der blaue reiter, Ausgabe 56
ISBN: 978-3-911731-03-4
Preis: 17,90 € (D), 18,40 € (A)



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der blaue reiter Ausgabe 56



Der Mensch und seine Illusionen


Seit Menschengedenken sind es nicht Tatsachen, nicht Wirklichkeit und Wahrheit, welche die Welt bewegen, sondern die Illusionen, die wir uns vom Gang der Dinge machen. Träume, Wünsche und Hoffnungen sind allemal wirkmächtiger als Fakten. Sei es für irdische Zwecke oder für jenseitig himmlische Ziele – Illusionen der Erlösung von aller irdischen Pein, von ewigem Leben, von der Reinheit der Volkskörper, der Großartigkeit einer Nation, von geistig-moralischen Zeitenwenden etc. sind ebenso weltbewegend wie sie verlässlich Elend erzeugen. Als „Illusionen“ gelten dabei grundsätzlich immer nur die Weltsichten der anderen! Selbst glaubt man sich stets auf der Seite der Wahrheit.

Aus dem Inhalt:
 

thema


Wie viel Wirklichkeit erträgt und wie viele Illusionen braucht der Mensch?
Die Religionen verkünden das ewige Leben, die Kapitalisten schwärmen vom ewigen Wachstum, die Kosmetikindustrie suggeriert ewige Schönheit, die Schulphilosophen träumen von der ewigen Vernunft und bekanntlich will selbst die Lust vor allem Ewigkeit. Wie sollen wir mit dieser Orgie an Ewigkeiten und Illusionen umgehen, wenn diese in der Wirklichkeit beständig an deren Endlichkeit zerschellen?
Autor: Otto-Peter Obermeier

Das Glück – eine Illusion?
Die menschliche Begabung zum Glück scheint begrenzt, aber ist das Glück für Menschen deshalb schon eine Illusion? Stehen diesem doch nicht die Welt oder das Leben unversöhnlich gegenüber, sondern unsere Ansprüche an sie.
Autor: Franz Josef Wetz

Der Stifter des Sinns ist tot
Es lebe der (Eigen-)Sinn!
„Gott wird von seinem Himmel herabgesetzt – das war das eigentliche Verdienst der Philosophie“, heißt es bei Heinrich Heine. Auch Friedrich Nietzsches Philosophie wird häufig auf die Aussage „Gott ist tot“ reduziert. Doch woher nehmen wir dann Werte und Sinn?
Autor: Maurice Schuhmann

Sind Maschinen die besseren Menschen?
Über die Illusion der maschinellen Fehlerlosigkeit
Eine der wirkmächtigsten Illusionen der westlichen Moderne ist der Traum von der perfekten Maschine. Dieser geht mit dem Versprechen einer besseren Welt einher, denn Maschinen verheißen schnelle und effiziente Lösungen für alle erdenklichen Probleme. Doch technische Fehler sind zur Normalität geworden und KI-Anwendungen ein Spiegelbild menschlicher Unvollkommenheit.
Autorin: Martina Heßler

Der „Gott der modernen Welt“
Leistung und Erfolg als Illusionen der bürgerlichen Gesellschaft
Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, verband er die mit dem Regierungswechsel beanspruchte „geistig-moralische Wende“ vor allem mit einer Aussage: „Leistung muss sich wieder lohnen!“ Doch der Zusammenhang von Leistung und Erfolg ist in den bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnungen eine Illusion.
Autor: Martin Krieger

Zerstörte Illusionen und die „Großen Kränkungen“
Warum unsere Vorfahren manchmal weniger naiv waren, als moderne Kritiker meinen
Dem Fortschritt stehen viele zunehmend skeptisch gegenüber. Statt zu einem großen Fortschrittsprojekt beizutragen, bleibt Wissenschaftlern nur noch die Zerstörung von Illusionen, die sich frühere Generationen über die historische Entwicklung gemacht hatten.
Autor: Michael Pauen

Eutopia
Ist moralischer Fortschritt eine Illusion?
Moralischer Fortschritt passiert, wenn die Welt besser wird. Nicht nur irgendwie besser – höher, schneller, weiter – sondern moralisch besser. Aber was bedeutet das eigentlich? Ist moralischer Fortschritt überhaupt möglich, vielleicht sogar real? Oder handelt es sich nur um ein falsches Versprechen, eine komfortable, vielleicht sogar gefährliche Illusion?
Autor: Hanno Sauer

Hoffnung
Über die Bewirtschaftung von Illusionen
Mit Plädoyers für die Hoffnung kämpfen zur Zeit viele Autoren gegen Verzagtheit, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Doch wo Hoffnung ist, ist die Gefahr der Realitätsverweigerung nah, sind durch Hoffnung doch mehr Menschen umgekommen als durch Speerspitzen (Ilja Leonard Pfeijffer).
Autor: Jean-Pierre Wils

Eine biografische Skizze
Über ein Tagebuch aus dem Jahr 1968
„Das Gedächtnis, ein Sieb“, schrieb ein Schriftsteller in seinem Tagebuch aus dem Jahre 1968. Wohl wahr. Viel bleibt da hängen, wenn man in der Begünstigung steht, sich noch halbwegs ordentlich erinnern zu können; viel mehr geht uns allerdings verloren, was indes auch als Segen gelten darf: Der Zuspruch des Vergessens kann wohltuend sein; man sieht sich nicht mehr mit Dingen und Geschehnissen behelligt, für die man womöglich ohnehin zu begriffsstutzig gewesen wäre.
Autor: Otto A. Böhmer

