der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Werner Seltier



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der blaue reiter Ausgabe 43

 



Der zivilisierte Mensch


Zurück zu einer naturnahen Lebensweise oder bessere Technik, bessere Computer und mehr Internet? Die Debatten um Fortschritt und Zivilisation bewegen sich in allen Facetten zwischen den Extremen unreflektierter Fortschrittsgläubigkeit und einer nicht besser durchdachten, von Jean-Jacques Rousseaus friedlichem Naturzustand inspirierten Wildnisromantik. Angesichts der Destruktivität des 20. wie des 21. Jahrhunderts ist es nicht verfehlt, die Frage nach der Zivilisierung des Menschen auch philosophisch zu stellen. Stehen die Vernichtungspolitik der Nazis, das Gulag-System des Stalinismus sowie die zahllosen Grausamkeiten der anhaltenden Stellvertreterkriege der Großmächte doch eher für deren Gegenteil: die menschenverachtende Barbarei.
In der Antike galten die Götter als die Allesbestimmer über die Geschicke der Menschheit und mithin auch dessen, was wir heute den Verlauf der Geschichte nennen. Freiheitsgrade ergaben sich für die Menschen bestenfalls infolge der chronischen Uneinigkeit der Herrscher des Olymps. Im Anschluss wurde diese Rolle in Europa dem Gott des Christentums beziehungsweise den christlichen Kirchen zugewiesen. Doch spätestens seit dem Aufklärer Voltaire folgt die Geschichte keinem Heils- beziehungsweise Unheilsplan mehr; ihr ist seitdem sozusagen der Gedanke eines zu erreichenden letzten Ziels und damit die Idee der Erlösung abhanden gekommen. Geschichte schreitet zwar nach wie vor voran, aber wohin?
Immanuel Kant sieht in der Zivilisation, die auf die Kultivierung folgte, lediglich ein formvollendetes Beisammensein, in dem jeder nur den Anschein sittlichen Verhaltens erwecken möchte. „Wir sind in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit“ analysiert er und kommt zu dem Schluss: „Uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch viel.“ Aus diesem Grund sollten wir die Gesetze nicht nur aus reiner Gewohnheit befolgen, sondern aus Einsicht in deren Notwendigkeit. Erforderlich hierfür sei die Entwicklung einer guten Staatsverfassung, welche „die gute moralische Bildung eines Volkes“ ermögliche.
Für Oswald Spengler ist die Entwicklung der Menschheit alles andere als eine Fortschrittsgeschichte. In seinem Buch Der Untergang des Abendlands postuliert er ein Kreislaufmodell: Einem Menschenleben ähnlich würden alle Kulturen Phasen aufblühender Jugendlichkeit und der Reifung durchlaufen, bis sie in einer Phase des Alterns, das heißt der Zivilisation, langsam untergehen. „Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit“ schreibt er in Der Mensch und die Technik und empfiehlt die Weltanschauung des antiken Helden Achill: „Lieber ein kurzes Leben voll Taten und Ruhm als ein langes ohne Inhalt.“ Ähnlich hatten schon pensionsberechtigte Vitalitätsverherrlicher wie Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt in geheizten Studierzimmern darüber sinniert, wie man die Menschen der Moderne vor dem totalen Sieg einer jegliches Heroentum kastrierenden Zivilisation schützen könne.
Wenig überrascht von den Weltuntergangsängsten der Bürger wohlhabender westlicher Kulturen zeigt sich auch Samuel Huntington in seinem Buch The clash of civilisation (deutsch: Kampf der Kulturen). Auf den Wettstreit der Ideologien werde ein Wettkampf der Kulturen folgen. Eroberte der Westen die Welt doch „nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion (zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten), sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt“.
