der blaue reiter


Alexandra Gusetti
Kopfüber in die Freiheit



Vorwort im Buch-Layout herunterladen



Leseprobe im Buch-Layout herunterladen

 

Kopfüber in die Freiheit

 




Vorwort

Es gibt Blicke im Leben, die man niemals vergisst. Manchmal begegnen sich Menschen in ganz besonderen Momenten, sehen sich an, und genau dieser Blick – und ich meine, jeder kennt diese Art von Blick, oder? – verschmilzt plötzlich und unmittelbar zu einer intensiven Blickverbindung, welche für beide in Hypergeschwindigkeit zu verdichteter Information gerinnt. Ganze Ewigkeiten des Erkennens, des Wissens, gleichsam Lebensessenzen verdichten sich in diesen Augenblicken zu Unendlichkeiten. Diese Art der Begegnung hat mich fasziniert, immer schon. Vor langer Zeit begann ich solcherart Geschichten zu schreiben, Blickgeschichten, Erzählungen, die sich um Momente meines Lebens ranken, die genau jene Verschmelzung in sich tragen. Du weißt, genau jetzt geschieht diese Blickunendlichkeit, eingeschmolzene Lebensdimensionen der Liebe, der Trauer, unfassbaren Leides oder tiefsten Glücks. Darüber hinaus spürst du, dass diese Blickmomente ganz tief in deine Lebensspur fließen und diese verändern wird, auf welche Art auch immer.
Lange lagen sie da, meine Geschichten, „Zeitspalten“, „Eine chinesische Vergangenheit“, „Hallo Ali“, „Sagt ihr mir nichts!“, und hielten sich wacker zwischen philosophischen Abhandlungen und Sachbuchtexten. Was tun damit? Endlich einmal kein Sachbuch schreiben, eintauchen in Erzählungen, narratives Denken poetisch erkunden? Weiter erzählen, weiter schreiben, mir Zeit dazu nehmen, auch wenn anderes scheinbar vernünftiger wäre? Die Lust, mir diese Freiheit des Erzählens zu gönnen, wurde immer stärker. Da kommt Carola ins Spiel, Freundin, Journalistin und Naturwissenschaftlerin, strukturiert und nachfragend.

Carola: Ich habe die ersten Geschichten gelesen und war begeistert. Die ersten Texte waren – anders als die hier zu lesenden – viel fragmentarischer und unzusammenhängender. Bald aber entstand das Konzept der dreiteiligen Ordnung, nämlich zuerst Erzählung und Interview, das nachfragt, vertieft und strukturiert. Dazu kamen Wissens-Miniaturen, kleine Sachtexte, die manche der philosophischen und zeitgeschichtlichen Themen vertiefen, die in den Erzählungen angerissen wurden. Mit der Freude am Erzählen und Schreiben kamen weitere Blick- und Lebensgeschichten dazu, die „Storyline“ des Ganzen nahm mächtig Fahrt auf und kristallisierte sich langsam heraus. So entstand das Buch auch intern als Dialog der Teile miteinander, die zu so etwas wie einer Übereinkunft kamen.

Alexandra: Ich wollte erzählen, wollte eine Sprache für das Narrative finden. Weil ich darüber hinaus Philosophin bin, sollte auch Philosophisches seinen Platz bekommen. Ich liebe es, Fragen zu stellen, die ein Steinchen mehr zum Nachsinnen in den See werfen. Wie ist das mit Identität, mit Liebe, mit Trauer, mit Unrecht, mit unseren Ängsten und Lebenszweifeln? Wie steht es um die „großen Themen“ des Lebens? Es braucht schon etwas Mut, diese großen Themen ganz unbefangen, dabei aber mit Sinn für deren mögliche Tiefe aufzugreifen; denn sicherlich ist darüber schon gefühlt hunderttausend Mal geschrieben worden. Dies ist eine Art philosophische Ermutigung, die mich in meinem Leben immer geleitet hat. Ich denke, man darf sich die Courage eigener Sichtweisen nicht nehmen lassen, vor allem in einer Welt, in der es zu allem und jedem Top-ExpertInnen gibt. Odo Marquard hat die Philosophie einmal so schön wie monströs „Inkompetenzkompensationskompetenz“ genannt und gemeint: „Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt.“ Dieses „Trotzdem“ heißt, sich von den technischen ExpertInnen für alle Themen nicht abschrecken zu lassen: Literatur und Philosophie haben etwas Eigenes dazu zu sagen, auch wenn mancher abstreiten mag, dass beide im engeren Sinn „ExpertInnenkulturen“ sind. Aber vielleicht liegt ja gerade hier auch ihre Würde und unvergleichliche Tiefsinnigkeit.

Carola: Alexandra hat so viel erlebt in ihrem Leben, viele Schicksalsschläge und viele Glücksmomente, und sie schreibt einfach anschaulich und packend darüber. Dazu kommt, dass es ein Frauenleben ist. Es braucht nach wie vor gute Frauen-Bücher, Erzählungen, wie Frauenleben sein können – einzigartig, vielfältig und spannend. Bücher, über die Frauen staunen können: So hat die das gemacht, da wäre ich nie drauf gekommen. Spannend. Vorbilder jenseits aller Klischees.
Interessant für mich als Medizinjournalistin ist auch das Thema „Heilung“, das sich durch viele Geschichten zieht. Alexandra geht hier ihre ganz eigenen Wege der Heilung, nimmt auch Hilfe in Anspruch, aber entscheidet selbst, wie, wann und was. Sie wehrt sich gegen Diagnosen und Prognosen von „Göttern in Weiß“, was ihr nicht geschadet hat, ganz im Gegenteil. Wie habe ich das bisher in meinem Leben gemacht? Wie erlebe ich das in meinem Beruf? Wie viel andere Sicht darf sein? Das sind nur einige Fragen, über die ich beim Schreiben nachgedacht habe.
So ist eine Art erzählerischer Ratgeber entstanden, der keine Erfolgsrezepte aneinanderreiht. Vielmehr sind es Geschichten und vertiefende Texte, in die man eintauchen kann, die berühren und Lust aufs Selber-Denken machen.

Alexandra: Carola stand mir zur Seite als eine, die nachfragte, abwartete, dort und da etwas gerade rückte, Verständnisfragen stellte und nicht locker ließ. Immer klarer wurde uns beiden, dass auch die Zeitgeschichte ihren ehrenwerten und für uns Autorinnen so wesentlichen Platz erhalten muss: Wie war das denn mit der Frauenbewegung in den 80ern? Wie steht es mit Role-Models heute? Die Themen unserer Reise gab das Leben vor, ein strukturgebender roter Faden führt durch die Zeit, so man ihn aufnehmen oder auch getrost vergessen mag. In jedem Fall ist es der Versuch, Leben zu schreiben: so vielgestaltig, plural, hoffnungsvoll und hoffnungslos, lustig, traurig und tiefsinnig, wie nur das Leben selbst sein kann.
All dieses Verändern, Neubeginnen, hoffnungsfroh wieder und wieder Ins-Leben-Hineinwachsen zu erzählen, war mir Bedürfnis und Freude zugleich!



Eine chinesische Vergangenheit

In den späten 60er-Jahren

Es ist noch früh am Morgen, meine Geschwister sind schon aus dem Haus, mein Vater sowieso. Die Großen haben einen längeren Schulweg. Ich kann noch eine Viertelstunde liegen bleiben. Ich warte auf den Augenblick, in dem sie ihren Lieben die besten Wünsche für den Tag nachrufen wird und die Wohnungstür zufällt. Gleich wird sie zu mir ins Zimmer schlüpfen und sich zu mir kuscheln. Und da ist er, dieser Moment, der sich ganz schnell mit ihrem Duft vermischen wird. Sie duftet nach Herbstwald und Sonne, nach warmem Brot, mit ein wenig Kaffee vermischt. Wir stehlen uns diese Zeit, nur wir beide. Wir schließen die Augen und ich hoffe, es wird nie später. Sie ist wieder eingeschlafen. Ich fühle ihren warmen Atem und genieße jeden Moment. Augenblicke einer wortlosen verschwörerischen Verbundenheit, die mir versichert, dass wir ein Geheimnis haben, nur wir beide und niemand sonst. Jetzt die Luft anhalten und niemals aufstehen müssen.
Als kleines Mädchen fand ich, meine Mutter wäre die schönste, die klügste von allen. Wenn sie mich vom Kindergarten abholte, belächelte ich die übrige Mütterschar und war stolz auf ihr helles Strahlen. Dabei war ich dort beinahe das schlimmste unter allen Kindern, worauf sie jedoch nicht wenig stolz war. Ich war eine kleine Rebellin, ihr gefiel das. Sie hielt nichts vom angepassten Bürgertum, damals zumindest. Später hat das Leben sie gebrochen, sie hat sich gefügt und ist daran gestorben. Sie hat ihr Herz verraten. Aber damals, als ich klein war, konnte ich ihre Kriegerinnenseele spüren. Ich war ihre Verschworene, ihre kleine Vertraute, und wir genossen das.
Oft sah ich sie traurig in der Küche sitzen. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Es lag nicht an uns, niemand hatte Schuld. Sie war in ein falsches Leben geraten. Sie war falsch hier, alles war falsch. Hier in diesem Leben würde sie niemand verstehen. Sie hätte nicht hierher kommen sollen, es war der falsche Platz gewesen, um auf die Welt zu kommen. Sie erinnerte sich an ihr früheres Leben und erzählte uns davon. Sie hatte in China gelebt. Sie erzählte von feinen Nebelschwaden in den Bergen und von den zarten, sensiblen Menschen dort. Aber auch die hätten es schwer, weil dort die Kaisermacht so unerträglich gewesen war, die Gesetze und die Sitten streng. Sie erzählte uns von alten Frauen, deren Füße ganz wund waren, die Zehen verkümmert vom vielen Bandagieren. Ich betrachtete meine Füße und dachte mir: Vielleicht hab ich da auch mal gelebt. Denn an einem Fuß waren meine Zehen verkümmert und zusammengewachsen.
Als wir klein waren, spielten wir oft Theater. Sie war eine wunderbare Regisseurin. Ich erinnere mich gern daran. Wir Kinder unter dem Christbaum, als Engel verkleidet, ernst und völlig konzentriert. Im Frühling spielten wir alle zusammen Frühlingsblumen. Wir versteckten uns unter dem Wohnzimmerteppich und warteten auf die ersten Sonnenstrahlen. Sie erzählte uns vom Schnee und der warmen Erddecke; und wenn uns dann die ersten warmen Sonnenstrahlen ganz leicht zu kitzeln begannen, lugten wir vorsichtig hervor und begannen zu wunderschönen Frühlingsblumen zu wachsen, hoben unsere Hände und tanzten im Zimmer herum. Es kamen Bienen und Schmetterlinge, und wir alle waren zusammen eine blühende Sommerwiese.
Sie war klug und intelligent, hatte studiert und war Ärztin geworden in einer finsteren Männerwelt. Sie wurde krank, noch bevor wir alle da waren. Sie hielt der harten Welt da draußen nicht stand. Sie liebte ihren Beruf und wollte wieder arbeiten, aber es gelang ihr nicht einen neuen Anfang zu finden, schon gar nicht, nachdem wir alle geboren waren. Sie hatte unter der kalten Berufswelt gelitten; und nun begann sie ihren langweiligen Hausfrauenalltag zu hassen. Beides ging nicht, aber was dann? Von dieser Art war ihr Unglück. Es blieb nichts außer ihrem Strahlen, das so hell war, dass es uns blendete. Ein Strahlen, das zu heftig und zu viel für sie selbst und für uns alle war. So verging ihr Leuchten nach und nach, verblasste und zerfiel in tausend Teilchen. Sie blieb einsam zurück und klammerte sich an unsere jungen Leben, aber das erst später.
Sie las – nein besser, sie studierte chinesische Romane und erzählte uns dann all diese wundervollen Geschichten. Besonders die, in denen Frauen vorkamen, die eine chinesische Mutter und einen europäischen oder wahlweise auch einen amerikanischen Vater hatten, oder umgekehrt. Sie lebte mit ihnen ihre Heimatlosigkeit, verloren zwischen zwei Kontinenten, unverstanden und traurig, nirgends zu Hause zu sein. Ich, ihre Jüngste, hörte ihr zu und fiel in diese alte Welt. Ich lebte mit ihr diese Zerrissenheit.
Wir gingen in den Wald Beeren sammeln. Während wir immer weiter in das Dickicht hinein liefen, erzählte sie uns von der Gefühlsfeinheit chinesischer Ahnen, von angedeuteten Gefühlen der Liebe und Trauer, die stets im Verborgenen bleiben mussten. Sie erzählte uns von ihrem früheren Leben, ihrer Erinnerung daran, die sich mit Pearl S. Bucks Romanwelt vermischte und in unserer Phantasie zu einem faszinierenden Universum zartester Farben wurde. Mein Bruder und ich setzten uns auf einen Baumstamm, einen kleinen Becher mit frischen Heidelbeeren in Händen, und hörten ihr gebannt zu. Es gab dieses Land voll undurchdringlicher Wälder, voll bunt gekleideter Männer und Frauen, silbrig glänzender Ornamente und kostbar geschmückter Paläste. Aber auch dort waren die Menschen traurig, denn sie konnten nicht in Freiheit leben. Eingeschnürt in Etikette und Tradition lebten sie ihre Träume im Stillen. Dennoch verstanden sie einander; man wusste um die Gefühlsfeinheit und Vielfalt des anderen. Auch ohne Worte verstanden sich die Menschen dort. Sie vermisste diese wortlose tiefe Verbundenheit. Hier, so dachte sie, würde niemand ihre Sehnsüchte und ihre feinsinnige Gefühlswelt verstehen. Die harte Welt des Westens antwortete ihr zuerst mit Mitgefühl, dann mit Kopfschütteln und später mit Psychopharmaka, die ihre Seele in Milliarden glitzernder Teilchen zersprengte und die bunte chinesische Welt zum Verschwinden brachte.
Sie glaubte an Gott, an einen liebenden Gott: an einen, der uns Menschen wissen ließ, dass wir nicht allzu wichtig wären und uns auf dieser Welt nur als Gäste fühlen sollten. Sie trat ein für Umweltschutz und Menschenrechte, noch bevor andere diese Worte überhaupt kannten. Sie lernte über Homöopathie, als andere noch glaubten, das wäre eine Krankheit. Sie fürchtete nicht um ihr Leben. Sie verstand nicht, warum den Menschen hier dieses kleine beschränkte Leben so wichtig war. Wir würden sterben und uns wieder treffen, im nächsten Leben, im Himmel oder sonst irgendwo.