der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Sinn – Unsinn


Sinn ist eine Ordnungsform menschlicher Erfahrung, mittels derer versucht wird, die Welt verstehbar zu machen. Damit sich ein Individuum seines „intellectuellen Wertes“ bewußt werden kann, muß die „innere Leere“ und „Dürftigkeit“, so Schopenhauer, allererst durch „Sinn und Geist“ angefüllt werden. Sinn ist demnach ohne ein Vorverständnis dessen, woraufhin das Leben entworfen sein soll, nicht denkbar. Nicht-Sinn, ein Leben ohne Sinn, wäre ein bloßes Dahinleben. Demgegenüber ließe sich der Begriff des Unsinns als eigenständiger in einer Mittellage ansiedeln zwischen Sinn und Nicht-Sinn. Nicht der Weg wäre das Ziel, sondern das, was sich auf einem ziellosen Weg findet, was übergangen oder aufgegriffen werden kann. Die Aufforderung zum Unsinn meint in dieser Sicht, sich frei zu machen von allen fremden Sinnstiftungen. Sie bezeichnet eine Lebensform, in welcher der einzelne beständig aufgefordert ist, in Freiheit das zu ergreifen, was ihm begegnet. Denn ein Ziel vor Augen versperrt die Sicht auf das, was sich ereignet. Das was dem Lebendigen gegenübertritt, ist nicht sinnbehaftet – es fällt ihm im wörtlichen Sinne zu, ist zufällig. So schreibt Klaus Giel in seinem Beitrag Über den Spieler – Sinngebung und Sinnerfahrung im Spiel: „Das Spiel ist eine Form der Überführung von zufälligen Möglichkeiten in produktive Zufälle, die der Spieler als Belohnung seiner Empfänglichkeit wahrnimmt, aufgrund deren er sich in einem tiefen Einvernehmen mit der Welt findet … Sinn hat, was keinen Zweck nach außen hat, auf den hin es entworfen wurde.“ Will man in der Verminderung des Zufälligen das sehen, was man auch Sinn nennt, so Giel, „ist das Spiel eine eminente Form der Sinngebung und der Sinnerfahrung“.
Der eine, absolute Sinn hat im Zeitalter von Freiheit und Selbstverwirklichung ausgedient.
Wenn Formen und Inhalte der Tradition zerbrechen, die sinnstiftenden Botschaften der Kirchen an Anziehungskraft verlieren, setzt zwangsläufig eine neue Suche nach Sinn ein, welcher nun in weltlichen und sinnlichen Zusammenhängen gesucht wird. Sinn zu finden, so Wilhelm Schmidt unter dem Titel Das schöne Leben, „davon verspricht man sich, das zu finden, wofür es sich zu leben lohnt“. Sinn, das ist Zusammenhang – „sinnlos bleibt nur das, was ohne Zusammenhang ist“.
Soll mit Unsinn nicht die Kehrseite des Sinns, der englische „Nonsens“, der „Blödsinn“, gemeint sein, tun sich Philosophie wie Literatur gleichermaßen schwer. Denn, so schreibt Klaus H. Hilzinger zum Thema Unsinnspoesie: Texte „haben immer Sinn, sie erzeugen ihn von innen, und sie erhalten ihn von außen“. Der Sinn der Literatur allerdings ist „Gegensinn: gegen den alltäglichen, den herkömmlichen, den allzu vertrauten“. Das vermeintliche Plädoyer für den literarischen Unsinn und die Unsinnspoesie ist für Hilzinger denn auch keines: „Der ,Sinn’ erweist sich, wie der ,Unsinn’, als ,Faktor’, als ,Element’. Beide sind, ,künstlerisch geformt’, gleich relativ – aber ,gewertet’.“
Gegen „Die Wut des Verstehens“ wissenschaftlicher Sinnsuche, die Hermeneutik, wendet sich Jochen Hörisch im Interview; denn „Verstehenwollen ist eine Form des Willens zur Macht“. Schon Goethe schrieb mit Blick auf spätere Generationen von Interpreten seines Werks:

 

„Im Auslegen seid frisch und munter!
Legt ihrs nicht aus, so legt was unter.“

 

Es ist das Schema vom Wahren, Guten und Schönen, so Hörisch, das uns zur Einheitlichkeit verpflichtet. Die „Grundbegrifflichkeiten der Hermeneutik sind solche, die auf Einheitsphantasien hinauslaufen. Man verschmilzt die Horizonte des Sinns.“ Da Kommunikation in dem Augenblick zusammenbricht, in dem sich alle einig sind, setzt Hörisch auf die Kraft der Kritik: „Sie müssen sich entscheiden, ob sie als Hermeneuten durch die Welt gehen oder als Dekonstruktivisten. Ob Sie den Dissens als ein Problem verstehen, das durch Verstehen gelöst werden muß – oder ob Sie von der albernen Vorstellung wegkommen, daß Dissens bedrohlich ist.“ Die Fragen, so Hörisch, dürfen nicht lauten: Was bedeutet das? Was ist der Sinn davon? „Der Dekonstruktivist fragt anders. Er fragt: Wie funktioniert dieser Text? Wenn man Sinnfragen durch Funktionsfragen, Strukturfragen ersetzt, kommt man weiter.“
Wird Sinn in einem Jenseits gesucht, verliert das Leben allen Sinn, allen Zweck. Ludwig Feuerbach zufolge läßt sich deshalb die Frage nach dem Sinn sinnvoll nur stellen unter Hinwendung auf die Sphäre der Sinnlichkeit. Am Beispiel des Sehens sucht Carolin Länger unter dem Titel Sinnkrisen – Sehkrisen zu zeigen, daß Sinnestätigkeiten sozial hergestellte und sinnstiftende Tätigkeiten sind. Niemand kommt spontan auf die Idee, analog zum Unsinn den Sinnen „Unsinne“ gegenüberzustellen; dennoch, so Länger, kann zum Beispiel das Sehen als eine sinnstiftende Tätigkeit gefaßt werden, „bei der eine Sichtweise als ,natürliche’ ausgewiesen, andere als Unsinn delegitimiert werden“.
Für J. G. Fichte kann die äußere sinnliche Wahrnehmung kein wirkliches Wissen liefern – die äußere Welt ist bloße „Erscheinung“. Wirkliche Wahrheit kann nur ein innerer Sinn erkennen. In diesem Wahrheitssinn findet der Mensch den eigentlichen Sinn des Lebens. Im Verhältnis zur Wahrheit des von Fichte postulierten inneren Sinns herrscht in der Welt der Erscheinungen „geradezu der Unsinn“. Philosophie, die sich darauf beschränkt, verdient für Fichte diesen Namen nicht, „sie ist im eigentlichen Sinne bloße Unphilosophie“, so Bernd Kleinhans unter der Überschrift Der höhere Sinn des Philosophen und der tiefere der Weltgeschichte.
Die Notwendigkeit bewußter Wahrnehmung auch in den Wissenschaften betont Dietmar Kamper in seinem Beitrag Die Schnittstelle von Sinn und Wahnsinn. In den Hochburgen der Vernunft erblickt er nur mehr „Spielplätze des Irrsinns“, denn „wenn man den Kopf voll mit Begriffen, Mustern und Bildern hat, wie es Wissenschaft in Perfektion fordert, ist es unmöglich, wahrzunehmen.“
Sinn und Unsinn, so Gilles Deleuze, erschließen sich nur im Ereignis. Das Ereignis ist das „Dazwischen“, das zum Beispiel in der Aufeinanderfolge zweier Gesteinsschichten als Sachverhalt, als Scheidelinie, sichtbar wird. „Und genau dies dazwischenliegende Ereignis führt die Differenz ein, macht den Sinn, insofern nur dadurch etwas anderes da ist als eine kompakte homogene Masse“, erläutert Christian Jäger im Beitrag Sinn machen. Die Ordnung des Sinns bei Deleuze. Ereignisse als solche, wie zum Beispiel auch das „Grünen“ eines Baumes, existieren nur im Satz. Aus dem Nicht-Sinn der Namen und Bezeichnungen entsteht – im Satz – erst Sinn. Dieser Sinn ist niemals Prinzip, zitiert Jäger Deleuze, „er ist hergestellt. Er ist nicht zu entdecken, wiederherzustellen oder neu zu verwenden.“ Sinn zu produzieren, so Jäger, darin besteht heute die Aufgabe, und:

 

Wenn etwas Sinn macht, ist der Sinn gemacht.

