der blaue reiter


Wolfgang Mattheuer:
Der übermütige Sisyphos
Holzschnitt, 41 x 35 cm



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Sisyphos im Glück


In der griechischen Mythologie kannten die Götter kein Erbarmen mit den Unbotmäßigen, die es wagten, sich zum Wohl der Sterblichen den göttlichen Anordnungen zu widersetzen. Tantalos, der den Menschen Speisen vom Tisch der Götter mitgebracht hatte, wurde in den Tartaros verbannt, wo Hunger und Durst ihn plagten – Wasser und Früchte zogen sich vor ihm zurück, sobald er danach griff. Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte, wurde im Kaukasus an einen Felsen geschmiedet; tagsüber musste er einen Adler erdulden, der sich an seiner über Nacht nachwachsenden Leber gütlich tat. Sisyphos, der den Tod in Ketten gelegt hatte, musste in der Unterwelt einen schweren Stein auf den Gipfel eines Berges wälzen, von wo der gewaltige Brocken immer wieder hinabrollte.
Diese grausamen Strafen sind schieres Unglück. Da sie für die Ewigkeit vorgesehen sind, entfällt jede zeitliche Begrenzung und damit eine mögliche Rehabilitierung. Es gibt keine Hoffnung auf Entrinnen, keine Zukunft, sondern nur unerträgliche Gegenwart, erfüllt mit körperlicher Pein und seelischem Schmerz. Auszuhalten war die Qual anfangs wohl nur in den kurzen Augenblicken der Hoffnung: Wenn Tantalos das Wasser bis zum Hals stand und die Früchte des Baums zum Greifen nah vor seinen Augen baumelten; wenn Prometheus nachts spürte, wie seine Leber wieder gesund wurde; wenn Sisyphos den Stein mit einer letzten Anstrengung auf den Gipfel hievte – in diesen entspannten Momenten konnte die zaghafte Hoffnung aufkeimen, dass es dieses Mal gelingen würde, von der Tortur erlöst zu werden, wenigstens dieses eine Mal.

 

„Glück und Absurdität sind Kinder ein und
derselben Erde. Sie sind untrennbar.“
(Albert Camus)

 

Die Verurteilten dachten menschlich: Es muss doch einmal ein Ende mit dieser Schinderei haben. Gnade sollte vor Recht ergehen. Kein Verbrechen kann so groß sein, dass keine Sühne ihm genüge tutund eine dauerhafte Freiheitsberaubung rechtfertigt. Aber je länger das Unglück dauerte, desto vergeblicher erschien das Auslangen nach einem Quäntchen Glück. Im Gegenteil: Es wuchs die Gewissheit, dass die Götter unnachgiebig bleiben würden, was wiederum das Glücksbegehren intensivierte und die seelische Not vergrößerte. Mag sein, dass mit der Zeit die Hoffnungslosigkeit in Resignation umschlug, Tantalos, Prometheus und Sisyphos sich also in ihr schreckliches Schicksal ergaben, nachdem sie sich vielleicht eine Zeitlang mit aller Kraft dagegen aufgelehnt hatten. Doch die Niedertracht der göttlichen Sanktionen zeigt sich darin, dass nicht einmal die Unterwerfung der Rebellen den Rachedurst der Götter befriedigte. Jeder Versuch, die Einstellung zur Situation zu ändern, sollte die Verzweiflung und damit das Unglück steigern. So entstand im Gefolge der Resignation der Wunsch, endlich sterben zu können. Lieber tot sein, als ein unglückliches Leben führen zu müssen. Aber das Bewusstsein, niemals sterben zu dürfen, potenziert die Qual noch einmal. Es müssen sadistische Götter sein, die Freude an solchen Höllenstrafen und extremem menschlichem Leid haben. Das ist freilich kein Trost für die Ohnmächtigen. Illusionslos sehen sie nun den Tatsachen ins Gesicht: Die Lage ist aussichtslos und könnte schlimmer nicht sein. Es gibt in alle Ewigkeit keinen Ausweg.

Das Absurde

Vor diesem Hintergrund mutet der Satz, mit dem Albert Camus seinen Essay Der Mythos des Sisyphos enden lässt, fast pervers an: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (MS, 160) Sollte es doch eine Möglichkeit geben, den Göttern gleichsam ein Schnippchen zu schlagen und sich dem Verhängnis zu entziehen? Camus hat sich stets als einen mediterranen Denker mit griechischem Herzen verstanden. Seine Lektüre der antiken Mythen entschlüsselte ihm die Situation des modernen Menschen, dessen existenzielle Be-
findlichkeit ihm vergleichbar schien mit der des Sisyphos. Der heutige Mensch findet sich vor in einer sinnentleerten, durch und durch irrationalen Welt, aus der die Götter sich zurückgezogen haben, und führt einen vergeblichen Kampf gegen ein Universum, das ihn zu vernichten droht.
Die Welt hat von sich aus keinen Sinn, und sie lässt sich auch nicht von den Menschen mit einem Sinn überziehen. Vor diesen Befund gestellt, muss man sich entscheiden, „ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht“. (MS, 11) Anders als die antiken Helden hat der heutige Mensch eine Wahl: Er kann angesichts der Absurdität seiner Ausgangsbedingungen den Tod wählen. Den Ausdruck des Absurden hat Camus eingeführt, um die Wertlosigkeit des menschlichen Daseins zu charakterisieren: Es ist absolut widersinnig, als ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen kein Gegenüber anzutreffen, das dem Anspruch auf Rationalität genügt. Wie der Gesichtssinn verkümmern würde, wenn der Mensch zwar Augen hätte, um zu sehen, es aber nichts zu sehen gäbe, so bleibt das Begehren der Vernunft nach Klarheit und Transparenz der Dinge unerfüllt, da die Welt ihm als ein unstrukturierbares Chaos entgegentritt und jeder Versuch, sie mit Hilfe von Begriffen oder wissenschaftlichen Formeln verstehbar zu machen, bloße Konstruktion ohne Realitätsbezug bleibt: ein Gebilde der Sehnsucht nach wahrer, objektiver Erkenntnis, in welcher die Fremdheit der Welt aufgehoben wäre.

 

Die Stunde, in der Sisyphos zu seiner Qual
hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt, ist die
Stunde des Bewusstseins und der Verachtung.

 

Worauf es Camus bei der Frage nach dem Wert des Lebens ankommt, ist, ob man die Selbsttötungmit guten Gründen wählen kann oder ob es gute Gründe für eine Alternative gibt. Wenn der Mensch sich schon über seine Vernunft definiert, muss er sein Handeln reflektieren – allerdings ohne den Widerspruch zu leugnen, der ihn zerreißt: „Absurd … ist der Zusammenstoß des Irrationalen mit dem heftigen Verlangen nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird. Das Absurde hängt ebensosehr vom Menschen ab wie von der Welt.“ (MS, 33)
Camus hat die christliche Sündenfalllehre als Erklärung für das Absurde immer abgelehnt. Für ihn ist der Mensch nicht schuld an der misslichen Lage, in der er sich vorfindet. Und sollten ein Gott oder Götter für sein Unglück verantwortlich sein: Umso schlimmer für sie. Denn wer wissentlich Sinnwidriges hervorbringt, verdient den Namen Gott nicht. Damit sind die Weichen gestellt für die Frage, die Camus beschäftigt: Wo sollen wir unsere Wertvorstellungen und damit die Ziele finden, deren Verfolgung ein im ganzen geglücktes Leben ermöglichen, wenn die Welt eine Wüste ist und den Dingen kein durch einen Schöpfergott garantierter Sinn innewohnt und wenn auf der anderen Seite der Mensch zwar nach Sinn verlangt, aber außer Stande ist, die sich ihm darbietende Sinnleere durch eigene Sinngebilde zu ersetzen? Zur Beantwortung dieser Frage greift Camus auf die griechische Mythologie zurück und interpretiert den Sisyphos-Mythos dahingehend, dass er als Folie lesbar wird, auf welcher sich eine Lösung des Problems abzeichnet.

Sisyphos und Zarathustra

Dass Sisyphos im Zusammenhang mit der Frage nach einem sinnvollen, geglückten Leben als Vorbild dient, hat vor allem zwei Gründe. Der eine besteht darin, dass Sisyphos im Unterschied zu Tantalos und Prometheus noch eine gewisse Bewegungsfreiheit hat. Er ist nicht wie seine Leidensgenossen angekettet und muss sein Schicksal passiv erdulden, sondern kann im vorgegebenen Rahmen eine gewisse Aktivität entfalten. Zum anderen hat Camus Nietzsche sehr geschätzt, und man kann eine Verwandtschaft zwischen der Figur des Sisyphos und der Gestalt Zarathustras erkennen: Beide verlangen nach einem absoluten, unüberbietbaren Glück, wohl wissend, dass ein solches weder vorhanden noch mit menschlicher Kraft herstellbar ist. Beide machen die Erfahrung äußerster Frustration, um schließlich eine Glücksvorstellung zu entwickeln, die menschengemäß ist.
Für Zarathustra ist die These der ewigen Wiederkehr des Gleichen jener „abgründliche Gedanke“, der ihm das Leben unerträglich macht und ihn an den Rand des Selbstmords treibt. Die Vorstellung, dass es prinzipiell keine Höherentwicklung gibt, dass vielmehr alles Neue nur ein abgelebtes Stück Vergangenheit ist und damit die bloße Wiederholung von bereits Gewesenem, beraubt die Geschichtsmodi (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) ihrer Eigenständigkeit. Diese sind bloß Aggregatzustände ein und desselben Einerleis. Zarathustra sieht sich genötigt, das lineare Geschichtsmodell zu verabschieden, aber es bereitet ihm größten Ekel, sich mit dem zyklischen Modell anzufreunden. In der Rede „Vom Gesicht und Räthsel“ schildert er einen jungen Hirten, dem im Schlaf eine schwarze, dickleibige Schlange in den Schlund gekrochen war und sich dort fest gebissen hatte. (KSA 4, 201) Diese grauenhafte Vision verdeutlicht das Erstickende des Gedankens der ewigen Wiederkehr, folgt aus ihm doch, dass der Mensch sich vergeblich Ziele setzt…

Autorin: Annemarie Pieper