der blaue reiter Ausgabe 57
Editorial
Macht der Mensch sich überflüssig?
Als „Denken“ bezeichnet man gemeinhin die Tätigkeit der Ratio, das heißt die Entfaltung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Gemeint sind damit zumeist das zielorientierte Lösen logischer Fragen und Rechenaufgaben sowie Konzentrationsfähigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen, Fähigkeiten also, die in herkömmlichen Intelligenztests abgefragt werden. So gesehen sind Maschinen dem Menschen schon heute überlegen: Jeder Taschenrechner für fünf Euro rechnet zuverlässiger und erschöpfungsfreier als jeder Nobelpreisträger und selbst die Gratisversion der Übersetzungssoftware eines Billiglaptops „spricht“ mehr Sprachen als die beste Dolmetscherin bei einer Generalversammlung der UNO.
Bis vor kurzem musste die „Krone der Schöpfung“ nicht nur verkraften, dass Tiere ebenfalls Werkzeuge gebrauchen, sich sozial verhalten und sprachlich verständigen können. Es blieb auch nicht bei den von Sigmund Freud postulierten drei großen Kränkungen: Die Erde und mithin der Mensch ist nicht Mittelpunkt des Kosmos, der Mensch stammt vom Affen ab, das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus. Spätestens seit der Veröffentlichung des ChatGPT genannten Sprachmodells sehen sich die Vertreter der Gattung homo sapiens der größten bis dahin denkbaren Kränkung ausgesetzt: War man bis dato davon überzeugt, dass allein Menschen zum Denken befähigt sind, scheinen zwischenzeitlich von diesen erdachte und gebaute Maschinen selbst die genialsten Vertreter der Gattung bei weitem zu überflügeln. Schlimmer noch: Wirklichkeit geworden ist eine Einsicht, zu der Max Bense bereits in den 1950er-Jahren gelangt war: Mit den „präzisen Vergnügungen“ der „Denkmaschinen“ ist die Technik tiefer als je in unser soziales und geistiges Leben eingebrochen. Selbst renommierte Wissenschaftler orakeln heute über dem Menschen weit überlegene Superintelligenzen und eine nahende Machtergreifung der Maschinen. Manch einer spricht bezüglich der Künstlichen Intelligenz gar schon von der nächsten Entwicklungsstufe der Evolution. Was bleibt da noch als Existenzberechtigung für die Vertreter des homo sapiens? Hat sich die Menschheit mit ihrer Erfindung der Künstlichen Intelligenz selbst überflüssig gemacht?
Ganz so einfach lässt sich die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine sowie dem Denken allerdings nicht abtun! Gotthard Günther, einer der Pioniere der Kybernetik genannten Regelungstechnik, gibt in Das Bewusstsein der Maschinen zu bedenken, dass eine kognitive Operation, zum Beispiel das Lösen eines Gleichungssystems, noch nicht per se Ausdruck eines Bewusstseinsaktes ist. So wie Intelligenz immer nur das ist, was mit einem Intelligenztest gemessen wird, ist das, was den Menschen als Menschen auszeichnet, auch immer nur das, was man jeweils als dieser Auszeichnung für wert erachtet. So werden Gefühle in der Regel nicht zu den Leistungen menschlicher Intelligenz gerechnet. Gefühle werden gar bezichtigt, die Klarheit menschlichen Denkens und mithin das Urteilsvermögen zu trüben. Dabei sind die nicht berechenbaren und auch sprachlich schwer zu fassenden Gefühlszustände als Korrektiv für die Vermögen der Vernunft unverzichtbar. Denn vieles, was innerhalb eines Regelsystems als „logisch“ zwingend gilt, bedarf einer übergeordneten Bewertung. Nicht zuletzt muss jeder für sich entscheiden, welches Denksystem mit welchen Prämissen sein Handeln bestimmen soll: Das Diktat eines der Ökonomie entnommenen leistungsorientierten Kosten-Nutzen-Denkens, in dem nur zählt, wer und was nützlich ist, oder eines, in dem auch diejenigen einen Platz haben, die keinen „Mehrwert“ erbringen. Die grundsätzliche Entscheidung für ersteres wie für zweiteres ist nicht zwingend logisch, sondern auch eine Frage des Gefühls dafür, was erstrebenswert erscheint. Denn nicht allein unser Verstand mit der Fähigkeit zu zweckrationalen Entscheidungen ist es, der jenseits aller Berechenbarkeit vom Antlitz des menschlichen Gegenübers angesprochen wird (Emmanuel Lévinas) und entsprechend Zwecke setzt, sondern unsere Urteilskraft. Das heißt: Die ethische Aufforderung in einer Begegnung, Verantwortung für den Anderen zu übernehmen, ergeht an uns als Einheit von Verstand, Körper und Gefühl.
Logik ist für sich genommen ein wertfreies formales Regelwerk. Um es auf das Leben anzuwenden, bedarf es allerdings einer Vorstellung dessen, woraufhin gehandelt werden soll, was man gemeinhin mit Handlungszielen zu umschreiben sucht. So ist es mitnichten logisch, dass Geld um jeden Preis vermehrt werden muss, wie es auch nicht logisch zwingend ist, religiöse Werte oder menschliches Leben über alles zu stellen. Entscheidungen darüber, wie wir leben wollen, was der Sinn und das Ziel eines Lebens sind, fallen nicht abgehoben von Kontexten wie dem jeweiligen Lebensumfeld und der je eigenen körperlichen Verfasstheit im keimfreien Raum der Logik.
Die Rede vom Leib als „beseeltem“ Körper mag manchem zu unspezifisch, zu religiös oder zu esoterisch klingen, doch sie bringt genau das zum Ausdruck, was den Unterschied zwischen echter und simulierter Präsenz eines Gegenübers ausmacht. Auch wenn aus den Boxen einer Stereoanlage Gesang erklingt, der uns zu Tränen zu rühren vermag, so ist doch jedem einsichtig, dass es nicht die Maschine ist, die singt: Selbst wenn diese ein noch so perfektes Hologramm der Sängerin ins heimische Wohnzimmer projiziert, sind die dafür verwendeten Apparate doch nur Medien einer Wiedergabe: Das, was uns anspricht, der stimmliche Ausdruck eines Menschen, wird nur simuliert. Manche Simulation mag so gut sein, dass sie selbst die besten Experten täuscht – gleichwohl bleibt sie eine Simulation, so wie ein vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi gefälschtes Gemälde nicht dadurch zum Original wird, dass die besten Kunstkenner es für ein solches erachten.
Der Mensch ist kein Ding unter Dingen. Wenn sich Menschen begegnen, tauschen nicht Gehirne elektromagnetisch repräsentierte Gedanken aus. Denn so wie der Mensch nicht nur Körper ist, ist er auch nicht nur Geist. Er ist beides zugleich und beides ist wechselseitig aufeinander bezogen. Und genau das ist die Voraussetzung der Herausbildung von Bewusstsein. Das Bewusstsein seiner selbst ist eben auch ein Bewusstsein seiner Körperlichkeit beziehungsweise der Verkörperung seines Geistes. Die Folgen des Genusses der Frucht vom Baum der Erkenntnis, das Wissen um ihre Körperlichkeit, bezahlten Adam und Eva nicht von ungefähr mit der Vertreibung aus dem Paradies. Schon vor dieser biblischen Geschichte war die Frage nach dem, wie ein Ich zu sich selbst kommt beziehungsweise wie ein Ich sich als solches erkennt, Thema des Mythos von Narziss. Weil dieser sich nicht als Ursprung seines Spiegelbilds zu identifizieren vermochte, entbrannte er in einer Liebe zu sich selbst, in der äußerste Selbstfremdheit ihren Ausdruck findet.
Nach wie vor ist die Frage nach dem Selbstbewusstsein ungeklärt. Wie kann es sein, dass ein Subjekt sich selbst als Objekt betrachtet und dieses Subjekt-Ich zugleich identisch ist mit dem, was es betrachtet? Und wie kommt dieses Ich zur Sprache? Verfertigen wir unsere Gedanken erst allmählich beim Reden, wie Heinrich von Kleist schreibt, oder sind unsere Gedanken immer schon fertig, bevor wir sie versprachlichen? Formen wir unsere Sätze einer KI vergleichbar durch die Aneinanderreihung der jeweils wahrscheinlichsten Wörter aus uns zur Verfügung stehenden Textsammlungen, verwirklicht sich das Denken im Reden oder werden Gedanken beim Sprechen „nur“ sprachlich eingekleidet?
Arthur Schopenhauer war überzeugt, dass unser Handeln durch einen uns meist unbewussten Willen bestimmt ist. Die Rolle der willentlichen Gerichtetheit auf etwas, die sogenannte Intentionalität, wird auch von Franz Brentano und Edmund Husserl betont. Und genau diese Gerichtetheit ist es, an der es bisher jeder KI mangelt. Ebenso wenig wie ein Taschenrechner Verstand hat, um selbstständig ein Naturgesetz zu entdecken oder eine Stereoanlage singen kann, verfügt KI über einen Willen oder ein Ausdrucksbedürfnis. Sie ist ein wunderbares Instrument, um in großen Datenmengen nach Mustern zu suchen oder Bilder aus Bilddatenbanken zu verfremden und neu zusammenzusetzen, aber selbst in waffentragenden autonomen Drohnen handelt Künstliche Intelligenz nicht aus eigenem Antrieb heraus, sondern sch(l)ießt nur logisch anhand ihr einprogrammierter Zieldaten und Rechenregeln. Entsprechend stellt sich auch die Frage, wer jeweils qua welchem politischen Amt einer KI die Werte eingeben darf, die deren Ziele bestimmen und ihre nüchternen Berechnungen filtert. Denn so wie Geistes- und Naturwissenschaften dem Leben dienen sollen, statt es nur zu sezieren, sollte Technologie vor allem dem Menschen förderlich sein. Ist das Wesen der Technik Martin Heidegger zufolge doch „ganz und gar nichts technisches“, sondern die Erweiterung des Möglichkeitsspektrums und Erkenntnishorizonts des Menschen. Dem gemäß erfährt das „Mängelwesen“ Mensch in der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz letzten Endes vor allem etwas über sich selbst.
Mag sein, dass Maschinen irgendwann tatsächlich zu denken vermögen – was immer man darunter auch verstehen mag. Mit menschlichem Denken und mit menschlichem Fühlen, die beide untrennbar miteinander verschränkt und auf einen Körper bezogen sind, hat das dann aber nicht viel zu tun. Das zeigt sich allein schon daran, dass KI keinen Körper und mithin kein Geschlecht hat. Es sei auch dahingestellt, ob Techniker, die es vormals vor allem mit messbaren Vorgängen der Materie zu tun hatten, nunmehr auch die nicht mehr direkt greifbaren Schichten menschlicher Seinsverhältnisse nachbauen und manipulieren können oder nicht: „Überflüssig“ war der Mensch im Getriebe der Natur schon immer. Will sagen: Die Natur kommt bestens ohne den Menschen aus, sie benötigt keine Wesen, die ihrer selbst bewusst sind. Zahllose Lebewesen ohne Bewusstsein existieren dank ihrer Instinkte seit Jahrmillionen. Wenn die Menschheit ihre eigene Lebensgrundlage zum Beispiel durch die Klimaerwärmung oder atomar geführte Kriege selbst zerstört, werden weder der Kosmos noch die Natur zugrundegehen. Neue und alte Spezies werden den Planeten Erde oder andere Gestirne besiedeln.
Letztlich ist es jedem selbst anheim gestellt, ob er sich den von Menschen konstruierten Maschinen über- oder unterlegen fühlt, ob er einer fabulierenden, vermeintlich mit Selbstbewusstsein und Leidensfähigkeit begabten Maschine einen ethisch-moralischen Status zuerkennt wie einem Menschen oder diese, wenn sie nervt, einfach abschaltet. Seinen je eigenen Wert, das, was jenseits jedes Preises unverhandelbar jedem Menschen eignet, seine fern jeglicher Nutzenerwägungen angesiedelte Menschenwürde, muss nach wie vor jeder in sich selbst finden.
Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur