der blaue reiter


Otto-Peter Obermeier



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der blaue reiter 2. Sonderausgabe

 



Die Wieder-Erotisierung der Wirklichkeit


Herr Professor Obermeier, Sie haben als Tierarzt beim Staat und in der Industrie gearbeitet, dann Philosophie studiert, nebenbei ein Diplom in Politologie erworben und sind schließlich Professor für Philosophie geworden. Wie kommt man als Tierarzt zur Philosophie?


Es gibt für mich keinen Aspekt des Lebens, über den man nicht nachdenken könnte. Tiermedizin ist ein schönes Studium, das auch viel mit Philosophie zu tun hat. Zum Beispiel die vergleichende Anatomie. Wie klassifiziert man eigentlich? Warum sind Fische eine Gruppe? Das ist überhaupt nicht so klar, wie man meint. Auch der Begriff der Krankheit ist ein schwieriges Problem, das immer irgendwie mit Philosophie verbunden ist. Ich habe eine Leidenschaft dafür, über Grundprobleme nachzudenken. Der erste Anlass dazu war die Bibliothek meines Onkels. Offensichtlich war er ein Fan des deutschen Idealismus. So habe ich mit fünfzehn aus Neugierde Kant, Fichte und Hegel gelesen und dabei nichts, aber auch gar nichts kapiert. Aber die Liebe zu solch merkwürdigen Gedankengängen ist mir geblieben.
Zu meiner Studienzeit gab es Lehrbücher wie Der Grundriss der tierischen Reproduktion, in denen das Tier nur als Maschine gesehen wurde. Damals kam auch die Massentierhaltung auf. Einmal habe ich eine riesige Massentierhaltung von Kaninchen angeschaut. Zigtausend Tiere auf einem Haufen – die Ohren waren alle abgefressen, das Fell rausgerissen, grauenhaft. Das war mir zu viel. Da habe ich dann beschlossen, dass ich nicht der verlängerte Arm dieser Art der Produktion sein möchte und habe begonnen Philosophie, Soziologie und Wissenschaftstheorie zu studieren.

So gesehen war es beinahe natürlich, dass Sie das Studium der Philosophie mit einer Arbeit über Popper abgeschlossen haben, der im Medium der exakten Wissenschaften zu philosophieren begonnen hatte.

Die Wissenschaft hat unendlich Interessantes herausgefunden, wie zum Beispiel die mehrfache Entzauberung des Menschen: Dass der Mensch nicht im Mittelpunkt des Kosmos steht, dass der Mensch nicht in 6 mal 24 Stunden hergestellt worden ist, dass der Mensch – das ist für uns wohl das Erschütterndste – nicht Herr im Hause seiner Vernunft ist, wie Freud gesagt hat. Die Vernunft ist ein mächtiges Instrument, aber offensichtlich können wir damit nicht umgehen. Und den Abkömmling der Vernunft, den Verstand, können wir auch nur sehr schwer handhaben. In diesem Sinne ist die Naturwissenschaft für mich ein tolles Instrument der vernünftigen Entzauberung der Welt. Sie ist aber auch ein Instrument, das uns in den Abgrund eines technologischen Gottes stürzen kann.
Was das Interesse an Popper betrifft, so war das furchtbar einfach. Ich habe mir gedacht: Jetzt schau ich mir mal an, wie so ein Brunfthirsch der Philosophie die Wissenschaft betrachtet. Ich bin ja selbst lange genug im Labor gestanden. Ich habe seine Logik der Forschung gelesen. Das war furchtbar für mich! Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Poppers Wissenschafts-theorie logisch und empirisch völlig falsch ist, sie entspricht einfach nicht der Forschungs-wirklichkeit.
Die Absicht von Popper war ja edel. Er wollte sozusagen den Rationalismus vor dem Skeptizismus, der den Zweifel zum allgemeinen Prinzip erhebt, retten. Er wurde berühmt, durch seine Jubelgeschichten über die Wissenschaft. Aber zu behaupten, dass der Wissenschaftler prinzipiell ein Wahrheitssucher sei, ist ein Treppenwitz – als ob es in der Wissenschaft nicht massenweise Betrüger gäbe, und zwar in der gesamten Geschichte der Wissenschaft. Der Forscher geht auch nicht ins Labor und stellt jeden Tag alles in Zweifel, wie Popper behauptet. Ich bezweifle doch nicht permanent meine Sektionstechnik beim Fisch oder das Standardwissen über Krankheiten. Normalerweise versucht man das vorhandene Wissen auf konkrete Dinge anzuwenden. Im Grunde ist es wie ein Puzzle und man schaut halt, wie das zu untersuchende Phänomen irgendwie in sein Konzept passt.
Die Herren Rationalisten wollen immer ein zwingendes Verfahren, sie müssen immer entlang eines verdammten Systems philosophieren. Das ist auch die Tragik von Kant. „The most ingenious way of becoming foolish, is by a system“ sagt Shaftesbury, auf gut deutsch: Der beste Weg zu verblöden – vornehmer: sich zum Narren zu machen –, ist durch ein System. Ich schätze, dass 60% der Arbeit von Kant nur darin bestand, alles in sein System, das er in der Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat, irgendwie begrifflich unterzubringen. Einerseits ist es ja nicht schlecht, wenn man jedes Phänomen daraufhin untersuchen kann, wie und aufgrund welcher Merkmale es in ein System einzuordnen ist. Aber, wenn man nur in dieser Zwangsjacke steckt, dann ist das Denken tot. Deswegen ist mir die Sinnlichkeit so wichtig. Die Sinnlichkeit ist für mich die Quelle der Vielfalt.
Als man die Erde aus dem Zentrum des Kosmos torpedierte, gab es unendlich viele Schwierigkeiten, weil man noch nicht alle Planeten kannte. Die Fehlerquote und die Abweichungen waren fast genauso schlimm wie beim alten System. Trotzdem hat man das neue System übernommen. Paradigmenwechsel, also Änderung der grundlegenden Annahmen, sind eher Machtwechsel. Man erhofft sich mehr Gewinn, mehr Nutzen von der neuen Theorie. In den Naturwissenschaften geht es tatsächlich primär nicht um Wahrheit, sondern um den materiellen, den operativen Nutzen: Schlägt das Antibiotikum an oder nicht? Ob die Theorie, warum es wirkt, wahr ist oder falsch, ist völlig egal. Schon Poppers Buchtitel Logik der Forschung ist Murks, weil die Forschung nicht nur logisch vorgehen kann. Forschung ist eine Mischung aus Intuition, aus der Begeisterung der Leute, aus Begabungen, aus formalem Wissen und so weiter. Das ist etwas anderes als Logik.
Eines aber habe ich bei Popper gelernt: Auch das Streben nach Rationalität macht nicht gefeit gegen Ideologien. Das ist für mich der Hauptgrund für eine fundamentale Bescheidenheit. Man kann noch so viel über etwas nachdenken, man wird nie zur Vollkommenheit gelangen. Schon deswegen bin ich der Meinung, dass das Denken unbedingt bunt werden muss.

Einer Ihrer Aufsätze für den blauen reiter trägt auch den Titel Philosophie, ein bunter Hund.

Man kann Probleme von unendlich vielen Seiten betrachten. Man kann links oder rechts um einen Berg herum gehen, man kann direkt darüber steigen oder einen Tunnel hindurch graben, dabei wird man am ehesten blind. Die Naturwissenschaftler sind wie Tunnelgräber. Sie bohren sich in ein Problem, aber links und rechts darf nichts mehr sein. Ein Experiment kann man nur machen, wenn man 99,9% der Wirklichkeit ausschließt. Mit derart gewonnenen Erkenntnissen kann man den Anspruch, die Wirklichkeit umfassend zu beschreiben, vergessen. Noch schlimmer ist es, wenn die Damen und Herren Wissenschaftler von Wahrheit reden. Ich halte den Wahrheitsbegriff für einen in hohem Maße ideologischen Machtbegrifft. Den haben sich die Philosophen von den Theologen abgeschaut, er ist sozusagen der Abkömmling der Offenbarung. Wahrheit gilt quasi als Offenbarung des Guten.

Ist der Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse unter die Idee der Wahrheit zu stellen, der letzte Rest Metaphysik in den Wissenschaften?

Wahrheit ist ein stark ideologischer Entschuldigungsbegriff: Wenn etwas wahr ist, dann brauche ich nicht mehr denken. Mill hat diesbezüglich gesagt, dass wenn es stimmen würde, dass etwas wirklich wahr wäre, es trotzdem notwendig sei, dass man es ununterbrochen wieder in Frage stelle, weil jede Generation das erneut lernen müsse.
Nehmen wir zum Beispiel die Adäquationstheorie: Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit dem, was man in der Realität beobachtet. Diese Aussage ist Ideologie vom Feinsten. Schon die Sinnlichkeit ist bestimmt durch die Art und Weise, wie sie verarbeitet wird. Verstehe und erlebe ich die Natur als belebt und höre das Rauschen eines Bachs, dann stimmt meine Beobachtung mit der Aussage, dass mir die Nymphen im Bach ihr Lied singen ja überein, solange ich nicht auf die Idee komme, Schallwellen anzunehmen oder ähnliches. Der noch schlimmere und gefährlichere Wahrheitsbegriff ist der systemische, sprich die Kohärenztheorie der Wahrheit. Das heißt, dass Wahrheit nur vom System abhängt. Wenn man nämlich ein teuflisches System hat, hat man auch eine teuflische Wahrheit. Mit Systemlogik wird alles banal; selbst der Tod und das Morden in den KZs der Nazis.
Im Endeffekt – und damit wären wir beim dritten Wahrheitsbegriff – basiert die Naturwissen-schaft nicht auf einem absoluten Wahrheitsbegriff, sondern auf einem pragmatischen: Funktioniert eine Operation, die gewisse Dinge bewirken soll oder funktioniert sie nicht. Funktioniert etwas, ist es wahr; wenn es auf Dauer nicht funktioniert, wird es verworfen.
Mit dem Wahrheitsbegriff wird etwas suggeriert, das wir nicht erreichen können. Das habe ich in meinem Aufsatz Was ist Philosophie? versucht zu vermitteln. Warum können wir nicht die Größe haben zu akzeptieren, dass wir nicht allwissend werden können? Warum können wir das psychisch nicht aushalten? Ein Teil der Metaphysik ist eindeutig theologische Nachfolge. Plötzlich ist die Vernunft so gewaltig, dass sie die gesamte Welt aufschlüsselt, bis hin zu einer Art Vollkommenheit. Das war auch der Wahn von Fichte. Als Studenten Fichte die Fenster einschmissen, hat Goethe geschrieben: „Es ist von den Nicht-Ichs ... sehr unhöflich durch die Scheiben zu fliegen!“ Das ist Spott, aber kein böser. Hätte Fichte sich am Abend gemütlich zurückgelehnt und gesagt „Wenn ich den ganzen Tag die Welt erschaffe, dann muss ich sie am Abend wieder kaputt machen, damit ich sie mir morgen wieder neu erschaffen kann“, wäre er auf ganz andere Ideen gekommen.

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der blaue reiter im Gespräch mit Otto-Peter Obermeier