der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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ECHT SEIN


Die Frage nach dem, wer man wirklich ist, was man wahrhaft fühlt und denkt, ist zumeist drängender als die Frage nach dem Warum des Daseins. Auf Warum-Fragen, auf letzte Fragen wie die, warum Menschen, warum man selbst existiert, kann es keine gewissen, keine letztgültigen Antworten geben. Nach dem Echten, dem Wahren und Authentischen kann man zumindest suchen. Wozu, wenn nicht auf der Suche nach dem eigenen Ich, auf der Suche nach Selbstvergewisserung und echtem Selbst steigen Menschen ohne Hilfsmittel auf die höchsten Berge, tauchen ohne Sauerstoffflaschen in über hundert Meter Tiefe oder springen mit dem Fallschirm aus der Eigernordwand? Mehr als um die Erweiterung der Leistungsgrenzen des Körpers und der Psyche kämpfen sie solcherart um ihr eigenes Selbst. Wer seine Lust am Abenteuer überlebt, wer Spektakuläres zu erzählen hat, darf sich und sein Ego ausführlichst in Büchern, Vorträgen, Filmen und Talkshows selbst inszenieren, sprich sich stellvertretend für die Daheimgebliebenen öffentlich als Held konstruieren.
Abenteuer- und Extremsport sind Antworten der Gesellschaft „auf die Kollateralschäden des Modernisierungsprozesses“, schreibt entsprechend Karl-Heinrich Bette im Beitrag Das Echte und das Extreme. Durch die Entzauberung und Entmythologisierung der Welt infolge der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften ist der Einzelne im Alltag keinen existenziellen Bedrohungen mehr ausgesetzt, gibt es kaum noch Gefahren, die nicht mittels technischer Prothesen bewältigt werden könnten. Religiöser Seinsgewissheiten verlustig gegangen, scheint vielen das echte Leben, die unmittelbare Erfahrung der eigenen Existenz heutzutage nur noch in der direkten Konfrontation mit dem Tod möglich. Risikosportler suchen pardoxerweise Halt im Wagnis, so Bette. Indem sie ihre Existenz freiwillig aufs Spiel setzen, um „in die Welt der Primärerfahrungen“ einzutauchen, schaffen sie sich die Möglichkeit einer bewussten Entäußerung: Das Grübeln über die Welt und das Leiden an der eigenen Psyche können zumindest kurzfristig außer Kraft gesetzt werden. Situationen, deren Bewältigung alle Sinne und Kräfte absorbieren, ermöglichen „eine Flucht aus der Diktatur der modernen Selbstreflexion“.
Doch die Suche nach dem wahren Kern des Menschen ist nicht erst seit den Verunsicherungen durch die massenmediale Aufbereitung der modernen Welt und die Versuchungen der Konsumgüterindustrie ein Problem. „Schon bei Seneca und Augustinus finden sich Klagen über Entfremdungsphänomene“, schreibt Andreas Luckner unter dem Titel Werde, der du bist!. Die Empfehlung der Alten angesichts einer Sphäre uneigentlichen menschlichen Daseins lautete denn auch: „Geh’ nicht auf die Märkte, sondern geh’ in dich“, denn: „Die Wahrheit wohnt im Inneren des Menschen.“ Allerdings, so Luckner, handelt es sich dabei vor allem um die Wahrheit, „dass der Mensch kein feststehendes Wesen hat“. Der Mensch gleicht eher einer Zwiebel als einer Nuss – löst man Schicht um Schicht, bleiben letztendlich nur die einzelnen unverbundenen Schalen. Einen dingfest zu machenden Wesenskern, ein Urbild oder Original, mit dem sich das Verhältnis zwischen Schein und Sein, zwischen Spiel und Wirklichkeit abgleichen ließe, gibt es nicht. Was ein Mensch ist, ist nicht vorherbestimmt, er ist „ein Noch-nicht-Bestimmtes, Unfertiges“. Er wird das gewesen sein, was er angesichts der Umstände seines Lebens aus sich machte. Mithin heißt echt sein, so schließt Luckner, sich echt machen.
Allerdings ist auch das nicht ohne Probleme. Vor allem sollten wir diesbezüglich nicht mit einer Orientierung am „Natürlichen“ rechnen, so Käte Meyer-Drawe im Beitrag „Persona bedeutet auch Maske“: „Manche lassen sich gezielt zur Barbiepuppe umgestalten, weil sie damit ihrem Traum am nächsten kommen. Andere empfinden sich gerade dann als einzigartig, wenn sie sämtliche Gruppenmerkmale übernommen haben.“ Masken, Schminke, Manipulationen am Körper bis hin zu chirurgischen Eingriffen geraten erst dann unter Verdacht, so führt sie aus, wenn ein Privileg des Natürlichen zur Herrschaft gelangt. Während heute die Maske jenseits offensichtlicher Kostümierung eher als Verstellung erachtet wird, hinter der das Eigentliche zu suchen sei, sah man sich im altgriechischen Sprachraum nicht bemüßigt, für Gesicht und Maske zwei Worte zu suchen. Beide Male sprach man von „prosopon“. Das Geistige hasst die Verhüllung, der Leib liebt Maskeraden, schreibt Meyer-Drawe und fordert eine Rehabilitierung der Maske, die weniger der Verstellung diene als vielmehr eine Rhetorik des Leibes repräsentiert, mit der dieser die Konformität verspottet und sich gegen seine Gefangenschaft im Geist sowie gegen jede Seelenspionage wehrt.
Ein „zweckloses Echtsein ist kein burlesker Luxus, sondern eine innere Notwendigkeit und äußere Vorbedingung, um überhaupt jemand zu sein beziehungsweise zu werden“, schreibt Rüdiger Vaas unter Bezugnahme auf Elias Canettis Ausspruch: „Es genügt, sich eine Stunde täglich seinen Gedanken zwecklos auszuliefern, um etwas wie ein Mensch zu bleiben.“ Gegen die Bedrohungen des authentischen Ichs wie dessen Auflösung durch das Ausfüllen sozialer Rollen, Konformismus und Masse oder dessen Verabsolutierung durch Habgier, Narzissmus und Machtausübung empfiehlt er die beständige Verwandlung: „Weil die Lebendigkeit etwas ‚Fließendes‘ ist, das sich der Fixierung verweigert, schillert Authentizität in einer Fülle von Eigenschaften. Genau darin liegt ja wesentlich die Individualität.“ Nicht von ungefähr diagnostizierte Marcel Proust, dass zu ein und derselben Zeit widersprechende Wesen in unserem Innern wechseln und „dass jeder von uns nicht ein einziger, sondern eine Unzahl von Personen ist, die nicht den gleichen moralischen Wert besitzen“.
Eine Würdigung der bewussten Verhüllung ist auch Michael Großheims Beitrag Lob der Entfremdung. Gegen eine radikale Form der Offenheit und Aufrichtigkeit wie sie zum Beispiel von Jean-Jacques Rousseau vertreten wird, führt Großheim Helmuth Plessners „Kunst des Nichtzunahetretens“ ins Feld, die darin besteht, den anderen zu schonen, ihn mit der eigenen Befindlichkeit nicht zu behelligen. Denn neben einer „Zeige- und Offenbarungstendenz“ seien dem Menschen auch die entgegengesetzten Tendenzen der Scham und der Verhüllung eigen. Während es Rousseau um die Sicherheit vor dem Getäuschtwerden zu tun ist, geht es Plessner um Sicherheit vor der Beschämung, um Schutz vor der Verletzung durch den Anderen. Der Theoretiker der Distanz klagt das Recht ein, von den inneren Regungen der Mitmenschen verschont zu bleiben. Rousseau hingegen befürchtet, dass, wenn man sich der Kunst zu gefallen widmet und als wohlerzogen imponieren möchte, das Ergebnis nicht nur die Uniformität aller sein würde, sondern dass auch die Einzelnen lernten, zugunsten der Konventionen auf ihre eigenen Impulse zu verzichten: „Man wagt nicht mehr als der zu erscheinen, der man ist.“ Doch, so argumentiert Plessner, wer vermag im eigenen Fall schon zu beurteilen, ob man sich auch wirklich sehen lassen kann?
Wörtlich zu nehmen ist diese Frage in Bezug auf die Kleidermode. Gleichwohl von vielen Theoretikern eines dauernden, unveränderlichen Ichs als austauschbare Oberfläche verachtet, ermöglicht es die Mode den Menschen, so Eike Beall unter dem Titel Mode – Sprache des Selbst?, „nach außen zu tragen, was sonst verborgen bliebe, sie bedienen sich ihrer als einer Sprache, die den Charakter, die Einstellung, gar die Einzigartigkeit einer Person auszudrücken vermag“.