So richtig Huntigtons Analyse der Ursache der aktuellen Überlegenheit der westlichen Zivilisation auch sein mag, so falsch ist die Unterstellung der Unausweichlichkeit von Kriegen zwischen den Kulturen und eines Weltuntergangs, den auch schon Spengler herbeizureden suchte. Bereits Johann Gottfried Herder hatte die Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Kulturen betont und sich gegen Geschichtstheorien gewandt, denen zufolge „Laster und Tugenden wie Klimaten wechseln“ und „Vollkommenheiten wie ein Frühling von Blättern entstehen und untergehen“. Zweifelsohne wurde das erklärte Ziel der Aufklärung, der Menschheit das Licht der Vernunft zu bringen und ihr die Furcht vor dem Übernatürlichen zu nehmen, bisher verfehlt. Und tatsächlich strahlt „die vollends aufgeklärte Erde“ im Zeichen „triumphalen Unheils“, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung schreiben. Auch ein schleichender Prozess der Entzivilisierung ist in westlichen Gesellschaften nicht wegzuleugnen. Aber bloß weil Geschichte und mithin der sogenannte Fortschritt kein Ziel kennen, sind sie nicht als sinnfrei zu beklagen. Ein „gutes Leben“ in einer „offenen Gesellschaft“ lässt sich auch ohne Heilsplan und Erlösung denken. Besteht der tiefere Sinn des Wortes Zivilisation doch genau darin, dass dem Fortschritt und der Geschichte eben keine Zwangsläufigkeit innewohnen: Zivilisation und Fortschritt sind kein unabänderliches Schicksal, sondern gestaltbar.
Gleichwohl er vor den Nazis ins Exil fliehen musste und seine Mutter in Auschwitz umgebracht wurde, ist Norbert Elias bezüglich des Prozesses der Zivilisation zu den Optimisten zu rechnen. Aufgrund des Studiums der Veränderungen des Alltagsverhaltens im Verlauf der Jahrhunderte kam er zu dem Schluss, dass die Menschen im Prozess der Zivilisation äußere Zwänge verinnerlichten: aus vormaligen Fremdzwängen seien Selbstzwänge geworden. Auch wenn er diesen Prozess nicht für unumkehrbar hält, wie er wiederholt betonte, antwortete er auf seine Lebenserfahrungen angesprochen: „Ihr seht immer nur das Negative; es gibt doch weltweit und auf allen Gebieten auch viele Beispiele dafür, dass der Prozess der Zivilisation fortschreitet.“ Mit Recht zivilisiert könnten sich die Menschen jedoch erst dann nennen, wenn der Spannungsausgleich zwischen den Bedürfnissen der Einzelnen und den Anforderungen der Gesellschaft problemlos möglich sei.
Der Ethnologe Hans Peter Duerr hingegen hält den Prozess der Zivilisation für einen Mythos. Elias habe ein Zerrbild vergangener Kulturen gezeichnet, das eher der Rechtfertigung der Kolonisierung diene. Im Gegensatz zu Elias sieht er beispielsweise im Vorrücken von Peinlichkeitsschwellen keinen Prozess der Entwicklung. Die Scham, etwa die vor der Entblößung des Genitalbereichs, sei keine historische Zufälligkeit, vielmehr gehöre das Schamgefühl zum Wesen des Menschen, das allerdings in jeder Kultur andere Ausprägungen erfahre. Entsprechend hätte es „innerhalb der letzten vierzigtausend Jahre weder Wilde noch Primitive, weder Unzivilisierte noch Naturvölker“ gegeben.
Doch die Abwertung fremder Kulturen als unzivilisiert oder gar barbarisch scheint unabdingbar zum Mensch-Sein zu gehören. Zumeist ist die vermeintliche Barbarei der anderen jedoch eher ein Spiegelbild der eigenen. Barbaren sind in aller Regel nicht die als solche Bezeichneten, sondern diejenigen, die andere zu Barbaren erklären, um wie die Kolonialherren daraus Herrschaftsansprüche abzuleiten.
