der blaue reiter Ausgabe 56
Leseprobe
Wie viel Wirklichkeit erträgt und wie
viele Illusionen braucht der Mensch?
Die Religionen verkünden das ewige Leben, die Kapitalisten schwärmen vom ewigen Wachstum, die Kosmetikindustrie suggeriert ewige Schönheit, die Schulphilosophen träumen von der ewigen Vernunft und bekanntlich will selbst die Lust vor allem Ewigkeit. Wie sollen wir mit dieser Orgie an Ewigkeiten und Illusionen umgehen, wenn diese in der Wirklichkeit beständig an deren Endlichkeit zerschellen?
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, lautet einer der altehrwürdigen Klugheitssprüche. Aber von was lebt er denn noch, außer vom, wie es der Volksmund trivial ausdrückt, „Fressen und Saufen“ und – um letzteres wenigstens politisch korrekt zu formulieren – vom sich Vermehren? Auf diese Frage gibt es eine banale Antwort. Er lebt von seinem engeren und weiteren sozialen Umfeld, die Mehrzahl der Menschen von ihrer Arbeit oder Rente und natürlich – zumindest in Deutschland – auch vom Bürgergeld und/oder der dazugehörigen Schwarzarbeit. Er lebt von zugeschobenen Pöstchen, so er rechtzeitig die Logik der Parteien und die Idee der europäischen Bürokratie begriffen hat, falls er zu den Privilegierten gehört, von einem geerbten Vermögen, und von was noch? Natürlich zehrt er auch von großen Events, wie den „spontanen“ Sommermärchen, die ihm von Marketingexperten mit viel Aufwand und Geschick serviert werden, er lebt von Politphrasen wie der von der radikalen Zeitenwende und wohlklingenden Wortblasen wie etwa: „Wir lassen uns niemals auseinander dividieren.“ Statt vielfach gespalten zu vegetieren, ist es wohl besser, wir leben von unseren Illusionen, den individuellen und vor allem von jenen kollektiven, die uns die Theologen und Politiker seit Jahrhunderten verabreichen. Es ist schwer zu bestreiten: Ohne Illusionen hat noch keiner gelebt, geschweige denn überlebt und eine Gesellschaft schon gleich gar nicht.
Was aber verstehen wir unter Illusion? Beginnen wir bei der, wie immer stark umstrittenen, Wortbedeutung. Es liegt nahe, im Wort Illusion und dem dazugehörigen lateinischen Verb illudere das lateinische ludus, also „Spiel“ zu vermuten und die Vorsilbe il als Verneinung aufzufassen, so wie etwa il-legal „nicht legal“ bedeutet. Dann wäre eine Illusion ein Vorgang oder eine Annahme, die nicht in der sogenannten Wirklichkeit stattfindet, eine Täuschung. Sie entstammt unserer Fantasie oder der Einbildungskraft jener, welche uns Illusionen verabreichen und verordnen. Die Illusion „spielt“ mit uns oder der Gesellschaft ihr eigentümliches „Spiel“.
Ohne Illusionen kann man nicht leben.
Seit eh und je werden Illusionen eingeteilt in individuelle und kollektive, wobei die individuellen von den Bedürfnissen und Wünschen der großen und etablierten kollektiven Illusionen gezeugt, genährt und getragen werden. Der „heilige“, Illusionen verkündende Mönch, der sich gekonnt um weltliche Arbeit drückt und dessen Dasein vor allem im 18. Jahrhundert von frechen Kritikern als parasitär beschrieben wurde, kam genauso unter Verdacht wie Politiker, die permanent vom Gemeinwohl zwitschern und vor allem Eigenwohl realisieren.
Es ändert sich wenig in dieser Welt, die Kleider werden zwar ständig gewechselt und die dringend benötigten Illusionen marschieren mal in militärischer Uniform, mal trippeln sie im sexy Minikleidchen, mal sind sie martialisch geschminkt und kommen plärrend daher, mal bescheiden quäkend, aber sie marschieren und sie bleiben. Dafür sorgen seit Jahrhunderten hocherfahrene, theologische, politische und philosophische Lohnschreiberlinge und vor allem hireling priests, also die Söldner für die Angelegenheiten der Kirche. Dies sind Ausdrücke eines frechen Theologen, der, wen nimmt’s Wunder, seine letzten Lebensjahre im Knast vergammeln durfte. Das Ausposaunen banaler Wahrheiten im Reich der Theologen und Politiker hat sich noch nie gelohnt. Besser ist, wie jeder Erfolgreiche weiß, „elastischer Opportunismus“. Diese Lebensweisheit hat sich sogar bis zum deutschen Bürgertum herumgesprochen, das dank genialer Umdeutungen hochgebildeter Spitzenpolitiker natürlich stets Adolf Hitler bekämpfte, auch wenn man diesen finanziert und bejubelt hatte. Immer die zeitgemäße, passende Illusion zur Hand, dann kommt man erfolgreich durchs ganze Land. Nur zur Erinnerung: Ein gewisser Karl Marx, dessen Namen gerüchteweise noch einige Politiker kennen und der über eine umfangreiche Bildung verfügte, maulte einst empört: „‚Bürger‘, ich benütze lieber das französische Wort ‚Bourgeois‘, das klingt ausgespukter.“ Aber auch das wissen wir von den gleichen Politikern: „Die Bildung der Deutschen muss dringend verbessert werden“, wie recht sie haben.
Leben auf der „konsumistischen Überholspur“
Betrachten wir eine der hochetablierten Illusionen. Sie ist garniert, sprich geschönt mit religiösem Puderzucker, nämlich die allseits bekannte und geliebte Illusion vom Leben auf der „konsumistischen Überholspur“. Am 1. Oktober 1970 nahm die damals als „Queen des weißen Bluesrock“ titulierte Janis Joplin ihren berühmten A-cappella-Song Mercedes Benz auf. Kurz darauf war sie tot, sicherlich ihrem nicht gerade zurückhaltenden Lebensstil und dem exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum geschuldet. Der Text lautet:
Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
My friends all drive Porsches, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends.
So Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
Konzentrieren wir uns auf diese erste Strophe und übersetzen salopp:
Oh Herr, wie wär’s, wenn Du mir einen Mercedes spendierst?
Meine Freunde fahren alle Porsche, ich muss mich verbessern, ich hoffe, Du kapierst!
Hab immer geschuftet, die Hilfe der Freunde, sie ist verduftet.
Daher mein Lord, ich hoffe du kapierst, wär doch nicht schlecht, wenn du mir einen Mercedes spendierst.
Joplin präsentiert hier eine Illusion, ein von Wünschen und Hoffnungen getriebenes Bedürfnis soll der „Herr“, der „Lord“ verwirklichen. Es handelt sich bei „diesem“ Herren sicherlich um die höchste Autoritätsperson, wahrscheinlich um Gottvater persönlich. Dieser Herr besitzt natürlich Allmacht und damit auch die Verfügungsgewalt über das Reich der Moneten, um unserer lieben Janis eine Luxuskarre vor die Haustüre zu stellen. Er muss zwar, wie wir wenig später erfahren, noch etwas tiefer in die Tasche greifen, auch noch einen Farbfernseher besorgen, ihr beim Glücksspiel unter die Arme greifen, und natürlich benötigt sie noch Moneten für weitere drogenumwogte Nächte. Eigentlich versteht sich das alles von selbst und ist auch empirisch bestätigt: Immerhin hat „dieser Herr“, natürlich in aller Bescheidenheit, seine irdischen Stellvertreter zur reichsten Institution in einigen sowieso reichen Ländern „erhoben“. Da müsste doch auch noch eine Luxuskarre für Janis „drin sein“. Joplin besingt das Credo der kapitalistischen Welt, unser mit religiösem Puderzucker veredeltes Leben auf der konsumistischen Schnellstraße. Wenn man sich die Luxusgüter schon selbst nicht leisten kann, wenn man überdies zwanghaft permanent „amends“, hier wohl als „zusätzliche Verbesserungen“ zu interpretieren, zwingend benötigt, wenn die Freunde und der Staat nicht einspringen, dann muss es eben der „Herr“ richten. Dessen irdische Vertreter verfügen zwar massenhaft über Moneten, aber diese sind selbstredend nur für überirdische Zwecke reserviert.
Unsere materialistische, mit zahlreichen religiösen Rosinen verzierte Welt gebiert ihre sie ernährenden Illusionen. Und welcher Missratene wagt ihre enorme Bedeutung zu bezweifeln, wer erdreistet sich, das Gift der Skepsis darüber zu gießen? Ist es nicht der bedenkenlose Massenkonsum, sind es nicht die unendlichen need-nots, die völlig überflüssigen Güter, die für das immer benötigte Wirtschaftswachstum sorgen, die Arbeitsplätze und unseren Wohlstand sichern und vor allem auch dafür Sorge tragen, dass der Staat bedenkenlos Milliarden verschleudern kann? Wer ist so kühn, an den Steuerprivilegien der Kirche zu rütteln, an der zwangsweisen kleinkindlichen Eingliederung in ihren Schoß, welche ihr permanent zukünftige Steuereinnahmen und Reichtum garantiert? „Der Schurke soll es wagen, dem geht es blitzschnell an den Kragen.“ Kein Machtapparat ohne seine ihn tragenden Illusionen, keine Herrschaft, keine Religion, kein Jauchzen und Frohlocken auf der Wolke ohne ihre Präsenz. Religiöse und staatliche Herrschaft werden durch Illusionen genährt, bewahrt, gesichert und am Leben erhalten.
Variieren wir Joplins Song ein wenig und wickeln ihn in wirklich anständige religiöse Windeln, die wiederum nichts anderes beschützen und erzeugen als Illusionen:
Oh Lord, won’t you send me the heavenly grace?
My friends are all quaking, I must make amends.
Served all my lifetime, no help from this world,
So oh Lord, won’t you spend me a celestical place?
Übersetzen wir wiederum salopp:
O Herr, schenk mir doch deine himmlische Gnade,
denn all meine Freunde hast du zum Zittern gebracht, mich noch nicht, sehr schade.
Hab doch immer brav geschuftet, doch der irdische Lohn, der ist verduftet,
O Herr, rück’ doch endlich heraus einen Logenplatz im himmlischen Wolkenhaus.
Was ist geschehen? Die konsumistischen Wünsche Joplins wurden von rein religiösen verdrängt. Das „lächerliche“ Ansinnen, dass der Herr da oben „Kohle“, sprich money für sex, drugs and luxury cars rausrücken soll, wurde durch das ebenfalls nicht gerade bescheidene Verlangen nach ewigem Seelenheil und ewigem Leben ersetzt. Und da man von dieser sündigen, irdischen Welt eh nichts erwarten kann und darf, muss es wiederum der uns schon bekannte „Herr“ richten. …
Autor: Otto-Peter Obermeier