der blaue reiter


Corinna Assmann: Salomo, 2005



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Wissen und Weisheit


Von jeher haben Menschen um Wissen gerungen und sich über die Brauchbarkeit von Wissen Gedanken gemacht. Mit dem Etikett „Weisheit“ haben sie das beste Wissen ausgezeichnet, aber auch Ideale und Wunschträume signalisiert. Die Beschäftigung mit verschiedenen Weisheitskonzepten macht indes noch etwas anderes deutlich: die unabschließbare Suche nach dem rechten Wissen.

Seit fünftausend Jahren gilt Weisheit als ein Ideal menschlichen Strebens und Lebens. Weise Menschen sind Ausnahmen, weises Handeln und Verhalten selten. Aber darüber zu entscheiden, was im gegebenen Fall weise und was unweise ist, vermag ein jeder. Für diese Kompetenz gibt es keine Spezialisten, denn jeder besitzt so etwas wie ein implizites Wissen von Weisheit, das er keinem Lexikon zu entnehmen braucht. Weisheit wird aus akutem Anlass kraft innerer Einsicht anerkannt und bestätigt. Dabei spielen unvermeidlich Werte und Überzeugungen, persönliches Temperament und Lebenserfahrung eine Rolle. Allgemeine Definitionen gehen an dieser Sache vorbei, die sich gelegentlich zeigt, die an Personen gebunden ist und die von kulturellen Erfahrungshorizonten nicht abzulösen ist.
Weisheit, das lehrt die Wortgeschichte, hat etwas mit Wissen zu tun. Es ist eine besondere Art des Wissens, die wir erst dann genauer fassen können, wenn wir wissen, wie sie sich von anderen Wissenstypen unterscheidet. Setzen wir noch etwas grundsätzlicher an mit dem Unterschied zwischen Wissen und Information.

 

Bis an die Zähne mit Wissen bewaffnet, stehen wir doch mit leeren Händen da.

 

Information soll hier definiert werden als „gespeicherte Daten“. Diese Daten sind erstens kodifiziert, das heißt in einem bestimmten Zeichensystem (der Zahlen, Buchstaben oder Noten) lesbar und verständlich, und sie sind zweitens gespeichert, können also zu einem beliebigen Zeitraum irgendwo von irgendwem abgerufen werden, sei es auf einem Spickzettel, in einem Buch oder auf einer Website. Wissen soll demgegenüber definiert werden als „verarbeitete Information“, das heißt als Daten, die nicht nur entziffert, gespeichert und technisch übermittelt werden, sondern die obendrein durch menschlichen Eingriff „gedeutet“, „angewendet“ oder in irgendeiner Weise „bewertet“ worden sind. Während Information vom Menschen abgelöst ist, hat Wissen immer ein Subjekt, sei es individuell oder kollektiv.
Nun ist aber auch Wissen nicht gleich Wissen. Es gibt ganz unterschiedliche Wissenstypen wie zum Beispiel theoretisches und praktisches, methodisches und intuitives, öffentliches und privates, spezialisiertes und allgemeines. Wenn wir uns hier auf den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit konzentrieren, so ist als erstes festzustellen, dass es diesen Unterschied nicht schon immer gegeben hat, weil er an der Schwelle der Neuzeit überhaupt erst historisch entstanden ist. Was, so können wir weiterfragen, hat diesen Unterschied hervorgebracht? Es war der neue Wissenstyp eines an nachvollziehbaren Experimenten orientierten, disziplinär entwickelten, durch Institutionen vermittelten und professionell erlernbaren Wissens, das darauf angelegt war, zeitübergreifend an beliebige Personen weitergegeben zu werden und tendenziell ins Unendliche zu wachsen. Diesen Wissenstyp dürfen wir mit dem (natur-) wissenschaftlich-technischen Wissen gleichsetzen, auf das Bacon den Slogan „Wissen ist Macht“ gemünzt hat. Dieses moderne, technisch entwickelte und im Wesentlichen aufs Zugreifen und Machen ausgerichtete Wissen, das seit Francis Bacon den Herrschaftsbereich des Menschen über die Natur und seine Umwelt kontinuierlich ausgedehnt hat, hat gleichzeitig andere Wissensformen entwertet, die ihm vorangingen und bis über die Schwelle der Neuzeit hinweg mit ihm konkurrierten. An erster Stelle ist hier das magische Wissen zu nennen, das sich ebenfalls als eine Form der Macht verstand und aufs Machen und Eingreifen ausgerichtet war. Naturwissenschaftliches und magisches Wissen unterschieden sich vor allem in ihren Voraus-setzungen und Grundannahmen von der Welt: hier ein „totes“ Universum der Materie und Naturgesetze, dort ein beseelter Kosmos durchwirkt von göttlichen und dämonischen Kräften, die es zu beschwören gilt und mit denen man in einen Kommunikationszusammenhang treten muss.

 

Die Stimme der Weisheit ist eher auf Zurückhaltung aus.

 

Während das magische Wissen, das einst eine wichtige Form von Weisheit darstellte, durch die moderne Naturwissenschaft entzaubert und entwertet wurde, überlebte eine andere Form von Weisheit diese tiefgreifende Epochenschwelle innerhalb der Entwicklung der Erkenntnistheorie. Sie überlebte sie nicht nur, sondern behauptete sich dabei als eigenständige und ergänzende Form von Wissen, die den hegemonialen Wissenstyp der Neuzeit, das naturwissenschaftlich-technische Verwendungswissen, kritisch in seine Schranken verweist. Trotz seiner fraglosen Anerkennung und außerordentlichen gesellschaftlichen Bedeutung ist das Herrschaftswissen über die moderne Welt keineswegs allumfassend, sondern ausgesprochen eingeschränkt, wenn es um engere soziale Belange geht und solche, die den Menschen in seinem konkreten Mikrokosmos betreffen. Das hat bereits Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (6.52) unterstrichen, als er schrieb: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ In einer neueren Formulierung lautet dieser Satz: „Bis an die Zähne mit Wissen bewaffnet, könnten wir doch schließlich mit buchstäblich leeren Händen dastehen, verwirrt und hilflos mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert.“
Mit anderen Worten: Wissenschaftliches Wissen macht nur einen kleinen Teil unseres Wissens aus; es muss unter anderem durch weisheitliches Wissen ergänzt werden, das jedoch selbst keineswegs einheitlich ist. In einem von mir so genannten Weisheitskompass habe ich an anderer Stelle vier wichtige Formen weisheitlichen Wissens eingetragen und sie zur leichteren (Wieder-)Erkennung mit einer biblischen oder literarischen Figur „personalisiert“.
Der Name Salomo (eine Figur aus der Bibel) steht für die herrscher- und richterliche Weisheit, die Herrschaftsfähigkeit an Entscheidungskompetenz bindet. Er vermag es, durch gerechten Schiedsspruch Streit zu schlichten und den Schwachen gegenüber dem Starken zu stützen. Unterscheidungsvermögen, Entscheidungssicherheit und Urteilskraft sind die wichtigsten Tugenden des vormodernen Herrschers, die sämtlich auf seine salomonische Weisheit gegründet sind. Obwohl sich auch heute noch Staatsmänner und -frauen auf diese Tugenden berufen, hat sich die Entscheidungsstruktur, zumal in demokratischen Rechtsstaaten, doch sehr geändert. Im Zeitalter der Kommissionen und Gremien, der „Expertensysteme“ (A. Giddens) und der Politikberatung durch so genannte Thinktanks bahnen sich viele Instanzen den Weg zum „Ohr des Herrschers“ und bereiten dessen Entscheidungen vor. Wir können hier von einer Professionalisierung der Politik sprechen, bei der Entscheidungen stets diffus verteilt sind.

 

Moral muss notwendigerweise polarisieren.

 

Der Name Prospero (eine Figur aus Shakespeares Der Sturm) steht für die magische Weisheit, von der schon die Rede war. Während Salomo von seinem Hof aus über den menschlichen Kosmos regiert, regiert Prospero über die Insel, auf die er sich zurückgezogen hat, und zwar ebenso über die Menschen, die sich auf ihr befinden, wie über die Kräfte der Natur, die ihm in Gestalt von dienstbaren Geistern zu Gebote stehen. Magische Weisheit bezieht sich auf ein geheimes Wissen, das nicht nur Einblick in verborgene Weltzusammenhänge hat, sondern in diese auch einzugreifen vermag. Wer im Besitz magischer Weisheit ist, teilt gewisse Geheimnisse des Schöpfergottes und setzt sich an seine Stelle. Wer ausgestattet ist mit diesem magischen Wissen, vermag zu heilen oder zu zerstören, weshalb es als besonders kostbar und als besonders gefährlich eingestuft wurde (weiße und schwarze Magie). Mit der Entwicklung des naturwissenschaftlich-technischen Wissens wurde es systematisch entwertet beziehungsweise verfolgt; als abgespaltenes inoffizielles Wissen überlebte es im Aberglauben der Volksweisheit und im Okkultismus der Popkultur. Entzauberung beziehungsweise Wiederverzauberung der Welt sind die Rahmenbedingungen für den Niedergang und die Wiederkehr dieses Weisheitstyps.

Autorin: Aleida Assmann