der blaue reiter


Pepa Salas Vilar:
Friedrich Schlegel. Amor, 2018
Acryl auf Leinwand, 40 x 50 cm



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Porträt eines Zerrissenen

Friedrich Schlegels Philosophie der Liebe

Sein Leben war von Widersprüchen zerrissen, aber vielleicht gerade dadurch ein getreues Abbild seiner Zeit. Es fiel in die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, den Übergang von Revolution zu Restauration, von Aufklärung zu Romantik; und Friedrich Schlegel war ganz sicher mehr als nur einer ihrer Steigbügelhalter: Er galoppierte selbst tollkühn voraus, machte die Sexualität philosophisch hoffähig, wurde bald aber von der Realität eingeholt und endete als Herrenreiter im Seniorensitz.

Berühmt geworden war Schlegel in seiner Jugend durch gleich mehrere Skandale. Er hatte eine Wohn­gemeinschaft in Jena gegründet, in der er mit seiner späteren Ehefrau, der geschiedenen, acht Jahre älteren Dorothea Veit zusammenlebte. Mit dabei waren auch sein Bruder August Wilhelm und dessen Ehefrau; Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Schelling und Novalis gingen aus und ein, auch mit Johann Gottlieb Fichte war man freundschaftlich verbunden. Man las und philosophierte gemeinsam über das Gelesene; „Symphilosophieren“ nannte man das (von altgriechisch sym/syn für „zusammen“, „zugleich“). Und alle fielen bei der Verlesung von Schillers neuem Gedicht Würde der Frauen vor Lachen beinahe von den Stühlen: „Ehret die Frauen! Sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben“! – und dann wahrscheinlich noch ein zweites Mal, als August Wilhelm Schlegel seine Satire darauf veröffentlichte: „Ehret die Frauen, sie stricken die Strümpfe, / Wollig warm zu durchwaten die Sümpfe!“ Die Romantik wurde dort erfunden, in einem Jenaer Hinterzimmer (siehe Erläuterung). Es war ein Aufstand der rebellischen Jugend gegen die verhasste Welt der Alten: gegen die Aufklärung vor allem, ihre dürre Rationalität und ihren ökonomischen Pragmatismus; gegen die Philister, diese blassen Kunst­feinde und Alltagsmenschen, aber auch gegen die Erstarrung der Philosophie in Schulen, Systemen und abstrakten Kunstbegriffen.
Das sind natürlich klischeehafte Feindbilder, übertrieben und ungerecht, aber dafür ist man jung und will die Welt ändern, und zwar sofort! Man propagiert die Frechheit und den Mutwillen, die freie Liebe und das freie Denken, die Polemik und die Unverständlichkeit. Das Programm tauft man „progressive Universalpoesie“, das ist schon selbst reichlich unverständlich und gleichzeitig nicht wenig größenwahnsinnig. Aber man liefert die Programmschrift gleich dazu: eine Zeitschrift namens Athenäum (1798–1800). Sie heißt so, weil sie mitten im thüringischen Jena an der Saale ein neues atheneion, einen Tempel für die Göttin der Weisheit wie des Kampfes, begründet. Und weil es tödlich für den Geist ist, ein „System zu haben“, kommt das Programm betont unsystematisch in Fragmenten daher geschlendert (über dreihundert sind es insgesamt). Die Athenäums-Fragmente sind ein Gemeinschaftswerk der Jenaer Symphilosophierenden, ihre Kampfansage an die Zeitgenossen (außer Johann Wolfgang Goethe natürlich; bei Goethe endet alle Kritik, er ist der Meister) ebenso wie an die Vergangenheit und die Zukunft.
Es ist allerdings, so heißt es im Athenäums-Fragment über die philosophischen Systeme weiter, für den Geist genauso tödlich, kein System zu haben – weshalb sich der wahre romantische Geist wohl dafür entscheiden müsse, „beides zu verbinden“. Das ist progressive Universalpoesie vom Feinsten, als wahrhaft allumfassende Vereinigungsbewegung verstanden: „Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegenem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang.“

Die innere Zufriedenheit hängt
zuletzt an einem Punkt, der im
Dunkeln gelassen werden muss.

Die poetische Praxis zum Programm blieb allerdings eher mager. Friedrich Schlegel selbst brachte es gerade zu zwei literarischen Werken: dem Skandalroman Lucinde (1799) und einem Theaterstück namens Alarkos (1802), das in Weimar spektakulär durchfiel und, natürlich, ebenfalls einen Skandal auslöste (Goethe aber war auf seiner Seite!). Gemeinhin wurden eher die Werke Ludwig Tiecks (der dann aber aufs Land zog und mit Übersetzungen begann) sowie die von Novalis (der, getreu seinem eigenen romantischen Programm, früh starb) als gelungene dichterische Umsetzung der progressiven Universalpoesie betrachtet. Friedrich Schlegel jedoch rührte das wenig. Bevor er das Athenäum nach nur drei Jahrgängen wieder einstellte, weil es nicht nur allzu wenige verstanden, sondern noch wenigere kauften, schrieb er schnell noch einen Essay Über die Unverständlichkeit (1800) hinterher. In ihm behauptet er vollmundig, dass jeder im neunzehnten Jahrhundert die Fragmente „mit vielem Behagen und Vergnügen in den Verdauungsstunden“ werde genießen können, nicht einmal „zu den härtesten unverdaulichsten“ werde man einen Nussknacker brauchen. Und sei nicht überhaupt die Unverständlichkeit eigentlich etwas Gutes? „Mich dünkt das Heil der Familien und der Nationen beruhet auf ihr; wenn mich nicht alles trügt, Staaten und Systeme, die künstlichsten Werke der Menschen, oft so künstlich, daß man die Weisheit des Schöpfers nicht genug darin bewundern kann … Ja das Köstlichste was der Mensch hat, die innere Zufriedenheit selbst hängt, wie jeder leicht wissen kann, irgendwo zuletzt an einem solchen Punkte, der im Dunkeln gelassen werden muß, dafür aber auch das Ganze trägt und hält, und diese Kraft in demselben Augenblicke verlieren würde, wo man ihn in Verstand auflösen wollte. Wahrlich, es würde euch bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.“
Es ist, auch das gehört zur Zerrissenheit, ein Pfarrerssohn, der diese Sätze schreibt, in denen sich die offenbarste Frechheit mit der ganz unironischen Überzeugung von der „Weisheit des Schöpfers“ auf schwer bestimmbare Weise paart. 1772 als zehntes Kind eines hannoverschen Pfarrers geboren, gilt Friedrich Schlegel als ein schwer erziehbares Kind mit labiler Gesundheit. Wahrscheinlich aber ist er einfach nur hochbegabt. Man will ihn in eine Kaufmannslehre stecken, er setzt jedoch durch, dass er zu seinem älteren Bruder August Wilhelm an die Universität Göttingen darf; beide werden in den nächsten Jahren als eines der berühmtesten Bruderpaare der deutschen Literaturgeschichte die akademische und die literarische Szene aufmischen. August Wilhelm ist der etwas seriösere der beiden. Er fasst früh Fuß in der akademischen Welt, wird als Shakespeare-Übersetzer berühmt, zieht mit Madame de Staël durch Europa, agiert auf der politischen Bühne gegen Napoleon, überlebt Friedrich um fast zwanzig Jahre und stirbt als hoch geachtetes Mitglied mehrerer Akademien. Das alles ist jedoch keinesfalls absehbar, als man gemeinsam in Göttingen studiert und die antiken Autoren verschlingt. Der Bildungshunger der Brüder scheint unstillbar, und Friedrich Schlegel veröffentlicht bald, kaum zwanzig Jahre alt, seine ersten Aufsätze; auch ein Versuch über den Republikanismus (1796) ist dabei, eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Immanuel Kants Entwurf Zum ewigen Frieden und eine veritable Begründungsschrift der Demokratie. Dann stürzt er sich mit all seiner jugendlichen Energie auf die Philosophie. In Berlin lebt er in Wohngemeinschaft mit dem jungen Friedrich Schleiermacher, man liest gemeinsam Platon, aber auch den soeben zum philosophischen Leitstern aufsteigenden Fichte. Im literarischen Salon von Henriette Herz lernt Friedrich Dorothea Veit kennen; es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, beiderseits. Damit beginnt der romanhafte Teil seines Lebens; schließlich hatte er selbst in einem seiner zahllosen Fragmente für das Athenäum geschrieben: „Auch enthält jeder Mensch, der gebildet ist, und sich bildet, in seinem Innern einen Roman. Daß er ihn aber äußre und schreibe, ist nicht nötig.“
Friedrich Schlegel aber hält sich, mal wieder, nicht an seine eigene Maxime. Er schreibt den Roman seines Lebens tatsächlich auf, Dorothea Veit ist die zweite Hauptperson darin, und das ist das Problem. Lucinde heißt er, im Untertitel: Bekenntnisse eines Ungeschickten, und das ist wiederum nicht nur ironisch, sondern in gewissem Sinne wahr. Auf den ersten Blick ist die Lucinde kaum als Roman zu erkennen, sie ist eine wilde – Friedrich würde aber sagen: universalpoetische! – Mischung aus Gesprächen, Briefen, Erzählungen, Reflexionen, Bekenntnissen. Eine „Allegorie der Frechheit“ ist dabei und eine „Idylle auf den Müßiggang“. Den Hauptteil bildet ein kleiner Bildungsroman nach dem Muster des verehrten goetheschen Wilhelm Meister, nämlich die „Lehrjahre der Männlichkeit“ der Hauptfigur. Das meiste Aufsehen beim Publikum aber erregt die „Dithyrambische Fantasie über die schönste Situation“ (siehe Erläuterung): „Eine unter allen ist die witzigste und die schönste: wenn wir die Rollen vertauschen und mit kindischer Lust wetteifern, wer den andern täuschender nachäffen kann, ob dir die schonende Heftigkeit des Mannes besser gelingt, oder mir die anziehende Hingebung des Weibes. Aber weißt du wohl, daß dieses süße Spiel für mich noch ganz andre Reize hat als seine eignen? Es ist auch nicht bloß die Wollust der Ermattung oder das Vorgefühl der Rache. Ich sehe hier eine wunderbare sinnreich bedeutende Allegorie auf die Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen Menschheit. Es liegt viel darin, und was darin liegt, steht gewiss nicht so schnell auf wie ich, wenn ich dir unterliege.“ So hatte noch niemand über Sex geschrieben, nicht einmal im gelegentlich durchaus frivolen 18. Jahrhundert! Natürlich warf man Schlegel Unmoral vor; man zerriss sich den Mund auf der Straße und in Briefen, es erschienen haufenweise Rezensionen und satirische Schriften. Am obszönsten trieb es der Berliner Theologe und Satiriker Daniel Jenisch. Mit seinem Billet-doux der geschiedenen Madam Veit, jüdischer Nazion, nunmehr halbverehelichten Friedrich Schlegel (1799) gab er noch eine Portion Antisemitismus in die ohnehin schon gefährlich brodelnde Mischung. …

Autorin: Jutta Heinz