der blaue reiter


Christian Hasucha: Marzahn erhebt sich, 2018
Künstlerische Intervention im Rahmen des Wettbewerbs „Temporäre Kunstprojekte Marzahner Promenade 2018“



Leseprobe im Journal-Layout herunterladen

der blaue reiter Ausgabe 45

 



Der Wert des Vertrauens

Wenn der Zweifel nicht mehr weiterhilft

Vertrauen lebt von der Abwesenheit des Zweifels. Wer vertraut, verzichtet auf Kontrolle und Überwachung. Der Wert des Vertrauens liegt gerade darin, dass es uns entlastet und Freiräume schenkt, die man braucht, um sich ungezwungen zu entfalten. Heißt das aber, dass Vertrauen naiv oder gedankenlos ist, dass es keine Gründe braucht, um sich vor sich selbst und vor anderen zu rechtfertigen?

Beim Vertrauen steht viel auf dem Spiel. Der Verrat des Vertrauens kann ein Leben zutiefst verletzen und beschädigen. Angesichts dessen, worum es im Vertrauen geht, ist es also nötig, seine ganz spezifische Vernunft zu beleuchten.
Am Anfang kann dabei das Phänomen des Grundvertrauens stehen, das manche auch Urvertrauen nennen. Ohne Grundvertrauen, so heißt es, stehen wir morgens nicht auf, gehen nicht aus dem Haus, fahren nicht mit dem Auto, dem Bus, der Bahn oder fragen andere nicht nach dem Weg, weil wir nicht glauben, was sie uns mitteilen. Grundvertrauen ist, wenn man so will, die Basis unseres komplexen zivilisierten Lebens, das uns immer wieder ein Handeln im Ungewissen zumutet, das uns immer wieder abhängig von anderen macht, von ihrer Ehrlichkeit, ihrer Kompetenz und ihrer Integrität. Wenn wir dem Ingenieur nicht vertrauen, der das Flugzeug entwirft, dann werden wir nicht fliegen oder nur voller Angst und Sorge.
Manche glauben, dass wir mit dem Grundvertrauen geboren werden. Das Baby, das in die Luft geworfen wird, vertraut, dass es wieder aufgefangen wird, es hat gar kein Bild vom absichtlichen Fallenlassen. Wird es doch einmal fallen gelassen, dann droht das Grundvertrauen zerstört zu werden. Im schlimmsten Fall entwickelt das heranwachsende Kind ein tiefes Misstrauen, das all sein zukünftiges Handeln prägen wird, etwa so, wie wir es von den Opfern sexuellen Missbrauchs kennen. So ist Grundvertrauen die Basis und der Ausgangspunkt, ohne den andere Formen des Vertrauens gar nicht wachsen können. Ohne Grundvertrauen sähe unser ganzes Weltverhältnis völlig anders aus, wäre dunkler, vorsichtiger, skeptischer und zweifelnder.
An diesem Bild des Grundvertrauens sei im Folgenden nicht gerüttelt, auch wenn es manche Frage provoziert. Wenn das Kind etwa ohne jede Ahnung ist, dass es fallen gelassen werden könnte – kann es dann vertrauen? Worauf? Dass es nicht fallen gelassen wird? Aber wenn es davon doch nichts weiß? Wie kann man Ereignisse fürchten, die noch gar nicht eingetreten sind? Wenn das Kind einmal fallen gelassen worden ist, dann hat es die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass man sich nicht immer auf andere verlassen kann und wird so vielleicht zu größerer Vorsicht gezwungen. Aber auch diese Erfahrung kommt für viele eben erst nach dem Grundvertrauen, das damit weiterhin als psychologische Basis betrachtet wird, als Ausgangspunkt und ursprünglicher Weltzugang. Das Grundvertrauen entwickelt sich in gewisser Weise zunächst nicht, es ist einfach gegeben und bildet die Basis für die Ereignisse und Erfahrungen, die dann darüber entscheiden, ob wir weitere Formen des Vertrauens ausbilden oder eher misstrauische Charaktertypen werden. Es ist ein wenig wie in der Schule: Wenn wir der Lehrerin nicht vertrauen, können wir nicht die Kenntnisse erwerben, die wir brauchen, um auf späteren Lernstufen zu beurteilen, ob sie tatsächlich kompetent ist oder nicht.

   Fängt Vertrauen an,
      wo Gründe aufhören?

Die Annahme eines Grundvertrauens legt nahe, dass Vertrauen ohne Gründe auskommt. Dass wir auf dem Grund des Vertrauens stehen, liefert aber keine Rechtfertigung für das Vertrauen, es erklärt nur eine bestimmte Bereitschaft von uns, anderen nicht misstrauisch zu begegnen. Erklärungen und Rechtfertigungen aber sind zu unterscheiden. Die Frage ist: Kommt das Vertrauen tatsächlich ohne Gründe im Sinne von rechtfertigenden Gründen aus? Fängt Vertrauen an, wo Gründe aufhören? Springen wir im Vertrauen gleichsam über einen Abgrund, ohne zu wissen, ob wir das tun sollten, ohne Anhaltspunkte, die uns helfen, die Vernünftigkeit unseres Tuns einzuschätzen? Oder braucht es Gründe, die uns helfen, anderen Vertrauen zu schenken? Wäre das so, dann müsste Vertrauen auch nicht das Ende des Zweifelns sein, denn an der Qualität von Gründen kann man zweifeln. Auch kann es sein, dass wir zwar Gründe haben, aber nicht genug Gründe. Zweifeln und Vertrauen könnten also durchaus vereinbar sein, ja, wenn wir einverstanden sind mit der Annahme, dass Vertrauen ohne absolute Gewissheit auskommt, dann könnte eine bestimmte Form des Zweifelns sogar viele Vertrauensakte begleiten. Vertrauen wir anderen, wissen wir nicht, ob sie das ihnen geschenkte Vertrauen rechtfertigen werden. Es bleibt immer eine gewisse Unsicherheit, sonst müssten wir ja nicht vertrauen.
Diese abstrakten Überlegungen sollen mit einer Geschichte veranschaulicht werden. Es ist eine Kinderbuchgeschichte von Angela McAllister, die den Titel Vertrau mir, Mama! trägt. Ein Junge, sechs oder sieben Jahre alt, darf zum ersten Mal alleine einkaufen gehen. Bevor er geht, gibt die Mutter eine Menge Anweisungen: „Gehe direkt zum Laden, sprich mit niemandem, schau nach rechts und links, bevor du die Straße überquerst, nehme nicht die Abkürzung durch den Garten des Nachbarn, steck die Hände nicht in die Hosentasche“ etc. Der Junge bittet die Mutter nur, ihm zu vertrauen und geht los. Auf dem Weg zum Laden geschehen nun einige Dinge, die weder er noch seine Mutter vorhergesehen hatten. Vor allem tauchen eine Menge Monster auf, die ihn bedrohen oder einfach nur erschrecken – Hexen, Geister und wilde Bären. „Vor Geistern hatte Mama mich nicht gewarnt“, stellt der Junge lapidar fest, um dann mit einigem Geschick der Gefahr auszuweichen oder ihr mutig ins Auge zu blicken. Im Laden angekommen, kauft er alles, was er kaufen darf, aber auch eine besondere Sorte Bonbons (Feuerdrops), die er ausdrücklich nicht kaufen darf. Er geht zurück, nimmt, um den Geistern auszuweichen, die Abkürzung durch den Garten des Nachbarn. Doch wieder begegnen ihm unheimliche Gestalten, etwa einige Aliens, die ihn offenbar entführen wollen; diese füttert er mit seinen Bonbons, was dazu führt, dass sie explodieren und keine Gefahr mehr darstellen. Zuhause angekommen, will die Mutter wissen, ob er alles so ausgeführt hat, wie sie es ihm empfohlen hat. Stolz und selbstbewusst verkündet er, er habe doch gesagt, sie könne ihm vertrauen, er sei doch schon groß.
Diese Geschichte ist erzählerisch sicher überschaubar, aber doch auf eigentümliche Weise komplex. Zunächst ist klar, dass die Mutter einen bestimmten Zeitpunkt wählt, um ihren Sohn zum ersten Mal alleine einkaufen gehen zu lassen, und zwar in einer mehr oder weniger übersichtlichen Situation. Sie schenkt ihr Vertrauen also nicht grundlos, sondern auf der Basis einer Einschätzung, die, so ist zu vermuten, mit Annahmen über die Selbstständigkeit des Jungen verbunden ist. Zugleich glaubt sie, ihm Anweisungen geben zu müssen, da sie eben doch Angst hat, dass sein kindlicher Übermut Gefahren heraufbeschwören könnte. Eine gewisse Unsicherheit verbindet sich also mit dem Wunsch, Vertrauen zu schenken, man könnte fast von Skepsis sprechen, denn die Mutter mag ahnen, dass ihr Junge sich nicht an alle Anweisungen halten wird.
Die Geschichte zeigt natürlich auf drastische Weise, dass die Unruhe der Mutter nicht unbegründet ist, die Monster signalisieren Gefahren, die niemand vorhersehen kann. Der Vorwurf des Jungen, dass die Mutter ihn nicht vor Geistern, Hexen oder Aliens gewarnt habe, wiegt schwer, im Nachhinein muss ihr Vertrauen fast verantwortungslos scheinen angesichts all der Gefahren, die da lauerten. Was immer ihre Gründe für das Vertrauen gewesen sein mögen, sie zielen nicht auf das Meistern eines Überfalls von Aliens. Niemand rechnet mit Aliens, also sagt auch niemand Sätze wie „Weiche den Aliens aus“ oder „Wenn Aliens kommen, gebe ihnen die scharfen Bonbons, das wird sie erledigen“. Die Gründe, die sie hat, zielen an den realen Gefahren vorbei, sie erfassen vertraute Standardsituationen (Straße überqueren, Geld zusammenhalten, bezahlen), aber nicht unvorhersehbare Gefahren, die unser Leben in der Wirklichkeit aber immer mit sich bringt.
Trotzdem, und das ist die zentrale Pointe der Geschichte, meistert der Junge die Gefahren und rechtfertigt das geschenkte Vertrauen. Er rechtfertigt es aber mit einem souveränen Selbstbewusstsein, von dem die Mutter gar nichts ahnen konnte. Wie hätte sie ahnen können, dass er mit Hexen umgehen kann? Sie hat ihn nicht vor Hexen gewarnt, weil sie diese Gefahr eben nicht vorhergesehen hat. Das heißt aber auch, dass sie die Fähigkeiten des Jungen, mit dieser Gefahr umzugehen, nicht zur Grundlage ihres Vertrauens machen konnte. Die Gründe, die das Vertrauen rechtfertigen, entstehen gewissermaßen erst durch das Vertrauen, aus der Sicht der Mutter also zu spät, was ihr anfängliches Vertrauen im Rückblick naiv erscheinen lässt.
Ich nenne das die Kreativität des Vertrauens, das heißt, Vertrauen kann dazu beitragen, die Gründe, die es rechtfertigen, zu schaffen. Das ist natürlich eine paradoxe Formulierung, denn die Gründe, die geschenktes Vertrauen rechtfertigen, liegen offensichtlich am Anfang des Vertrauensverhältnisses nicht erschöpfend vor. Die vollständige Rechtfertigung kann immer nur ex post, das heißt nachträglich vollzogen werden. In diesem Sinne sind ursprüngliche oder erste Vertrauensakte ungesättigt und verweisen auf eine offene Zukunft, in der sich entscheidet, ob das Vertrauen zu Recht geschenkt wurde oder nicht. Deswegen ist es natürlich nicht falsch, auf den Zusammenhang von Vertrauen und Risiko hinzuweisen, aber der Begriff des Risikos darf keine Kalkulierbarkeit der Risiken suggerieren. Wie die Geschichte zeigt, gibt es keine Basis für das Kalkulieren von Risiken, denn die Gefahren, mit denen sie spielt, sind nicht vorherzusehen; keine Wahrscheinlichkeitsrechnung hätte dabei helfen können, den Besuch der Aliens in den Bereich des Schätzbaren zu heben.
Wenn ich diese Geschichte in Seminaren vorstelle, erhalte ich oft zwei Reaktionen: Der Junge hat das Vertrauen der Mutter missbraucht; und: Es war angesichts der Gefahren unverantwortlich von ihr, ihn überhaupt auf die Straße gehen zu lassen. …

Autor: Martin Hartmann