Sebastian Knell
Honig des Zeus



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Honig des Zeus




Clara:

Mit einem Schaudern hielt sie sich die Ohren zu und starrte zu Boden. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, welche der Schreie, die in den Dachstuhl drangen, schwerer zu ertragen waren: die der Fleischeslust und schamlosen Beglückung oder die, aus denen die Verrohung des Empfindens sprach und blanker Hass. Doch beides ging ihr jedes Mal durch Mark und Bein. Wenngleich die Art des Angriffs auf ihr Seelenleben und auch die Form der Grausamkeit, die sie zu ertragen hatte, in beiden Fällen grundverschieden waren.
„Die Fahne hoch!
Die Reihen fest geschlossen…“
Die schrill herausgeplärrten Strophen kannte sie inzwischen in- und auswendig. Ein paar Minuten lang noch hatte sie versucht, sich weiter auf ihr Bild zu konzentrieren. Doch jetzt ließ sie es sein. Sie nahm die Finger aus den Ohren, riss das Papier entzwei und warf den Pinsel in die Ecke, zu den alten Handtüchern und Lumpen. Der Schaft des Pinsels streifte eines der leeren Einweckgläser, die auf den stumpfen, wurmstichigen Bohlen standen, nahe der Firstsäule des Dachgebälks, und entlockte ihm ein Klirren.
„Das, was du da mitunter malst, ist gar nicht mal so schlecht“, hatte ihr Schutzpatron behauptet, irgendwann im letzten Jahr, und dabei gutherzig gelächelt, ihr abgekämpfter Herbergsvater wider Willen. „Wer weiß, vielleicht kannst du das ja auch mal unterrichten. Irgendwann in Zukunft. An einer Mädchenschule oder so. Wenn der verdammte Krieg vorbei ist.“
„Ach hör doch auf!“, hatte sie gerufen, in einer Mischung aus Verzweiflung und aus Kränkung.
„Wieso denn nicht? Man muss doch irgendwie nach vorne blicken, in dem ganzen Schlamassel. Damit einem das Herz nicht unentwegt in Finsternis versinkt.“
„Idiot! Sag sowas nie wieder zu mir! Mit diesem Rumgepinsel hab ich wirklich nichts am Hut. Nicht auf die Dauer, weiß Gott nicht! Hast du denn schon ganz vergessen, wer ich bin?“
Der Choral der Brüllaffen, die unten auf der Neckarhalde marodierten, hatte seit dem Vorjahr abermals die Tonlage gewechselt. Dies war geschehen, nachdem die Vorstöße der Wehrmacht, die lange Zeit schier unaufhaltsam durch den Kontinent marschiert war, im Eis und Winterschnee erstarrt waren. Der Lärm der Lieder und Parolen hatte daraufhin an Stärke nochmals zugenommen. Ja, das Gegröle, das die ungeübten Kehlen von sich gaben, erschallte seither noch viel ungenierter und martialischer, begleitet vom Getrampel der Soldatenstiefel, die im Gleichschritt auf das Pflaster stampften. Ein Getöse aus dem Blasebalg des Mobs, das schlechthin alles, was hierzulande einmal wahre Musikalität gewesen war, in aller Öffentlichkeit in Stücke riss.

„…Zum letzten Mal,
wird Sturmalarm geblasen!
Zum Kampfe stehen
wir alle schon bereit!…“

Dass beide Auswüchse der Stimmgewalt des Menschen – die Laute in dem Raum zu ihren Füßen und jene unten auf der Straße, die dort ein schiefes, unheilvolles Echo zwischen den gemauerten Fassaden schufen – im selben Augenblick zu hören waren, dies kam zum Glück nur äußerst selten vor. Der Vorfall heute war, soweit sie sich entsann, in all den langen Monaten und Jahren wohl erst der dritte dieser Art.
„Hier hast du immerhin ein kleines Reich für dich“, so hatte Gustav sie ermuntert, mit rotgeschwitzter Stirn, als er ihr vor einer halben Ewigkeit dort vorne, unterhalb der Dachluke, die alte Bettmatratze neu bezogen und anschließend den Wasserkrug die Stiege hochgebracht hatte. „Ich sorge ganz bestimmt dafür, dass du es halbwegs gut hier oben hast.“
„Ein Reich?“, hatte sie erwidert, während ihr das Duftgemisch von morschem Holz und Staubfäden in die Nase gedrungen war. „Bist du verrückt geworden? Wie sieht es hier denn aus – in diesem muffigen Verhau?!“
„Ein Ort, an dem du ganz für dich sein kannst. Das meine ich doch nur.“
„Ach so. Damit sich dein verschrecktes Blondchen wieder ungestört an dir erfreuen kann.“
„Clara, bitte! Die Situation ist wirklich nicht ganz leicht.“
Oh nein, das war sie nicht, es war für sie kein bisschen leicht gewesen, von Anfang an nicht, bis zum heutigen Tag nicht. Doch was sie gerade zu erdulden hatte, das war der Gipfel der Abscheulichkeiten. Auch wenn es sicher nur ein dummer Zufall war. Denn selbstverständlich besaß ein Mann wie Gustav sehr viel Takt, und niemals wäre es ihm, dem Fluch und edlen Ritter ihres Daseins, in den Sinn gekommen, sich seiner Magda ausgerechnet während eines Ständchens hinzugeben, das der Gesangsverein des Todes durch die Gosse schrie. Zum Zusammenklang der beiden Siedepunkte des Empfindens, zu dieser würdelosen Überlagerung, da hatte es gewiss nur deshalb kommen können, weil das Krakeelen erst zu jenem Zeitpunkt losgegangen war, als die Ereignisse im Raum im dritten Stock schon so weit fortgeschritten waren, dass die Beteiligten schon nicht mehr recht hatten vernehmen können, was außerhalb der Schlafstube geschah. Auch wusste Gustav leider nicht, dass der Zwischenboden, von dessen Füllung Pferdestroh den Löwenanteil bildete, fast jeden Laut zu ihr nach oben dringen ließ. Auch wenn er dies zumindest hätte ahnen können.



Gustav:

Es hatte endlich aufgehört. Die Stille war zurückgekehrt, so dass er Magdas Atem hören konnte. Sie wandte ihm den Rücken zu und ihren wachsglatt schimmernden, famos geformten Hintern. Im harten Licht der Sommersonne traten seine Wölbungen, wie auch die Furche zwischen ihnen, noch ein Ticken plastischer hervor als sonst. Er würde das Ensemble überall erkennen, in Sekundenschnelle. Selbst unter Tausenden von Pobacken, die man bei einem Massenaufmarsch in ein BDM-Kostüm gepfercht hatte. Dies Maß an Treffsicherheit war zweifellos das Vorrecht derer, die die ihm eigene Art von siebtem Sinn besaßen, den Sinn für die Vollendung und Vollkommenheit. Den Sinn der Künstler und Berufsästheten – wie auch der wenigen verwandten Geister, die die Vortrefflichkeit und Größe der Natur begriffen. Ihn hatten, keine Frage, seinerzeit auch Phidias und Praxiteles besessen.
„Manometer!“, schnaubte er in die Stille hinein, „Was für ein jämmerlicher Chor von Pfeifenköpfen! Jetzt endlich halten die mal ihre Schnauze. Fast hätte der Radau uns alles ruiniert.“
„Ach geh!“, murmelte Magda. „Es war doch trotzdem gerade schön. Versuch bei sowas einfach gar nicht hinzuhören.“
„Bestimmt war da auch wieder Kreikemeier mit von der Partie. Dass dieser Mann sich gar nicht schämt.“
„Nun lass doch! Der Kreikemeier, der sollte dir nun wirklich wurscht sein.“
„Ein Ordinarius, der jede Woche mitmarschiert beim Remmidemmi der Proleten! Und dann auch noch die ganzen Lieder durch die Stadt posaunt!“ Er ließ den Blick hinüberwandern zur Frisierkommode mit dem Rundspiegel, auf deren Marmorplatte Magdas violetter Schminkstift lag, neben der Brennschere, mit der sie sich am Vormittag noch rasch den Blondschopf onduliert hatte. „Das ist doch peinlich bis zum Gehtnichtmehr.“
„Der hat schon damals Politur getragen, schon lange vor dem Krieg. Schon zu der Zeit, als ich mir bei euch die Finger wundgetippt habe.“
„Ja, ja. – Ich weiß.“
„Sogar zur Vorlesung. Und jedes Mal, wenn der Senat zusammenkam. Der war halt immer schon ein Hundertprozentiger.“
Diesbezüglich hatte Magda ohne Zweifel Recht. Der Glatzkopf mit der Rübezahlfigur, der der Hölle von Verdun ein Stück Metall verdankte, das seinen Hinterkopf mit einer wundersamen Ausbeulung versah, war ein Idiot der allerersten Stunde gewesen. Ja, mehr noch: Schon vor der Thronbesteigung Hitlers in Berlin, da hatte dieser Rasputin des Ariertums in allen Fakultätsgremien damit geprahlt, die erste Alma Mater Württembergs sei nun ,judenfrei‘ geworden. Weil kurz zuvor der Physiker Landé sein Ordinariat geräumt hatte, von den Kollegen angewidert und damals noch aus freien Stücken, um bald darauf dem Reich auf Nimmerwiedersehen Lebewohl zu sagen.
Zu dieser Zeit war Kreikemeier ihm schon mächtig auf den Keks gegangen, mit seinem lautstarken Gewese. Insbesondere mit seinem Lieblings-Steckenpferd, dem ,Kampfbund für Deutsche Kultur‘. Den allergrößten Mist, den hatte er seither zum Besten gegeben, sogar im Audimax vor vollem Publikum, bis hin zu seiner jüngsten Litanei vom nimmermüden Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften. Mit seiner feisten, sehr sonoren Bassstimme, der praktisch jede Schreibkraft an der Fakultät verfallen war, wahrscheinlich zeitweise auch Magda.
„Ich kapier das einfach nicht“, sagte er und fuhr sich mit dem Finger durch den Augenwinkel. „Dass der noch immer so ’ne dicke Lippe riskiert. Sogar jetzt noch, wo eh schon alles in die Binsen geht.“
„Heidanai, Gustav! Das weiß doch keiner, wie das weitergeht. Vielleicht kann ja das Heer das Blatt noch wenden. Gib nur bloß Acht mit solchen unbedachten Worten!“
„Komm schon. Du weißt ganz genau, dass das die bittere Wahrheit ist. Das sagt sogar Schulz-Biggemann. Die Lage an den Fronten, die ist zappenduster. Aber sowas von.“
„Aber doch längst nicht überall.“
„Nicht überall?! – Der Iwan steht mit vier bis fünf Armeen an der Weichsel. Und die Amis sind schon auf dem Vormarsch nach Paris. Wir sitzen richtiggehend in der Scheiße.“
Die Stille draußen wurde nun durchbrochen von Motorenlärm. Es schien sich um mehrere Kraftfahrzeuge zu handeln. PS-starke Vehikel, die irgendwo am Rand der Stadt mit Vollgas durch die Gegend pesten.
„Die werden dich am Ende noch ins Zuchthaus sperren“, flüsterte Magda. „Es macht mir arg viel Sorgen, wenn du so unachtsam daherredest.“
„Nu mach aber mal halb lang. Ich pass schon auf mich auf.“
„Du weißt, dass das inzwischen sogar Fallbeil heißen kann. In Stuttgart sind erst neulich zwei geköpft worden. Der eine war erst neunzehn.“
„Ach du dickes Ei! Im Ernst?“
„Hat die fette Kocher mir verzählt, grad gestern erst. Ein junges Bürschle, das eigenmächtig Flugblätter ausgelegt hat. Drüben, in der Südstadt.“