der blaue reiter


Eva Koethen:
Orientalisches Paar, 2015



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Das Kreisen im Quadrat der Kunst ...

 



Das Kreisen im Quadrat der Kunst ist keine Quadratur des Kreises

To square the circle: if feasible, it will be the art’s talk (Marcella Tarozzi)

Die Welt von vielen Wochen ist ein Wandquadrat / das sieben Mal in der Woche aufgeht /
mit rechteckigen Sonnen zitronengelber, lehmbrauner, kreideweißer Gesichter. (Debora Vogel)

Das unermüdliche Kreislaufen im künstlerischen Feld versteht sich weder als geometrisches Experiment noch als Kalkül jenseits aller Figuration. Es versucht sich nicht in der Konstruktion des Unmöglichen, sondern vollzieht sich im Einschwingen und Annähern an ein Unbekanntes, das sich an den Übergängen zum Möglichen zu realisieren sucht. An die Leiblichkeit gebunden, ergehen sich die (um)kreisenden Bewegungen nicht in der Grenzenlosigkeit theoretischer Spekulationen, experimentieren vielmehr mit den Phänomenen der Anschauung. Gleichwohl reizt der theoretische Gedanke, einen hermetischen Kreis orthogonal zu verrechnen – oder auch, den Schnittpunkt von Parallelen im Unendlichen zu bestimmen. Die Faszination jedoch, die vom Denken des Unmöglichen ausgeht, liegt nicht in der abstrakten Beweisführung, sondern im paradoxen Vorstellungsbild. Indem dieses unfassbar bleibt, löst es geistige Unruhe aus und sich nicht etwa darin auf, dass dem imaginativen Blick der Fluchtpunkt zentralperspektivischer Konstruktion angeboten wird. Auge und Geist des Betrachters wünschen nicht in einäugige Fixierung zu fliehen und ein gedankliches Problem zu lösen, sie möchten vielmehr Welten schauen – gemäß dem Umherschweifen der paarigen Augen in aufmerksamer Wahrnehmung und visionärer Lust. Wenn indessen der lebendige doppeläugige Blick der ‚optischen Versuchung‘ nachgeht und die Parallelen bis zu ihrem Schnittpunkt verfolgt, gerät er unweigerlich in den Sog unendlicher Tiefe, der die Imaginationskraft der Anschauung kurzschließt. Der auf den berechneten Punkt geschrumpfte Betrachter verschwindet in der Ferne einer U-topie – hier inmitten der idealen Stadt (s. li. Citta Ideale, um 1480, Ausschnitt).
Demgegenüber inspiriert das Inkompatible eines Vorstellungsbildes zu abstrakten Visionen, die im Spiel mit den Möglichkeiten ihre Reichweite erproben wollen. Vagheit und Inkongruenz fordern dazu heraus, die imaginären, innerlich geschauten Gebilde zu verwandeln, sie in anschauliche Beziehungen zu setzen, bildnerisch zu realisieren und während dieses Prozesses auch immer wieder zu verwerfen. In diesem Sinne vertraut sich meine Malerei in ihren geometrisierenden Abstraktionen der Phänomenalität des Sichtbarwerdens an und hofft auf Evidenz und Gültigkeit in einem sich erst herausbildenden Konkreten. Es ist kein Kreisen um sich selbst im Quadrat der Bildfläche; die quadratischen Zeichen münden vielmehr in eine Geste des Zeigens; sie weisen über sich hinaus – ähnlich wie die elementaren Zeichen bei Juan Gris der Neugeburt der Dinge dienten (s. Gris: Tassen). …