der blaue reiter Ausgabe 56
Porträt
Philosoph des Als Ob
Hans Vaihinger im Porträt
Warum bilden wir Fiktionen und wozu tun wir das? Warum und wozu befassen wir uns mit etwas, das einen unklaren Realitätsstatus hat? Warum und zu welchem Ende sollten wir uns mit Fragen nach dem „als ob“ beschäftigen? Ist es nicht unnötig, müßig und unvernünftig, sich der Einbildungskraft anzuvertrauen und in Welten zu begeben, die es nicht gibt, in denen nichts mit Händen zu greifen, nichts wahrzunehmen, nichts zu überprüfen ist und in denen man sich weder ernähren noch vermehren kann?
Der Philosoph Hans Vaihinger, ein in seiner Zeit angesehener akademischer Philosoph und Kant-Experte, ging in seinem Buch Die Philosophie des Als Ob von solchen und ähnlichen Fragen aus. Und er beantwortete sie anders als frühere Philosophen. „Die Macht der Imagination ist unbegrenzt“, schrieb um 1750 etwa der große Aufklärer Étienne Bonnot de Condillac – und meinte das nicht nur positiv: Die Imagination, so Condillac, „verringert oder vertreibt sogar unseren Kummer“, könne aber auch „unser grausamster Feind“ sein: „Sie steigert unsere Schmerzen, gibt uns solche, die wir noch nicht hatten, und stößt uns den Dolch in die Brust … Die Herrschaft der Imagination endet dort, wo diejenige der Analyse beginnt.“ Mit diesem Satz wird – mitten im Jahrhundert der Aufklärung – der Fiktion und dem Fingieren jegliche erkenntnisbringende Leistung abgesprochen.
Vaihingers Philosophie des Als Ob, erschienen im Jahre 1911, ist eine 800 Seiten lange Antwort auf die Frage „Wozu Fiktionen?“. Er reagierte damit auf die Behauptung, dass die Fantasie – und mithin ihre Produkte, die Fiktionen – im Reich der rationalen Erkenntnis nichts zu suchen hätten. Die Wissenschaft, so Vaihinger, bedient sich der Fiktionen ganz bewusst, sie sind also nützlich. Sie sind es aber auch über die Wissenschaft hinaus, wie der ungewöhnlich ausführliche, aber sprechende Untertitel seines Buchs andeutet: System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus, mit einem Anhang über Kant und Nietzsche.
Vaihingers durchaus eigenwillige Theorie hat damals eine Resonanz entfaltet, deren Ausmaß wir uns heute kaum vorstellen können. Seine zentrale These lautet, dass sich das Denken, soweit es der Wissenschaft und dem Leben zu dienen hat, außer streng logischer Operationen auch der gewissermaßen irrationalen Kunstgriffe der Fiktionen bedient.
Was genau sind die Fiktionen, diese Produkte der Fantasie, nach seiner Auffassung? Es sind bewusste Irrtümer in Bezug auf die Wirklichkeit, die zu richtigen Ergebnissen führen können. Zum Begriff der Fiktion gehören daher vier Merkmale: Erstens widerspricht die Fiktion der Wirklichkeit und manchmal auch sich selbst. Zweitens ist sie nur vorübergehend, weil sie provisorisch ist: Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hat, wird sie aufgegeben und von anderen Fiktionen ersetzt. Drittens muss die Fiktion als solche bewusst und viertens um eines Zwecks willen eingesetzt werden. Fiktionen sind also Annahmen oder mentale Bilder, denen in der Wahrnehmung nichts entspricht, wobei – und das ist ausschlaggebend – wir wissen, dass ihnen nichts entspricht. Wir nutzen diese bewusst falschen Annahmen, weil sie zu richtigen Ergebnissen führen und valide Erkenntnisse zeitigen können. Ein Irrtum kann also zur Wahrheit führen – und Falsches zum Richtigen.
Diese Fiktionen als „Vorstellungsgebilde …, welche in der Wirklichkeit keinen Vertreter finden“ unterscheiden sich, auch anhand der genannten Merkmale, von der Hypothese. Letztere dient dem Ausbau einer Theorie, beruht auf Wahrscheinlichkeit, wird durch eine nachträgliche Verifikation bestätigt und sieht, so Vaihinger, einer „definitiven Fixierung entgegen“. Dagegen dient die Fiktion der Praxis, sie gründet auf dem bewussten Widerspruch zur Realität und wird nachträglich nicht verifiziert, sondern justifiziert, das heißt, sie wird durch ihre Nützlichkeit gerechtfertigt. Die Hypothese zielt auf das sachliche Wissen und ist somit Zweck, die Fiktion jedoch ein methodisches und formales Verfahren und somit ein Mittel zur praktischen Umsetzung von Erkenntnis.
Vaihinger interessiert sich vornehmlich für den Stellenwert des Fiktiven – und mithin für die Leistung der Imagination – in der wissenschaftlichen Praxis. Er beobachtet, dass sich die Wissenschaft intensiv und häufig der Fiktionen bedient, um zu belastbaren Erkenntnissen zu gelangen. Für diese Fiktionen steht sowohl die Konjunktion „als ob“ (französisch: comme si, englisch: as if) als auch der jeweils folgende Konditionalsatz. Das heißt: Man tut, „als ob“ etwas der Fall wäre, obwohl man weiß, dass dem so nicht ist, und arbeitet dann mit den imaginierten Folgen dieser irrealen Bedingung. Für dieses Verfahren bringt Vaihinger unter anderem viele Beispiele aus der Mathematik und der Physik. So steht in seiner Perspektive zum Beispiel die Erweiterung des Zahlenbegriffs in der Mathematik für einen solchen Einsatz der imaginativen Erfindung: Wir setzen etwa sogenannte Irrationale Zahlen, damit wir über den Bereich der Rationalen Zahlen hinaus rechnen können (siehe Erläuterung). Ein besonders plastisches Beispiel, das Vaihinger zur Erläuterung der Fiktion heranzieht, ist die Entdeckung der Gravitationskraft: Isaac Newton hätte sich des „Als Ob“ bedient, und zwar durchaus irrational und imaginativ, indem er bewusst mit einer – zu seiner Zeit – falschen Vorstellung von der Anziehungskraft arbeitete. Die Berechnungen aufgrund dieser Vorstellung – nach Vaihingers Terminologie einer Fiktion – waren jedoch sinnvoll. Von diesem Moment an hörte, folgt man Vaihinger, Newtons Vorstellung auf, falsch und fiktiv zu sein – und der Begriff „Gravitationskraft“ wurde zur Bezeichnung für ein Bündel von beobachtbaren und berechenbaren Phänomenen. Die Fiktion löste sich als solche auf, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte.
„Die Menschen sind eine am Größenwahn
erkrankte Affenspezies.“ (Hans Vaihinger)
Vaihinger, geboren 1852 in Nehren bei Tübingen, publizierte 1911 sein Buch anonym und hüllte seine Autorschaft in eine Herausgeberfiktion. Im gleichen Jahr bekannte er sich jedoch, wohl auch angesichts der überwältigenden Reaktionen, in den prominenten, von ihm gegründeten Kant-Studien zu seiner Autorschaft. Und er gab kund, dass das Buch bereits in den Jahren 1876–77 entstanden war, mithin ein Werk seiner Jugend ist. In aufschlussreicher Weise begründete der inzwischen 59-Jährige, der längst ein renommierter Forscher war und als wichtiger Vertreter des Neukantianismus galt (siehe Erläuterung), warum er anfangs anonym bleiben wollte: „Ich tat es aus der natürlichen Scheu, einem Werk, das ich seinem wesentlichen Inhalte nach vor 35 Jahren abgefasst habe, das ich aber heute in ganz anderer Form abfassen würde, direkt meinen Namen zu geben. So erlaubte ich mir die ästhetisch-literarische Fiktion, als ob Herausgeber und Verfasser verschieden sein könnten. Und sie sind auch verschieden: Denn, wenn ich auch sachlich vollständig noch heute mich zu den Anschauungen der Philosophie des Als Ob bekenne, sie offen und energisch vertrete und die volle Verantwortung für das ganze Buch übernehme, so bekenne ich doch gleichzeitig, dass, so wie ich jetzt bin, ich dieses Werk heute in dieser Form nicht hätte schreiben können…“.
Bereits 1913 erschien eine zweite, korrigierte und ergänzte Auflage unter dem Namen des Autors. Das Buch erlebte dann binnen 17 Jahren 10 Auflagen; 1923 erschien eine preiswerte Volksausgabe. Bald stellten sich spezifische Wirkungsphänomene ein, ähnlich wie nach dem Erscheinen von Kants Kritik der reinen Vernunft, mit der die Philosophie des Als Ob damals gerne verglichen wurde.
Gemeint ist zunächst die große Anzahl an popularisierenden Darstellungen des Vaihinger’schen Fiktionalismus und die damit einhergehende Verbreitung seiner Terminologie. Zu diesen gehört außer dem universell einsetzbaren „Als Ob“ sowie den korrespondierenden Wendungen auch der geradezu inflationär gebrauchte Begriff des Symbols. Ferner wurde nach weiteren Anwendungen der Philosophie des Als Ob auf allen möglichen Fachgebieten gesucht. Vaihinger selbst ergriff als erfahrener und erfolgreicher Vermittler – heute würden wir sagen Netzwerker und Wissenschaftsmanager – sogleich die Gelegenheit und förderte Publikationen mit Als Ob-Bezug in den Kant-Studien.
Es zeugt von Vaihingers Begabung, wirksame Ideen zu lancieren, dass er den fulminanten Erfolg seines Jugendwerks bald auch biografisch untermauerte. Fünf Jahre nach der Publikation des Buchs veröffentlichte er seine Darstellung Wie die Philosophie des Als Ob entstand, eine Art intellektuelle Selbstbiografie, mit der er sowohl die Vorgeschichte des genialischen Jugendwerks als auch die Gründe der verzögerten Veröffentlichung zu erhellen sucht. Vaihinger liefert damit auch eine Antwort auf die Frage, ob seine Auffassung der Fiktion die Wissenschaft befördert und im Leben orientiert: Sie gründe in seinem eigenen Leben und beweise mithin, dass die schöpferische Kraft der Fantasie als Bewältigungsstrategie im Leben fungieren kann. Er zeichnet hier in einer Art rudimentärem Bildungsroman die Entwicklung eines jungen Mannes, der sich allmählich von der Frömmigkeit des schwäbischen Pfarrhauses, in dem er geboren wurde, entfernt, um der Komplexität der modernen Wissenschaft zu begegnen. Er schreitet über die Stationen des „ethischen Theismus“ und des „naturbegeisterten Pantheismus“ bis hin zum Atheismus (siehe Erläuterung) fort, von Lehrern inspiriert und von großen Philosophen (Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer) bei seinen eigenen Entdeckungen angeregt oder – wie etwa von Charles Darwin – bestätigt. …
Autorin: Alice Stašková