der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Wissen


„Alle Menschen streben nach Wissen“, heißt es bei Aristoteles und in der Tat haben sich die Menschen seit je Gedanken darüber gemacht, wie aus bloßen Erfahrungsdaten das wird, was wir Wissen nennen. Die Hoffnung, wir könnten die Welt im Ganzen verstehen, zersetzt sich jedoch im Zeitalter der so genannten Wissensgesellschaften zusehends; jede neue Erkenntnis wirft nur mehr neue Fragen auf. Von einer Einheit des Wissens, gar einem absoluten Wissen, scheinen die in eine kaum mehr überschaubare Anzahl von Spezialdisziplinen aufgesplitterten Wissenschaften weiter entfernt denn je.
Im Unterschied zum Meinen und Zweifeln, so Dieter Henrich in seinem Beitrag Absolutes Wissen, bezeichnet Wissen, wie „Vater sein“, einen Zustand, der erst dann besteht, wenn er ganz und gar besteht. Die Aussage, etwas zu wissen beziehungsweise über Wissen von etwas zu verfügen, ist mithin immer eine absolute Aussage, die nur wahr oder, im Falle des Irrtums, falsch sein kann; eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Absolutes Wissen, die Sehnsucht nach einem ohne Einschränkung gültigen Wissen, so Henrich, „ist eine der vielen in unserer Intelligenz begründeten Projektionen, die unser Leben in eine leere Sehnsucht über sich hinaus treiben“.
Mit seinem zum Ursatz der Philosophie avancierten Ausspruch

 

Ich weiß, dass ich nichts weiß

 

wies Sokrates in unübertrefflicher Modernität auf, dass es ein allumfassendes absolutes Wissen, einen absoluten Sinn, nicht geben könne. Das Einzige, was man wirklich absolut wissen könne, so lässt sich der Satz des Sokrates deuten, ist ebendies, dass man nichts mit letzter Sicherheit wissen kann.
Günter Figal zufolge lässt sich Wissen als ein ausweisbares Können verstehen. Es ist weder das einfache Aufnehmen dessen, was gegeben ist (Realismus) noch ist es ein Vorgang oder Zustand, der sich im „Geist“ des Wissenden verorten ließe (Intellektualismus), so führt er unter dem Titel Was ist Wissen? Die Frage des Sokrates aus. Zum Wissen gehört, so Figal unter Verweis auf Heidegger, dass die Dinge nicht nur „vorhanden“, sondern uns auch „zuhanden“ sind, sprich das Wesen der Dinge begegnet uns im tätigen Umgang mit ihnen. Am Beispiel der Interpretation von Texten und der Musik zeigt er aber auch auf, dass ohne die individuellen Fähigkeiten der Interpreten Musikstücke nicht erklingen und Texte stumm bleiben. Er kommt zu dem Schluss: „Ohne die Freiheit individueller Gestaltung kann es Wissen nicht geben.“
„Während Information vom Menschen abgelöst ist, hat Wissen immer ein Subjekt, sei es individuell oder kollektiv“, betont auch Aleida Assmann in ihrem Beitrag Wissen und Weisheit. Damit Informationen zu Wissen werden, müssen sie „durch menschlichen Eingriff ,gedeutet‘, ‚angewendet‘ oder in irgendeiner Weise ,bewertet‘“ werden. Die höchste Stufe des Wissens, das weisheitliche Wissen, so Assmann, ist nicht zuletzt auch ein Wissen, das über den Wert von Wissen befinden und auf die Frage antworten kann, wann welche Wissensform angebracht ist.
Galt die Wissenschaft von der Antike bis zur Neuzeit vor allem dem Wissen um die Wahrheit des Seins, wendet sich die Aufmerksamkeit in der Neuzeit auf das Wissen um die Voraussetzungen, Methoden und Regeln der Naturerkenntnis. Mit Francis Bacon, dessen Denken sich auf die kurze Formel

 

Wissen ist Macht

 

bringen lässt, beginnt der Siegeszug der die Natur beherrschenden, instrumentellen Vernunft. Macht über die Natur gewinne man dadurch, dass man ihr Gesetzgebungswerk entschlüsselt; man müsse sich nur aus dem Warenlager der Natur bedienen, so das Credo des „Chefs der Erfahrungsphilosophen“, wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel ihn nannte. Doch auch wenn Bacon in der Macht durch Wissen vor allem ein Instrumentarium zur Beförderung des Wohlergehens der Menschen sieht, können wir heute nicht mehr sicher sein, dass die globale Technisierung aller Kulturen und Lebensbereiche diesem Ziel dient, gibt Wolfgang Krohn im Portrait zu bedenken. Steht den Segnungen der modernen Medizin doch die Kriegsindustrie gegenüber, haben die Wissenschaften das Penizillin ebenso hervorgebracht wie die Atombombe.
Dementsprechend schreiben auch Anke Thyen und Laura Martignon unter dem Titel Von der Ordnung des Wissens über die Philosophie, sprich die Liebe zur Weisheit: „Die Philosophie zielt auf Orientierungswissen und genauer auf die Orientierung in den Prinzipien unseres Denkens, Erkennens und Handelns.“ Denn der Mensch benötigt neben dem Erfahrungswissen auch ein Wissen über die Gründe seines Handelns, damit er der Macht seines Wissens nicht ohnmächtig gegenübersteht.
Auch wenn die Fragen nach Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und danach, was der Mensch sei, eindeutig die Zuständigkeit der empirischen Wissenschaften verlassen, so Eckhard Nordhofen in seinem Beitrag Der Grund des Wissens, gehören sie doch zur Wirklichkeit des Menschen. Und in der Tat stehen wir, bis an die Zähne mit Wissen bewaffnet, schließlich doch mit buchstäblich leeren Händen da, verwirrt und hilflos mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert.
Ludwig Wittgenstein merkte diesbezüglich im Tractatus logico-philosophicus kritisch an, dass wir „fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt“ seien und bei François Rabelais heißt es gar:

 

Wissen ohne Gewissen ist der Seele Ruin.

 

Dementsprechend weist Gregor Etzelmüller unter dem Titel Glauben und Wissen auf das spezifische Wissen des Glaubens hin. Denn mit naturwissenschaftlichen Methoden, so Etzelmüller, kann nicht über das Dürfen und Sollen entschieden werden, lassen sich dem Leben förderliche nicht von lebensabträglichen Prozessen unterscheiden.
Auch Alexander von Humboldt wollte das Studium der Natur nicht vom Studium des Menschen getrennt sehen. Der Nomade zwischen den Wissenschaften, so Ottmar Ette im Interview, hat nie den Blick für das Ganze verloren: „Wenn er durch den Tiergarten lief und dort botanisierte, überlegte er zugleich, welche Möglichkeiten es gibt, Pflanzen so anzubauen, dass niemand auf diesem Planeten hungern muss. Auch in diesem Sinne ist Wissen für ihn … Überlebenswissen.“ Entsprechend übersteigt für Humboldt der Begriff des Wissens den Bereich der „reinen“ Wissenschaft; er schließt künstlerische, erzählerische, poetische, ja auch körperleibliche Wissens-, Ausdrucks- und Speicherformen mit ein:

 

Wissen ist Lebenswissen – ein Wissen über Leben und ein Wissen im Leben.

 

Wissen jedoch ergibt sich nicht ohne Zutat des Lernenden und ist auch nie frei davon. Denn auch das Denken ist ein Tun, so Lutz Koch in seinem Beitrag Lernen: der Weg zum Wissen, „aber ein Tun von eigener Art, gewissermaßen ein Hinzutun“. Die Einheit und zusammen-hängende Ganzheit des Wissens, Platon sprach von Synopsis, mit der das Lernen zugleich über sich hinausgeht, kann jeder nur in sich selbst hervorbringen. Mithin, so Koch mit Bezug auf Thomas von Aquin, bedeutet Lehren „im Schüler durch dessen eigene Vernunfttätigkeit Wissen zu bewirken“.
Für Ulrich Johannes Schneider ist Wissen die Klammer, welche den Menschen im Sein hält. Wissen herrscht als System, als Verbund von Gedanken und Vorstellungen, Verhaltensweisen und Normen, Fragen und Antworten, so schreibt er unter dem Titel Wissen = Denken x Tun. Man müsse das Wissen als ein Denken begreifen, das mit einem Tun multipliziert wird, so dass Vorstellungsweisen und Handlungsformen einen Komplex bilden, der gewissermaßen mit uns verwachsen ist; sprich „Wissen haben wir nicht: Wir sind es“. Mit Blick auf die Enzyklopädien des 17. Jahrhunderts gibt er zu bedenken, dass wir darin kaum weniger Wissen, wohl aber anderes und anders organisiertes Wissen finden.
Eine andere Form des Wissens liegt auch im so genannten Wahnsinn begründet, der in der Antike als heilige Krankheit galt. Wahnsinnige sind oft Träger einer rauschhaften, prophetischen Wahrheit, so Angelika Oster in ihrem Beitrag Auf dem Kopf gehen. Die Donquichotterien des wissenden Wahnsinns. Der Wahnsinn ist mithin nicht das Gegenteil, sondern das Andere der Vernunft. Nicht von ungefähr liegen Genie und Wahnsinn derart eng beieinander und nur allzu oft ist es so, dass die produktive Kraft des Wahnsinns in der Konfrontation von Wahn und Wirklichkeit ingeniöses Wissen hervorbringt.
Die Entstehung von Wissen geht nicht mit dem bloßen Sammeln von Daten einher, sondern verdankt sich meist nur neuer, zuvor nicht für möglich gehaltener Verbindungen und Bewertungen. Die Künstler Clegg & Guttmann haben dies mustergültig aufgezeigt, indem sie die Gänge zwischen den Regalfluchten einer Bibliothek mit Bücherregalen quer überbrückten und derart auch für den Durchgang versperrten. Solcherart fließt sinnbildlich ein Wissensstrom zwischen vordergründig nicht Zusammengehörigem, wird der systematische Denker auf neue Querverbindungen verwiesen, wird ein Gedankengang auch faktisch unterbrochen, um neue Räume des Wissens erschließen zu können. Seit sich jedoch so genannte Bildungspolitiker des deutschen Lehr- und Forschungswesens angenommen haben, hat die Frage nach der monetären Verwertbarkeit bereits vorhandenen Wissens das Problem der Entstehung von Wissen allerorten verdrängt. Nicht nur deshalb weist Hans-Jörg Rheinberger darauf hin, dass Wissenschaft immer ein Weg ins Unbekannte und im Gegensatz zur Technik gerade das Nicht-Planbare ist. „Ein technologischer Gegenstand ist eine Antwortmaschine“, schreibt er unter dem Titel Die Entstehung von Wissen im Labor, „ein wissenschaftlicher eine Fragemaschine.“ Die Wissenschaftler, die er als Teile ihrer Experimentalsysteme begreift, sieht er dabei mitunter in einer ähnlichen Situation wie den Mann, der sich einen neuen Bumerang zulegen wollte, es aber nicht schaffte, seinen alten wegzuwerfen.
Zu wissen, dass Wissen kein Besitz und der Prozess des Wissendwerdens ein unendlicher ist, Bildung mithin eine Lebenshaltung und Quell vor allem ästhetischer Freude darstellt, schließt mit ein, dass es grundlegende Dinge gibt, die sich nicht in der Form von Wissen, schon gar nicht von lehrbarem Schulwissen, fassen lassen. Egon Fridell goss diese Einsicht in die Formulierung:

 

Wo das Leben beginnt, hört die Wissenschaft auf, und wo die Wissenschaft beginnt, hört das Leben auf.

 

Siegfried Reusch, Chefredakteur