 

Auch für Nietzsche tragen die Welt und unser Dasein keinen naturgemäßen Sinn in sich, sie sind und bleiben, an sich betrachtet, sinnlos. In Nietzsches Satz „Das Nichts, das Sinnlose ewig!“ sieht Michael Steinmann dennoch kein Credo des Nihilismus, das heißt keine radikale Abkehr von allen Werten und allem Sinn. Für Nietzsche gibt es kein „für immer bestehendes Sein, das der Mensch nur noch suchen und beschreiben müßte. Vielmehr ist jede Weise, die Welt zu verstehen, eine Deutung, die von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist“, so Steinmann in seinem Aufsatz Was ist Sinnlosigkeit? „Wenn wir die Welt interpretieren müssen, um sie zu verstehen, und eine Welt jenseits unserer Interpretation nicht vorstellbar ist, dann gibt es nichts Sinnloses. Alles, was wir denken können, hat eben, weil wir es nur denken können, wenn wir es interpretieren, Sinn.“
Für Frank Augustin ist ein wie auch immer gearteter „Sinn des Lebens“ nicht vorstellbar. In der Frage nach dem Sinn sieht er die Suche nach einem Prinzip, wo es keines gibt, und nach Zusammenhängen, wo keine sind. Sinn, so schreibt er in seinem Beitrag Zwischen Sinn und Un-Sinn, „ist der zähe Brei, der uns mit der Welt verklebt. Es gibt nicht zuwenig, sondern zuviel Sinn. Nur mit Un-Sinn, Nicht-Sinn und Wider-Sinn läßt sich das Übermaß an Sinn ertragen.“
Sinn und Unsinn sind Zwillinge, die stets zusammen gedacht werden. Der Unsinn trägt sein Gegenüber mit sich im Wort, und wo etwas Sinn zu machen scheint, ist der Unsinn meist nicht weit. Bei dem Versuch, die Welt zu begreifen, bleibt stets ein Rest übrig, der nicht verstanden, nicht ergriffen werden kann und damit sinnlos bleibt, so Thomas Zoglauer im Beitrag Beredtes Schweigen – Ein Lehrstück über die Sinnlosigkeit von Sinnkriterien. Während zum Beispiel die Existenzialisten diesen Rest, das Absurde, als Teil des Lebens begreifen, religiöse Menschen und Mystiker darin das Wirken des Göttlichen erblicken, war es das Bestreben der logischen Empiristen, diesen „Unsinn“ aus der Philosophie zu entfernen. Carnaps Definition der Sachhaltigkeit als Sinnkriterium, das heißt, die logische Zurückführung auf einfachste Aussagen über Tatsachen, erwies sich, so Thomas Zoglauer, als nicht haltbar: „Letztlich muss der Positivismus selbst verstummen, um den Unsinn zu beenden.“

Die 9. Ausgabe des blauen reiters trägt den Titel

Naturlos

 

„Was ist Natur anders denn die Philosophie? Was ist Philosophie anders denn die unsichtige Natur?“

 

schrieb bereits Paracelsus.
Wie verändert sich das Verständnis von der Natur im Lauf der Jahrhunderte? Hat das, was die „Natur“-Wissenschaftler zu erforschen suchen, noch etwas mit Natur gemein? Welche Fragen werden nicht gestellt, weil deren Beantwortung aufgrund eines Vorverständnisses von Natur bereits vorweggenommen ist und keines weiteren Forschens mehr bedürftig scheint? Wie begründet sich der Anspruch des Menschen, gestaltend in die Abläufe der Natur einzugreifen? Inwieweit prägen die unterschiedlichen Vorstellungen von Natur menschliches Forschen und Handeln? Ist die Technik die Fortsetzung beziehungsweise die Entwicklung der Natur mit anderen Mitteln? Was ist widernatürlich? Hat die Natur ein Recht an sich?

Im nächsten blauen reiter lesen Sie zum Thema Naturlosunter anderem Beiträge zu:

– Schellings Naturbegriff 
– Ökophilosophie 
– Technik als Naturform 
– Die Übertragbarkeit des Evolutionsbegriffs auf Kultur und Technik 
– Natur als Person
– Natur als Gegenstand der Rechtsphilosophie

sowie ein Portrait des Philippus Theophrastus Paracelsus.

Die folgenden Ausgaben des blauen reiters beschäftigen sich mit den Themen Götter, Geld und Ästhetik.


Siegfried Reusch, Chefredakteur