der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



Editorial im Journal-Layout herunterladen

der blaue reiter Ausgabe 42 > zurück zur Themenliste

 



Gefühl oder Vernunft?


Nichts bestimmt unser Leben so sehr wie die Liebe. Kaum ein Film und nur die wenigsten Romanhand­lungen kommen ohne irgendeine Form der Liebe und die mit ihr verbundenen Gefühlsregungen aus. Alle erdenklichen Formen ekstatischer Glücksgefühle der Liebe sind in den Medien ebenso allgegenwärtiges Thema wie ihre Perversionen. Liebe, so scheint es, ist gleichermaßen elementarste Form menschlicher Beziehung wie Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt. Wer liebt, tritt aus den profanen Gerichtsbarkeiten des Lebens heraus, lebt in einem anderen Zustand des Seins, denkt und fühlt jenseits aller Erwägungen von Nützlichkeit und Berechenbarkeit.
Doch heute schwimmen wir nurmehr in einem Meer aus Sex. Die Allgegenwart und Überbetonung von Körperlichkeit lässt die Scham verschwinden und bringt nicht nur in Boulevardmedien inszenierte wie echte Selbstentblößungen jeglicher Art hervor. Im Gegenzug empfinden nicht wenige bewusste Verhüllung als kulturelle Provokation. Ein unerfüllbar scheinendes Begehren wird kaschiert mit zahllosen Herzchen und Emojis in Smartphone-Nachrichten, Selfie-Inszenierungen zu zweit und überbordenden Hochzeits­festen. Wir haben uns scheinbar alle lieb, doch die Liebe, eine ebenso urgewaltige wie fragile Beziehung, ist uns dabei abhandengekommen. Die gefühlte Einsamkeit, auch die zu zweit, war niemals größer.
In der Medienwelt nur noch konsumierend sprachlos geworden, ist vielen die Fähigkeit und Offenheit zur nicht medial vermittelten Kontaktaufnahme verloren gegangen. Der öffentliche Raum ist längst nicht mehr Ort des Kennenlernens. Selbst in Bus oder Bahn auf engstem Raum dicht gestapelt, starrt jeder nur noch auf sein Smartphone, checkt unablässig seine E-Mails und Kontaktgesuche im virtuellen Raum. Die Rede von Cybersex und von mit künstlicher Intelligenz getunten Sexspielzeugen für Männer wie Frauen entpuppt sich als banales Problem der Sprachlosigkeit und Kontaktunfähigkeit. Entsprechend gibt es für jeden ein passendes Datingportal: sei es das für anspruchsvolle Singles mit Heiratswunsch, jenes für den unverbindlichen Austausch von Körperflüssigkeiten oder auch solche zur diskreten Vermittlung von Eizellen und Spermien für Partnerlose mit Kinderwunsch.
Gelingt es, das Glücksversprechen der Liebe auf Waren zu übertragen, lässt sich offensichtlich alles besser verkaufen: seien es Duschgels, die vorgeblich unwiderstehlich machen, Hundefutter, das die Treue und Zuneigung des hauseigenen Vierbeiners verspricht, oder Weichspüler, die der Hausfrau den überschäumenden Dank ihrer Lieben infolge extra weicher und wohlriechender Handtücher garantieren. Verkauft wird dabei jedoch ähnlich der Prostitution nicht Liebe, sondern nur ein kurzfristig die unbestimmte Sehnsucht nach Zuwendung stillendes Substitut. Das Begehren nach immer mehr, so das Konzept, darf keine Befriedigung erfahren, muss um jeden Preis immer wieder aufs Neue entfacht werden.
Ähnlich unseren Tagen galt tief empfundene Liebe in Zeiten der Romantik vielen als Gegenwelt zur Kälte und Nüchternheit der damals aufkeimenden Technisierung des Alltags. Georg Wilhelm Friedrich Hegels Bestimmung der Liebe als Verausgabung des Selbst in den Anderen hinein wurde zur Sehnsucht nach Selbsterfüllung durch Selbstaufgabe überhöht. Doch eine alles überformende Liebe birgt nicht nur für Johann Wolfgang Goethes Romanfigur Werther, einem gleichermaßen schwärmerisch wie unglücklich Liebenden, die Gefahr des Welt- und Selbstverlusts. Findet das ins maßlose übersteigerte Gefühl der Zuneigung wie im Falle Werthers keine Erwiderung, erweist sich das übermäßige Begehren als unerfüllbar, sind die psychischen und mitunter auch physischen Folgen katastrophal.
Die Vorstellung von der Liebe als totaler Einswerdung mit dem Anderen geht zurück auf den Mythos vom Kugelmenschen, den Platon im Dialog Symposion den Komödiendichter Aristophanes bei einem Gastmahl zum Besten geben lässt. Ursprünglich hätten die Menschen eine rundliche Gestalt gehabt, mit zwei in die entgegengesetzte Richtung blickenden Gesichtern, vier Armen, vier Beinen und zwei Schamteilen, lässt Platon den Dichter in fröhlicher Runde erzählen. Weil diese Kugelmenschen übermütig geworden waren und gegen die Götter aufbegehrt hatten, wurden sie von Zeus zur Strafe in jeweils zwei Wesen getrennt, die von da an zeitlebens dazu verdammt waren, sich in unstillbarer Sehnsucht nach der verlorenen Hälfte zu verzehren. Die Liebe, so schließt Aristophanes, ist den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen. Selbst wenn sich zufällig zwei passende Hälften finden sollten, so ließe sich mit diesem Mythos das ewige Leid mit der Liebe erklären, könnten sie, trotz aller ursprünglicher seelischer Innigkeit, nicht wieder dauerhaft zu einem Körper verschmelzen. Dass das ursprünglichste und stärkste Gefühl, zu dem Menschen fähig sind, solchermaßen zwingend mit unauflöslicher Verzweiflung einhergeht, ist für Robert Solomon das Paradox der Liebe. Ist doch die Überwindung des Egoismus, die für eine als Einswerdung verstandene Liebe konstitutiv ist, ein Affront für all jene, die Wert auf Selbstständigkeit und Unabhängigkeit legen.
Demgegenüber ist Platons Schüler und Widerpart Aristoteles überzeugt, dass nur die Liebe schenken können, die es auch verstehen, sich selbst zu lieben. Liebe bestimmt er als ein offenbartes und wechselseitiges Wohlwollen und Wohltun um des anderen willen. Entsprechend seien Freundschaft und Liebe durch nichts mehr charakterisiert als durch das Zusammenleben in gegenseitiger Fürsorge. In seiner Weiterentwicklung des aristotelischen Gemeinschaftsmodells sieht Roger Scruton die Liebe nicht als Einswerdung und auch nicht als selbstlos sorgendes Füreinander, sondern als „Kommunismus“ (von lateinisch communis für „gemeinsam“). Liebende, so Scruton, interes­sieren sich für den Anderen nicht nur in seiner Verkörperung, sondern in seinem ganzen Wesen, sie bauen ein gemeinsames Selbst im Zeichen geteilter Werte. Würde man im Anderen nur eine Kombination besonderer Eigenschaften lieben, müssten wir für viele Menschen ein tiefes Gefühl der Liebe empfinden, was aller Erfahrung widerspreche.
Am einleuchtendsten für die Begriffsbestimmung der Liebe ist Angelika Krebs zufolge die Vorstellung von Liebe als einem andauernden dialogischen Prozess. In der Tat ist das Ziel der Liebe nicht das allgemein Andere und auch nicht der besondere Andere, dieser eine, geliebte Mensch. Wahre Liebe richtet sich immer auf ein Wir. Ein Wir, das sich im Verlauf einer Beziehung im gegenseitigen Austausch bildet und permanent fortentwickelt. Die ewige, gleichbleibende Liebe gibt es nicht. Die körperliche Liebe, wie sie allerorten beschworen wird, ist bestenfalls Anfang und Teil von dem, was wir Liebe nennen. Das, was allerorten so emphatisch als Liebe beschworen wird, verändert sich unablässig, ist eine allzeit im Werden begriffene, gemeinsame Tätigkeit, die stets Gefahr läuft zu scheitern.
Bei all dem stellt sich die Frage, ob das schnelle Verliebtsein, die überschäumende wie die reife Liebe wirklich Gegenteil und Widerpart der Vernunft sind, wie manch ein rationaler Denker glauben machen will. So unterstellt Blaise Pascal dem (liebenden) Herzen gar eine eigene Form der Logik. Für Baruch de Spinoza hingegen darf die Vernunft auch für Liebende unter keinen Umständen preisgegeben werden. Dass der Mensch die Vernunft gering schätzen und das unberechenbare Schicksal lieben könnte, wie später der fröhlichste unter den Verächtern der Vernunft, Friedrich Nietzsche, mit seiner Rede von der „amor fati“, war für Spinoza undenkbar. Ermögliche doch allein das Festhalten an der Vernunft die höchste Form der Liebe. Der Liebende dürfe sein Selbst nicht verlieren. Sogar in der Liebe zu Gott behaupte der Liebende sein Selbst, ist der Angebetete Objekt menschlicher Liebe, nicht Subjekt. „Liebe hat im Intellekt ihren Bruder“, ist die frappierende Überzeugung des gestrengen Denkers.
Mit dem Christentum war ein neues Verständnis von Liebe in die Reflexionsgeschichte des Begriffs getreten. Liebe war nicht mehr nur beglückende Erfahrung seelischer Nähe und als Ekstase Teilhabe an einer Sphäre des Göttlichen. Vielmehr gilt gläubigen Christen Gott selbst als Inbegriff und Verkörperung der Liebe, wie es im Brief des Johannes heißt. Liebe im höchsten Sinne besteht für den sogenannten Kirchenvater Augustinus in der freien Anerkennung Gottes als Ursprung aller Wirklichkeit und: „Niemand tritt in die Wahrheit ein, es sei denn durch die Liebe.“ Von wahrer Liebe könne man nur dann sprechen, so fasste es Hugo von St. Viktor im 12. Jahrhundert, wenn man sich beziehungsweise den Anderen um Gottes willen liebe.
Auch für Max Scheler ist die Liebe weit mehr als ein sinnlicher oder psychischer Zustand. Bevor der Mensch sich denkend oder wollend zur Welt verhalte, müsse er sich fühlend zur Welt verhalten. Entsprechend sieht Scheler in der Liebe die ursprünglichste Form der Erkenntnis, sozusagen „die Mutter der Vernunft“. Wer annehme, die Liebe sei nur ein soziales Phänomen, ein Medium der Kommunikation zum Zwecke der Reproduktion, verkenne ihre Natur. Liebe habe eine eigene kognitive Funktion, sie mache nicht blind, sondern sehend. Das Verhältnis von Liebe und Erkenntnis denkt Scheler als Teilhabe. Denn auch wenn Liebe durchaus etwas mit Verstehen zu tun hat, ist sie weder gänzlich Sache der Klugheit noch ein Aufstand wider die dürre Rationalität der Aufklärung.
Roland Barthes und Niklas Luhmann hingegen sehen in der Liebe nicht mehr als regelhafte, historisch gewachsene und kulturell vermittelte Abfolgen, das heißt einen Code, hinter dem jedes Individuum verschwindet. Allein die maßlose Kraft der jeweiligen Aktualisierung schütze vor dem Verdacht der Fremdbestimmtheit und erhalte die Illusion der Autonomie des Einzelnen.
Unabhängig davon, welcher Theorie der Liebe man den Vorzug gibt: Die Erfahrung von Liebe zerschlägt alle Vorstellungen von ihr, so Judith Butler. Tatsächlich lebt Liebe vor allem dort, wo man seine grundsätz­lichen Fragen an die Liebe auch in ihre Praxis einbringt. Darin ist die Philosophie der Liebe nicht unähnlich. Denn nicht von ungefähr verbirgt sich im Begriff Philosophie neben der Weisheit (altgriechisch sophia) auch die Liebe (altgriechisch philia). Wer auf letztgültige Antworten zielt, wer unwiderlegliche Eindeutigkeit und Klarheit erwartet, wird in der Liebe wie in der Philosophie gleichermaßen enttäuscht werden. Beide Formen des Welterlebens sind ergebnisoffene Prozesse der Auseinandersetzung, die ein rückhaltloses Sich-Einlassen auf den oder das Andere erfordern. Was Liebe und Philosophie bedeuten, erfährt man erst dann, wenn alle vorgefassten festen Meinungen über deren Wesen und Ziele überwunden sind. In der Liebe wie in der Philosophie kommt es darauf an, im Gespräch zu bleiben und Veränderung nicht nur zuzulassen, sondern zu genießen. Andernfalls läuft man Gefahr, einer Fiktion von Glückseligkeit oder Wahrheit hinterherzujagen, die sowohl in der Literatur wie im realen Leben ihre Erfüllung allein in ihrer Unerfüllbarkeit findet.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur