der blaue reiter Ausgabe 57
Porträt
Science-Fiction-Literatur als Zukunftsforschung
Stanisław Lem im Porträt
Was ist das nächste „Große Ding“? Welche technische Entwicklung wird als nächstes die Welt und unser Denken über uns grundlegend verändern? Was ist möglich, was wird real und was wird immer Fantasie bleiben? Fragen, mit denen sich Science-Fiction-Autoren in ihren Romanen auseinandersetzen und dabei viele Entwicklungen vorhersagen.
Am frühen Morgen des 15. Mai 1992 träumte mir, dass man von einem Satelliten aus Stanisław Lem in den geöffneten Schädel schauen konnte. Außer einem undeutlichen grauen Gehirn war da nicht viel zu sehen. Dabei hätte mir der Blick von oben doch zeigen können, wie unter dem Schädeldach die lemsche Intelligenz arbeitet und so verrückte Werke wie Solaris oder Golem XIV hervorbringt! Besaß dieses Organ vielleicht ein spezifisches Sensorium für Zukünftiges?
1992 war ich gerade am Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen angestellt worden und untersuchte, was die Zukunftsforschung von der Science-Fiction-Literatur lernen könnte. Lem war einer meiner hauptsächlichen Gewährsleute. Hatte er doch ein Buch über Phantastik und Futurologie veröffentlicht. An der Zukunftsforschung ließ der „dialektische Weise aus Krakau“, wie ihn sein amerikanischer Agent nannte, allerdings kein gutes Haar: „Die Futurologie ist zwar aus der Mode gekommen“, schreibt er in Die Vergangenheit der Zukunft (1992), „doch ein wenig gedämpfter macht sie weiter, wobei die eherne, ja geradezu goldene Regel ihrer Anhänger und Aktivisten eine totale Amnesie ist. Keiner von ihnen kommt nämlich auf seine früheren Prognosen, die allesamt Nieten waren, zurück, sondern schreibt einfach ein paar neue und veröffentlicht sie mit einem insofern ruhigen Gewissen, als er auf diese Weise ja sein Brot verdient und die Butter dazu.“
Die Megabit-Bombe
Doch fangen wir mit dem Anfang an. Stanisław Lem wurde 1921 im polnischen Lwów (jetzt Lwiw in der Ukraine), geboren. Er studierte wie sein Vater Medizin, bis ihn 1941 die deutsche Besetzung zum Studienabbruch zwang. Durch falsche Papiere entging er dem Holocaust. Er arbeitete als Hilfsmechaniker und Schweißer und engagierte sich im polnischen Widerstand. Nach dem Krieg setzte er das Medizinstudium fort, zuerst in seiner Heimatstadt und, als diese von der Sowjetunion vereinnahmt wurde, in Kraków. Er interessierte sich aber auch für Philosophie, Physik und Biologie. In einem Seminar für Wissenschaftslehre kam er mit der Kybernetik in Kontakt (siehe Erläuterung), damals eine brandneue Wissenschaft, die im sowjetischen Machtbereich allerdings eine Zeitlang als bürgerliche Pseudowissenschaft in Ächtung geriet.
Noch zur Zeit des Studiums begann Lem zu schreiben. Er versuchte sich mit Theaterstücken, mit Erzählungen, Essays sowie Gedichten und 1948 mit einem realistischen Roman Die Irrungen des Dr. Stefan T. (so der Titel in der DDR, in der BRD: Das Hospital der Verklärung), der von der Zensur acht Jahre zurückgehalten wurde. 1951 wurde sein erstes Science-Fiction-Buch, der Roman Der Planet des Todes (später auch Die Astronauten), veröffentlicht. Der unerwartete Erfolg motivierte ihn, sich weiter vorrangig der Science-Fiction zuzuwenden. 1955 folgte der Roman Gast im Weltraum, der noch die Züge eines sozialistischen utopischen Romans trägt und von Lem später nicht mehr erwähnt wurde. Die späten 1950er- und die 1960er-Jahre wurden Lems produktivste Zeit. In rascher Folge publizierte er die Erzählungssammlung Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ijon Tichy (1957), die Romane Eden (1959), Solaris (1961), Memoiren, gefunden in der Badewanne (1961), Transfer (1961), Der Unbesiegbare (1964) und wiederum Erzählungssammlungen: Robotermärchen (1964), Kyberiade (1965), Pilot Pirx (1968), Nacht und Schimmel (1969). Durch ausnahmslos all diese Werke weht ein Hauch von kybernetisch gefärbter Philosophie. So schildert das tragisch-groteske Hörspiel Gibt es Sie, Mister Johns? (1969) eine Gerichtsverhandlung. Die Firma Cybernetics Comp. beansprucht Besitzrechte am Rennfahrer Harry Johns. Dieser hat nach zahlreichen Unfällen erst seinen Körper, dann sein Gehirn Stück um Stück durch Prothesen der Firma ersetzen lassen (und nicht dafür bezahlt). Die Kontinuität der Persönlichkeit scheint gegeben; aber ist Mister Johns nun eine Maschine oder ein Mensch?
„Die Natur einholen und überholen!“
(Stanisław Lem)
Allerdings erkannte Lem wohl rasch, dass ihm die rein fiktionale Darstellung zwar große Freiheiten verschafft, zugleich aber Einschränkungen vor allem bei längeren Gedankengängen mit sich bringt. Als Ausweg experimentierte er zuerst mit Sachtexten und später mit halbfiktionalen Werken, etwa Rezensionen von nichtexistierenden Büchern, fiktiven Lexikonartikeln und dergleichen. Den Anfang bildet der Band Dialoge (1957) mit Diskussionen zwischen zwei Freunden, die in der Tradition des Theologen und Philosophen George Berkeley spekulative Themen durchhecheln: „atomare Auferstehung“ durch Nachbau eines Menschen, Intelligenz und Bewusstsein auf technischer Basis, Willensfreiheit. So setzt er sich anhand der Frage, ob eine genaue Kopie eines Menschen auf atomarer Ebene mit dem Menschen identisch sei, mit dem Grundprinzip der Kybernetik, alles auf Struktur, Funktion und Information zu reduzieren, auseinander. Später treten kopierte oder nachgebaute Menschen auch in seiner Science-Fiction auf, etwa in seinem letztem Roman Fiasko (1986).
In seinen späten Jahren, als seine Spekulationen über universell verfügbare Informationen wirklich geworden waren, rutschte der ehemalige Visionär immer mehr in die Rolle eines Technikpessimisten und sah die Menschheit als Opfer einer Megabit-Bombe, so der Titel einer Essaysammlung von 2003. Nein, an das gefährliche Internet wollte er nicht angeschlossen werden! Er starb 2006 in Kraków.
Über „Phantomatik“, „Cerebromatik“ und „Informationszüchtung“
In den 1980er-Jahren hatte ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass Lems visionäres Sachbuch Summa technologiae endlich auch in der DDR erscheinen würde. Das Buch, 1964 publiziert, sticht unter Lems Werken hervor; es ist ein wahres Kompendium von visionären technischen Antizipationen, für die Lem eigene Begriffe erfinden musste: „Phantomatik“ für Virtuelle Realitäten, „Teletaxie“ für Telepräsenz, „Cerebromatik“ für Neurotechnologien, „Konstruktion des Lebens“ für Gentechnik, „Informationszüchtung“ für Software-Entwicklung durch intelligente Algorithmen. Damit nicht genug. Lem greift weit in die Zukunft aus, viel weiter als alle Zukunftsforscher, stellt sich auch nicht annäherungsweise realisierbare, völlig fantastische Technologien vor, etwa eine stellare und kosmogonische Ingenieurskunst. Aber nicht der Abgleich seiner Ideen von vor über sechzig Jahren mit der heutigen Realität ist interessant, sondern die Fragen: Wie funktionierte das futurologische Organ unter Lems Schädeldecke? Wie kam er zu seinen Antizipationen, seinen Spekulationen?
Summa technologiae ragt unter den futurologischen Werken der frühen 1960er-Jahre heraus und steht dennoch im Kontext der Epoche. Zu dieser Zeit erlebte die Kybernetik ihre erste Blüte. Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline prägten 1960 den Begriff Cyborg für ein Mischwesen aus biologischem Organismus und Maschine und Richard Feynman war 1959 mit Visionen hervorgetreten, die heute zur Vorgeschichte der Nanotechnologie gerechnet werden. Selbst der Berufsverband der Radioingenieure der USA, heute würden wir von Informationstechnikern sprechen, hatte gerade einen Ausblick auf das Jahr 2012 publiziert: mit zaghaften Vorwegnahmen einer globalen Informationsvernetzung und eines „elektronischen Nirvanas“, in dem man virtuelle Realitäten erkennen könnte. Sogar die direkte Einspeisung elektronisch gespeicherter Erinnerungen in das menschliche Gehirn (Lems zentrale Phantomatik) wird darin vorweggenommen.
Ein markanter Kontrast zur zeitgenössischen Futurologie fiel schon damals auf. Nehmen wir als Beispiel Arthur C. Clarkes Sachbuch Profiles of the Future (Im höchsten Grade phantastisch) von 1962. Clarke schöpft wie Lem aus der Science-Fiction, er malt die weitere Entwicklung der Transportsysteme vom Überschallflugzeug bis zum Interstellar-Raumschiff aus und schreibt über „Materie-Sender“ – das Beamen. Wir finden bei ihm Mobiltelefone (vorhergesagt für die Zeit um 1980), Gentechnik (um 2030) etwa gleichzeitig auch Asteroidenbergbau. Unsterblichkeit, Reisen zu Fixsternen und Begegnung mit extraterrestrischen Wesen verlegt Clarke auf 2100, den Endpunkt seiner Zeitskala. Zu Recht warf Clarke den Experten in der Prognose-Branche Mangel an Mut und zugleich Mangel an Fantasie vor. Beides führe zu einer zu engen, viel zu konservativen Sicht der Zukunft.
Clarkes Buch ist grandios und überaus inspirierend – aber zwei Jahre später übertraf Lems Summa technologiae es bei Weitem. Nicht allein von der Länge der betrachteten Zeiträume her oder in der Kühnheit der Spekulationen, sondern auch an gedanklicher Tiefe. Clarke praktizierte die bewährte Methode der Extrapolation, das heißt er ging bisweilen in Trippelschritten, bisweilen in Sprüngen, ein gutes Stück voran in den Raum der naturwissenschaftlich-technischen Möglichkeiten. Diese Methode allerdings war in den Augen von Lem ein bloßes „Aufblasen“ existierender Entwicklungen, eine „Ballonmethode“, die ihr Platzen immer schon mit einbezieht. …
Autor: Karlheinz Steinmüller