Markus Vinzent
Der Schatten der Nähe



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Der Schatten der Nähe




Victoria und Veronica in München

Aus dem Morgengrau trat eine große, blonde Dame, den Mantel halb offen. Ein verhaltenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Anika und die eigene Schwester, Valerie, sah. Anika tippte auf Veronica, wurde aber gleich korrigiert.
„Nein, ich bin Victoria, Veronica hängt noch in Frankfurt.“
Anika schämte sich über die alte Verwechslung.
„Ein ehrenwerter Versuch – aber du weißt, ich sehe Veronica noch ähnlicher als Valerie.“
Anika schaute erleichtert.
„Ihr habt auf mich gewartet?“
„Ja. Gut, dass du schon da bist.“ Anika deutete auf den Tisch am Fenster. „Seit ich das Café kenne, ist es morgens voll. Aber heute haben wir Glück.“
Sie traten in das Café, und Anika sah nochmals kurz ihr Spiegelbild; immer noch verschwommen, allerdings weicher an den Rändern. Valerie küsste sie auf die Wange.
Sie setzten sich an einen der winzigen Tische.
Tee dampfte, Kaffee wurde gebracht.
Erst Sekunden Stille.
Die Bestellung wurde aufgenommen.
Lachs und Avocado mit Chili. Eggs Benedict. Ein exotisches Rührei im Bananenblatt.
„Auch Feeny hätte das gemocht“, meinte Valerie. „Sie hätte das Schärfste genommen.“
„Ganz sicher.“ Victoria hob die Augenbrauen. Sie lachten, und es war, als säße Feeny wieder bei ihnen. Es war dieser winzige Moment, bevor die Erinnerung sich die Bühne zurückholte.
Das Gespräch glitt zurück nach Cambridge.
„Ihr habt mich am ersten Abend absichtlich scheitern lassen“, erinnerte sich Anika. „Valerie, Victoria, Veronica – drei Namen, und ich war verloren.“
„Natürlich“, lachte Valerie. „Wir haben uns einen Spaß gemacht.“
„Bis Veronica Ethan traf“, warf Victoria ein.
Stille, für einen Moment.
Anika empfand die Spannung und lenkte das Gespräch. „Wie ist es euch seit damals ergangen?“
Valerie rückte ihre Tasse zurecht. „Beruflich? Mehr Verantwortung, weniger Freiheit. 2011 meine Professur im King’s, London, inzwischen Head of School. Viel Administration, aber auch neue Freundschaften. Eleanor – sie leitet Social Science & Politics –, eine scharfe Kritikerin Putins. Ihr Buch über den Widerstand in Russland müsst ihr lesen. Das nächste heißt Defying the White House. Ich ahne schon die Fetzen, die dann wieder fliegen.“
Victoria schüttelte den Kopf. „Du und deine Politik. Aber beeindruckend, was du erreicht hast.“
Anika lächelte, hörte zu – und dann stockte ihre Stimme. „Ich habe es schon angedeutet: Kurz vor Feenys Tod zerbrach meine Beziehung. Lang. Vertraut. Und trotzdem brüchig wie schlecht gefrorenes Eis…“
Sie strich über den Rand ihrer Tasse.
„Er war narzisstisch veranlagt – gefährlich narzisstisch. Katholischer Geistlicher. Ich wollte es nicht sehen. Blind für die blinkenden Warnlichter, die immer häufiger standen.“
Valerie runzelte die Stirn. „Und du hast ihm wirklich vertraut?“
„Wie ich meinem Mann David“, gab Victoria klein bei.
„Bis zuletzt. Selbst nach seiner Verurteilung. Ich redete mir ein, es sei ein Missverständnis. Bis René mir erzählte, was geschah.“
Valerie legte die Hand an den Mund: „Unfassbar.“
„Das war der Bruch.“ Anika sah ins Nichts. „Einen Tag später starb Feeny. Alles kam zusammen.“
Victoria atmete tief: „Wie hast du das überstanden?“
„Mit Mühe. Eine Freundin nahm mich auf. René bot Hilfe, aber ich wollte ihn nicht belasten. Schließlich zog ich weg – nach Teneriffa.“
„Teneriffa?“ Valerie hob die Augenbrauen.
„Ja. Zufall – und doch nicht. Ich hatte dort Tage mit Feeny verbracht. Erinnerungen, aber andere als in München. Hier hielt ich es nicht aus. Es war wie Spießrutenlaufen. An jeder Ecke sah ich entweder Anima oder Femme fatale, und wenn ich in die U-Bahn stieg, meinte ich, Feeny erkennen zu können. Ich beschloss, München zu verlassen, gab meine Stelle auf und zog weit, weit weg.“
Sie schwiegen kurz. Dann fragte Valerie: „Und deine Arbeit?“
„Sie hat mich gehalten. Erst kleine Schritte – Tagebücher, Nachlässe. Später Bücher über Kunstaustausch, Queer-Kunst, Black Art in Großbritannien. Ich wollte eine andere Geschichte Europas schreiben, eine weibliche.“
Valerie nickte langsam. „Oh nein – zwei Menschen zugleich verlieren…“
„Verlieren – und im Verlust sich selbst verlieren“, sagte Anika leise.
Victoria legte die Hand auf Anikas Arm. „Das klingt nicht nach Lamentieren. Eher nach Überleben.“
„Ja und nein. Je nach Tag und Stunde.“ Anika schaute auf: „Wie du sagtest – nicht lamentieren, ich bin bis hierher gekommen. Lasst uns auf unsere Freundschaft anstoßen!“
Die Türglocke schlug. Veronica trat ein, Koffer im Schlepptau, erschöpft, aber lachend.
„Hi – ihr seid schon gut drauf!“
„Warten ja schon eine Weile“, meinte Valerie.
„Ich dachte, wir kommen zu einem Trauergedächtnis.“
„Nicht nur“, entgegnete Victoria. „Feeny hätte Prosecco bestellt. Nicht Wasser.“
„Dann auch für mich einen Prosecco!“, rief Veronica der Bedienung zu. Sie hatte ihr Deutsch nicht verlernt.
Die perlenden Gläser klangen aneinander. Sie riefen eine Zeit auf, in der sie zwanzig waren.