Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?



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Lebt denn der alte Hegel noch?




Eher etwas dünn

Wer durch die Nacht kommt, erreicht den Tag. Der Tag bringt Licht, auch wenn er im Dunkeln beginnt. Oft fällt es schwer, sich zu besinnen, wenn der Morgen graut; dann kann es sein, dass man nicht mehr die Person ist, die man in Erinnerung hatte, man wurde ausgelagert. Erst wenn die Nacht sich endgültig geschlagen gibt, fällt einem wieder ein, wer man zu sein glaubt. Ich hatte damit meine Probleme. Durch meine Erinnerung zog das Lied vom Holzmichel, der bei mir aber nicht Holzmichel, sondern Hegel hieß. „Lebt denn der alte Hegel noch?“, wurde ich gefragt, und ein Refrain gab die Antwort: „Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch!“ Das hörte ich gern.
Aber wie lebte er? Und warum? Das war die Frage.
Natürlich weiß ich, dass ich nicht Hegel bin. Ich bin ja nicht blöd. Noch nicht. Obwohl die Sache ernst ist und ich seit jenem unseligen Vorfall, von dem noch die Rede sein wird, Angst habe und nicht mehr aus dem Haus gehe. Zumindest nicht, wenn ich weiß, dass draußen der ganz normale Publikumsverkehr droht, der tägliche Wahnsinn, das Gespräch von Mensch zu Mensch, das meine hochaltrig verstorbene Frau Mutter, der unbekannte Herr Gott habe sie selig, als Zuwendung zu bezeichnen pflegte, nach der wir alle süchtig sind. Sagte sie, liegt aber schon einige Zeit in der Grube, und wer sich ihr da zuwendet, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich jedenfalls nicht, denn ich komme ja auf Grund einer besorgniserregenden Entwicklung, von der ich befürchten muss, dass sie selbstverschuldet sein könnte, nicht mehr aus dem Haus.
Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein, und als ich das wie eines jener Routine gewordenen Dienstgeschäfte durchzuspielen begann, denen ich seit vielen Jahren nachgehe, tat sich in meinem Job eine Falle auf, die ich zuvor allenfalls vom Hörensagen kannte. Dabei ist mein Berufsstand ehrbarer als andere, zumindest nehmen das die Schriftsteller von sich an; sie halten sich für moralisch integer und schauen mit Verachtung auf raffgierige Manager, sonntagsredende Politiker oder sonstige Promis, die in aller Munde sind und mehr Geld verdienen als sie verdienen. Zu diesen Fundamentalisten unter den Schriftstellern habe ich aber, das sei zu meiner Entlastung gesagt, nie wirklich gehört; ich bin Sachbuchautor, und wenn ich Ihnen sage, dass ich Ivo Murcks heiße, müsste es bei Ihnen eigentlich klingeln: „Ach, der sind Sie!“, sollten Sie jetzt bitte sagen, „der Murcks, seltsamer Name, heißen Sie wirklich so? – von Ihnen hab’ ich schon was gelesen.“ Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich heiße wirklich so, obwohl ich mehrfach daran gedacht habe, mir ein Pseudonym zuzulegen, besonders nachdem ich in jeder zweiten Kritik meiner Bücher den Satz „Er heißt Murcks, und er schreibt Murks!“ lesen musste. Ein Rezensent, er war eine Spur einfallsreicher als seine bekloppten Kollegen, schien meine Überlegungen hinsichtlich eines Pseudonyms zu erahnen, denn er empfahl dem Autor „Murcks, der sich möglicherweise, aus naheliegenden Gründen, schon länger mit dem Gedanken trägt, unter einem anderem Autorennamen anzutreten, dafür das Pseudonym Igor Stuss in Erwägung zu ziehen, denn das ist es, was dieser Mann, für den man eigentlich eine Wiederbelebung der guten alten Berufsverbote in Erwägung ziehen müsste, gnadenlos vielschreibend absondert: Murks und Stuss in Vollendung“. Natürlich hatte ich daraufhin erwogen, diesem sogenannten Rezensenten meine Meinung sagen zu lassen, zum Beispiel durch meine früheren Freunde vom Russischen Kulturverein Kalinka e.V., der im Nebenerwerb ein Inkassobüro betreibt und einige kräftige Herren im Außendienst beschäftigt, aber die Sache erschien mir dann doch zu aufwendig; es lohnte nicht, für diesen Schreiberling nicht und auch nicht für andere, die sich an mir vergingen. Außerdem scheint man sich an meinen Namen gewöhnt zu haben, und so ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie im hiesigen, gern seine Lage beklagenden Buchhandel auf eines meiner Bücher stoßen, gar nicht so gering. Ich habe vorwiegend Biografien geschrieben, alle von handlichem Format, nicht zu dick, eher etwas dünn, wenn man in Rechnung stellt, wie lange ein Leben währt, wie sich das ziehen kann und wie viele nutzlose Erwägungen es mit sich bringt, die letzten Endes, wenn man vom Ort her urteilt, an dem meine Mutter abgelegt wurde und noch immer auf Zuwendung wartet, allesamt für den Arsch sind, ich darf das so offen sagen, denn als Biograf kenne ich mich aus, ich war die Made im Speck, und der Speck war das Leben der anderen. Es gibt wohl auch einen hochdekorierten Film mit diesem Titel, ist mir zugetragen worden, den ich aber noch nicht gesehen habe, ich komm’ ja, wie gesagt, nicht mehr aus dem Haus. Als Biograf hatte ich keine Berührungsängste, ich habe (unter anderen) über Dichter und Denker wie Kant, Goethe, Schopenhauer, Fichte, Schiller, Nietzsche, Herder, Heine, Eichen­dorff, Fontane geschrieben, über Künstler wie Thijs Hindelaar, Marcus Klotz, Eduard („Ede“) Hecker, ich habe einen aus Deutschland stammenden, sehr amerikanisch wirkenden Fußballtrainer porträtiert, netter Kerl, blond, sonnig, der mir aber zu sonnig war und zuviel lachte, weshalb ich ihn für mich nur Grinsmann nannte, er heißt aber wohl anders, ich kenn’ mich im Fußball nicht so aus. Ja, sogar an einen Politiker machte ich mich heran, den ehemaligen Kulturstaatsminister und erfolglosen Bürgermeisterschaftskandidaten Alexander Pocke-Pückler, der sich, unter allen noch Lebenden, mit denen ich mich befasste, am wenigsten kooperativ zeigte und arg zugeknöpft blieb.