der blaue reiter


Jochen Hörisch
Kann ein allmächtiger Gott sterben?



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Kann ein allmächtiger Gott sterben?

 




Vorwort
Luthers Antifundamentalismus und das gespenstische Comeback der Religionen

Religion ist ein Kulturphänomen ersten Ranges. Denn Religionen prägen Kulturen in eminenter Weise. Kulturelle Codes bestimmen darüber, wie man zu essen, zu lieben, zu wohnen, zu feiern, Kinder zu erziehen, sich zu kleiden habe und vieles mehr. Dass solche kulturellen Regeln nachhaltig und tiefgreifend religiösen Imperativen verpflichtet sind, ist allzu offensichtlich. Wein kann (wie im Christentum) im kultischen Zentrum einer Religion stehen, Wein kann aber auch (wie im Islam) als verwerflicher Stoff gelten. Frauen in unterschiedlichsten Weisen zu huldigen (wie im Marienkult, im Minnelied oder im bürgerlichen Trauerspiel), ist in einigen Kulturen möglich, aber offenbar keine kulturelle Universalie. Religionen und Konfessionen können einen Gott oder eine Göttin bzw. mehrere Göttinnen und Götter kennen, sie bilden je nach ihren zumeist abenteuerlichen Narrativen unterschiedliche Kulturen des Umgangs zwischen den Geschlechtern aus. Heirat zwischen Cousin und Cousine kann eher als kulturelles Tabu oder eher als eine attraktive Option behandelt werden. Ein Tier zu schächten, kann religiös-kulturelle Vorschrift sein oder unter Tierschutzaspekten verboten werden. In all diesen und zahlreichen weiteren Fällen sind die religiösen Ursprünge solcher kulturellen Ge- und Verbote, Tabus oder bevorzugter Optionen, alltäglicher Praktiken und Diskriminierungen, Hoch- oder Geringschätzung unschwer auszumachen. Dass Religionen die Tiefenstrukturen von Kulturen prägen, ist (fast) eine Trivialität. Sowohl aus der Perspektive eines Teilnehmers an religiös-kulturellen Lebensformen als auch aus der ihres sachlichen bis fremden Beobachters ist die kulturelle Prägekraft von Religionen unstrittig. Ebenso schwer zu bestreiten ist die Tatsache, dass es unterschiedliche Religionen und Kulturen gibt, dass man also diese und jene Praxis immer auch anders gestalten könnte. Religionen und Kulturen versprechen und spenden Vertrautheit (so sollte, so soll, so muss es – das Feiern, Beten, Essen, Lieben, Regieren etc. – sein); und das können sie nur, wenn sie die dunkle Ahnung bzw. blendende Evidenz diskriminieren, dass es zu all dem Alternativen gibt – und eben damit kopräsent halten.
Religion ist somit auch in einer zweiten und diesmal hochgradig kontroversen Hinsicht ein Kulturphänomen ersten Ranges. Denn Kultur meint nichts anderes als dieses: dass Menschen jenseits instinktiver Handlungsimpulse etwas so oder auch anders handhaben können. Astrophysikalische Gesetzmäßigkeiten stehen so wenig wie mathematische Gleichungen zur Disposition. Man kann zwar unterschiedliche Mond- und Sonnenkulte praktizieren, an den Umlaufbahnen dieser Gestirne ändert dies aber nichts. Kulturen können sich für die Quadratur des Kreises interessieren oder nicht; wenn man das Verhältnis des Kreisumfangs zu seinem Durchmesser berechnet, sollte, ja muss aber kulturunabhängig die Zahl Pi=3,14… errechnet werden. Sie steht fest, das ist wenn nicht evident, so doch für alle, die dies wissen wollen, verbindlich. Physikalische und mathematische Gesetze stehen nicht zur Disposition. Juristische Gesetze können hingegen von unterschiedlichen Kulturen so oder anders gestaltet werden, sie sind gemacht, verabschiedet und in Kraft gesetzt worden und könnten auch alternativ gesetzt worden sein. Kulturelle Gesetz- bzw. Regelmäßigkeiten sind gleichermaßen variabel; sie haben bestenfalls einen gewissen internen, nicht aber universellen Verbindlichkeitswert. Noch einmal: man kann so, aber eben auch anders essen, lieben, wohnen, Kinder erziehen, Tote bestatten, Feste feiern, sprechen, singen, dichten, malen, mit Blasphemien umgehen etc. Es lohnt sich angesichts der Alternativen, ohne die Kultur nicht zu haben ist, an den Ursprung des Wortes Kultur zu erinnern: Agrikultur meint, dass man ein Stück Land mit dieser oder jener Pflanze bewirten oder eben auch brach liegen lassen kann. Kulturen bewirtschaften Alternativen und Kontingenzen – gerade weil alles auch anders sein könnte, als es ist, muss das, was und wie man etwas macht, plausibel, suggestiv, verbindlich wenn nicht sein, so doch erscheinen. Genau dies gilt nun auch von Religionen – also von der Größe, die Kulturen elementar prägt. Religion ist selbst ein Kulturphänomen, präziser: Religionen sind Kulturphänomene. So wie man unterschiedlich essen, wohnen, lieben und bestatten kann, so kann man unterschiedlich bzw. Unterschiedlichstes glauben bzw. nicht glauben.
Gerade in religiös hochgereizten Zeiten kann man sich die höhere Trivialität nicht deutlich genug machen, dass es unübersehbar viele Religionen gibt, die (wenn auch mit unterschiedlicher Entschiedenheit) behaupten, die richtige, die wahre, die gültige, die offenbare zu sein. Gerade Gläubige müssen aber indigniert, mitunter auch hochgradig gereizt zur Kenntnis nehmen, dass andere Gläubige anderes glauben bzw. als Ungläubige gar nicht glauben. Das ist eine per se konfliktträchtige Konstellation: wenn fromme Christen glauben, dass Gott einen Sohn hat, der so alt ist wie er (nämlich von Ewigkeit zu Ewigkeit) und dessen weltliche Mutter Jungfrau ist, so können Nichtchristen das schräg oder komisch finden; gläubige Christen werden eine derartige Reaktion ihrerseits nicht amüsant finden und sich Scherze darüber verbitten. In Religionsfragen treten die Teilnehmer- und die Beobachterposition systematisch und besonders krass auseinander. Ein vergleichender Ethnologe, der sich aufrichtige Mühe gibt, das christliche Abendmahl zu verstehen – ach, der Gottessohn ist in der Hostie leiblich gegenwärtig und wird von den Gläubigen verzehrt, wie interessant – muss mit dem Einwand rechnen, er habe als Ungläubiger das Wunder der Wandlung nicht recht verstanden; wenn er diesen Kultus ethnologisch vergleichend mit kannibalistischen Riten in Verbindung bringe, müsse er mit Beleidigungsklagen rechnen. Denn nur dem Teilnehmer, nicht aber dem Außenbeobachter erschließe sich die Wahrheit der göttlichen Offenbarung in Brot und Wein.



Luthers Heidelberger Disputatio
Die Kraft des Sekundären

… Zu Luthers Zeiten war Nonkonformismus noch nicht der (paradoxe) Normalfall; vielmehr war es bekanntlich noch ein bedrohliches, ja lebensgefährliches Risiko, Häretiker zu sein. Wer sich in Europa um 1500 dem in Jesus Christus inkarnierten Häresie-Versprechen anvertraute, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Die blutige Verfolgung der Bogomilen, Waldenser, Katharer und weiterer Ketzer – das Wort leitet sich bekanntlich von der letztgenannten Gruppe ab – war nicht nur Priestern gegenwärtig, sondern Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. Aus der verfolgten Kirche war seit mehr als einem Jahrtausend eine verfolgende Kirche geworden. Die Verbrennung von Jan Hus 1415 auf dem Konstanzer Konzil war ein propagandistisch inszeniertes Abschreckungssignal; dasselbe Konzil beschloss, auch die Gebeine des Ketzers John Wyclif auszugraben, um ihn post mortem zu verbrennen, was dann, wenn auch mit dreizehnjähriger Verzögerung, tatsächlich geschah. Kurzum: dass der Häretiker wie Sokrates, Jesus Christus oder Jan Hus zu Lebzeiten scheitern kann, war Luther selbstredend klar.
Umso bemerkenswerter ist es – und war es offenbar für Luther selbst! –, dass er sich in Heidelberg willkommen und rundum, körperlich wie geistig-geistlich, wohl fühlte. Davon legt u.a. sein Brief vom 18. Mai 1518 an seinen Freund Spalatin Zeugnis ab. „Ich bin auf dem ganzen Wege völlig wohl gewesen und Speise und Trank sagte mir außerordentlich gut zu, so dass einige meinen, ich sei behäbiger und beleibter geworden. Es hat mich der durchlauchtigste Fürst, der Pfalzgraf Wolfgang, trefflich aufgenommen und der Magister Jakob Simler, aber auch der Hofmeister Hase (Hasius). Denn er lud mich ein, das heißt, den Pater Vicarius Staupitz und unsern Lang, der jetzt Provinzialvikar ist, und wir erfreuten uns mit einander an einer lieblichen und angenehmen Unterhaltung, aßen und tranken und besahen uns die Kleinodien in der Hofkapelle, sodann die Rüstkammer, ja alles, was das wahrhaft königliche und hochfürstliche Schloß an Zierden hat. Es konnte der Magister Jakob den meinetwegen geschriebenen Brief unseres Fürsten nicht genug loben, indem es in seiner Neckarschen Sprache sagte: ‚Ihr habt by Gott einen kystlichen Credenz.‘ Es hat an nichts gefehlt, was zu einer freundlichen Aufnahme hätte dienen können.“ So schreibt kein verfolgter Ketzer, so schreibt, um es neudeutsch zu formulieren, ein Shooting-Star der Theologie-Szene, der auf dem Weg ist, zum Etablierten zu werden – wovon auch die sich ändernde Körperlichkeit Zeugnis ablegt.
Dass der Reformator ziemlich genau ein Jahrhundert nach Jan Hus noch zu seinen eigenen Lebzeiten spektakulären Erfolg haben konnte, ist erklärungsbedürftig. Die Heidelberger Disputatio vom 26. April 1518 spielt bei den möglichen Erklärungsversuchen eine entscheidende Rolle. Eine Gedenkplatte am Heidelberger Universitätsplatz erinnert bis heute daran. Sie trägt die Inschrift: „Martin Luther 1483–1546 / Zum Gedenken an seinen Aufenthalt im Kloster der Augustiner und an seine Heidelberger Disputation am 26. April 1518 / Im Lutherjahr 1983.“ In diesem Jahr 2018 häufen sich Gedenktage, deren Fülle eine eigentümliche Konstellation ergibt. Um nur drei zu nennen: Vor vierhundert Jahren begann der dreißigjährige Krieg; vor zweihundert Jahren wurde Karl Marx geboren, dessen Wirkungsgeschichte ähnlich ausgreifend ist wie die Luthers; vor hundert Jahren endete der erste Weltkrieg. Dass Luther vor einem halben Jahrtausend in Heidelberg disputierte, nimmt sich im Vergleich zu den genannten Ereignissen als einigermaßen sekundäres Datum aus, und doch handelt es sich um ein Ereignis von großem tiefenstrukturalen Gewicht. Die Fakten sind bekannt und schnell in Erinnerung gebracht (ich, der ich kein Kirchenhistoriker, sondern Literatur- und Medienwissenschaftler bin, muss alle enttäuschen, die von diesem Vortrag weitere Mosaiksteinchen bei der Rekonstruktion der Einzelereignisse erwarten, ich habe keine neuen Quellen wie etwa einen Tonband- oder Videomitschnitt der Disputatio zu bieten): zur Generalversammlung der Augustinererimiten in Heidelberg war auch der Augustinermönch Luther eingeladen. Der in kürzester Zeit hochprominent gewordene Disputant hatte übrigens erst ein Jahr zuvor diese Namensform gewählt und damit die Freiheit, ein anderer zu werden, symbolisiert. Ursprünglich lautete sein Familiennamen Luder, ein Name, der schon damals mit den Assoziationen versehen war, die dem Wort ‚Luder‘ auch heute noch mitgegeben sind, ein Grund, warum Luder/Luther seinen Namen gerne gräcisierte: Eleutherius/der Freie. Luther – das ist auch der Markenname für den „ersten Erfolgsautor der Neuzeit“, erschienen doch aus seiner Feder „bis zum Ende des Jahres 1520 … 82 Einzelschriften und Schriftsammlungen …, die eine Gesamtmenge von über 600 Auflagen erzielt hatten.“