der blaue reiter


Jochen Hörisch
Vorletzte Fragen

Vorletzte Fragen

 



DIE WELT
22. Dezember 2007

Was hält die Welt im Innersten zusammen? Mutmaßlich immer noch das alte Spiel vom staunenden Fragen, das die Philosophie seit jeher beseelt. Das legt jedenfalls die Lektüre von Jochen Hörischs beachtlichem Brevier nahe, das die Frage nach dem Fragen an und für sich stellt. Zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht, zwischen den kalendarischen Zeiten, wenn das Jahr zur Neige geht und allenthalben telegene Retro-Bilanzen blühen, ist das ungemein ergiebiger Lesestoff. In drei klugen Essays ist von dem theologisch inspirierten Mannheimer Medienwissenschaftler zu erfahren, warum wir gern bibelgetreulich nach dem A wie Alpha und dem O wie Omega fragen, wieso ausgerechnet der Ursprung das Ziel sein soll (Karl Kraus) und weshalb wir unbedingt all das lesen sollten, was nie geschrieben wurde (Walter Benjamin). Hörisch, in seiner dichten und gewitzten Argumentation ein funkelnder Unterhalter, verrechnet das Letzte mit dem Neuen und das vermeintlich Vergangene mit dem Gegenwärtigen. Heraus kommt eine opulente Ontologie und Apologie des Wissenwollens.

Rheinischer Merkur
Nr. 50/2007

Letzte Fragen haben einen entscheidenden Nachteil: Sie lassen sich nur schwer beantworten. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch zieht daraus eine plausible Konsequenz: Er befasst sich mit „Vorletzten Fragen“. Zwischen Alpha und Omega liegt sozusagen das wahre A und O, liegt das, was wir als bedeutsam erfahren. Dieses hängt zusammen mit unserer Zeitlichkeit und Endlichkeit. So ergibt sich ein Zusammenhang von Sein und Sinn, der auszudrücken nur mit Worten ist. Sie sind das „Vorletzte“. Doch auch wer über letzte Fragen nachdenkt, was hier durchaus als anthropologische Konstante gedeutet wird, denkt eben über Fragen nach, also sprachlich Bedeutsames, und interpretiert. Hörisch empfiehlt „Metaphysikverzicht und religiöse Diät“, weil diese die Debattenlage „deeskalieren und entfanatisieren“.

Mannheimer Morgen
28. November 2007

... Wenn man etwa Hölderlin oder Benn liest, kommen durchaus auch letzte Fragen ins Spiel, nur eben nicht doktrinär, fanatisch, sondern als Spiel der (Wort-) Bedeutungen. Was sich daraus ergeben kann, nennt Hörisch „heilige Nüchternheit“.
Wie gewohnt, schreibt Hörisch auf geistreich hohem Niveau und gibt zu denken. Er plädiert fürs Bedeutungsspiel. Diesem Anspruch entsprechen die den Band bereichernden Illustrationen von Ruth Tesmar. Für die luftigen Zeichnungen, die häufig von Handschriftlichem ihren Ausgang nehmen, gilt der fast zu viel zitierte Satz, wonach ein Bild mehr sagt als viele Worte. Es vermag dann auch mehr zu sagen als (vermeintlich) letzte Worte.