der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Werner Seltier



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der blaue reiter Ausgabe 45

 



Die Sehnsucht nach Gewissheit


Der Zweifel ist ein ständiger Begleiter des Menschen: In der Liebe zweifeln wir an der Treue unserer Partner, im Straßenverkehr an den Fahrkünsten der anderen, beim Einkaufen an der Korrektheit der Rechnung, in der Klimadebatte an der Richtigkeit der Prognosen und der Ehrlichkeit der Politiker. Nicht wenige verlieren sich angesichts der vielen Unwägbarkeiten des Lebens im Zwang zur Kontrolle oder fallen gar der Verzweiflung anheim. Denn Zweifel lauern überall und lassen sich nicht ohne Weiteres beschwichtigen, verdrängen oder gar ausräumen. Entsprechend sehnt sich der Mensch nach nichts so sehr wie nach letzten Gewissheiten, die Sicherheit und Halt versprechen.
Auf seiner Suche nach einem unerschütterlichen Fundament, von dem aus sich ein sicheres Weltbild aufbauen ließe, fand René Descartes die schlicht anmutende Gewissheit der eigenen Existenz in Form des Zweifelns. Das Einzige über jeden Zweifel Erhabene, so Descartes, sei die Tatsache des Zweifelns selbst. Dass meine Hand es ist, die nach etwas greift, darüber könne ein böser Geist mich täuschen. Auch meine Schmerzen könnten eine Täuschung sein. Aber daran, dass ich es bin, der zweifelt, so das Ergebnis seines zur Methode erhobenen systematischen Zweifelns, könne man nicht mehr zweifeln – lateinisch: Cogito ergo sum! (Ich denke, also bin ich!)
Einer solchen Umdeutung des Zweifelns zur Quelle von Gewissheit hätten sich die Skeptiker der Antike kategorisch verweigert. Weil der Lauf der Welt für den Menschen letztendlich unbegreiflich sei, könne das Ideal völliger Seelenruhe nur durch die Enthaltung von jeglichem Urteil erreicht werden, so Pyrrhon von Elis. Der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios berichtet über das Denken des Begründers der pyrrhonischen Skepsis, dass dieser nichts für schön, nichts für hässlich, nichts für gerecht und nichts für ungerecht erachtet hätte. Vor allem galt ihm „für alles durchweg der Satz, dass nichts in Wahrheit sei“. Demgemäß gelassen soll Pyrrhon durch das Leben gegangen sein: „Er wich vor nichts aus und kannte keine Vorsichtsmaßregeln, gegen alles zeigte er die nämliche Gleichgültigkeit, mochten es nun begegnende Wagen sein oder Abhänge oder Hunde oder anderes dergleichen.“ Seine Behauptung, dass die Wirklichkeit nur eine Täuschung sei, galt jedoch schon damals vielen selbst als Täuschung. Denn dass Pyrrhon trotz seiner welt- und lebensfremden Haltung nicht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder kam, verdankte er Antigonos von Chronos zufolge seinen ihn beständig begleitenden Schülern.
Lebenspraktischer veranlagt als die Pyrrhoniker waren schon in der Antike die sogenannten Sophisten. Diese rhetorisch geschulten Wanderlehrer reisten von Ort zu Ort und unterrichteten gegen Bezahlung, wie man zum Beispiel vor Gericht seine Argumente so vorbringt, dass sie die Richter überzeugen. Auch wenn Platon die Sophisten der Verdrehung und Leugnung der Wahrheit bezichtigte, waren sie weniger Winkeladvokaten als vielmehr Aufklärer. So erachtete der Sophist Kritias die Götter nicht als reale Mächte, sondern sah in ihnen von weisen Staatsmännern erfundene Wesen, welche die Gläubigen davon abhalten sollten, Verbotenes im Verborgenen zu tun – nur göttliche Mächte sehen jederzeit alles und jeden! Der skeptischen Grundhaltung der Sophisten ist es zu verdanken, dass vermeintlich ewig geltende Wahrheiten öffentlich zur Diskussion gestellt wurden und sich derart in ein niemals endendes Streben nach Wissen wandelten, einem Wissen, das beständiger Überprüfung und Verbesserung bedarf.
Gegen die Tyrannei „ewiger Begriffe“ zog auch Friedrich Nietzsche zu Felde. Zur Heilung des Leidens an der Ungewissheit dürfe man nicht in ein Denken in Systemen verfallen. Werde damit doch nur versucht, eine an sich sinnfreie Welt unter die Knute des eigenen Verlangens nach Sicherheit zu zwingen. Wirklich große Geister seien Skeptiker, Überzeugungen nichts weiter als Gefängnisse. Mit seiner Polemik ist es Nietzsche allerdings weniger um eine urteilsenthaltsame, als vielmehr um eine urteilsfreudige Skepsis zu tun. Der heroische Mensch verachte jegliches äußere Diktat und setze sich im Bewusstsein des Fehlens eines absoluten Sinns seine Ziele selbst. Eine solche experimentelle „Skepsis der verwegenen Männlichkeit“ gilt Nietzsche als einzig denkbare Form von Philosophie.
Rufe nach kühnen Heilsgestalten, die unerschütterliche Selbstsicherheit und Tatkraft ausstrahlen, werden immer dann laut, wenn althergebrachte Sicherheiten ins Wanken geraten und die Komplexität der Welt übermächtig zu werden droht. Im Verlauf der Geschichte wurden die in diese gesetzten Hoffnungen jedoch stets aufs Grausamste enttäuscht. Ein gedeihliches Zusammenleben setzt notwendig die Anerkenntnis der Pluralität von Interpretationen der Welt voraus. Das bedeutet, ganz in skeptischer Tradition anzuerkennen, dass es keine letztgültigen Wahrheiten gibt und die Welt stets auch anders interpretiert werden kann als man selbst es tut.
Ungefragt und nackt in die Welt geworfen, wie Jean-Paul Sartre schreibt, muss jeder Mensch sich seine Welt und seinen Sinn selbst erschaffen. Weil sich die Welt jedoch nicht ohne weiteres den eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen fügt, versuchen wir, uns auch ein Bild davon zu machen, wie die Natur jenseits dessen beschaffen ist, was wir mit Händen greifen können. Dabei ist die Suche nach sicherem Wissen jedoch nicht nur durch die Angst vor Ungewissheit motiviert, sondern allzuoft auch durch die Sehnsucht nach Herrschaft – über die Natur und über andere. Doch in ihren kleinsten Teilen wie in ihren überkomplexen Wirkungszusammenhängen, Symmetrien und Synergien entzieht sich die Welt jeglicher endgültigen Beschreibung. Entsprechend setzt das Spiel des Zweifels Gewissheiten nicht schon voraus, wie Wittgenstein konstatiert, sondern vielmehr den Wunsch nach Gewissheit, oder besser: die allzu menschliche Hoffnung, eine solche einst erlangen zu können.
Dass Zweifel am Herkömmlichen nicht nur naturwissenschaftliches Erkenntnisstreben motivieren können, sondern auch die Suche nach sittlichen Grundsätzen, wissen wir auch aus Platons Berichten über das Wirken des Sokrates. Mit seinen Zweifeln wollte dieser die sittlichen Gewissheiten seiner Gesprächspartner auf die Probe stellen. Bedeutet moralisch handeln doch, nicht aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl das Richtige zu tun, sondern aus Einsicht. Diesbezüglich meint Philosophieren Hermann Schmitz zufolge nicht etwa das Streben nach absoluter Wahrheit, sondern vielmehr „das Sich-Besinnen des Menschen auf sein Sich-Finden in der Umgebung“. Dies allerdings in einer „Umgebung“, die es nicht nur hinzunehmen, sondern im Rahmen des Möglichen auch zu gestalten gilt.
Dass dabei die Tat dem Zweifel ein Ende setzt, ist indessen ein großer Irrtum. Denn jede Handlung verändert nur die Ausgangssituationen für neue Zweifel und seien es nur die, ob die gewählte Handlung die richtige war, ob es nicht eine bessere Alternative gegeben hätte und so fort. Die nagenden Zweifel an uns selbst und der Welt lassen sich auch nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man sie zu Scheinproblemen erklärt oder schlicht als irrational abtut. Denn gegen das Argument, dass unsere dauerhaften Sinneseindrücke durch Drogen oder, wie im Film Matrix, von Maschinen künstlich hervorgerufen werden, gibt es zwar viele Indizien, aber keine wirkliche Widerlegung. Das Zweifeln ist im Endlichen nicht zu beruhigen, es gehört nicht nur zum Menschen, sondern zeichnet diesen geradezu aus: Der Mensch ist gleichermaßen zum Zweifeln verdammt wie er aus dem Zweifeln schöpft.
Bei all dem ist Zweifeln nicht nur eine Sache der Vernunft. Weil nicht alles, was Wissenschaftler als sicheres Wissen verkaufen, über jeden Zweifel erhaben ist, flüchten viele in die nicht überprüfbaren Gewissheiten des Glaubens oder des Gefühls. Denn, so schreibt Sören Kierkegaard, „erst des Herzens unbeschreibliche Rührung, erst sie vergewissert dich“. Doch ein solches nur mehr subjektives Verständnis von Wahrheit führt den Begriff der überindividuellen Wahrheit ad absurdum.
Was tun? Auch wenn es keine letztgültige Gewissheit gibt, wir nicht objektiv beweisen können, dass unsere Sinneseindrücke nicht doch von externen Mächten manipuliert werden, bleibt uns zur Selbstverge­wisserung nur die Auseinandersetzung mit Anderen. Verstanden als Aufforderung zu Kommunikation und gemeinsamer Gestaltung von Welt ist der Zweifel nicht aus der Welt, aber er verliert zumindest seine existenzielle Schrecknis. Selbst wenn Vertrauen in andere immer die Gefahr der Enttäuschung in sich birgt, kommt trotz aller gebotenen Vorsicht keine Gemeinschaft ohne ein gewisses Grundvertrauen aus. Jeder Verkehrsteilnehmer muss beispielsweise darauf vertrauen können, dass er bei grüner Ampelschaltung die Kreuzung gefahrlos überqueren kann. Dabei bedeutet Vertrauen weder blind und gutgläubig durch die Welt zu gehen, noch ist es das Ende des Zweifelns. Trotz seines entlastenden Charakters ist Vertrauen auch weitaus mehr als eine Möglichkeit der Reduktion von Komplexität, wie Niklas Luhmann bilanziert. Wer nicht damit rechnet, dass auch am nächsten Tag die Sonne aufgeht, wird andere Dispositionen treffen als jener, der darauf vertraut, ebenso wie derjenige anders mit seinem Geld verfahren wird, der Vertrauen in die Kompetenz von Bankern und Politikern hat, als einer, der es nicht hat. Vor allem nimmt Vertrauen seinen Anfang nicht da, wo einem die Gründe ausgehen. Im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen ist Vertrauen in gewisser Weise eine Aufteilung beziehungsweise Verlagerung von Verantwortung und im Enttäuschungsfall eben auch von Schuld. Missbraucht zum Beispiel ein Kind das Vertrauen, mit dem man es zum Einkaufen geschickt hat und kauft statt Lebensmittel nur Süßigkeiten, fällt dies auch auf den zurück, der das Vertrauen schenkte. Das heißt: Vertrauen setzt eine besondere Art der Urteilskraft voraus, vermöge derer wir in der Lage sind, Prognosen über die Fähigkeiten sowie das Verhalten anderer zu erstellen und ihnen entsprechende Spielräume zu gewähren.
Ohne Zweifel an vermeintlichen Gewissheiten herrscht Stillstand. Doch auch wenn beim Vertrauen viel auf dem Spiel steht, bedarf das Zweifeln des Maßes. Denn wenn der Zweifel lähmt, in Verzweiflung oder gar Hass umschlägt, sind irrationale Verwerfungen vorprogrammiert. Eine lebenspraktisch sinnvolle Haltung ist weder die Verweigerung der Anerkenntnis von Tatsachen noch eine permanente Anhäufung von Zweifeln. Sinnvoll ist vielmehr eine systematische Suche nach empirischen und rationalen Argumenten gegenüber einem Wissen, das, versehen mit der Autorität vermeintlicher Wahrheit, Anspruch auf Vorherrschaft erhebt. In diesem Sinne empfahl schon Carneades im 2. Jahrhundert v. Chr., dass, wenn man schon keine Gewissheit erlangen könne, man doch dem Plausibelsten zuneigen solle. Auch im 21. Jahrhundert, auch nach 25 wundervollen Jahren der blaue reiter – Journal für Philosophie enthebt uns das Leben dankenswerterweise nicht der Mühe des Selberdenkens!

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur