der blaue reiter


Wolfgang Kiwus: Ohne Titel



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Die Sinngesellschaft


Das Wirkliche ist vernünftig, das Vernünftige ist wirklich, und wir leben in der besten aller möglichen Welten – das sind berühmte, aber unpopuläre Formeln von Hegel und Leibniz, mit denen man die „Hintergrundüberzeugung“ der folgenden Überlegungen gut beschreiben könnte. Doch warum ist es – trotz dieser großen philosophischen Autoritäten – so unpopulär, unsere Welt als gelungen zu betrachten?

Meine Antwort: Es ist leichter, nein zu sagen, als die Weltgesellschaft in ihrer Komplexität zu verteidigen. Negative Prophezeiungen, die unbestimmt genug sind, kann man nicht widerlegen. Wer etwa behauptet, dass die Welt in hundert Jahren ökologisch zerstört sein wird, ist unwiderlegbar. Wenn man Schlimmes erwartet, ist man immer auf der sicheren Seite. Schlimmstenfalls – und das heißt ja: wenn das Schlimme nicht eintritt – kann man immer noch sagen, dass es besser gekommen ist, weil man gewarnt und gemahnt hat. Ich meine also: Pessimismus ist Denkfaulheit. In der Welt der Warner und Mahner wird die Apokalypse zur Ware – wer sie kauft, erspart sich die Mühe der Differenzierung. Die „Katastrophe“ entlastet.
Dass das Wirkliche vernünftig ist, zeigt aber schon die schlichte Lebenserfahrung in der modernen Welt: Bürokratien sind verlässlicher als Menschen, Institutionen sind toleranter als Menschen, Technologien sind intelligenter als Menschen. Der Philosoph Hegel hat das „objektiven Geist“ genannt – der Soziologe Max Weber sprach von „geronnenem Geist“. Deshalb sollte man skeptisch sein gegenüber Heilsversprechen, die das Vernünftige jenseits des Wirklichen suchen. Das, was ist, ist meist besser als die guten Absichten.
In unserer Wirklichkeit versteht sich nichts mehr von selbst – und dieser Selbstverständlichkeitsverlust ist selbst schon selbstverständlich geworden. Deshalb gehört es heute wieder zum guten Ton, nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Und um gleich vorab ein naheliegendes Missverständnis auszuschließen: Ich versuche nicht etwa, eine Antwort auf die Sinnfrage zu geben. Vielmehr geht es mir darum, den Sinn der Frage zu klären.
Das Heilsversprechen der Religion, die Utopie der Politik, das Bildungsideal des Humanismus – all das ist uns historisch geworden. In diesen Traditionen stecken keine Modelle für eine postmoderne Lebensführung, sondern allenfalls Themen für Dissertationen. Damit hat das Leben heute aber auch kein Werte-Korsett mehr, keinen Außenhalt in großen Ideen und Institutionen. Man muß nun selbst entscheiden, wer man ist – Sinn wird zunehmend zur Privatsache. Darin steckt eine Belastung des einzelnen, die durch das Zauberwort „Selbstverwirklichung“ mehr versteckt als benannt wird.
So war es aber nicht immer, und man sollte sich stets vor Augen halten, dass das Sinnproblem eine recht junge Erfindung ist. Es taucht auf drei Ebenen auf: Als Problem der Ding-Gestaltung: die Form folgt nicht mehr der Funktion. Als Problem der Selbst-Gestaltung; das Stichwort lautet hier: Krise der Identität. Und als Problem der politischen Gestaltung wegen der zu hohen Komplexität der Gesellschaft.
Die hier einschlägigen soziologischen Befunde sind altbekannt. Durch den Zerfall der Institutionen sind die Werte obdachlos geworden. Aber auch die konkrete, alltägliche Lebensführung wurde dadurch problematisch. Man könnte sagen, die selbstverständliche Hintergrunderfüllung durch Institutionen schwindet. Es gibt zwar noch Mächtige und Prominente, aber eben nicht mehr Repräsentanten im eigentlichen Sinne des Wortes. Roman Herzog verkörpert sowenig den Staat wie Hilmar Kopper die Macht des Geldes oder Günter Grass die Macht des Geistes verkörpert. Und wir wollen es wohl auch nicht anders.
Doch dieser Zerfall des Repräsentativen macht es unmöglich, sich ein Bild von der Gesellschaft zu machen. Statt dessen müssen wir uns mit der diffusen, kaleidoskopischen Selbstbeschreibung der Gesellschaft in den Massenmedien zufrieden geben. Dort wird aber der Sinn fürs Symbolische, also für Einheit und Ganzheit, nicht befriedigt. Deshalb adressiert man heute das Bedürfnis nach dem Wesentlichen an andere Instanzen.
Ursprünglich gab es die Brüderlichkeit der Stammesgemeinschaften, heute sind wir eine Weltgesellschaft aus Anderen, Fremden. Doch Globalisierung und Transnationalismus sind offenbar nur durch Entlastungen zu ertragen. Neue Tribalismen gleichen die Zumutungen der Weltgesellschaft aus. Auf den Straßen der Metropolen finden sich die Jugendlichen zu neuen Stammesgemeinschaften zusammen.
Glaubt man den Umfragen und Massenmedien, dann ging es im Wahlkampf zwischen Bob Dole und Bill Clinton nicht um Wirtschaft oder Außenpolitik, sondern um Werte. Das Magazin „George“ spricht gar von einem Krieg der Moralen. Werte sollen die Angst beschwichtigen, indem sie als Fiktionen von Stabilität das Chaos der modernen Welt kompensieren. Und das sind die sechs Säulen des Charakters nach neuester kalifornischer Moral: Respekt, Bürgersinn, Fürsorge, Vertrauenswürdigkeit, Fairness, Verantwortung.
Da will auch der deutsche Humanismus nicht zurückbleiben. „Wo bleibt das Ethos?“ fragte unlängst Marion Gräfin Dönhoff in der „Zeit“. Unserer Gesellschaft sei das Fundament entzogen, nämlich die Religion. O-Ton der Gräfin: „Die ausschließliche Diesseitigkeit, die den Menschen von seinen metaphysischen Quellen abschneidet, der totale Positivismus, der sich nur mit der Oberfläche der Dinge beschäftigt und jede Tiefendimension vergessen lässt, kann aber als einzige Sinngebung den Menschen auf die Dauer nicht befriedigen.“ Doch die Gräfin sieht durchaus Licht am Ende des Tunnels – praktisch in den deutschen Lichterketten, theoretisch im amerikanischen Kommunitarismus. Die Kommunitaristen gehen nämlich davon aus, dass der liberal-demokratische Kapitalismus noch anderes braucht als sich selbst, um zu funktionieren. Solidarität, Gemeinschaft, Subsidiarität – all das wird offenbar wieder aktuell.
Meine Grundthese lautet deshalb, dass die Suche nach dem verlorenen Sinn eigentlich eine Flucht aus der Komplexität ist. Und daraus folgt: Nach dem Sinn zu fragen heißt, die postmoderne Gesellschaft nicht zu wollen.
Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, dem steht der Sinn natürlich auch nicht nach einer differenzierten Beschreibung der Gesellschaft. Das kann man von den Auftritten der Warner und Mahner in den Talkshows des Fernsehens lernen – mit unwiderlegbaren Angstgefühlen und einfachen, tiefen Fragen blockieren sie das Denken. Das Geheimnis ihres Medienerfolgs liegt darin, dass der Satz „Ich habe Angst!“ die einfachste Form „authentischer“ Kommunikation ist. In den Massenmedien ist das längst Kommunikationsmode geworden: Man trägt Angst.

Pessimismus ist Denkfaulheit.

Die Frage nach dem Sinn und die Bekundung von Angst sind die beiden Techniken, mit denen man differenzierte Darstellungen unmöglich macht. Wer „Sinn“ oder „Angst“ sagt, lastet dem anderen die Komplexität der Welt auf. Man muss dann immer antworten: „So einfach ist es nicht …“ Doch reicht weder die Sendezeit der Talkshow noch die Aufmerksamkeit des Zuschauers für eine differenziertere Darstellung aus. Das ist natürlich für die Öffentlichkeit der Massenmedien und ihren Ideendarwinismus insgesamt charakteristisch: Nur die Ideen, die
dem Menschen einen notwendigen Platz im Weltlauf anweisen, setzen sich durch – sie beschwichtigen ebenjene „Angst“ durch „Erklärung“.
So einfach ist es nicht … Politiker, Designer und jedermann haben heute also dasselbe Problem: Die seligen Zeiten, in denen es noch verbindliche Maßstäbe des Gestaltens gab, sind unwiderruflich vorbei. Dass der Mensch das Maß aller Dinge ist, dass die Form der Funktion folgt, dass Politik die Kunst des Möglichen ist – das sind Parolen eines vergangenen Weltalters. Man muss das Problem der Ding-Gestaltung, das Problem der politischen Gestaltung und das Problem der Selbst-Gestaltung im Zusammenhang sehen. Stets handelt es sich um die Frage: Wie geht man mit einer Welt um, die extrem komplex ist – bis an die Grenze des Chaos. Und für alle drei Problembereiche heißt Komplexität: Undurchsichtigkeit des Ganzen. So entsteht eine alles durchdringende Sehnsucht nach Transparenz, Klarheit und Ehrlichkeit. Deshalb gehen die Menschen heute auf die Suche nach dem verlorenen Sinn.
Natürlich ist das Sinnproblem nicht erst eine Erfindung der Neunziger – aber es ist doch auch nicht älter als die moderne Gesellschaft. Wir müssen deshalb nicht bis zu den alten Griechen oder gar zu Adam und Eva zurückgehen, um das Problem aus seiner Geschichte zu begreifen. Schon Friedrich Nietzsche hat vor den Falschmünzern des Sinns gewarnt, und das sind gerade auch diejenigen, die das Sinnproblem als „allgemein menschlich“ und „ewig“ diskutieren. Alles hängt daran, die Frage richtig zu stellen – und richtig zu hören. So heißt es in Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“: Die Frage nach dem Sinn des Daseins wird „ein paar Jahrhunderte brauchen, um auch nur vollständig und in all ihre Tiefe hinein gehört zu werden“. Demnach haben wir die Sinnfrage noch gar nicht verstanden!
Wenn man nach der Bedeutung von Sinn fragt, trifft man im etymologischen Wörterbuch überraschenderweise auf ursprüngliche, althochdeutsche Bedeutungen wie „reisen“ und „eine Richtung einschlagen“. Das ist schon deshalb interessant, weil heute umgekehrt Reisen als Sinn-Suche inszeniert werden. „Weil das Reisen selbst nicht mehr als sinnvoll erfahren wird“, so Gerhard Fitzthum im Reiseteil der Zeit, verspricht die Touristikbranche „magische Kraftplätze“ und „Sinn-Vermittlungsorte“. Das Vorbild des derart spiritualisierten Urlaubstrips ist natürlich die Pilgerfahrt im Namen des Seelenheils. Und selbst an diesen neuen Pauschalreisen zum Lebenssinn wird noch deutlich: zum Bedeutungshof von Sinn gehörte einmal für das Individuum, dass es einen eigenen Weg nimmt – nämlich zum Heil seiner Seele.
Und seinen Außenhalt hat es dann im Lebensschema eines „Berufs“ gefunden, der noch nicht zum Job verblasst war, sondern etwas mit Berufung zu tun hatte. Wenn man in der Begegnung mit einer Person das Erlebnis von Sinn hatte, sprach man von Charisma; wenn einem Dinge sinnerfüllt erschienen, sprach man von ihrer Aura.
Sie merken schon: Ich muss diesen Sinnbegriff im Vergangenheitston beschreiben. Heil, Berufung, Charisma, Aura – diese Begriffe benutzen wir heute meist nur noch, um zu beschreiben, was wir vermissen. Die moderne Welt ist entzaubert – das macht sie überraschungssicher und technisch beherrschbar. Modernisierung heißt immer auch: Verlust der Bedeutsamkeit. Es kommt also nicht von ungefähr, dass heute geschickte Marketingstrategen die Bürger einer bedeutungsleeren Welt mit dem Heilsversprechen des Konsums ködern: Markennamen werden mit spirituellem Mehrwert aufgeladen; der Markt wird zum Schauplatz des Sinns.
Schon Theodore Levitts klassische Definition des Marketings als „die Suche nach der sinnvollen Unterscheidung“ deutet in diese Richtung. Und selbst ein so marktferner Beobachter wie der Rechtswissenschaftler Carl Schmitt hat den entscheidenden Zusammenhang von Kapitalismus, Freiheit und Sinn gesehen: „Die Sinngebung der Verwertungsfreiheit der Produktion“, so Schmitt, geht über in „die Bewertungsfreiheit im freien Konsum“. Hier wird die Konsumtion als Sinnproduktion verstanden; wer konsumiert, vollzieht eine rituelle Handlung, die aus Waren das Wahre schafft.

Autor: Norbert Bolz


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