der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Ist die Seele am Ende?


Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Digitalisierung. Ein Gespenst, das in Gestalt künstlicher Intelligenz nicht nur das Denken als letztes verbliebenes Alleinstellungsmerkmal des Menschen im Zoo der irdischen Lebewesen bedroht, sondern durch die Digitalisierung der Erbsubstanz sogar die wundersame Entstehung des Lebens infrage stellt.
In den modernen, durch herkömmliche Technik und fortschreitende Digitalisierung geprägten westlichen Welten ist es zweifelsohne weitaus weniger mühsam, sein Leben zu fristen als in den Agrargesellschaften vergangener Jahrhunderte. Durch Arbeitsteilung sowie zunehmende Automatisierung von industrieller Produktion und Alltag verringerte sich die Arbeitszeit, die wir zur Sicherung des nackten Überlebens aufwenden müssen, deutlich und die Lebenserwartung stieg beträchtlich. Wir haben immer mehr freie Lebenszeit für das, was Karl Marx selbstbestimmte Arbeit nennt. Damit bezeichnet er diejenige Art der tätigen Auseinandersetzung mit der Welt, die nicht von der Daseinsfürsorge bestimmt ist. Dennoch macht sich gerade in den Gesellschaften, in denen sich die Digitalisierung nicht nur in den Fabriken, sondern auch in den privatesten Lebensbereichen durchgesetzt hat, ein wachsendes Unbehagen breit.
Einerseits hat das vorherrschende naturwissenschaftliche Denken durch die Mathematisierung von Naturvorgängen zu einer Entzauberung des Lebens und des Lebendigen geführt. Andererseits sind unzählige Ingenieure mit nichts anderem beschäftigt, als mithilfe von Maschinen, die auf der Basis binärer Logik arbeiten, fantastische virtuelle Erlebnisräume zu erschaffen. Mittels lediglich aus einer Abfolge von Nullen und Einsen bestehender, streng logisch arbeitender Programme erzeugen sie illusionäre Lebenswelten, die viele als Fluchträume aus solchen, durch technische Logik bestimmten Gesellschaften nutzen. Sie bestätigen damit auf eigentümliche Weise eine zentrale Vorstellung des genialen wie tief gläubigen Philosophen, Mathematikers und Ingenieurs Gottfried Wilhelm Leibniz. Erkannte dieser doch in der Möglichkeit zur Darstellung aller Dezimalzahlen lediglich mit den Ziffern 0 und 1 ein Sinnbild der nach logischen Gesetzen konstituierten Schöpfung. Leibniz zufolge hat der christliche Gott den Menschen so geschaffen, dass dieser eine Maschine entwickeln könne, die supra hominem, das heißt dem Menschen im genauen und zuverlässigen Rechnen überlegen ist. Was zu Leibniz’ Zeiten nur mittels sehr aufwändiger Mechanik zu verwirklichen war, gehört heute dank Mikroelektronik zur Ausstattung jedes Schülers und ist als Computer von der reinen Rechenmaschine zum Generator alternativer Welten mutiert. Eine wachsende Zahl sogenannter Transhumanisten ist gar davon überzeugt, dass vermittels der Internet genannten Vernetzung solcher Maschinen in absehbarer Zeit das menschliche Denken nicht mehr auf einen Körper aus Fleisch und Blut angewiesen sein wird. Von jeglichem körperlichen Bedürfnis und sogar der Sterblichkeit befreit, so die Vision, werde die Menschheit nur noch als das existieren, was Leibniz als Sinnbild des Universums erachtete: eine Abfolge aus Nullen und Einsen. Ob diese andere mögliche „Welt“ allerdings besser ist als die real existierende, die Leibniz als die beste aller möglichen galt, und ob die Möglichkeit von deren Darstellung aus Nullen und Einsen letztlich göttlichen oder menschlichen Ursprungs ist, das ist nach wie vor keine Frage des Wissens, sondern des Glaubens. Nicht von ungefähr konstatiert Leibniz, dass zur logischen Struktur noch etwas Wesentliches hinzu kommen müsse: ein göttliches „Es werde“. Ein Ereignis der Art also, wie es Michelangelo symbolisch in Form der Beseelung Adams durch die Hand Gottes an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte.
Gesetzt den Fall, ein solcher Anfang ließe sich tatsächlich programmieren, könnte man einem derart rechnerisch erzeugten Bewusstsein mangels eines Körpers jedoch keine Seele im klassischen Sinne zuschreiben. Ist Seele Homer zufolge doch das unsterbliche Lebensprinzip des Menschen, das erst durch „Blut­trinken“ Bewusstsein erlangt. Das heißt, ohne Seele, ohne belebendes Prinzip, ist der Körper nur formlose Materie und eine Seele ohne Körper nicht mehr als bewusstloser Geist.
Man kann den schwierigen Begriff der Seele aber auch jenseits transzendenter Prinzipien und göttlicher Mächte denken. So verstand beispielsweise Aristoteles die Seele als gedanklich erfasste Wirklichkeit des lebendigen Körpers, und Georg Wilhelm Friedrich Hegel zufolge ist Seele das, was das tätige Subjekt selbst zum Zweck hat. Mit „Seele“ wird derart also weder etwas Geistiges noch Gegenständliches oder Göttliches bezeichnet. Vielmehr wird im Begriff der Seele die untrennbare Lebenseinheit aus Körper und Geist in eins gedacht. Es wird damit eine dauerhafte Einheit behauptet, die den Einzelnen sich trotz aller Veränderungen zeitlebens als mit sich selbst identisch begreifen lässt. Solchermaßen ist der Begriff der Seele auch eine Bezeichnung für das, was den einzelnen Menschen nicht nur von den übrigen Spezies, sondern auch von seinen Mitmenschen unterscheidet, seine unverwechselbare Identität. Auch für diese gilt, was Aristoteles für das Leben als solches postulierte: Beide sind mehr als eine Summe momentan feststellbarer Eigenschaften. Leben wie Identität sind untrennbar von der Art ihrer Genese; ihre Entstehungsgeschichte ist ihnen sozusagen auch als Hypothek für die Zukunft eingeschrieben. Das heißt, für unser Denken, Fühlen und Handeln ist es essenziell, wie wir zu dem wurden, was wir sind.
Der Digitalisierung des sozialen Raums kann man selbst mit bestem Willen nicht mehr entgehen, ohne sich aus dem gesellschaftlichen Miteinander auszuschließen. Durch die Allgegenwärtigkeit technischer Geräte wie Smartphones, Datenbrillen, Laptops etc. haben sich die Datenwelten zwischenzeitlich von den Bildschirmoberflächen emanzipiert und unseren Umgebungsraum erobert. Die Emanzipation von Text und Bild aus der Zweidimensionalität von Flächen in den Raum ist hierfür nur ein Beispiel: Bildschirme sind nicht mehr nur „leere“, bespielbare Oberflächen für Projektionen, sondern Schnittstellen. Sie sind zu Schwellen in die Illusionen unendlich scheinender Daten­räume mutiert.
Doch das Klagen über die Seelenlosigkeit und Kulturfeindlichkeit der durch und durch kommerziali­sierten digitalen Welten greift meist zu kurz. Das Digitale ist nicht das Andere unserer humanen Existenz, sondern nur einer ihrer Spiegel. Jede Maschine ist nicht mehr und nicht weniger als eine kreativ nutzbare Dimension der menschlichen Art und Weise des In-der-Welt-Seins. Entsprechend ist es an der Zeit, Kulturtechniken des Digitalen zu entwickeln.
Doch selbst wenn man sich dem Digitalen nicht mehr entziehen kann, müssen nicht alle philosophischen Konzepte neu gedacht werden. So bedürfen die grundsätzlichen Theorien der Identität durch den speziellen situativen Rahmen digitaler Medien ebenso wenig einer Überarbeitung, wie sie durch die Erfindung der Post, des Telegrafen oder des Telefons erforderlich waren. Die Rede von einer genuin digitalen Identität ist ein Missverständnis. Camouflage, Verführung, Manipulation und Selbstdarstellung gibt es auch in ana­logen Lebenswelten. Was wir „wirklich“ selbst sind, werden wir nie wissen. Als zoon politicon, das heißt als von Natur aus in Gesellschaft lebendes Wesen, ist der Mensch gezwungen, immer mindestens eine Rolle zu spielen. Das Bedürfnis nach Kommunikation, der Wunsch sich mitzuteilen und auszutauschen, hat sich nicht verändert. Wir bedienen uns nur anderer „äußerer“ Formen. Auch wenn das jeweils genutzte Medium die Form und derart den Inhalt der Nachricht mitbestimmt, so ist das Internet doch nur ein weiterer sozialer Raum, der unter anderem die Sphäre des Öffentlichen erweitert und dessen sich der Mensch denkend bedienen kann. Die Digitalisierung führt genauso wenig zu einer Entleiblichung wie drogeninduzierte Träume. Denn selbst beim Surfen im Internet sind wir immer leiblich anwesend, weil wir uns ohne unseren Körper gar nicht denken können. Spätestens wenn sich der Hunger oder die Blase meldet, wird dies selbst dem letzten Nerd bewusst. Auch ein vollständig ins Internet transferierter menschlicher Geist wird seine Herkunft nicht verleugnen können, ist er das, was er ist, doch nur vermittels seines Körpers geworden.
Das Schreckgespenst der Digitalisierung ist kein flüchtiger Papiertiger, aber er ist auch keine unsicht­bare und unüberwindliche Macht. Die Digitalisierung hat weniger das Denken, als vielmehr die Warenmärkte des Kapitalismus verändert. Wenige Wische eines Fingers auf verheißungsvoll leuchtenden Oberflächen handtellergroßer Geräte zaubern die Vielfalt einer weltumspannenden Warenwelt auch in den entlegensten Winkel des Globus. Entsprechend ist die Möglichkeit der Monopolbildung und der damit einhergehenden Gefahr der Einflussnahme weniger Konzerne auf ganze Staaten so groß wie noch nie. Gefordert ist die Philosophie bei all dem also nicht in ihren Grundfragen. Nicht das Leib-Seele-Problem, nicht die Fragen nach Sinn und Sein stehen neu zur Disposition, sondern vielmehr gesellschaftliche und erzieherische. Wie soll eine Gesellschaft damit umgehen, dass es immer weniger Arbeit für immer mehr Menschen geben wird? Die Hoffnungen von Marx und den Humanisten, dass sich die von alltäglicher Mühsal entlasteten breiten Massen in seliger Eintracht dem Studium der Geistes- und Naturwissenschaften, den bildenden Künsten und der Kultur zuwenden, hatte sich schon durch die Industrialisierung nicht erfüllt. Weder die Grundbedürfnisse noch der Wille zur Macht haben sich seither verändert. Lediglich die Möglichkeiten zu ihrer illusionären Befriedigung wurden durch die Digitalisierung vervielfältigt. Deren so oft beschworene Herausforderungen sind also weniger technischer oder philoso­phischer Art als vielmehr gesellschaftlicher. Zu klären wäre, warum die neuen Möglichkeiten weltweiter Kommunikation und Vernetzung eher zu einer Flucht in Abgrenzung und nur auf Besitzstandwahrung bedachte Kleingeisterei führen statt in die so oft mit heilsbringerischer Attitüde verhießene neue digitale Freiheit. Fragen wie die, welche Entscheidungen wir welchen undurchschaubaren Computerprogrammen überlassen, wie viel Verantwortung wir an Expertensysteme delegieren, welche technischen Verbesserungen un­seres Denkens und unseres Körpers wir vornehmen, welche Manipulationen an den Grundbausteinen des Lebens zulässig sein sollen und welche nicht, bedürfen eines besseren Urteilsvermögens denn je zuvor. Philosophisches Denken kann helfen, solche Probleme zu benennen und zu analysieren. Letztlich aber sind wir es selbst, jeder einzelne Mensch, der entscheidet, welchen digitalen Apparaten er was anvertraut und welche Macht er ihnen über sich und seine Mitmenschen verleiht. Maschinen haben keine Seelen und kennen keine Verantwortung. Im Zweifelsfall wird ihnen einfach der Strom abgestellt. Denken, entscheiden und das daraus resultierende Handeln verantworten muss jeder Mensch auch in der digitalisiertesten aller schönen neuen Welten nach wie vor selbst.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur