der blaue reiter Ausgabe 56
Editorial
Die Macht der Illusionen
Platon hatte keine hohe Meinung von Künstlern. So wie die Dichter nur „Erscheinungen dichten, nicht Wirkliches“, würden die Maler nur das Erscheinende nachbilden, wie es erscheint: „Gar weit also von der Wahrheit ist die Nachbildnerei“, urteilt er abfällig in der Politeia über die Kunst der Maler. Nur Kinder und „unkluge Leute“ ließen sich von deren Bildern täuschen. Dass Platon sich zumindest bezüglich der Macht der Täuschung irrte, bewies jedoch schon ein Wettstreit zwischen den Malern Zeuxis und Parrhasios im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Ersterer hatte damit geprahlt, Trauben so naturgetreu zu malen, dass Vögel danach picken. Dem Sieger Parrhasios war es dank seiner Kunstfertigkeit sogar gelungen, einen Vorhang so täuschend echt zu malen, dass Zeuxis voller Ungeduld darüber, was für ein Bild sich hinter dem Vorhang wohl verberge, an das Gemälde herangetreten war, um den „Vorhang“ zur Seite zu schieben.
Neben solchen, leicht zu erklärenden optischen Täuschungen, gibt es aber auch schwer zu entlarvende Illusionen über den Lauf der Welt und uns selbst, mit denen wir uns das Leben zu erleichtern glauben. So sind es seit Menschengedenken nicht Tatsachen, nicht Wirklichkeit und Wahrheit, welche die Welt bewegen, sondern die Illusionen, die wir uns vom Gang der Dinge machen. Träume, Wünsche und Hoffnungen sind allemal wirkmächtiger als Fakten. Aus gutem Grund stößt Georg Wilhelm Friedrich Hegels Satz „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ nicht erst seit heute auf vehementen Widerspruch. Denn dass der Lauf der Welt, dass Geschichte im herkömmlichen Sinne „vernünftig“ sei, gilt heute selbst Historikern als Wunschvorstellung.
Vor allem die Versuche, Vorstellungen durchzusetzen, wie etwas sein soll, das heißt die Bemühungen, die Illusionen politischer Ideologien und Religionen zu verwirklichen, zeichnen seit Menschengedenken für größtmögliches Leid verantwortlich. Sei es für irdische Zwecke oder für jenseitig himmlische Ziele – Illusionen der Erlösung von aller irdischen Pein, von ewigem Leben, von Endsiegen, von der Reinheit der Volkskörper, der Großartigkeit einer Nation, von geistig moralischen Zeitenwenden, vom Leben in absoluter Wahrheit, Gleichheit und Gerechtigkeit etc. sind ebenso weltbewegend wie sie verlässlich Elend erzeugen. Als „Illusionen“ gelten uns dabei grundsätzlich immer nur die Weltsichten der anderen! Selbst glaubt man sich stets auf der Seite der Wahrheit.
Sigmund Freud zufolge sind Illusionen Wünsche ohne Verhältnis zur Wirklichkeit, auf deren Beglaubigungen im realen Leben verzichtet wird. Gerade in den Bereichen des Politischen und des Religiösen ist leicht zu erkennen, wie sehr die menschliche Einbildungskraft die Wahrnehmung von Tatsachen trüben kann, das heißt, wie wirklichkeitsresistent Illusionen sind: Wie viele Menschen wurden und werden vom Widerstand gegen ungerechte Besitzverhältnisse und Unterdrückung von der Illusion einer Belohnung oder gar von Erlösung zum Beispiel im Paradies des Christentums, in Allahs Schoß oder dem Nirwana des Buddhismus vom vernünftigen Handeln abgehalten, wie viele durch die Aussicht auf ein besseres Leben nach einer noch zu durchlebenden Durststrecke oder einer Wiedergeburt vertröstet? Dabei sind durch solche, zumeist falsche Hoffnungen mehr Menschen ums Leben gekommen als durch Speerspitzen, wie der Schriftsteller Ilja L. Pfeijffer sarkastisch feststellt. Das absurde Opium des Optimismus, wirke in aller Regel leidverlängernd. In der Tat ist Hoffnung der Nährboden der Unterwürfigkeit, erstickt jeglichen Widerstand schon im Entstehen. Man hat uns „nicht beigebracht, die Hoffnung aufzugeben, und deshalb sterben wir im Gas“, schreibt der polnische Schriftsteller Tadeusz Borowski, der die Inhaftierung in zwei Konzentrationslagern der Nationalsozialisten überlebte. Wer hofft, hat das Heft des Handelns bereits aus der Hand gegeben, so Niklas Luhmann, befindet sich am Nullpunkt realer Erwartungen. Der Hoffende habe den Realitätssinn verloren, fasse trotz Unsicherheit einfach Zuversicht und warte nurmehr tatenlos auf Besserung.
Dem stellt Ernst Bloch mit seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung eine Form der aufgeklärten Hoffnung gegenüber. Hoffen habe eine „utopische Funktion“, sei nicht wie die Träume der Nacht rückwärts gewandt, nicht durch Ausblendung der realen Verhältnisse narkotisierend, sondern den Tagträumen gleich nach vorwärts, auf Besserung der Lebensumstände in der Zukunft gerichtet. Derart wird Hoffnung zur Keimzelle utopischen Denkens. Ohne die Möglichkeit des Scheiterns zu leugnen, ist Hoffnung als „positiver Erwartungseffekt“ für Bloch Movens fortwährender menschlicher Weltgestaltung im Status des „Noch-Nicht-Seins“.
In der Tat ist es alles andere als sinnlos, müßig oder unvernünftig, sich der Einbildungskraft anzuvertrauen und sich in erdachte Welten zu begeben. Denn nicht jede kontrafaktische Annahme ist irrational oder unvernünftig. Fiktion, mit anderen Worten das Denken „als ob“, kann auch sehr fruchtbar sein, wie Hans Vaihinger zeigt. Selbst in den sogenannten harten Wissenschaften bediene man sich neben streng logischer Operationen als methodisches Hilfsmittel auch des Kunstgriffs der Fiktion. Denn bewusst falsche Annahmen können zu richtigen Ergebnissen führen. Der Unterschied zu politischen oder religiösen Illusionen besteht darin, dass es sich dabei nicht um beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende oft unbewusste Selbsttäuschungen über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt handelt. Vielmehr sind bewusst falsche, um eines Zweckes willen gesetzte Annahmen gemeint, die zumindest zum Zeitpunkt ihrer Setzung keine Entsprechung in der Wahrnehmung haben. Man tut, „als ob“ etwas der Fall wäre und arbeitet dann im beständigen Wissen, dass die Annahmen nicht der Wirklichkeit entsprechen, mit den „irrealen“ Setzungen. So verhalfen falsche Vorstellungen von Anziehungskräften zwischen Körpern Isaac Newton zur Entdeckung der Gravitationskraft.
Allerdings ist bei der Verwendung von Fiktionen Vorsicht geboten, so Vaihinger, denn eine Fiktion, die Wahrheit beansprucht, erstarrt zum Mythos oder wird zum (gefährlichen) Dogma.
Sigmund Freud zufolge musste die „naive Eigenliebe“ der Menschen durch die Wissenschaften zwei große Kränkungen erdulden: diejenige, nicht das Zentrum des Kosmos vorzustellen, um das herum sich alles dreht, und die, nicht von göttlicher Abstammung, sondern auch nur ein Tier unter Tieren zu sein. Die größte, die dritte Kränkung jedoch, glaubte Freud der Menschheit mit seinem Postulat des Unterbewusstseins selbst zuzufügen. Folgt daraus doch, dass das seiner selbst bewusste Ich nicht Herr im eigenen Hause ist. Doch so, wie es schon vor Kopernikus und Galilei nicht an Theorien mangelte, welche die Erde und den Menschen nicht im Mittelpunkt des Kosmos verorteten, haben christlicher Glauben und andere Religionen die Darwin’schen Entmystifizierungen der Entwicklung der Arten ohne ernsthafte Schäden überdauert. Fundamentale Kränkungen von Dauer lassen sich bisher auch nicht durch die Entdeckung des Unterbewusstseins nachweisen. Denn erfahrungsgemäß werden neue objektive Erkenntnisse zumeist nahtlos in bestehende Illusionen integriert. So wie man zwar den Gegenstand des Glaubens verlieren kann, aber nicht den Glauben selbst, das heißt das Bedürfnis an etwas glauben zu wollen, lassen sich Illusionen im Gegensatz zu Täuschungen nicht einfach durch Argumente und wissenschaftliche Erklärungen aus der Welt schaffen. Illusionen sind keine Trugbilder oder Spiegelfechtereien ohne Wirklichkeitsgehalt, sondern komplexe Denkmuster, die, durch gegenseitige kommunikative Verstärkung beglaubigt, als realitätshaltige Wunschgebilde weitaus tiefer im kollektiven Unterbewusstsein wurzeln als viele wahrhaben wollen. Entsprechend sind mitunter nicht „die Welt“ oder „das Leben“ ein Problem, sondern vielmehr unsere Ansprüche an sie.
Beim Sprechen über Illusionen muss man demgemäß sehr klar bestimmen, von was beziehungsweise über was man spricht. So wie bewusste kontrafaktische Setzungen zu Zwecken naturwissenschaftlicher Forschung Fiktionen und nicht Illusionen vorstellen, sind auch Halluzinationen keine Illusionen im philosophischen Sinne, sondern Wahngebilde, das heißt besondere Modi der Wahrnehmung. Zumeist werden diese durch Fehlfunktionen des menschlichen Gehirns erzeugt, in deren Folge den Betroffenen unwillkürlich Nicht-Reales als wirklicher Teil der realen Umwelt entgegentritt. Illusionen hingegen sind bewusst oder unbewusst erzeugte Konstrukte zur Bewältigung des menschlichen In-der-Welt-Seins. Entsprechend hilft Illusionsrhetorik auch bei Fragen nach dem Sinn des Lebens nicht wirklich weiter. So markiert der von Friedrich Nietzsche ausgerufene Tod Gottes auch nicht zwingend den Anfang des Nihilismus, das heißt das Ende aller Werte und der totalen Sinnesleere. Die scheinbare Sinnlosigkeit eines Lebens ohne religiösen Glauben lässt sich leicht durch eigene Sinnstiftungen und eigene Wertsetzungen überbrücken. Simone de Beauvoir zum Beispiel betont die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen wie Liebe und Solidarität als Quellen des Sinns. Sie ist überzeugt, dass der Sinn des Lebens nicht in einem wie auch immer gearteten Jenseits verortet ist, sondern vor allem darin, die eigene Freiheit zu erkennen, diese aktiv und authentisch zu gestalten und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Selbst in extremen Situationen, wie den Erfahrungen im Konzentrationslager, können Menschen einen Sinn finden, der ihnen Kraft gibt weiterzuleben, resümiert der Psychiater Viktor Frankl seine Erlebnisse in vier Konzentrationslagern.
Aber ist letzten Endes die Macht des Faktischen, die harte Wirklichkeit, nicht doch stärker als Fantasie und Einbildungskraft? Was passiert, wenn Illusionen als solche demaskiert werden? Was, wenn wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ein unbefangener Mensch nicht nur erkennt, sondern auch ausspricht, dass der Kaiser nicht die schönsten aller Gewänder trägt, sondern gar keine Kleider? Was, wenn der Schleier eines Verblendungszusammenhangs sich lüftet und die nackten Tatsachen nicht nur, wie immer schon, offen vor aller Augen liegen, sondern auch benannt werden? Die Antwort ist ebenso einfach wie besorgniserregend: Wirkliche Illusionen, also Glaubensinhalte, wie etwa der Glaube an übernatürliche Mächte, lassen sich durch Aufklärung nicht aus der Welt schaffen, man kann sie nicht wie Täuschungen als solche entlarven. So wie man auf geplatzte Seifenblasen immer neue folgen lassen kann, wird erfahrungsgemäß jede geplatzte Illusion durch eine neue ersetzt. Denn dass der Mensch ohne Illusionen über sich und die Welt auskommt, ist sicherlich die größtmögliche aller Illusionen.
Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur