der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Erinnern


Der Mensch entwirft sich nicht aus dem Nichts. Im Streben nach Gewissheit sucht er heutzutage durch die Erforschung der biologischen Grundlagen des Erinnerns die Bedingungen seiner Existenz zu ergründen. Für den Lebensvollzug wichtiger als die genaue Kenntnis der Verschaltung von Nervenzellen im Gehirn ist jedoch, wie wir mit dem Erinnerten umgehen und was wir, bewusst oder unbewusst, dem Vergessen anheim fallen lassen. Nicht von ungefähr heißt es bei Honoré de Balzac:

 

„Erinnerungen verschönern das Leben, aber
das Vergessen allein macht es erträglich.“

 

Nietzsche zufolge ist der Mensch geradezu eifersüchtig auf das Glück der Tiere, welche nur von Augenblick zu Augenblick leben und deshalb „weder schwermütig noch überdrüssig“ werden. Allerdings, so Michael Steinmann in seinem Beitrag Die Wahrheit des Erinnerns ist das Vergessen, kann das Tier gar nicht wissen oder sagen, dass es glücklich sei. Dies kann nur der Mensch, der sein Dasein überschaut. Was der Mensch beneidet, ist vielmehr das Selbstvergessen, welches das Tier vermag. Unsere Gegenwart hingegen steht beständig vor der Aufgabe, sich mit einer anderen, bereits vergangenen Gegenwart vergleichen zu müssen – dem Menschen wird derart offenbar, dass er die Möglichkeit besitzt, anders zu leben, als er es tut. Produktiv kann der Einbruch des Vergangenen in die Gegenwart, der schmerzvolle Einschnitt, der uns zur Rechtfertigung zu zwingen vermag, nur dann sein, wenn er nicht die Gegenwart besetzt hält, sondern einen Bereich der Begegnung eröffnet, der uns immer wieder neu mit einem wahrhaft anderen unserer selbst konfrontiert.
Eine wahrheitsfähige Geschichtsbetrachtung, das heißt eine Auseinandersetzung mit Geschichte, die es ermöglicht, bewusst zu erinnern und zugleich ein getreues Bild des Vergangenen zu zeichnen, mithin eine historische Orientierung, kann es Nietzsche zufolge nicht geben. Vielmehr ist die Historie eine Gefahr. Angesichts der Übermacht des Vergangenen verlieren die Menschen die Ressource, die sie zum Handeln brauchen – den Glauben an die Zukunft.
Da uns die Historie nur über das belehrt, was wir getan haben, aber nicht darüber, was wir tun können und tun sollen, liegt der Sinn der Geschichte in unserer eigenen Verantwortung, so Herbert Schnädelbach in seinem Beitrag Über den Sinn der Geschichte. Auch wenn das, was wir der Geschichte entnehmen können, nicht mit unserem Selbstverständnis als vernünftige Lebewesen zusammenpassen will, können wir „nur hoffen, dass künftige Historiker davon einmal etwas Sinnvolles zu erzählen wissen“.
Gegen den Anspruch der Geschichtswissenschaft auf Objektivität schreibt Jörn Rüsen in seinem Beitrag Kann Gestern besser werden?: „Geschichte ist eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die aus dem Geschehenen und dessen Deutung zugleich gebaut ist.“ Aber auch wenn die Vergangenheit gewissermaßen von der Gegenwart dirigiert wird wie die Mitglieder eines Orchesters, kann nicht davon abgesehen werden, „dass Erinnerung grundsätzlich erfahrungsbezogen ist“. Im Streben, durch Deutung von Erinnerungen „Geschichte“ machen zu wollen, sieht er den hilflosen Versuch, die Grenzen der eigenen Lebensspanne überschreiten zu wollen.
Dass Derartiges nicht nur für die Verfasser von Autobiografien gilt, zeigt Roswitha Breckner in ihrem Beitrag Abgelegte Erinnerungen? Was Familienalben verraten. Da Fotografien einen spezifischen Eindruck der im Fluss befindlichen Realität zu fixieren scheinen, wirft sie die Frage auf, „ob überhaupt, und wenn ja, was für eine Wirklichkeit durch Fotografien in einem Moment ,festgehalten‘ und in die Gegenwart des Betrachters transportiert wird“. Anhand eines Fallbeispiels kommt sie zu dem Schluss, „dass wir in Fotoalben Wunschbilder finden, wie die eigene Familie sein und aussehen soll, also den Mythos ,Familie‘“. Und: „Bildbiografien bieten die Möglichkeit, Dinge zu kommunizieren, die sprachlich nicht vermittelt werden können oder sollen.“
Während Autobiografien das Leben im Rückblick schildern – mit allen im Lebensgang gewonnenen Erkenntnissen und Möglichkeiten zur nachträglichen Sinnstiftung –, sind Tagebücher dem unaufhaltsamen Verlust von Dasein entrissener Alltag. Mit Bezug auf Christa Wolffs Tagebuch konstatiert Jutta Heinz in ihrem Beitrag Dem Vergessen entrissen. Das Tagebuch als Lebensspeicher, dass es der von den Historikern oft vernachlässigte Alltag ist, der, obzwar er der Erinnerung am ehesten entflieht, das Leben am stärksten prägt und es erst erinnerbar macht. Geht dieser Alltag verloren, stellt sich zwangsläufig Realitätsflucht und Realitätsblindheit ein.
Da Erinnern mehr ist als eine individuelle Praxis, um eine Identität über die Jahre hin zu reproduzieren und zu stabilisieren, betrachten Aleida und Jan Assmann das individuelle Gedächtnis in Form nur auf sich selbst bezogener Erinnerungen als Grenzfall. Im Gegensatz zu den Neurowissenschaften, welche nur die Mechanismen des Gehirns betrachten und nicht nach dem Individuum, dem Träger der organischen Substanz, fragen, untersuchen sie „das Gedächtnis nicht als ein individuelles Vermögen, sondern als eine soziale Praxis“. Im Interview kommen sie zu dem Schluss:

 

„Die Erinnerung ist nicht nur sozial,
sondern auch kulturell bedingt.“

 

Die für das Erinnern unabdingbare Teilhabe jedes Einzelnen am gemeinsamen, identitäts-stabilisierenden Schatz von Riten, Texten, Kunstwerken… einer Gesellschaft bezeichnen sie als kulturelles Gedächtnis. Solche symbolischen Formen der Kultur „stehen im Dienst einer Praxis, mit der eine kollektive Identität über Generationen hinweg fortgesetzt wird“. Ob Traditionen historisch unbezweifelbar, entworfen, erfunden oder projiziert sind, ist für Aleida und Jan Assmann eine andere Frage. Da der Mensch aus einer Vergangenheit kommt und in eine ungewisse Zukunft geht, so ihre Überzeugung, braucht er „eine gewisse Langfristigkeit der Erfahrung für Orientierung und Perspektive“.
Für Reinhart Koselleck hingegen beruhen Erinnerungen auf individuellen Erfahrungen, die sich nicht kollektivieren lassen. Ein kollektives Subjekt, das sich erinnern könnte, ist für ihn eine Erfindung: „Der Mensch hat als Person ein Recht auf seine eigene Erinnerung, ohne die er nicht leben könnte.“ Kollektiv seien lediglich die Bedingungen individueller Erfahrungen. Unter dem Titel Gedächtnisstätten im Wandel schreibt er: „Die Verbildlichung der Erinnerung zehrt von einem beschränkten Bündel abrufbarer Motive, die zur Wiederholung nötigen, um die jeweilige Einmaligkeit des Sterbenmüssens sichtbar zu machen.“ Da die Suche nach den Toten die Überlebenden mit sich selbst konfrontiert, fordert er, dass nicht Sieg oder Niederlage erinnert und überwunden werden müssen, sondern die gemeinsamen Konflikte.
Aber nur allzu oft muss eine Gegenwart, die keine Zukunft mehr kennt, mit einer manipulierten Vergangenheit stabilisiert werden. Da die Vergangenheit nur in dem Maß existiert, in dem sie erinnert wird, wird sie immer wieder von anderen Herren in Dienst genommen. Nicht von ungefähr fragt Edgar Wolfrum in seinem Beitrag Kampfplatz Geschichte nach der Deutungs-hoheit des Überlieferten, denn:

 

„Erinnert wird immer nur auf Kosten von etwas
anderem.“

 

Verantwortliches Erzählen ist auf die Unterstützung der anderen angewiesen, in der die Erinnerung des Einzelnen in derjenigen der anderen ihre Bestätigung findet. Will man eine Vergangenheit, die nicht vergehen will, das heißt ein Übermaß an Erinnerung vermeiden, wird die angebliche Pflicht der Erinnerung zu einer Pflicht, wieder und immer noch zu erzählen. „Wenn es denn eine Pflicht des Vergessens gibt, hat sie ganz offensichtlich mit Vergebung zu tun“, schreibt Paul Ricœur unter dem Titel Erinnerung und Vergessen. Führt man die angebliche Pflicht des Vergessens auf ihr rechtes Maß zurück, „so ist sie eine Pflicht, den Zorn zu unterbrechen“. In Wahrheit aber, so Ricœur, muss zugleich auf beide Gebote verzichtet werden, damit „an ihre Stelle die Arbeit der Erinnerung einerseits und das Bedürfnis des Vergessens andererseits wirklich werde“.
Im Zentrum des Porträts über Walter Benjamin steht dessen Erinnerungsbuch Berliner Kindheit. Benjamin „hat zunehmend weniger seine Hoffnungen auf das Was der Erinnerung gesetzt, vielmehr nur noch in deren Nachvollzug das Rettende gesehen“, schreibt Bernd Witte unter dem Titel Bilder der Erinnerung. Weil nur im Raum der Erinnerung der unerbittliche Ablauf der Zeit aufgehoben ist, ist für Benjamin Erinnerung „das einzig Glück verheißende Vermögen des Menschen“.
Heute jedoch, so Otto-Peter Obermeier, findet das Glück – der täglichen Pflicht zum Konsum folgend – scheinbar unter Neutralisierung der Erinnerung statt. Weil wir das Erinnerte schönen, um Schmerz zu verbannen, sieht er das Wesentliche der Erinnerung in deren Bearbeitung. In seinem Beitrag Die eindimensionale Erinnerung. Der süße und der hässliche Kuss der Erinnerung beantwortet er die Frage nach einer Erinnerung an eine bessere Welt mit einem klaren Ja: „Im Abendland nannten wir das bisher Paradies, anderswo wohl Goldenes Zeitalter, vielleicht auch Nirwana … Problematisch ist nur, dass dieses Paradies entweder urzeitlich angesiedelt ist – daher Erinnerung – oder endzeitlich – in der zukünftigen Zukunft … irgendwo, bei dieser Art der Erinnerung, muss die Erinnerung der Erinnerung zu Hause sein. Hier liegen die Quellen, welche die bisherige Menschheit am meisten bewegten, die Quellen der Religion, des Mythos, des Kultus.“ So gesehen, wäre, mit Jules Renard gesprochen, sich an die Gegenwart zu erinnern, das wahre Glück.

Die 19. Ausgabe des blauen reiters trägt den Titel

Was ist gerecht?

Unter anderem lesen Sie hierzu folgende Beiträge:

– Ralf Elm: Gerechtigkeit als Tugend und Gemeinwohl bei Aristoteles
– Georg Meggle: Kann Terror gerecht sein?
– ein Interview mit dem ehemaligen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR Joachim Gauck

sowie ein Porträt über Platon von Thomas Szlezák.

Siegfried Reusch, Chefredakteur