der blaue reiter Ausgabe 57
Leseprobe
Aus Fleisch und Blut!
Über die Unverzichtbarkeit des Körpers und dessen Empfindsamkeit für das Denken
Von Menschen entwickelte Künstliche Intelligenz (KI) rechnet schneller als jeder Mathematiker, spricht mehr Sprachen als jeder Übersetzer und weiß mehr Fakten als jeder Nobelpreisträger. Folgt man den aktuellen Medienberichten, dauert es nicht mehr lange und KI wird die Weltherrschaft übernehmen und den Menschen ablösen. Aber was ist das eigentlich, das sich da scheinbar selbst überflüssig macht?
Ist der Mensch das Ebenbild eines übernatürlichen Gottes, wie es die christliche Bibel verkündet (Gen 1,26f.) oder ist er nurmehr der „Schimmelüberzug“ lebender und erkennender Wesen auf einer im grenzenlosen Raum frei schwebenden Kugel, wie Arthur Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung schreibt? Die Antwort, die wir auf die vierte von Immanuel Kants sogenannten großen Fragen geben – „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ –, ist nicht unerheblich. Denn sie bestimmt nicht nur darüber, wie wir Menschen mit uns selbst und wie wir mit anderen umgehen, sondern auch darüber was wir unserer Umwelt zumuten. Müssen wir uns die Erde untertan machen und über alle Tiere herrschen, wie es der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte fordert (Gen 1,28) oder ordnen wir uns gemäß den Forderungen der sogenannten Ökologischen Bewegung in den Lauf der naturgegebenen Prozesse des Planeten Erde ein? Haben wir als einzige Lebewesen einsichtige Seelen (Aristoteles) und dürfen uns mit Recht als Krone der Schöpfung erachten (Bibel) oder sind wir „lediglich zufällige Produkte eines von Charles Darwin „Evolution“ genannten, vom Zufall geprägten Entwicklungsprozesses, der beim Einzeller begann und nach wie vor fortschreitet? Ist Künstliche Intelligenz gar die nächste Entwicklungsstufe der Evolution?
Lange Zeit wurde dem Menschen aufgrund seiner Fähigkeiten wie dem Gebrauch von Werkzeugen, der Verständigung mittels Sprache und seines Denkvermögens eine Sonderstellung in der Natur eingeräumt. Doch zwischenzeitlich wissen wir, dass auch manche Tierarten Werkzeuge nutzen und über Sprachen kommunizieren. Bis vor kurzem war dem Menschen als Alleinstellungsmerkmal nur noch seine Befähigung zum analytischen Denken verblieben. Seit der Entwicklung sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) steht auch dieses infrage. Ist die KI nach den Entdeckungen von Nikolaus Kopernikus (Die Erde ist nicht Mittelpunkt des Kosmos), Charles Darwin (Der Mensch stammt vom Affen ab) und Sigmund Freud (Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus) die vierte große Kränkung der menschlichen Eitelkeit? Macht sich der Mensch durch die von ihm konstruierten „denkenden“ und „sprechenden“ Maschinen selbst überflüssig?
Ist der Körper die Hardware des Geistes?
Etwas plakativ formuliert, hat im System der modernen Naturwissenschaften nur das Platz, was sich messen lässt beziehungsweise was als Anleitung zum Messen und Berechnen von Naturvorgängen taugt. Entsprechend neigen Naturwissenschaftler und Neurophilosophen dazu, den Menschen wie eine Maschine zu betrachten, bestehend aus einer Hardware, dem Körper, und einer Software, dem Geist und der Seele. Prinzipiell, so der einvernehmliche Chorgesang der Ingenieure, lasse sich der Mensch auch künstlich nachbauen, um nicht zu sagen sogar verbessern. Phänomene wie Subjektivität und Selbstbewusstsein seien letzten Endes nur Folgen von zumindest prinzipiell berechenbaren kausalen Naturvorgängen wie elektrischen Strömen in menschlichen Gehirnen und subjektive menschliche Erfahrung nichts weiter als die bunte Benutzeroberfläche von Neuro-Computern, das heißt auch technisch erzeugbare Illusionen. Real seien allein die neuronalen Rechenprozesse im Gehirn. Das Ich-Empfinden eines Menschen, die Auszeichnung von dessen erlebten Ereignissen als Jeseiniges, wird in das Reich vorwissenschaftlicher Mythen verwiesen.
„Unterhält“ man sich mit einem KI-gestützten Sprachprogramm (Chatbot) wie Perplexity, könnte man das fast glauben. Aber, und wie so oft in der Philosophie, ist es an dieser Stelle ein entscheidendes Aber: Wenn sich zwei Menschen unterhalten, kommunizieren nicht zwei Gehirne miteinander. Nicht Gehirne beziehungsweise von diesen hervorgebrachte „Geister“ lieben oder hassen sich, nicht elektromagnetische Schwingungszustände stehen füreinander ein, sondern Menschen mit Leib und Seele – das heißt von Frauen geborene, in Gemeinschaft aufgewachsene, ihrer selbst bewusste sterbliche Wesen aus Fleisch und Blut. Maurice Merleau-Ponty spricht diesbezüglich von „Zwischenleiblichkeit“. Gemeint ist damit eine gefühlte beziehungsweise gespürte, immer schon vorhandene vorbewusste Präsenz zwischen leiblichen Wesen. Veranschaulichen lässt sich dies durch die Leere, die Videokonferenzen im Vergleich mit Konferenzen hinterlassen, bei denen die Diskutanten körperlich anwesend sind. Die „Zwischenleiblichkeit“ genannte physische Anwesenheit eines Gegenübers, dessen leibliche Präsenz, füllt genau die Leere aus, die jedes Telefonat und jede Videokonferenz in uns hinterlässt. Es macht eben einen Unterschied, ob nur unser Bild anwesend ist – und sei es ein noch so perfektes dreidimensionales Hologramm – oder unser Leib. Dabei geht es nicht einmal um gegenseitige Berührungen, um Zärtlichkeiten und dergleichen. Unsere Stimmung respektive unsere Gestimmtheit ist eine andere, ob wir mit einem Bildschirm sprechen oder ob wir uns an einem Tisch gegenüber sitzen und das Anwesend-Sein des Anderen mit all unseren Sinnen spüren. Das Verstehen des Anderen im vollen Sinne des Wortes ist nicht nur Angelegenheit des Verstandes oder der Vernunft, sondern eine Sache des ganzen Leibes, das heißt des beseelten, zum Denken befähigten Körpers. Gleiches gilt für die Empathie mit Anderen, die wir nicht über Theorien der Moral, sondern nur als Erfahrungswissen erlernen, das heißt im leiblichen Anwesendsein Anderer.
Macht KI das Denken überflüssig?
Der zentrale Irrtum vieler Wissenschaftler besteht darin, Körper und Geist als zwei wesensverschiedene getrennte Dinge zu denken, das heißt anzunehmen, dass der Körper nur die beliebig austauschbare Hardware für eine Software namens Geist sei. Aber der Mensch ist im Gegensatz zu einem Computer eben kein Baukasten, den man theoretisch aus beliebigen Einzelteilen zusammensetzen könnte. Der menschliche Geist lässt sich ebensowenig ohne dessen zugehörigen Körper denken, wie sich ein Mensch ohne dessen zugehörigen Geist denken lässt. Beide sind unentwirrbar miteinander verknüpft, bilden, den miteinander verwobenen Kett- und Schussfäden eines Stoffes vergleichbar, eine Einheit. „Der Mensch ist kein dualistisch, zweigeteiltes Wesen aus Körper und Geist, sondern vor allem ein Lebewesen aus Fleisch und Blut, als solches aber zugleich erlebend und seiner selbst bewusst“ schreibt Thomas Fuchs, Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie. Menschlichen Geist gibt es entsprechend nur um den Preis eines diesen beeinflussenden Körpers und, wenn man eine solche nicht dem Bereich des Geistes zurechnet, um den Preis einer Seele.
Wahrnehmen, Denken und Handeln sind untrennbar miteinander verbunden, weil sie wechselseitig aufeinander bezogen sind und aufeinander einwirken. Die Psychosomatik, also die Lehre von den psychisch bedingten organischen Erkrankungen, legt beredtes Zeugnis davon ab, wie das Denken organische Prozesse im Körper beeinflusst, und jede Konzentrationsschwäche bei körperlicher Erschöpfung belegt die Abhängigkeit geistiger Vorgänge von der Konstitution des zugehörigen Körpers. Es ist nicht der Geist, der einen Menschen ausmacht und auch nicht dessen Körper oder Handeln. Vielmehr ist es das Gewebe von deren untrennbaren Wechselwirkungen. Menschlich wird ein Körper nur in anhaltender Wechselbeziehung zu dem, was wir Geist nennen und umgekehrt. Ärzte, die nur Körper behandeln, gehen genauso in die Irre wie Psychologen oder Philosophen, die den Menschen nur als Psyche respektive als reines Geistwesen betrachten.
Es ist auch nicht so, dass wir als Einzelne der Welt gegenüber stehen. Gemäß Aristoteles ist der Mensch ein von Natur aus in Gemeinschaft lebendes Lebewesen, altgriechisch ein zoon politicon. Das heißt, Welt ist immer eine geteilte, eine mit anderen geteilte Welt. Entsprechend ist unsere Wahrnehmung und das Bild, das wir uns von Welt machen, immer auch durch die Wahrnehmung anderer und deren Bilder mitbestimmt. Indem wir unsere Wahrnehmungen einander mitteilen, diese besprechen, setzen wir sie in immer neue Kontexte, beleuchten sie von immer neuen Standpunkten aus und verändern sie dadurch. Vermittels des Austauschs mit Anderen erhalten Wahrnehmungen eine Tönung, so wie Wahrnehmungen auch immer von der Stimmung getönt sind, in denen sie erfahren werden. Im Zustand der Verliebtheit wird ein Sonnenuntergang zu einem romantischen Erlebnis, einer Metapher für Nähe und Aufbruch in glückliche Zeiten der Zweisamkeit. In Zeiten der Trennung von einem geliebten Menschen oder auch nur im hohen Alter ist derselbe Sonnenuntergang Sinnbild für Abschied beziehungsweise ein nahendes Ende in grenzenloser Einsamkeit.
Nicht nur das Denken, sondern schon die Wahrnehmung hat eine welthaltige, den Anderen einbegreifende Komponente. Wir können zwar auf dem Papier den Menschen und das Leben auf Formeln reduzieren, den Lauf der Natur berechnen, aber wirklich denken ohne den Anderen, ohne unseren Körper und ohne Welt können wir nicht. Es gibt kein reines Denken. Denken ist immer „verunreinigt“, enthält sozusagen immer den eigenen Körper und den Leib des Anderen, ist sozusagen irreduzibel von seinem Substrat. …
Autor: Berthold Reiter