der blaue reiter


Markus Rapp: Liebespaar,
Skizze (Ausschnitt)



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„I gave her my heart but she wanted my soul“

Liebe als Dialog

„Ich schenkte ihr mein Herz, doch sie wollte meine Seele“, klagt Bob Dylan in einem seiner Lieder. Romantische Liebe scheitert oft daran, dass sie sich am Ideal der völligen Verschmelzung oder der aufopfernden Sorge für den anderen ausrichtet. Besser fährt man aber in der Liebe, wenn man sie bewusst als Dialog zweier selbstständiger Personen anlegt.

Ein erstes, noch allgemeines Verständnis romantischer Liebe lautet: Wenn wir einen anderen Menschen lieben, dann teilen wir unser empfindendes und tätiges Leben mit ihm in seiner Besonderheit. Wir teilen Freud’ und Leid, wir verfolgen zusammen Projekte: eine große Reise, den Garten, die Musik, Kinder. Das Teilen des Lebens steht in der Liebe nicht im Dienste anderer Güter, der eigenen Lust oder Charakterentwicklung, sondern ist ein Gut um seiner selbst willen. Und: Liebe gehört zu einem guten menschlichen Leben.
Eine Beziehung, in welcher die Partner einander nur benutzen, und sei es in aller moralisch gebotenen Fairness und Freundlichkeit, verdient so wenig den Titel „Liebe“ wie eine Beziehung, in welcher die Partner einander nur als austauschbare Platzhalter attraktiver Eigenschaften, der Schönheit, Klugheit oder Wärme etwa, betrachten. Liebe ist nur da gegeben, wo die Partner erstens ihren Egoismus zumindest ein Stück weit überwinden und sich zweitens dem anderen auch in seiner Partikularität zuwenden.
Es gibt verschiedene Weisen, die für Liebe wesentliche Überwindung des Egoismus, also das für Liebe konstitutive Teilen des Lebens zu verstehen. Drei Hauptverständnisse lassen sich unterscheiden. Sie begegnen uns bereits am Anfang der Philosophie bei Platon und Aristoteles. Aber wir begegnen ihnen auch heute noch in der angelsächsisch dominierten Philosophy of Love.
Beim ersten Liebesmodell wird Liebe als Verschmelzung der Liebenden zu einer Einheit verstanden, im zweiten als selbstlose Sorge für den anderen vorgestellt. Das dritte Modell begreift Liebe als personale Gemeinschaft oder Dialog.

Liebe als Verschmelzung

Im Dialog Das Gastmahl lässt Platon sieben Redner ihr Lob auf eros singen (siehe Erläuterung). Der Dramatiker Aristophanes entwirft in seiner Rede den Mythos der Kugelmenschen, nach dem die Menschen ursprünglich zwei am Rücken miteinander verwachsene Wesen waren, von Zeus ob ihres Übermuts aber in zwei Hälften zerschnitten wurden und seitdem auf der Suche nach der verlorenen Hälfte sind.
Im Mythos von den Kugelmenschen wird die für Liebe konstitutive Überwindung des Egoismus als Einswerdung mit dem anderen vorgestellt. Der andere wird in der Liebe ein wesentlicher Teil des eigenen Selbst. Und was ein wesentlicher Teil des eigenen Selbst ist, das instrumentalisiert man nicht. Der andere interessiert im Kugelmenschenmythos in seiner Partikularität als die verlorene, ergänzende, passende Hälfte, er interessiert nicht, jedenfalls nicht vorrangig, als austauschbarer Träger guter Eigenschaften. Nimmt man diesen Mythos wörtlich (was man tunlichst vermeiden sollte), dann gibt es nur einen einzigen vorbestimmten anderen, nämlich die verlorene Hälfte, die zu einem passt.
Eine zeitgenössische Variante des Verschmelzungsmodells der Liebe finden wir in Robert Solomons Buch About Love. Die Besonderheit des Geliebten versteht Solomon anders als Platons Aristophanes nicht ontologisch (siehe Erläuterung), sondern historisch-produktiv. Danach gibt es nicht den einen vorbestimmten anderen, der zu einem als die andere Hälfte passt und vielleicht in „Liebe auf den ersten Blick“ erkannt wird. Vielmehr würden Liebende allererst die Unersetzbarkeit des Geliebten durch die Geschichte ihres Ringens um Einswerdung erschaffen. Das „Ich liebe Dich“ einer beginnenden Liebe ist nach Solomon kein beschreibender Sprechakt, es bildet kein gegebenes Einheitsgefühl ab, sondern ist „performativ“, das heißt hier eine Bereitschaftserklärung und Einladung zu einem Prozess der gemeinsamen Erarbeitung einer Einheit. Selbstverständlich lade man nicht jeden x-beliebigen zu einem solchen Prozess ein, eine gewisse Wertschätzung und Kompatibilität müsse schon vorab gegeben sein.
Die in der Liebe ersehnte Vereinigung will Solomon weder nur körperlich noch bloß metaphorisch verstanden wissen. Er denkt vielmehr an einen realen psy­chologischen Mechanismus: In der Liebe teile man – anders als in der Freundschaft – nicht nur bestimmte Tätigkeiten, Wahrnehmungen und Empfindungen, sondern auch ein Selbst, eine Sicht auf die Welt. Man definiere dieses Selbst wechselseitig und besitze es gemeinsam. Typisch für Liebende sei, dass sie nicht mehr sagen können, wo der eine aufhört und der andere anfängt. Alles Fleisch und Begehren sei geteilt. Die Interessen des einen seien die Interessen des anderen.
Die Sehnsucht nach einer solch nahtlosen Einheit in der Liebe sieht Solomon allerdings in Spannung mit unserem Bedürfnis nach Autonomie, nach der eigenen wie nach der des anderen. Er spricht daher von einem „Paradox der Liebe“: Da unsere Sehnsucht, endlich wieder ganz zu sein, letztlich nicht stillbar sei, gehe Liebe notwendig mit Verzweiflung einher.

Liebe als selbstlose Sorge

Aristoteles fasst philia, was man am besten mit Liebe und Freundschaft übersetzt, am Anfang des achten Buchs seiner Nikomachischen Ethik als ein wechselseitiges, offenbartes Wohlwollen und Wohltun um des anderen willen (beziehungsweise im Fall einer Trennung als die entsprechende Einstellung dazu).
In der höchsten Form von Freundschaft und Liebe geht es nach Aristoteles um das Gesamt der Tugenden, das heißt den Charakter des anderen. Die Erfassung des Wesens eines anderen braucht allerdings Zeit, Erprobung und Gewöhnung. Man muss, wie er sagt, erst das sprichwörtliche Salz miteinander gegessen haben. Die Qualität des Charakters eines Menschen bemisst Aristoteles an einem für alle Menschen verbindlichen Tugendkatalog. Der gute Mensch hat mutig, gerecht, großzügig etc. zu sein. Da die aristotelische Charakterbeziehung auf einen für alle Menschen verbindlichen Tugendkatalog gerichtet ist, verfehlt Aristoteles, trotz seiner Betonung der zeitlichen Dimension, das für Liebe im modernen Sinn charakteristische Moment der Besonderheit und Unersetzbarkeit des anderen.

In der Liebe teilt man
eine Sicht auf die Welt.

Das selbstlose Teilen des Lebens verbindet Aristoteles, was für das Modell untypisch ist, mit unverborgener Gegenseitigkeit. In der christlichen agape (siehe Erläuterung) spielt die Gegenseitigkeit denn auch keine konstitutive Rolle. Im Unterschied zur aristotelischen Konzeption betont die christliche agape bei der „Begründung“ von Liebe auch nicht die Hochachtung für die Tugenden des anderen, sondern versteht menschliche Liebe im Zeichen göttlicher Liebe als unbedingt, als Geschenk des einen sündigen Menschen an den anderen.
Ein prominenter gegenwärtiger Vertreter des Sorge- (oder besser englisch: Care-)Modells ist Harry Frankfurt. Wer liebt, nimmt nach Frankfurt das Objekt seiner Liebe für wichtig, es liegt ihm an ihm, er verschreibt sich ihm. Der Sinn seines Lebens, sein Glück sei mit der Existenz und dem Gedeihen des geliebten Objekts verbunden. Er sei mit dem Liebesobjekt verwoben: Was im Interesse des Objekts sei, sei in seinem eigenen Interesse. Liebe sei interesselose Hingabe.
Die „Opfer“, die der Liebende für das Liebesobjekt bringt, seien somit, im Gegensatz zu den Opfern im Namen der Moral, gar keine richtigen Opfer, sondern Teil seiner Selbstverwirklichung. Das Paradebeispiel der Liebe bei Frankfurt ist die selbstlose Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Romantische Liebe ist ihm dafür zu unrein, da sie mit starken Emotionen und Eigennutz durchsetzt sei.
Ein Leben ohne Liebe ist für Frankfurt ein leeres, langweiliges Leben; ein Leben, in dem man nur halbherzig, hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Liebesobjekten, liebt, ein fragmentiertes Leben. Wer ganzherzig liebe, liebe und lebe richtig.
Auch was die Frage der „Begründung“ der Liebe angeht, hält Frankfurt es nicht mit Aristoteles, sondern eher mit der christlichen agape. Frankfurt verurteilt den Panrationalismus (siehe Erläuterung), der uns auch noch nach Gründen für die Liebe suchen lässt. Das Liebesobjekt sei besonders, weil man es liebe, und nicht umgekehrt. Liebe erzeuge Werte. Man meine in der Liebe genau dieses konkrete Individuum, das man umsorgt, und keine Kombination von guten Eigenschaften, die, zumindest theoretisch, immer auch jemand anders genauso oder besser aufweisen könnte.

Liebe als Dialog

In der Darstellung des aristotelischen Ansatzes im letzten Abschnitt ist ein Element seiner Begriffsbestimmung unberücksichtigt geblieben, welches zwar nicht in der Eingangsdefinition, aber doch im weiteren Textverlauf von großer Bedeutung ist: das Element des Miteinanders, der Gemeinschaft. Aristoteles geht sogar so weit, Menschen, die einander nur gern haben und unterstützen, aber nicht miteinander leben, als „eher einander wohlgesinnt“ denn als „befreundet“ zu bezeichnen. Nichts charakterisiere Freundschaft und Liebe so sehr wie das Zusammenleben. In einer Gemeinschaft instrumentalisiere man den anderen nicht, sondern betrachte ihn als jemanden, der zusammen mit einem selbst zu dem jeweiligen gemeinschaftlichen Zwecke beitrage. Man betrachte ihn als Partner, als Mitspieler im Team.
Es eröffnet sich damit eine dritte Möglichkeit, die für Liebe konstitutive Überwindung des Egoismus zu denken: nicht als Einswerdung, nicht als Füreinander, sondern als Miteinander; nicht als Fusion, nicht als Altruismus, sondern als „Kommunismus“ (von lateinisch communis für „gemeinsam“). …

Autorin: Angelika Krebs