der blaue reiter


Klaus Giel



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der blaue reiter 1. Sonderausgabe

 



Philosophie muss die Welt zur Sprache bringen


Herr Giel, Sie sind Professor für Pädagogik. Wie kommt ein Pädagoge zur Philosophie?

Die Philosophie ist zu mir gekommen. Ich bin in einem Dorf irgendwo an der rumänisch-jugoslawischen Grenze als ein Armeleutekind aufgewachsen. Es gab damals im Banat eine große deutsche Bildungsanstalt, die Banatia, aber die war für meinen Vater unerschwinglich. Da hat sich der Pfarrer meiner angenommen. Er hatte ein ganzes Haus voller Bücher, das hat mir sehr imponiert. Er gab mir Unterricht, und manchmal habe ich sogar noch ein Vesper gekriegt – mit Butter.
Nach dem Krieg habe ich in Schwäbisch Gmünd das Lehrerexamen abgelegt. Ich war gerne Lehrer, aber dann kamen mir die Bücher des Pfarrers wieder in den Sinn. Es gab damals in Tübingen eine besondere Studienrichtung für Lehrer: Pädagogik mit dem Ziel der höheren Prüfung für das Lehramt an Volksschulen. Und im Rahmen dieses Studiums ist auch meine Liebe zur Philosophie wieder aufgebrochen.
Wenn man etwas Vernünftiges über Erziehung – und nicht über Anpassung oder wie Wittgenstein lieber über Dressur – sagen will, dann entdeckt man bei Kindern so etwas wie den Anspruch auf ein eigenes Leben. Man sieht Kinder nicht nur als Nachwuchs für die Gesellschaft. Das heißt, es gibt eine Dimension der Erziehung, an die man über Sozialwissenschaften wie die Pädagogik nicht herankommt, sozusagen ein Eigenrecht des Kindes. Den Charme, aber auch die Bösartigkeit, die beiden Seiten der kindlichen Neugier, nicht zielorientiert im Hinblick auf die Brauchbarkeit zu lenken, sondern zu verstehen ist etwas genuin Philosophisches. Dazu kommt, dass man gerade im Umgang mit Kindern immer wieder gezwungen ist, sich selber in Frage zu stellen. Philosophie hat Sachwalterin der Vernunft zu sein. Unter Vernunft verstehe ich die Möglichkeit, sich eine mit anderen geteilte Wirklichkeit aufzubauen. Das Allgemein-Werden der Wirklichkeit hat man „Welt“ genannt, und das ist für mich nicht von einer pädagogischen Aufgabe trennbar. Es geht darum, mit den Kindern die Wirklichkeit als Aufenthalt des Menschen zu entdecken. Im Grunde genommen sind unsere Schulen durch die totale Ausrichtung auf gesellschaftliche Verwertbarkeit vollkommen überfordert. Seit ich mit Schule zu tun habe, wurde die Schule ständig mit Aufgaben überfordert, die eigentlich politische Aufgaben sind. Die Schule wurde in Anspruch genommen für die Friedenserziehung, für die Integration, für die Werteerziehung und so weiter. Sie wird für alles in Anspruch genommen, was die Gesellschaft nicht leisten kann. Dadurch, dass man das alles an die Schule abschiebt, bekommt die Gesellschaft ein Alibi. Versagt hat dann nicht die Gesellschaft, sondern die Schule.

Sie haben eine Doktorarbeit über Friedrich Fröbel und Johann Gottlieb Fichte geschrieben. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Kombination?

Fröbel ist der Erfinder des Kindergartens. Die Mütter seiner Zeit waren auf Grund des Zusammenbruchs des traditionellen so genannten ganzen Hauses überfordert. Die Handwerksfrau, die Bürgersfrau hatte ganz bestimmte Aufgaben. Die Frau des Schuhmachers zum Beispiel verkaufte Schuhe, die ihr Mann gemacht hatte. Die Kinder sind da einfach mit aufgewachsen. Die waren von Anfang an mit bestimmten Tätigkeiten vertraut wie etwa Ladenfegen, Botengänge und so weiter. Mit der industriellen Produktion brach dieses System zusammen. Mit dem Einbruch des Kapitalismus beginnt so etwas wie die Pädagogik. Der Mann war aus dem Haus, hat gearbeitet, und die Frau saß daheim und hat sich gelangweilt und die Kinder auch. Das ist das große Schlagwort bei Fröbel: Den Kindern ist langweilig.
Fröbels Idee des Kindergartens war zunächst, dass die Mütter sich zusammenschließen und eine Vereinigung gründen sollen, so dass die Erziehung nicht den einzelnen Müttern allein anvertraut ist. Und so hat er angefangen, als 60-Jähriger, zum Gespött aller Leute, mit Kindern rumzutoben und rumzuspielen, um rauszukriegen, was Kinder gern machen, damit die Mütter etwas Gescheites mit ihren Kindern anfangen können. Fröbel suchte im Spiel einen elementaren Zugang zur Welt. Seine Frage war: Was am Spiel ist eine Form des Zugangs zur Welt, und zwar eines Zugangs zur Welt, der nicht durch Erwachsene vorgeprägt ist?
Fröbel war der Erste, der gesehen hat, dass die ganze Aufklärungspädagogik eigentlich eine schwarze Pädagogik ist. Die Aufklärungspädagogik hat Kinder begrenzt, beschnitten auf die Zurichtung für die Gesellschaft – „tüchtig machen“ war so ein Stichwort. Für Fröbel war die bewegende Frage, wie Erziehung so möglich ist, dass Kinder nicht permanent durch die Erwachsenen vergewaltigt werden, aber auch ohne Kinder zu verniedlichen. Sprich, wie kann man eine Erziehung gestalten, in der Kinder auch in ihrer Kindlichkeit ernst genommen werden? Seine Antwort: Erziehung als Kultivierung des Spiels im Sinne eines zweckfreien, rein theoretischen Zugangs zur Welt zu inszenieren.
Fröbel ging von der Voraussetzung aus, dass der Logos schon im Kind vorhanden ist, sozusagen ein Eigenlogos des Kindlichen, und dass man diesen auch als Logik entfalten kann. Es ist ein Logos, der sich im Handeln und im Darstellen erschöpft und vollendet. Fröbels Pädagogik bestand darin, aus dem Spiel, sprich aus elementarer, nicht gesellschaftlich, schulisch oder sonst wie vermittelter Weltbegegnung die elementaren Strukturen herauszulösen und dann mit geeignetem Material und Spielgeräten, wie zum Beispiel einem Ball, zu inszenieren. Einen Ball kann man greifen, der gibt nach, der ist elastisch, den kann man in der Hand spüren, der wirkt zurück in die Hand. Um die Dreidimensionalität der Kugel zu zeigen, hat er dieser einen Würfel gegenübergestellt. Der Würfel macht die Dreidimensionalität der Kugel sichtbar. Heute wird das Spiel ausgebeutet. Das ist so richtig klassischer Kapitalismus. Spielerisches Lernen und lebenslanges Lernen finde ich entsetzlich.

Was ist so schlimm am lebenslangen Lernen?

Der Mensch wird total entmündigt. Es wird ihm in den Lernprogrammen vorgekaut, wie er mit der Welt umzugehen hat. Gemeint ist kein Lernen, sondern eher ein lebenslanges Abrichten. Das ganze Leben wird verstanden als ein Lernprozess, der von der Wiege bis zur Bahre reicht. Die Lernfähigkeit wird am Modell der industriellen Produktion ausgerichtet, das heißt sie wird gewissermaßen linearisiert und die Zwischenstrecke zwischen Ausgang und Ziel muss fraktioniert werden. Jeder Zeitpunkt muss ökonomisch ausgenutzt werden – Zeit ist Geld. Und das ist das Entsetzliche an dieser Lernideologie. Die Mündigkeit des Menschen beginnt damit, dass er mit seiner Zeit umgeht, dass er sich auch Zeit lassen kann. Das Leben zu haben heißt Zeit zu haben.
Mein Freund Werner Loch hat darauf aufmerksam gemacht, dass man auch einsehen müsse, dass es für den Schüler, den Edukanden wie er damals hieß, auch Dinge gibt, die er sich zu lernen weigert. Und es sind nicht die Schlechtesten, die etwas verweigern.

Entspricht die Mündigkeit des Menschen zum Umgang mit der eigenen Zeit, wie Sie sagen, dem, was Karl Marx mit selbstbestimmter Arbeit meint?

Ja, zum Beispiel. Das lebenslange Lernen ist der Zugriff der Gesellschaft auf unsere Lebenszeit. Und diese Lebenszeit wird bewertet, so wie jeder Moment im Produktionsprozess seinen Wert hat. In seinem Büchlein Existenzphilosophie und Pädagogik. Versuch über unstetige Formen der Erziehung weist Otto Friedrich Bollnow auf die Wichtigkeit der pädagogischen Zwecklosigkeit hin. Es gibt auch eine wunderschöne Pädagogik bei Jean Paul: „Erziehlehre“. Er schildert einen jungen Mann, der an einem berühmten Gymnasium in Hamburg Assessor wird. In seiner Antrittsrede über die Nutzlosigkeit der Pädagogen beweist er, dass Erziehung überhaupt nichts bewirkt. Daraufhin wird er natürlich entlassen. Seine Abschiedsvorlesung hält er über die Wichtigkeit der Pädagogik! Das zeigt, dass es eine ganze Reihe von pädagogischen Maßnahmen gibt, die nicht Messbares bewirken, wie zum Beispiel die Ermahnung. Kleist hat diesbezüglich allerdings geschrieben: „Was lernt ein Kind, wenn du es ermahnst? Ermahnung, mein Freund.“ Die Pädagogik lebt aus nutz- und zwecklosen Appellen. Trotzdem steckt dahinter etwas, auf das die Pädagogik nicht verzichten kann: Die tiefe Einsicht, dass manches im Menschen einfach seine Existenz im Augenblick hat, das heißt in dem Moment, in dem es angesprochen wird. Das ist eine eigentümliche Zeitstruktur, in welcher der Moment sozusagen aus dem Fluss der Zeit, aus dem Strom der Zeit, herausfällt.

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der blaue reiter im Gespräch mit Klaus Giel