der blaue reiter


Keuchenius: Julien Offray de La Mettrie



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La Mettrie und die Kunst, Wollust zu empfinden. Porträt eines verfemten Denkers


„La Mettrie, Julien Offray de (19. Dezember 1709 Saint Malo – 11. November 1751 Berlin), französischer Arzt und Philosoph; vertrat einen mechanistischen Materialismus (siehe Erläuterung); musste wegen seiner Ansichten aus Frankreich fliehen; veröffentlichte 1748 in Holland sein Hauptwerk L'homme machine (Der Mensch als Maschine); musste deswegen wiederum fliehen; erhielt Asyl in Preußen; war Mitglied der freigeistigen Tafelrunde Friedrichs II. in Potsdam; starb infolge unmäßigen Verzehrs einer Trüffelpastete.“ So lautet ein typischer Lexikoneintrag über La Mettrie. Er enthält in Kurzform bereits fast alles, was heute allgemein über ihn bekannt ist, sowohl biografisch als auch philosophisch. Dieses auch in der Fachwelt verbreitete Bild La Mettries ist jedoch sehr fragwürdig; denn in ihm fehlt ausgerechnet jenes Werk, nach dem die Zeitgenossen ihn be- und verurteilten und das er selbst als sein Hauptwerk betrachtet hat: Discours sur le bonheur (Über das Glück), ergänzt durch die Schrift L'art de jouir (Die Kunst, Wollust zu empfinden). Die darin enthaltene „théorie des remords“ (Lehre vom Schuldgefühl/Über-Ich) galt als moralisch so verwerflich, dass die Aufklärer sich von La Mettrie distanzierten. Sie stößt erstaunlicherweise noch heute meist auf Ablehnung, die freilich nicht mehr als moralische Entrüstung auftritt, sondern – La Mettries Philosophie entkernend – als Rehabilitation eines Verfemten.

La Mettrie, über dessen Herkunft und Jugend wenig bekannt ist, studierte zunächst Philosophie und Naturwissenschaften, dann Medizin. Nach seiner Promotion (Rennes, 1736) ging er aus Unzufriedenheit mit dem Stand der Medizin in Frankreich nach Leiden/Holland, wo der damals in Europa führende Mediziner Hermann Boerhaave lehrte. Dort begann La Mettrie seine schriftstellerische Tätigkeit, indem er zunächst medizinische Schriften Boerhaaves ins Französische übersetzte und mit Kommentaren versah, bald aber auch eigene medizinische Abhandlungen verfasste. Nach zwei Jahren in Leiden kehrte er in seine Geburtsstadt Saint-Malo zurück, ließ sich als Arzt nieder, heiratete und wurde 1741 Vater einer Tochter.

 

Die bestehende Kultur steht wahrer Wollust
ebenso feindselig gegenüber wie der Vernunft.

 

Das Jahr 1742 brachte eine Zäsur in La Mettries Leben. Er ließ seine Familie in Saint-Malo zurück und ging nach Paris, um bei dem Duc de Grammont die Stelle eines Leibarztes und Sanitätsoffiziers in dessen Regiment der Gardes Françaises anzutreten. In dieser Position nahm er von 1743 bis 1745 am Österreichischen Erbfolgekrieg teil, hielt sich aber auch für längere Zeit in Paris auf und scheint sich dort als fortschrittsorientierter Boerhaave-Schüler in medizinischen Kreisen eine Reihe von Feinden geschaffen zu haben. Die Folge war, dass er 1745, als sein Schutzherr, der Duc de Grammont fiel, seine Stellung verlor.
Zur gleichen Zeit hatte La Mettrie literarisch sein engeres Fachgebiet überschritten: 1745 erschien – anonym – sein philosophisches Erstwerk Histoire naturelle de l'âme (Naturgeschichte der Seele). Es wurde sofort beschlagnahmt und in Paris öffentlich verbrannt. 1746 publizierte La Mettrie eine ironisch-polemische Schrift gegen die geschäftstüchtigen Ärzte, die an neuen Erkenntnissen nicht interessiert sind (Politique du médecin de Machiavel). Schließlich trug noch seine Schrift La Volupté (Die Wollust) dazu bei, dass ihm der Aufenthalt in Frankreich zu gefährlich wurde und er 1747 in das vergleichsweise liberale Holland floh. Hier, wo die verbotenen Bücher für ganz Europa gedruckt wurden, schrieb und publizierte La Mettrie, vorsichtshalber wiederum anonym, das Buch, das ihn berühmt machte: L'homme machine (Der Mensch als Maschine). Damit hatte er jedoch die Grenze der holländischen Toleranz überschritten. Die Anonymität erwies sich schnell als wenig verlässlicher Schutz, und La Mettrie konnte sich im Februar 1748 gerade noch durch erneute Flucht der Verhaftung entziehen. Er fand Asyl in Preußen, am Hofe Friedrichs II., der als „aufgeklärter Monarch“ und freisinniger „Philosoph auf dem Thron“ das gejagte „Opfer der Pfaffen“ freudig aufnahm.
Als La Mettrie in Potsdam eintraf, stand er dort in bestem Ruf. Er wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften, und Friedrich ernannte ihn zu seinem Leibarzt und persönlichen Vorleser beziehungsweise Gesellschafter. Bei Friedrichs Tafelrunde berühmter Freigeister auf Schloss Sanssouci war er ständiger Gast. Vor allem eines verstand sich hier von selbst: Der verfolgte Autor von La Volupté und L'homme machine sollte unter dem Schutz Friedrichs seine philosophischen Gedanken frei und ohne jede Zensur publizieren können.
Doch es kam schnell ganz anders. Friedrich sah sich bald außer Stande, sein Versprechen aufrechtzuerhalten. Bei seinen Attacken auf die Geldgier der unfähigen Ärzte und die Vorurteile des bornierten Klerus hatte La Mettrie auf Friedrichs Beifall zählen können. Auf Sanssouci aber, im Rahmen der Konversation bei Hofe, konnte La Mettrie nicht an sich halten, die Vorurteile auch der Freigeister, freilich in mild-ironischer Form, aufs Korn zu nehmen. (AS, 63) Damit war er schnell an die Grenze auch der friderizianischen Toleranz gestoßen.
Friedrich beauftragte Maupertuis, den Präsidenten der Akademie, La Mettrie dringend nahe zu legen, dass er sich selbst verpflichte, keine eigenen Werke mehr zu verfassen, sondern seine literarische Aktivität auf Übersetzungen zu beschränken. Erklärte Absicht war, La Mettrie vor sich selbst, vor unbedachten Exzessen seiner „gefährlichen Einbildungskraft“ zu schützen. La Mettrie, dem kein weiteres Asyl mehr offen stand, musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Aber er ließ sich nicht einschüchtern und fand einen Weg, unter Wahrung der Form seine unwillkommenen Gedanken über die Vorurteile der Aufgeklärten zu publizieren. Er übersetzte weisungsgemäß eine unverdächtige klassische Schrift: Senecas De beata vita (Vom glückseligen Leben); aber er schrieb dazu, da ihm das nicht ausdrücklich untersagt worden war, eine „Einleitung“. Diese Einleitung gestaltete La Mettrie zu dem Werk, das er dann selbst als sein Hauptwerk betrachtete: Discours sur le bonheur. Es gelang ihm, trotz der permanenten Kontrolle durch den täglichen Umgang mit Friedrich und anderen „Aufpassern“, den Seneca samt Einleitung ohne Vorzensur drucken zu lassen. Der Eklat war perfekt, freilich ein sehr leiser Eklat; denn La Mettries Asylherr, der sich auf seine Toleranz in geistigen Dingen viel zugute hielt, konnte ihm kaum Ausdruck geben.

 

Wollust ist eine wahrhaftige Ekstase die nur
der Wollüstige, nicht der Wüstling erleben kann.

 

Friedrich, der wütend einige Exemplare dieses Werkes ins Feuer geworfen haben soll – wie der junge Lessing, darüber hoch erfreut, an seinen Vater schrieb –, konnte ja schwerlich offen als Zensor eines Philosophen auftreten, den er vor kurzem noch gepriesen und vor Verfolgung gerettet hatte. Deshalb blieben seine Maßnahmen eher unauffällig. La Mettrie behielt seinen offiziellen Status bei Hofe und in der Akademie, aber er wurde jetzt gedrängt, seine Œuvres philosophiques – aber ohne sein Hauptwerk – herauszugeben: gleichsam als Abschluss seiner fünfjährigen philosophischen Laufbahn, als geistiges Testament des gerade 40-Jährigen mit stillschweigendem Widerruf der ihm wichtigsten Ideen.

Über La Mettries persönliche Situation am Hofe sind kaum Zeugnisse von ihm selbst überliefert; berichtet wurde von verschiedener Seite, dass er dort so etwas wie ein Hofnarr war – offenbar eine Rolle, in die er geflüchtet war, um die Lage zu entspannen. Als „lachender Demokrit“ wurde er damals auch in Kupfer gestochen. In dieser Rolle verfasste er einige kleinere, auf Grund ihrer vertrackten Ironie oft missdeutete Schriften. Freilich konnte La Mettrie diesem gekünstelten Frieden nicht trauen; er, der einzige „amoralische Atheist“ am Hofe, sah sich in seinem letzten Asyl trotz seiner Hofnarren- und Spaßmacherrolle zunehmend von heimlichen Feinden umgeben, die ihn durchaus ernst nahmen, so sehr, dass er fürchtete, dass „eines Tages der Schierlingsbecher der Lohn meines philosophischen Mutes sein würde“. (AS, 93) In der kleinen, wiederum zum Selbstschutz hochironischen Schrift Le petit homme à longue queue (KW, 89–99) wiederholte er, ganz nebenbei, seine Befürchtung, dass er der „Wut der Frommen“ zum Opfer fallen werde. Dies war seine letzte Schrift. Wenige Wochen später starb der bis dahin Kerngesunde: dem Gerücht nach als Folge maßloser Völlerei; in Wahrheit blieb die Todesursache ungeklärt.

La Mettries Befürchtungen über seine Gefährdung sowie seine zwischen den Zeilen zu lesende und in Ironie verpackte Einschätzung, dass auch die meisten seiner aufklärerischen Zeitgenossen zu jenen „Frommen“ zu zählen sind, erwiesen sich als durchaus realistisch…

Autor: Bernd A. Laska