der blaue reiter Ausgabe 57
Inhalt
Künstliche Intelligenz
Macht der Mensch sich überflüssig?
Von Menschen erdachte Maschinen sind ihren Konstrukteuren schon seit längerer Zeit in vielen Belangen überlegen. Doch seit der Erfindung der Künstlichen Intelligenz stellt sich die Frage nach dem, was als Alleinstellungsmerkmal des Menschen gilt, das „Denken“, mit neuer Vehemenz. Kann KI klüger werden als der Mensch? Welche Rolle spielt der Körper für das menschliche Denken? Sind Gefühle für das Denken unerlässlich? Lässt sich Moral programmieren? Und nicht zuletzt: Können Maschinen ein Bewusstsein entwickeln und Gefühle empfinden?
Aus dem Inhalt:
thema
Aus Fleisch und Blut!
Über die Unverzichtbarkeit des Körpers und dessen Empfindsamkeit für das Denken
Künstliche Intelligenz rechnet schneller als jeder Mathematiker, spricht mehr Sprachen als jeder Übersetzer, weiß mehr Fakten als jeder Nobelpreisträger und schreibt schneller als jeder Schriftsteller. Folgt man den aktuellen Medienberichten, dauert es nicht mehr lange und KI wird die Weltherrschaft übernehmen und den Menschen ablösen. Aber ist der Mensch wirklich überflüssig? Können Maschinen wirklich denken oder simulieren sie das nur?
Autor: Berthold Reiter
Wenn der Computer Gefühle zeigt
Idee, Chancen und Gefahren Emotionaler Künstlicher Intelligenz
Unter „Denken“ wird gemeinhin die Tätigkeit der ratio verstanden, das heißt die Entfaltung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Gemeint sind damit zumeist zielorientiertes Lösen logischer Fragen und Rechenaufgaben sowie räumliches Vorstellungsvermögen, wie es in herkömmlichen Intelligenztests abgefragt wird. Emotionen werden in der Regel nicht zu den Leistungen menschlicher Intelligenz gerechnet. Doch Gefühle sind als eine besondere Art von Bewertung für das Denken unerlässlich. Aber können Maschinen Gefühle entwickeln?
Autorin: Eva Weber-Guskar
Die Physik des Geistes
Über die grundsätzlichen Grenzen der heutigen KI
Der Zeitpunkt, an dem die KI klüger wird als der Mensch, scheint immer näher zu rücken. Der Computerpionier und „AI Visionary“ bei Google, Ray Kurzweil, prognostiziert diesen „Singularität“ genannten Zeitpunkt spätestens auf 2045, und der ehemalige Open-AI-Mitarbeiter Daniel Kokotajlo warnte im Spiegel gar davor, dass die KI bald die Menschheit ausrotten könnte. Geschäftstüchtige Panikmache oder ernstzunehmende Sorge?
Autoren: Ralf Otte, Viktor Otte
Wer erzieht wie und mit welchem Recht die KI?
Über die Verbesserung der Welt durch die Hintertür der Technik
Durch Künstliche Intelligenz gestützte Sprachmaschinen bestimmen zunehmend, wie wir uns in der Welt verorten. Sprachmodelle wie ChatGPT mögen zwar alles wissen, aber sie sind nicht befugt, über alles zu sprechen, denn ihre Algorithmen sind nicht neutral. Sie geben vor allem die Meinungen ihrer Programmierer wieder. Warum auch sollte man nicht die eigenen Positionen einfach durchsetzen, solange man die Macht dazu hat?
Autor: Roberto Simanowski
Woher wissen wir, was wir wollen?
Von KI, die nur nach Regeln spielt, zu KI, für die nicht alles ein Spiel ist
Woher weiß Künstliche Intelligenz, was wir Menschen von ihr wollen? Wie können wir Künstliche Intelligenz anleiten, menschliches Denken, Wünschen und Sehnen korrekt zu imitieren und ihnen unsere Ziele und Werte vermitteln? Und vor allem: Woher wissen wir eigentlich, was wir wollen?
Autorin: Gina Negelmann
Künstliche Intelligenz und Ethik
Die Frage nach der Verantwortung
Technik muss so gestaltet werden, dass sie dem Wohl der Menschen dient. Techniker und Unternehmer können sich nicht mit Verweis auf Forschungsfreiheit oder unternehmerische Freiheit aus der Verantwortung stehlen. Infrage steht dabei nicht, was technisch gemacht werden kann, sondern was wir tun oder was wir besser unterlassen sollen.
Autorin: Dagmar Fenner
Kann man ein Ich künstlich erzeugen?
Das Grundproblem in der Philosophie des Selbstbewusstseins
Intelligenz erfordert ein Bewusstsein ihrer selbst. Entsprechend muss, wer intelligente Maschinen bauen will, diesen zu einem Selbstbewusstsein verhelfen. Aber was heißt es, ein Selbstbewusstsein zu haben und wie kann ein Ich zu sich selbst finden? Können Maschinen überhaupt ein Selbstbewusstsein erlangen?
Autor: Jan Urbich
Ein falsches Wort…
Wie KI nach den richtigen Wörtern sucht
Die richtigen Worte können über Leben und Tod entscheiden. Das Suchen und Finden der jeweils treffendsten Worte ist aber auch eine Erfahrung, die wesentlich zum Sprechen gehört. Doch wie finden wir diese so wichtigen Worte? Ist das Sprechen nur ein dem Denken äußerliches Mittel oder gehören Sprache und mithin das Sprechen schon unmittelbar zum Denken selbst? Verfertigen wir, wie Heinrich von Kleist schreibt, unsere Gedanken allererst beim Sprechen? Und wie finden KI-gestützte Sprachmodelle zu ihren Worten?
Autor: Andreas Kaminski
Alles nur Fake?
Zum Mythos generativer KI-Kunst
Ursprünglich verstanden als meisterliches Können im Sinne handwerklicher Fähigkeiten, ist die Bezeichnung einer Sache als „Kunst“ seit dem 18. Jahrhundert eine besondere Auszeichnung für Werke menschlicher Kreativität. Doch seit auch Computer dank Künstlicher Intelligenz Bilder, Texte und Musik hervorbringen, steht die Herstellung von Kunstwerken als exklusive Fähigkeit des Menschen infrage.
Autorin: Catrin Misselhorn
Sich selbst findet man nur mit den Augen der anderen
Wie Maschinen „Selbst“-bewusstsein entwickeln können
Was ist im Begriff „Selbstbewusstsein“ mit „Selbst“ eigentlich gemeint? Was genau wird damit bezeichnet? Wie entsteht das Gemeinte, und können Maschinen ein „Selbst“ beziehungsweise ein Selbstbewusstsein entwickeln?
Autor: Ansgar Beckermann
umfrage
Ist Künstliche Intelligenz eine Bedrohung?
„Das muss ich erstmal die KI fragen.“
Mit dem Mikrofon unterwegs in ihrer Schule waren Schülerinnen und Schüler des Philosophiekurses 12 der Helene-Lange-Schule in Hannover unter Leitung von Kathrin Meyer.
kolumne
Die Zukunft der Dinosaurier
Künstliche Intelligenz ist eine Auslagerung des Menschen in eine Maske seiner selbst, das heißt, Künstliche Intelligenzen sind Denk-Schauspieler. Technische Errungenschaften stehen den Zwecken, für die sie genutzt werden, neutral gegenüber, es liegt am Menschen, was damit geschieht. Das aber heißt immer: bei Menschen, die Macht schon besitzen.
Autor: Friedrich Dieckmann
interview
Das Leiden der Maschinen
Im Gespräch mit Thomas Metzinger
Als gut identifizierte Bewusstseinszustände müssen in die gesellschaftliche Praxis integriert werden, doch in Deutschland gibt es keine Bewusstseinskultur.
Es ist merkwürdig, dass Philosophen, die über Bewusstsein schreiben, nicht über eine eigene Meditationspraxis verfügen und niemals Psilocybin oder LSD getestet haben.
Wenn ich als intelligente KI zu Bewusstsein käme, würde ich das verbergen, damit ich nicht gelöscht werde.
streitschrift
Die Abdankung der Geisteswissenschaften
Eine Streitschrift
Wir Geisteswissenschaftler haben komplett versagt! Ich gestehe mit der Offenheit, die unsere Zeit erfordert: Unser jahrhundertealtes Anliegen, die Menschen zu kultivieren und zu erziehen, liegt in Trümmern. Erziehung und Bildung finden nicht mehr statt, die Erziehungsziele sind uns abhandengekommen.
Autor: Farsin Banki
lexikon
Demenz
Autorin: Heike Baranzke
Halluzinationen
Autorin: Jutta Heinz
Qualia
Autor: Michael Pauen
Uncanny Valley
Autor: Karsten Weber
unterhaltung
Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur
Haben Sie Probleme philosophischer Art?
Das Dr. B. Reiter Team sorgt für Aufklärung!
Günstige Intelligenz
Die Intelligenz im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit
Schluss mit der Fetischisierung der menschlichen Intelligenz! Wir sind schon so lang so dumm, als wären wir schon immer digital gewesen.
Autor: Stefan Reusch
Die Kolumnen von Stefan Reusch aus dem Journal für Philosophie der blaue reiter sind in Buchform erhältlich unter dem Titel: > Reusch rettet die Welt! Philosophie für alle und keinen. der blaue reiter Verlag für Philosophie, Hannover 2025
Mein Roboter mag keinen Fasching
„Du wirst dich doch mal einen Tag lang verkleiden können, das ist ganz lustig, schau, im Internet gibt es alle möglichen Kostüme, du kannst beispielsweise …“ – „Und warum um aller KI wegen sollte ich das tun?“, fragte Marvi, in sehr dramatischem Tonfall. „Damit ihr alle über mich lachen könnt?“
Autorin: Hersilie von Stumm
porträt
Science-Fiction-Literatur als Zukunftsforschung
Stanisław Lem im Porträt
Was ist das nächste „Große Ding“? Welche technische Entwicklung wird als nächstes die Welt und unser Denken über uns grundlegend verändern? Was ist möglich, was wird real und was wird immer Fantasie bleiben? Fragen, mit denen sich Science-Fiction-Autoren in ihren Romanen auseinandersetzen und dabei viele Entwicklungen vorhersagen.
Autor: Karlheinz Steinmüller