Fenster zur Seele
Was wir ohne Augen sehen
Platon galt die Sehkraft als der wichtigste Sinn für das Erkennen und das Denken. Doch das Feld des Sichtbaren hat sich extrem erweitert: Mit Teleskopen werden fernste, mit Mikroskopen kleinste Welten sichtbar gemacht und auf den Plattformen des Internets werden uns illusionäre Welten vor Augen geführt. Dort gilt: Wir sind, wie wir uns zeigen und was wir zeigen. Aber was sehen wir, wenn wir nicht hinsehen und was sehen die, die nicht sehen können?
Autor: Thomas Macho

Der zarte Wahnsinn
Über Liebe, Weisheit und Illusionen
Liebesbezeugungen gleichen weniger Werturteilen als Glaubensbekenntnissen, man kann diesen Glauben nur verlieren, aber nicht widerlegen. Entsprechend kommt die Frage nach Gründen in der Liebe einem Scheidungsantrag gleich. Denn so sehr ein Mensch auch seine Vernunft anstrengen wird, es wird ihm nicht gelingen, vernünftige Gründe für seine Liebe zu finden. Am vernünftigsten wäre es also, die Liebe zu einem Irrtum zu erklären – oder?
Autor: Emanuel Seitz

Willensfreiheit ist eine Illusion
Die Grenzen menschlicher Autonomie
Entweder ist alles im Universum bestimmt vom Gefüge der Ursachen und Wirkungen oder es gibt zusätzlich noch blinde, unerklärliche Zufälle. Letztlich spricht alles dafür, dass jeder in seinen Charaktereigenschaften, Gefühlen, Gedanken, Absichten und Handlungen und auch der Wille prinzipiell vorherbestimmt (determiniert) ist. Entscheidend ist jedoch nicht die Freiheit des Willens, wie schon John Locke betont hat, sondern die Freiheit des Menschen und vor allem: Sei es determiniert oder nicht, in jedem Fall ist man verantwortlich für alles, was man tut und bewirkt!
Autor: Rüdiger Vaas

 

umfrage

Braucht der Mensch Illusionen?
Mit dem Mikrofon unterwegs in ihrer Schule waren Schülerinnen und Schüler des Philosophiekurses 12 der Helene-Lange-Schule in Hannover unter Leitung von Kathrin Meyer.

 

kolumne

Idola allerorten
Im Museum der Illusionen
Prognosen erweisen sich allzu oft als Visionen, die dann als Illusionen auf dem Boden der Tatsachen krepieren wie fehlgezündete Feuerwerkskörper – das Dasein der Moderne ist voll von solchen Erscheinungen. Die althergebrachte Kategorie der Hoffnung ist dadurch nicht widerlegt. Sie tritt den Illusionen der Moderne als eine eigentümliche Energie entgegen, deren nähere Bestimmung jenseits des Rationalen wie des Irrationalen liegt. Sie hochzuhalten als ein Prinzip des Lebens über allen Trugschlüssen des gesellschaftlichen Seins ist auch eine Aufgabe der Philosophie.
Autor: Friedrich Dieckmann

 

interview

Gefälschte Illusionen
Ein Interview mit dem Künstler und Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi
Walter Benjamin hat sich in der Definition seines Aura-Begriffs geirrt: Die Bildnisse der Malerei sind nur handwerkliches Können und der Kunstmarkt ist nurmehr ein Illusionshandel. Er lebt vom Glauben an die Aura des Echten und des Genies sowie von der Illusion, durch den Besitz eines Werks am Leben des Künstlers teilzuhaben.

 

lexikon

Monte Carlo
Autor: Georg Brunold

postfaktisch
Autor: Thomas Zoglauer

Rausch
Autor: Matthias Kaufmann

Werben
Autor: Manuel Scheidegger

 

unterhaltung

Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur

Haben Sie Probleme philosophischer Art?
Das Dr. B. Reiter Team sorgt für Aufklärung!

Das darf doch wohl wahr sein!
Erhalten Träumer Zuspruch, werden aus Träumern Ideologen. In den Augen der Realisten. In den Ohren der Realisten dröhnt, so der Zuspruch für die Träumer weiter wächst, immer vernehmlicher, die Ideologen seien nicht die Träumer, sondern sie. Und haben die einst als Träumer Belächelten, und aktuell als Ideologen Beurteilten, die Macht, werden sie als erstes die Realisten von gestern als Träumer belächeln.
Autor: Stefan Reusch
Die Kolumnen von Stefan Reusch aus dem Journal für Philosophie der blaue reiter sind in Buchform erhältlich unter dem Titel: > Reusch rettet die Welt! Philosophie für alle und keinen. der blaue reiter Verlag für Philosophie, Hannover 2025

13 Antworten auf die Frage nach dem Glück
Ein Interview mit einer KI
Das Interview führte Hilde Rüdiger.

 

porträt

Philosoph des Als Ob
Hans Vaihinger im Porträt
Warum bilden wir Fiktionen und wozu tun wir das? Warum und wozu befassen wir uns mit etwas, das einen unklaren Realitätsstatus hat? Warum und zu welchem Ende sollten wir uns mit Fragen nach dem „als ob“ beschäftigen? Ist es nicht unnötig, müßig und unvernünftig, sich der Einbildungskraft anzuvertrauen und in Welten zu begeben, die es nicht gibt, in denen nichts mit Händen zu greifen, nichts wahrzunehmen, nichts zu überprüfen ist und in denen man sich weder ernähren noch vermehren kann?
Autorin: Alice Stašková