der blaue reiter


László Fehér: Tót Endre, 1999
Öl auf Leinwand, 200 x 140 cm



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Zivilisierte Marktwirtschaft

Ein wirtschaftsbürgerliches Leitbild

Die Finanz-, Wirtschafts-, Schulden- und Sozialkrise hat eine tiefer liegende Orientierungs-
losigkeit offengelegt. Der alte realpolitische Streit über „mehr Markt“ oder „mehr Staat“ verfehlt die entscheidende wirtschaftsethische Frage: Worauf kommt es an, damit die Wirtschaft im Dienste der Gesellschaft steht, in der wir leben möchten, und nicht umgekehrt?

Am Anfang der Moderne stand ein zivilisatorischer Traum. Es war die aufklärerische Vision einer wohlgeordneten Gesellschaft freier und mündiger Bürger, die sich prinzipiell als fähig verstehen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und gleichberechtigt an der Gestaltung der „res publica“, der öffentlichen Sache des Gemeinwesens, mitzuwirken. Den lebenspraktischen Erfahrungshintergrund dieses freiheitlich-demokratischen Ideals bildete die fortschreitende wirtschaftliche und politische Emanzipation des Mittelstands aus alten feudalgesellschaftlichen Abhängigkeiten. Zwischen dem Streben des Bourgeois (des unternehmerisch aktiven Bürgers) nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit und dem Anspruch des Citoyen (des Staatsbürgers) auf politische Freiheit und Mitsprache besteht ein innerer Entstehungszusammenhang: Wer existenziell von anderen abhängig ist, kann sich öffentlich nicht wirklich frei äußern und nicht auf Augenhöhe mit anderen Bürgern am „öffentlichen Vernunftgebrauch“ (Immanuel Kant) teilnehmen. Und wer keine rechtsstaatlich geschützten Bürgerrechte genießt, kann weder sein Vermögen in verlässlicher Weise produktiv einsetzen und die Früchte seiner Anstrengungen ernten noch sich gegen Übergriffe anderer wehren, die allzu rücksichtslos nach ihrem Vorteil streben. Den Orientierungshorizont einer modernen Gesellschaft bildet deshalb die Leitidee der realen Freiheit aller in bürgerlicher Gleichheit.

Doch das bürgergesellschaftliche Projekt ist bis heute unvollendet geblieben. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt es zunehmend Schlagseite. Mit dem „großen Boom“ (Eric Hobsbawm) des entfesselten Laisser-faire-Kapitalismus errang das unternehmerisch aktive Bürgertum sehr rasch materielle und machtpolitische Privilegien gegenüber dem eigentumslosen und deshalb lohnabhängigen Fußvolk, das von den aufkommenden sozialistischen Kritikern als industrielles Proletariat bezeichnet wurde (lateinisch: industria = Fleiß). Im wachsenden Dilemma zwischen dem unteilbaren Anspruch auf die reale Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder und den eigenen wirtschaftlichen Interessen entschied sich das Bürgertum – wen wundert’s – realpolitisch zunehmend für Letztere. Ein verkürzter ökonomischer Liberalismus, der nur mehr den „freien Markt“ glorifizierte, schluckte gleichsam den politischen Liberalismus (siehe Erläuterung). So wurde das Bürgertum von einer gesellschaftlich progressiven und emanzipatorischen zu einer konservativen und elitären Kraft. Das aufklärerische Ideal einer voll entfalteten Bürgergesellschaft wich einem politischen Ökonomismus (siehe Erläuterung), der zu seiner ideologischen Rechtfertigung auf vormoderne, die Dinge verklärende Denkmuster zurückgriff.

Die Metaphysik des Marktes

Den Kern der neu-alten Doktrin bildete jene Metaphysik des Marktes, die sich in christlich-naturrechtlicher Tradition (siehe Erläuterungen) auf das segensreiche Wirken göttlicher Vorsehung auch im Wirtschaftsleben berief: auf die berühmte „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) des Marktes. Am deutlichsten hat diesen metaphysischen Hintergrund des marktgläubigen Wirtschaftsliberalismus wohl der französische Ökonom(!) Frédéric Bastiat (1801–1850) in seinem damals viel verwendeten Lehrbuch Harmonies économiques ausformuliert:
„Ich glaube, dass Er, der die materielle Welt geordnet hat, auch die Ordnung der sozialen Welt nicht auslassen wollte. Ich glaube, dass Er die frei Agierenden ebenso zu kombinieren und in harmonische Bewegung zu setzen wusste wie die leblosen Moleküle … Ich glaube, dass die unbesiegbare soziale Tendenz die einer konstanten Annäherung der Menschen an ein gemeinsames physisches, intellektuelles und moralisches Niveau ist, wobei dieses Niveau fortschreitend und unbegrenzt ansteigt. Ich glaube, es ist für die allmähliche und friedliche Entwicklung der Menschheit ausreichend, wenn diese Tendenzen ungestörte Bewegungsfreiheit erlangen.“
Die Botschaft ist klar: Das freie Wirken wirtschaftlicher Interessen sorgt von selbst dafür, dass es am Ende allen gut geht. Wer gestaltend oder regulierend in den Markt eingreift, der stört bloß die von höherer Hand in den freien Markt eingebaute Harmonie und Fortschrittstendenz. Gewollt oder ungewollt arbeitete diese gegenaufklärerische Metaphysik des Marktes der Vorstellung eines sich selbst regulierenden und daher aus der politischen Kontrolle zu entlassenden Wirtschaftssystems zu. Als System des vermeintlich perfekt geordneten Egoismus entlastet es die Bürger in ihrem Wirtschaftsleben von nahezu jeglicher Moralzumutung. So wurde das privatwirtschaftliche Profitstreben als angeblich hinreichendes Handlungsmotiv enthemmt. Der eintreffende Geldsegen dient dem fundamental Marktgläubigen als Zeichen dafür, dass er nicht nur kaufmännisch, sondern auch moralisch auf gutem Weg ist. In den berühmten Worten von Max Weber (1864–1920): „Denn wenn jener Gott, den der Puritaner (das heißt der amerikanische Calvinist) in allen Fügungen des Lebens wirksam sieht, einem der Seinigen eine Gewinnchance zeigt, so hat er seine Absichten dabei. Und mithin hat der gläubige Christ diesem Ruf zu folgen, indem er sie sich zunutze macht.“
Damit war das religiös unterfütterte „Leitmotiv des Kapitalismus“ geboren. Mit seinem Siegeszug verengte sich der Traum einer freiheitlich-demokratischen Bürgergesellschaft fortschreitend auf die Doktrin einer totalen Marktgesellschaft, in der tendenziell die gesamte gesellschaftliche Ordnung dem „Marktprinzip“ unterworfen wird. Unter diesem ökonomistischen Horizont schrumpft das Leitbild des zum öffentlichen Vernunftgebrauch fähigen Bildungs-, Staats- und Wirtschaftsbürgers auf den mehr oder weniger strikt nach privater Nutzen- oder Gewinn-maximierung strebenden Besitzbürger nach dem Muster eines homo oeconomicus (eines sich nur über das Wirtschaften definierenden Menschen). Diesen idealtypisch zu Ende zu modellieren und seine Logik für die Rationalisierung der Welt geltend zu machen, wurde zur Aufgabe der „modernen“ Wirtschaftswissenschaft.

Wirtschaftsethik als nachholende Aufklärung

Der diskrete Charme der Bourgeoisie bezirzte denn auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem „Boom“ des Wirtschaftsliberalismus, die akademischen Fakultäten. Bis dahin hatten die Klassiker der Politischen Ökonomie von Adam Smith bis John Stuart Mill (bezeichnenderweise zugleich führende Moralphilosophen ihrer Zeit) noch den Blick aufs Ganze der Zusammenhänge zwischen Ethik, Politik und Ökonomie gepflegt. Ab 1870 wichen sie der neoklassischen Ökonomik, die sich nach naturwissenschaftlichem Vorbild als wertfreie und autonome Wirtschaftstheorie (miss-)versteht. Bis heute will die neoklassische Standard-ökonomik – andere Ansätze werden in den Wirtschaftsfakultäten kaum mehr gelehrt – nichts wissen von ihren ethischen und politischen Voraussetzungen. Mit diesem Reflexionsstopp verzichtet sie allerdings auch auf einen methodisch kontrollierten Umgang mit ihren wertsetzenden Hintergrundannahmen und Geltungsgrenzen. …

Autor: Peter Ulrich