Auch für Claude Lévi-Strauss ist die Rede von entwickelten und unterentwickelten Gesellschaften schlicht falsch. Charles Darwins Thesen über die Entstehung der Arten hätten zur falschen Annahme einer naturgesetzlich, unablässig zum „Besseren“, verlaufenden zivilisatorischen Entwicklung beigetragen. Entwickelt oder unterentwickelt könne man aber nur mit Blick auf ein bestimmtes Ziel sein. Einen universalen Vergleichsmaßstab für die Entwicklungsstufen von Kulturen gebe es jedoch ebensowenig wie einen übergeordneten Sinn des Lebens, den wir treffen oder verfehlen könnten. Um sich überhaupt entwickeln zu können, würden Gesellschaften als Stimulans für Innovationen ein Anderes benötigen, das heißt die Auseinandersetzung mit anders strukturierten Gesellschaften. Mithin sei kultureller Fortschritt eher eine Funktion der Koalition zwischen Kulturen.
Doch die Selbsterkenntnis im Spiegel der anderen, die kritische Funktion des fremden Blicks, ist weitgehend funktionslos geworden. Denn die Abneigung gegen fremde Kulturen kommt Sigmund Freud zufolge nicht von ungefähr. Bedeute Zivilisierung doch Kolonisierung der Triebe. Weil es eine Kultur ohne eine Beherrschung der Affekte nicht geben könne und die meisten Menschen weder „spontan arbeitslustig“ seien noch „Argumente etwas gegen ihre Leidenschaften“ auszurichten vermöchten, werde es entscheidend sein, die Menschen für den Verzicht auf das Ausleben ihrer tierischen Triebe zu entschädigen.
Dementsprechend sieht Peter Sloterdijk den Prozess der Zivilisation als eine Form der Selbstdomestikation und zitiert Friedrich Nietzsche: „Der Wolf wurde zum Hund gemacht und der Mensch zu des Menschen bestem Haustier.“ Zwar konnte derart eine Befriedung innerhalb der Kulturen teilweise erreicht und der Kampf mit Kulturfremden auf Leben und Tod im Verlauf der Neuzeit zur bloßen ökonomischen Konkurrenz abgemildert werden, doch gezähmt sei das „wilde Tier Kultur“ erst dann, wenn die vormaligen Feinde im Sinne des jeweils eigenen Überlebensvorteils kooperieren würden. Das heißt, wenn die Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Gesellschaften so weit entwickelt seien, dass die Feindschaften zwischen den Kulturen überwunden würden und sich neue Heimaten beziehungsweise Identifikationsschemata jenseits der Nationen fänden.
Bei all dem ist das Wesen des Menschen, seine Kultur und Zivilisation, wie Ernst Cassirer betont, keine geheime Substanz, kein statisches Etwas, das es aufzuspüren und dingfest zu machen gelte. Der Mensch bestimme sich vielmehr selbst durch das, was er tue, das heißt, wie er sich seine gegenständliche Welt errichte. Während die Tiere als Instinktwesen in die Welt einbalanciert sind, so fasst Günther Anders diesen Gedanken, kommt der Mensch weltfremd zur Welt und muss sich seine Welt selbst tätig gestalten.
Derart eines übergeordneten Lebenssinns beraubt, ist jeder gezwungen, seinem Leben einen je eigenen Sinn zu geben. Doch schon Friedrich Nietzsche sah in den „Errungenschaften“ der Moderne wie Demokratie, Gleichheit und Emanzipation weniger eine Befreiung als vielmehr einen fruchtbaren Nährboden der Dekadenz, mithin düstere Vorzeichen des Untergangs der westlichen Zivilisation. In der Tat hat der Austritt aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Kant die Aufklärung nannte, bisher eher neue Barbarei hervorgebracht, denn dass er Erlösung davon verspricht. Auch eine Wiederverzauberung der Welt anstelle ihrer vernunftgeleiteten Durchdringung erscheint kein Ausweg. Kultivierung und Zivilisierung ohne Moralisierung reichen nicht aus. Eine hochentwickelte Technik in Verbindung mit einer unterentwickelten Moral ist heutzutage in der Tat gefährlicher denn je. Doch Kants ganz praktische Frage, wie wir vom Zustand der Zivilisierung zum Zustand der Moralisierung gelangen können, harrt nach wie vor einer Antwort. Auch die Beantwortung der Frage, wie wir der aktuellen Verwilderung auf der Höhe der Zivilisation Einhalt gebieten können, ist aller, auch denkerischen Anstrengungen wert!

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur