Und ich darf nicht sterben
Leseprobe
Als Frank Weiß am nächsten Morgen aufwachte, hatte er sogar Hunger. Aber er blieb erst einmal liegen und sah an die Decke.
Ich werde runtergehen müssen, dachte er nach einer Weile, weil ich gestern nicht gesagt habe, dass ich das Frühstück aufs Zimmer haben möchte. Er unternahm einen ersten Versuch, sich auf die Seite zu drehen, dann noch einen. Nachdem er es endlich geschafft hatte, stützte er sich mit dem Ellenbogen in der Matratze ab. Seinen Oberkörper aufzurichten war die nächste Schwierigkeit. Es gab nichts, woran er sich hätte hochziehen können, und seine eigenen Muskeln reichten kaum noch aus, um es aus eigener Kraft zu schaffen. Nach einigen Minuten saß er dann doch auf der Bettkante, stellte seine Füße ab und versuchte sich hochzudrücken. Als er sich mit zitternden Beinen und etwas schwummrig im Kopf, aber stehend, am Nachttisch festhalten konnte, hatte er den Eindruck, den ganzen Vormittag mit Aufstehen verbracht zu haben.
Zum Glück, dachte er, ist mir gestern nicht die Hose ausgezogen worden. Da wäre ich jetzt nie wieder reingekommen. Er hatte eine Art Hemd an, das er nicht kannte und das ihm auch nicht gehörte. Das letzte Hemd hat leider keine Taschen, dachte er, und schob seine Füße in die Hausschuhe. Er tastete sich, die Füße nicht wirklich hebend und sich dabei die ganze Zeit irgendwo festhaltend, am Rand des Bettes entlang auf die Tür zu. Auf dem Flur schaute er sich um und fand den Fahrstuhl gegenüber von seinem Zimmer.
Unten angekommen setzte er sich an eine lange Tafel und schaute sich um. Alles lag angerichtet auf dem Tisch, als erwartete man eine große Frühstücksrunde. Aber außer ihm war niemand da. Jemand kam und sagte, er könne auch anderes haben, alles wie er wünsche. Aber Weiß blieb beim Brötchen mit Marmelade, das er immer gefrühstückt hatte und von dem er doch schon jetzt ahnte, dass es sich später rächen würde. Damit hatte ja alles angefangen vor ein paar Wochen, dachte er, mit diesen Schmerzen nach dem Essen. Und eigentlich hatte er auch schon wieder keinen Hunger mehr, dafür aber das starke Gefühl, den Leuten hier gegenüber nicht unhöflich sein zu wollen.
An den Wänden, die in Sandfarbe gestrichen waren, hingen ein paar laienhaft gemalte Bilder, Aquarelle oder sowas; hinter großen Fenstern, die bis hinunter zum hellen Holzfußboden gingen, sah man eine asphaltierte Terrasse mit ein paar Gartenmöbeln; von der Decke, die hoch wie in einem Altbau hing, strahlten kleine, runde Leuchten. Weiß stützte sich auf dem Holztisch ab, hielt sich an dessen Kante fest und schlurfte um ihn herum. Dann öffnete er eine der Fenstertüren und trat, indem er erst den einen und dann den anderen Fuß über die Schwelle hob und sich gleichzeitig am Innenrahmen festhielt, hinaus. Draußen setzte er sich auf einen Stuhl. Er hätte gerne einen Kaffee getrunken, aber das wäre nach den Erfahrungen der letzten Wochen der totale Wahnsinn, dachte er. Also ließ er es bleiben, saß einfach so da und kam sich ein bisschen vor wie im Urlaub. Außer, dass man von hier aus nicht in die Berge oder aufs Meer schaute, sondern gegen eine etwa vier Meter hohe, dichte, dunkelgrüne Hecke. Man merkt überhaupt nicht, dass man hier mitten in der Stadt ist, dachte er.
Plötzlich erinnerte er sich an die Zeit, in der er seine Mutter regelmäßig im Pflegeheim besuchte. Da hatte es eine Frau gegeben, die zur Einrichtung Hotel sagte und auch, dass der Urlaub hier ganz nett sei. Demnächst wolle sie aber wieder nachhause. Vielleicht, dachte Weiß jetzt, war das nur ein ganz rationaler Schutzmechanismus. Vielleicht ist es besser, sich einzureden, im Urlaub zu sein, als anzuerkennen, dass man am letzten Ort seines Lebens angekommen ist, auch auf die Gefahr hin, dass einen dann das Umfeld für verrückt hält, wie die Frau im Pflegeheim seiner Mutter.
Er konnte jetzt darüber nachdenken, weil er selbst in so etwas wie einem Pflegeheim war. Obwohl man ihm als allererstes versichert hatte, dass ein Hospiz genau das eben nicht sei. Ein Hospiz sei etwas ganz anderes, das genaue Gegenteil sogar von Pflegeheimen und Krankenhäusern und was es nicht sonst noch alles an furchtbaren Einrichtungen im deutschen Gesundheitswesen gab, hatte man ihm gestern, gleich nachdem er angekommen war, gesagt, ein Ort des Lebens sei das hier, ein Ort der Freude auch, hatten ihm mindestens drei oder vier verschiedene Personen gesagt. In einem Krankenhaus war er gewesen, bevor man ihn gestern hierher gebracht hatte. Fortgeschrittenen Darmkrebs hatte man festgestellt, nicht mehr therapierbar. Mit Glück, hatte der Arzt gesagt, werde Weiß seinen achtundfünfzigsten Geburtstag in vier Wochen noch erleben, austherapiert sei er. Obwohl er, wie er jetzt dachte, ja noch gar nicht antherapiert war. Noch nicht mal antherapiert und schon austherapiert, so kann’s anscheinend kommen. Vom Krankenhaussozialdienst war er dann, vermutlich aus Kostengründen, wie Weiß gedacht hatte, so schnell wie möglich in dieses Hospiz verfrachtet worden. Wenn es nichts mehr zu heilen gab, war man falsch im Krankenhaus, und zuhause bleiben könne er unter diesen Umständen auch nicht, hatte man ihm gesagt. Er brauche Pflege, und im Hospiz würde er liebevoll umsorgt. In jedem Fall sei das der beste Ort für jemanden in seiner Situation. Er hatte erstmal eingewilligt, ohne wirklich darüber nachzudenken.
…