteins erschütterte die Vorstellung einer einheitlichen Zeit und zeigt, dass Zeit je nach Bewegung und Gravitation unterschiedlich verlaufen kann – sie ist relational, nicht absolut. Auch in der Quantenphysik beginnt die Zeit zu „verschwimmen“, und es stellen sich fundamentale Fragen: Ist Zeit emergent? Entsteht sie durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren unerwartet neu?
Wenn wir die Zeit als absolut begreifen, dann entsteht die Frage, ob unsere Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft tatsächlich etwas Reales ist – oder lediglich eine Methode, um das Unbekannte zu zähmen.
Henri Bergson (1859–1941) widerspricht: Nur im Raum lassen sich die Dinge rational ordnen und als größer oder kleiner, vor- oder hintereinander betrachten. Die Zeit dagegen – als Dauer („durée“) verstanden – erfahren wir intuitiv als einen heterogenen, strukturlosen Bewusstseinsvorgang zahlreicher sinnlicher und geistiger Regungen, eine „Qualität der Quantität“. Sobald wir Momente als aufeinanderfolgende ordnen („Sukzession“), betreten wir die äußerliche Sphäre („exteriorisieren“) des Raums. Das Zeitliche jedoch bleibt der Bereich des inneren Empfindens. Um es mit einem Bild zu sagen: „Wir erleben die Symphonie, nicht die Anzahl der Noten.“
Das Bewusstsein ist der Ort, an dem Zeit wirklich existiert. Ohne Erinnerung könnten wir keine Vergangenheit wahrnehmen, und ohne Vorstellungskraft gäbe es keine Zukunft. Wie Augustinus bemerkte: „Die Vergangenheit ist nichts als eine Erinnerung, die Zukunft nichts als eine Erwartung.“ Diese Einsicht hebt hervor, dass die Zeit vielleicht doch eine Konstruktion unseres Geistes ist – ein Mittel, um die Unordnung des Augenblicks in ein narratives Kontinuum zu bringen.

 

Nach der Revolution – Ernüchterung?


Die Geschwindigkeit, mit der sich Künstliche Intelligenz entwickelt, ist atemberaubend. Was gestern noch wie Science-Fiction wirkte, ist heute schon Realität.
Doch nach der anfänglichen Euphorie macht sich auch schon wieder Ernüchterung breit. Die KI liefert vor allem das, wovon es ohnehin schon mehr als genug gibt: zusätzliche Blogs, Fotos und Videos. Zwar wird die Technik in den kostenpflichtigen Programmen immer ausgefeilter, dagegen bleibt die inhaltliche Qualität der Ergebnisse der Anwender weit hinter den Erwartungen zurück.
KI-Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini sind längst zu Suchmaschinen und Wissenslieferanten geworden. Wenn dabei jedoch Fehler passieren oder die KI Informationen erfindet, spricht man gerne beschönigend von „KI-Halluzinationen“.
Dies führt uns zu der Frage: Wo befindet sich die aktuelle Grenze des Wissens der KI? Im September 2025 habe ich daher diversen Sprachmodellen die Frage gestellt: „Gibt es Bereiche, in denen du dich nicht auskennst?“ In den Ant­worten kristallisierten sich vier Bereiche heraus, in denen die Sprachmodelle über keine aktuellen Informationen verfügen beziehungsweise keine detaillierten Antworten geben können oder wollen.

Sensible Themen
Die meisten KI-Modelle haben Richtlinien, die den Umgang mit sensiblen Themen wie Gesundheit, Trauma oder emotionalem Wohlbefinden betreffen. Sie tendieren inzwischen dazu, empathisch und vorsichtig zu sein.

Aktualität der Informationen
Viele Modelle haben eine Wissensgrenze, die auf einem bestimmten Zeitpunkt basiert. Sie können keine aktuellen Nachrichten oder Entwicklungen nach diesem Datum bereitstellen. Einige Anbieter integrieren inzwischen Echtzeitdaten oder haben Zugriff auf aktuelle Informationen, was ihnen ermöglicht, aktuelle Ereignisse zu kommentieren.

Persönliche Daten
Die meisten KI-Modelle respektieren die Privatsphäre und geben keine persönlichen Informationen über Einzelpersonen preis. Einige Modelle sind jedoch in der Lage, anonymisierte Daten zu verwenden, um personalisierte Erfahrungen zu bieten, ohne jedoch persönliche Identitäten zu offenbaren.

Rechtliche und medizinische Beratung
Die meisten KI-Modelle geben keine spezifischen rechtlichen oder medizinischen Ratschläge und betonen, dass Nutzer sich an Fachleute wenden sollten. Einige Modelle stellen jedoch allgemeine Informationen bereit, die von den Anwendern als persönliche Beratung interpretiert werden können.

Insgesamt gibt es 2025 einen breiten Konsens über die Notwendigkeit, verantwortungsbewusster mit Informationen umzugehen, insbesondere in sensiblen Bereichen. Die spezifischen Ansätze können jedoch je nach Anbieter und den zugrunde liegenden Richtlinien variieren.

 

Social Media und die Fragmentierung der Öffentlichkeit


Noch nie war es so einfach, sich Gehör zu verschaffen – und doch war es selten so schwer, gehört zu werden. Die Plattformen versprechen Öffentlichkeit, aber sie erzeugen Zersplitterung. Was bedeutet das für die Idee eines gemeinsamen politischen Raumes?
Demokratie braucht Öffentlichkeit – nicht im Sinne bloßer Sichtbarkeit, sondern als Raum der gemeinsamen Erfahrung, Verhandlung und Entscheidung. Das Fundament demokratischer Kultur ist der Gedanke, dass wir trotz aller Unterschiede über etwas Gemeinsames sprechen können. Eine geteilte Welt. Gemeinsame Probleme. Unterschiedliche Meinungen – aber dieselbe Wirklichkeit.
Mit dem Aufstieg der sozialen Medien gerät dieses Fundament ins Wanken. Die Öffentlichkeit ist nicht mehr nur ein einziger Raum, sondern setzt sich aus viele parallelen Räumen zusammen, die sich selten berühren. Algorithmen sortieren unsere Informationswelt nach Vorlieben, Klickverhalten und Erregungspotenzial. Wir leben, wie der Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han schreibt, in einer „Echo-Kammer“ der Selbstbestätigung. Andere Meinungen erscheinen nicht nur falsch – sie verschwinden.
Die Filterblase, ein Begriff des Internetaktivisten Eli Pariser, beschreibt genau das: „Der digitale Raum zeigt uns das, was wir sehen wollen – und verbirgt das, was uns widersprechen könnte.“
Plattformen wie Facebook, Twitter (X), Instagram oder TikTok haben keinen demokratischen Auftrag. Ihr Ziel ist nicht der Diskurs, sondern die Maximierung von Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit folgt nicht der Wahrheit – sondern dem Affekt.
Was sich gut teilt, ist oft das Empörende, das Polarisierende, das Vereinfachende. Differenzierte Gedanken verschwinden zwischen Schlagzeilen, Memes und Wutausbrüchen. Die Folgen sind tiefgreifend: Der politische Diskurs wird emotionalisiert, verkürzt und personifiziert.
In den Worten der Medienforscherin Maren Urner: „Was die Aufmerksamkeitsökonomie produziert, ist keine Realität, sondern eine ständige Überreizung unseres Nervensystems.“ Rationalität verliert gegen Reichweite.
Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht: Plattformen fördern Inhalte nicht nach Qualität, sondern nach Interaktion. Wahrheit hat keinen algorithmischen Vorteil.
Ein demokratischer Diskurs lebt von Pluralität – aber Pluralität ist nicht dasselbe wie Fragmentierung. In einer pluralen Öffentlichkeit begegnen sich Unterschiede, in einer fragmentierten Welt bleiben sie unter sich.
Wir beobachten heute eine gefährliche Entwicklung: „Wahrheiten“ entstehen innerhalb von Gruppen, die sich gegenseitig bestätigen, aber keinen Austausch mehr suchen. Man lebt in politischen Stammeskulturen, in digitalen Milieus mit eigenen Regeln, Vokabeln und Feindbildern.
Der Philosoph Michael Sandel spricht hier von einer „moralischen Absonderung“: Der andere wird nicht mehr als Gesprächspartner wahrgenommen, sondern als Bedrohung.
In dieser Welt wird nicht diskutiert – es wird delegitimiert. Die Idee einer gemeinsamen Realität – und damit auch einer gemeinsamen Politik – erodiert.
Angesichts dieser Entwicklung wächst der Ruf nach Re­gulierung: Plattformen sollen Verantwortung übernehmen, Hassrede eindämmen, Desinformation bekämpfen. Doch jede Regulierung wirft neue Fragen auf: Wer entscheidet, was sagbar ist? Wo endet der Schutz der Demokratie – und wo beginnt die Einschränkung der Meinungsfreiheit?