der blaue reiter


Rudolf Großmann:
Oswald Spengler, 1922
Zeichnung



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der blaue reiter Ausgabe 43

 



Zivilisation zwischen Kultur und Barbarei


„Zivilisation“ ist einer der unklarsten Ausdrücke unserer historisch-politischen und philosophischen Sprache. Das zeigt nicht nur die Begriffsgeschichte, sondern auch der Vergleich des Deutschen mit dem Englischen.

Ein besonders markantes Beispiel liefert Samuel P. Huntingtons berühmtes Buch The Clash of Civilizations (1996), dessen deutscher Titel nicht „Zusammenprall der Zivilisationen“ lautet, sondern Kampf der Kulturen. Der Übersetzer begründet diese Wortwahl in einer Fußnote zum Vorwort folgendermaßen: „Es wäre der Wunsch des Autors gewesen, die Begriffe ‚civilization‘ und ‚culture‘ mit ‚Zivilisation‘ und ‚Kultur‘ zu übersetzen. Dies wurde in der ersten Fassung versucht, was sich aber aus praktischen und Verständnisgründen nicht durchhalten ließ. Deswegen wird ‚civilization‘ jeweils mit ‚Kultur‘, ‚Kulturkreis‘ oder ‚Hochkultur‘ wiedergegeben und für ‚culture‘ der Begriff ‚Zivilisation‘ verwendet, in Einzelfällen auch ‚Kultur‘.“ Im amerikanischen (und britischen) Englisch gebraucht man also civilization und culture fast genau entgegengesetzt zum deutschen Begriffspaar „Zivilisation“ und „Kultur“. Schon allein aus diesem Grunde muss „Zivilisation“ immer in ein Verhältnis zu „Kultur“ gesetzt werden.

   Zivilisation ist eine Sache
      der äußeren Form.

Dafür kann ein kurzer Blick auf die Herkunft der beiden Wörter nicht schaden. Sowohl „Kultur“ als auch „Zivilisation“ haben ihren Ursprung nicht, wie die meisten anderen philosophischen Begriffe, im alten Griechisch, sondern im Lateinischen. In der frühen Neuzeit wanderten die Wörter auf dem Weg über das Französische in die deutsche Sprache ein. „Kultur“ stammt von cultura, dem Ackerbau; im übertragenen Sinne war damit die kollektive Pflege eines gewachsenen Erbes gemeint. „Zivilisation“ stammt, was kaum noch deutlich ist, von cives, dem Bürger, beziehungsweise civitas, der Bürgerschaft. Das hat mit cultura eigentlich wenig zu tun. Vielmehr steht civitas in einem Spannungsverhältnis zu anderen Begriffen. Denn wir sind nicht nur Mitglied einer politischen Gemeinschaft (civitas), sondern mehrerer Kollektive. Beispielsweise stammen wir aus durch Geburt gebildeten Gruppen wie Familien und Herkunftsgemeinschaften. Die Bürger einer civitas bilden zusammen den demos (altgriechisch für „Staatsvolk“), die Mitglieder einer Herkunftsgemeinschaft einen ethnos (altgriechisch für „Ethnie“, „Volk“).
Aus diesen Erläuterungen lässt sich folgende Konsequenz ziehen: Was wir mit „Kultur“ meinen, steht in seiner Wortherkunft der Natur näher als „Zivilisation“. Kultur wird der Natur abgerungen; Zivilisation ist schon eine weiterentwickelte Form. Kulturen sind älter als Zivilisationen; man ist erst kultiviert, dann zivilisiert. Immanuel Kant (1724-1804) und Oswald Spengler (1880-1936) sind der Überzeugung, dass Zivilisation in einem historischen Prozess auf Kultur folgt. Bei dem einen ist dies ein Fort-, bei dem anderen ein Rückschritt. Einig sind sie sich aber darüber, dass die Zivilisation eine Sache der äußeren Form sei.

Immanuel Kant: Disziplinieren, Kultivieren, Zivilisieren, Moralisieren

Beginnen wir mit einem berühmten Zitat Kants: „Wir sind in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee Moralität gehört noch zur Kultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht bloß die Zivilisierung aus.“ (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784, Satz 7)
Wie ist das zu verstehen? An verschiedenen Stellen hat Kant die zitierte These erläutert, unter anderem im §83 der Kritik der Urteilskraft (1790) und in seinen Vorlesungen Über Pädagogik. Daraus wird schon deutlich, dass Kant die Stufenfolge sowohl bedingt durch die Entwicklungsgeschichte des Individuums (ontogenetisch) als auch stammesgeschichtlich (phylogenetisch) versteht: Sie gilt aus seiner Sicht sowohl für den individuellen Lebenslauf, im Sinne aufeinander folgender Erziehungsstufen, als auch für die Menschheitsgeschichte, im Sinne aufeinander folgender Zeitalter. Bildung und Fortschritt, so kann man sagen, gehen Hand in Hand.
Aus Kants Überlegungen ergibt sich ein Stufenplan zur Entwicklung des Menschengeschlechts. Am Anfang, als erstes Stadium, steht die Disziplinierung, eine „Kultur der Zucht“. Denn zuerst müssten unsere destruktiven Triebe gezügelt werden. Sonst hätten anspruchsvolle Bedürfnisse und Wünsche gar keinen Raum. Dem dient die Tugend der Selbstbeherrschung, die nicht zu einer totalen Askese führt, aber zu Besonnenheit und Mäßigung. Entsprechende Postulate und Überlegungen finden sich in fast allen Hochkulturen, schon im Alten Ägypten, dann wirkungsmächtig in den antiken Tugendkatalogen.
Auf der zweiten Stufe folgt die Kultivierung. Durch sie gewinnen wir Menschen die Fertigkeiten, so Kant, die man zu beliebigen Zwecken nutzen kann. Diese „Kultur der Geschicklichkeit“ fördere die Entwicklung von Technik und Wissenschaft. Keineswegs ist hier an die schönen Künste gedacht, die bei Kant eine erstaunlich geringe Rolle spielen. Die Werte dieser Stufe, die zweckrationaler Art sind (zum Beispiel Effizienz, Leistungsfähigkeit, Zielgenauigkeit), lassen sich in „Regeln der Geschicklichkeit“ übersetzen. In den letzten Jahrhunderten hat die Menschheit offensichtlich in dieser Dimension besonders große Fortschritte erzielt.
Der dritte Schritt ist die Zivilisierung, die den Menschen mit den Umgangsformen ausstattet, die für ein Zusammenleben notwendig sind: Manieren, Höflichkeit, ja Freundlichkeit. Man falle sich gegenseitig nicht zur Last; dem dienen auch viele zeremonielle Vorkehrungen. Das ist der positive Begriff, den Kant von bürgerlicher (ziviler) Gesellschaft, überhaupt von einem öffentlichen Leben hat. Wegen der „ungeselligen Geselligkeit“ des Menschen seien solche Regeln notwendig. Da wir nur miteinander glücklich sein können, gehören die „Ratschläge der Klugheit“ aus Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) in diesen Bereich. Zivilisation ist für ihn also ein formvollendetes Beisammensein, in dem aber jeder nur den Anschein sittlichen Verhaltens erwecken möchte.
Diese Stufe, so meinte Kant, habe die Menschheit schon erreicht; erforderlich sei aber noch eine vierte Phase: die Moralisierung. Diese betreffe nicht mehr die Bedingungen, Mittel und Formen unseres Handelns, sondern die Zwecke. Erst hier befinden wir uns in der normativen, das heißt regelsetzenden Sphäre von Moral, Recht und Politik, die im Kategorischen Imperativ zu fundieren ist (siehe Erläuterung).
Es lassen sich zwei Teilschritte unterscheiden. Der erste kann direkt an die Zivilisierung anknüpfen, weil er ebenfalls die äußere Form unseres Zusammenlebens betrifft, aber nun in zentralen Bereichen des Rechts und der Moral. Das nennt Kant Legalität: Handlungen sollen den legitimen Normen entsprechen, mithin pflichtgemäß sein. Der zweite, entscheidende Teilschritt wären Fortschritte im Bereich der Moralität. Wir sollen nämlich nicht nur pflichtgemäß handeln, das heißt die Gesetze nicht nur aus Gewohnheit befolgen, sondern darüber hinaus „aus Pflicht“, also aus innerer begründeter Überzeugung. Davon seien wir jedoch, so Kant, weit entfernt. Im ersten Zusatz zum Ewigen Frieden (1795) stellt er ausdrücklich fest: Erst wenn es eine „gute Staatsverfassung“ gebe, sei „die gute moralische Bildung eines Volks zu erwarten“.
Welche Kräfte treiben die Entwicklung voran? Wie kann es insbesondere gelingen, vom gegenwärtigen Zustand der Zivilisierung zur geforderten Moralisierung zu gelangen? Kant hat diese Frage nicht systematisch zu beantworten versucht, aber es finden sich viele Ansatzpunkte in seinen Schriften. Dabei entpuppt sich Kant als klassischer Liberaler. Zunächst einmal vertraut er auf eine Erziehung, die auf die Autonomie und Würde jedes Einzelnen setzt. Sodann hofft er auf eine politische Öffentlichkeit, in der sich die Bürger wechselseitig aufklären. Schließlich seien Fortschritte zu erwarten durch freien Handel und durch republikanische Verfassungen. Stimmt das? Entwickelt sich die Menschheit in diese Richtung?

Oswald Spengler: Zivilisation als Niedergangsphase einer Kultur

Betrachten wir zum Kontrast ein zweites Modell. Oswald Spengler hat mit Der Untergang des Abendlandes (1918/1922) eines der erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Bücher des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Seine wichtigste These ist, dass die Weltgeschichte kein unilinearer Prozess ist, sondern in mehrere Teilgeschichten zerbricht, nämlich die Geschichten großer Kulturen, die sich auch geografisch verorten lassen: die ägyptische, die babylonische, die chinesische, die indische, die antike, die arabische, die altamerikanische und die abendländische. Aus Spenglers Sicht, damals nicht unplausibel, sind sieben der acht Kulturen bereits untergegangen. Nur die abendländische Kultur (strikt zu unterscheiden von der griechisch-römischen Antike) existiere noch. Nicht ganz klar ist die Rolle Russlands. Dieses stellt wohl eine neunte Kultur dar und sei im Aufstieg begriffen. Allerdings gehöre die Zukunft nicht dem Bolschewismus, sondern einem christlichen Russland im Sinne Dostojewskis.
Eine ähnliche Theorie hat später Arnold J. Toynbee vorgelegt, und zwar eine sehr viel bessere. Sein zwölfbändiges Hauptwerk A Study of History (1934-1961) ist fundierter, umsichtiger und differenzierter. Toynbee kennt sehr viel mehr Kulturen (über 20), auch unterschiedlichen Typs, schließt „Berührungen“ zwischen ihnen nicht aus und erörtert zu Recht geistige Fortschritte über die Katastrophen hinweg. Auch in wertender Hinsicht ist Toynbee seinem deutschen Widerpart weit überlegen, denn im Gegensatz zu Spengler zeigt er sich nicht mit Gewalt, Krieg und Faschismus einverstanden. Übrigens spricht er auch von civilizations, was in den deutschen Ausgaben mit „Kultur“ übersetzt wurde. …

Autor: Christian Thies