Klaus Prange zufolge ist es gerade der schöne Schein, die Möglichkeit zur Verstellung, welche Freiheit erst möglich macht. „Täuschung und Verstellung, nicht demonstrativ zur Schau gestellte Unerschütterlichkeit der Gesinnung sind die probaten Mittel einer sozialverträglichen Freiheit“, schreibt er im Beitrag Wahrer Schein und falsches Sein und fährt fort: „Was als ehrliche Haut sich präsentiert, deutet gelegentlich nur auf einen Mangel an Fantasie und sozialer Intelligenz.“ Das Unangenehme gefällig zu umgehen und sich auch denen angenehm zu machen, die man zwar nicht ausstehen, aber denen man auch nicht entkommen kann, ist ebenso die kleine Diplomatie des Alltags wie Alltag der großen Politik. Geschmeidige Umgangstugenden dienen der Streitvermeidung, so Prange, und tragen mit den Mitteln gespielter Wahrheit dazu bei, das latent immer vorhandene Potenzial gegensätzlicher Interessen zu beschwichtigen.
Problematisch wird die Frage nach der Authentizität in der Tat immer erst im Umgang mit anderen; für sich selber ist man immer echt. Ohne die Anerkennung, ohne den Halt, den eine Gruppenidentität bietet, komme niemand aus, heißt es im Beitrag von Henrik Pontzen und Thomas Schindler mit dem Titel Sei du selbst! – Nein danke! Aber was, wenn man nicht sich, sondern irgendetwas verwirklicht hat? In der Reflexion des Scheiterns, so Pontzen und Schindler, eröffnet sich die Möglichkeit, die Schimäre eines echten Selbst als Lebensziel hinter sich zu lassen – es lebt sich freier ohne echtes Selbst!
Dabei ist es wichtig zu verstehen, so Peter Schneider und Daniel Strassberg im Beitrag Die Psychoanalyse und die Fantasie vom authentischen Subjekt, dass das Unbewusste nicht das Unterbewusste ist, „denn es ist kein Noch-nicht-Bewusstes, dem man nur etwas mehr Aufmerksamkeit schenken müsste, um es dem Bewusstsein zugänglich zu machen“. Die Wahrheit, auf welche die Psychoanalyse abzielt, so Schneider und Strassberg, ist vielmehr die eines nach keiner Seite auflösbaren Verhältnisses von Bewusstem und Unbewusstem. Das authentische oder wahre Subjekt ist keineswegs natürlich oder ursprünglich, sondern das Ergebnis eines Spaltungs- und Verdrängungsvorgangs: „Das authentische Subjekt ist jenes, das um die immerwährende Entstellung des Begehrens weiß.“
„So wichtig es ist, wahrhaftig zu sein und um die letzte Sinnlosigkeit des Lebens zu wissen, so wichtig ist es, ins Leben zurückzufinden und sich mit ihm zu versöhnen“, schreibt auch Michael Steinmann im Portrait „Wie man wird, was man ist.“ Der Denkweg Friedrich Nietzsches. Nur nach der Wahrheit zu streben, nur Philosoph im eigentlichen Sinn zu sein, das genüge nicht. Vielmehr liege die letzte Konsequenz der Weisheit darin, die Erkenntnis, die Wahrheit selbst zu überwinden. Authentisch, echt sein zu wollen, meint nicht, ein feststehendes, natürlich gegebenes Ich in Einklang mit sich selbst und der Umwelt zu bringen, sondern ist der Versuch, sich in unablässig wechselnden Verwandlungen reflektierend zu umkreisen, sich und seine Umwelt beständig sich verausgabend, gestaltend zu erproben, sich an das Leben und die Vielfalt seiner Bezüge zu verlieren. Nur wer sich in der produktiven Aneignung der Wirklichkeit aufs Spiel setzt, kann sich in beglückender Weise finden, so Steinmann. Dass es aber auch fatal sein kann, sich ganz und endgültig gefunden zu haben, zeigt das Ende von Nietzsches Leben, an dem die höchste Selbstgewissheit umkippt in den tiefsten Selbstverlust, den Wahnsinn.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur