der blaue reiter


Jochen Hörisch



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Mut zur Lüge. Das philosophische Tier


Menschen sind Wesen, die sich für bedeutend halten und die nach Bedeutung suchen. Menschen glauben, bedeutender als zum Beispiel Atome, Steine, Pflanzen und Tiere zu sein, weil sie allein sich im Medium der Bedeutsamkeit aufhalten, orientieren und bewegen. Menschliches Leben vollzieht sich im Raum der Bedeutsamkeit und des Sinns – mithin im Reich der Philosophie.

 

Ohne Lüge gibt es keine Freiheit.

 

Tiere folgen, so die traditionsreiche Unterscheidung, Instinkten; sie mögen gar, wie die klassischen Beispiele der Kommunikation von Bienen, Ameisen oder Fledermäusen zeigen, Informationen über spezifische Umweltdaten verarbeiten und weitergeben, aber sie fragen nicht nach Sinn, Bedeutung und Bedeutsamkeit. Sie feiern nach allem, was wir über die Erlebnisweisen von Tieren zu wissen glauben, keine Gottesdienste, sie diskutieren nicht kontrovers über Sinnfragen, sie entwickeln keine Fantasien über ein Leben nach dem Tod, und sie schreiben keine Bücher, die sich mit letzten beziehungsweise vorletzten Fragen wie der nach dem Ursprung von Bedeutsamkeit beschäftigen. Unter den vielen Selbstdefinitionen von Menschen beziehungsweise des Menschen ist denn auch diejenige am prominentesten, die wohl auf den griechischen Heros Alkmaion, einen Enkel des Nestor, zurückgeht und die Aristoteles populär machte: Der Mensch und nur der Mensch sei ein Lebe-Wesen, das den Logos habe beziehungsweise (so das anspruchsvollere Verständnis der Formel) vom Logos besessen sei, zum und dem Logos gehöre („zoon logon echon“).
Die gängigsten Übersetzungen des griechischen „logos“ sind Sprache, Vernunft und Sinn. Das zum Hauptwort „logos“ gehörige Verb ist „legein“ und meint sagen, reden, aber auch versammeln, ernten, (auf)lesen – ein Doppelsinn, der sich vergleichsweise mühelos auch im Deutschen wiedergeben lässt. Sprechen wir doch von „Lese“ (etwa in Weinlese oder Blütenlese) im Sinne von einsammeln, ernten, versammeln, zusammenlesen. Menschen tragen Ähren oder Trauben zusammen, um daraus etwas „Bedeutendes“ zu machen: etwa Brot und Wein. Und dabei denken sie sich etwas, etwas Profanes und/oder Sakrales – was auch immer, offenbar aber Unterschiedliches. Zum Beispiel dies, dass man essen, trinken und arbeiten muss, um zu überleben, dass dieses Leben hier den Aufwand lohne, der erforderlich ist, um es zu erhalten, oder eben nicht; dass man einem einzigen oder einem unter vielen Göttern oder der Sonne oder der Natur für die geschenkten Gaben zu danken habe, ob es für einen solchen Dank überhaupt einen Adressaten gebe oder nicht und dergleichen mehr.
Wie „man“ dann weitermacht, steht dahin. Eine wirkungsmächtige Option ist es zum Beispiel, in griechisch-christlicher Tradition Brot und Wein semantisch-religiös aufzuladen und in solchen schönen Handgreiflichkeiten mehr als nur Lebensmittel, nämlich Sinnspeicher und Sinnspender, also Logos-Inkarnationen, Elemente der Begegnung von Sein und Sinn, von Soma und Sema, von Immanenz und Transzendenz (siehe Erläuterung) zu sehen. Man kann das machen, man muss es aber nicht tun. Andere (Individuen, Kulturen, Religionen, Milieus) können auf diese spezifische Art und Weise, Sinn zu formieren und zu formatieren, irritiert, belustigt, provoziert oder provozierend reagieren und andere Formen ausprobieren und ausprägen, die Logos, die Bedeutsamkeit erfahrbar machen. Der Hinweis ist ebenso nüchtern wie schlagend: Man kann, durch Umwelt und vieles andere motiviert, statt Brot und Wein zum Beispiel auch Reis, Hirse oder Kokablätter in den Fokus kultischer Aufmerksamkeit stellen und zur Grundlage von Sinn-Erfahrungen machen. Verbindlichen Sinn, Letzt-Sinn, der normativ (wertsetzend), offenbarungsreligiös oder argumentativ für alle an allen Orten und zu allen Zeiten zwingend wäre, gibt es jedoch offenbar nicht. Sinn ist, ebenso wie Gott, offenbar nicht offenbar – wenn denn an den Sinn des Wortes „offenbar“ Ansprüche gestellt werden, welche denen, die man mit dem Wort „evident“ (selbsteinsichtig; keiner Erklärung bedürftig) verbindet, zumindest verwandt sein sollen. Denn es gilt die schlichte Beobachtung, dass die unterschiedlichsten Religionen, Philosophien und Weltanschauungen jeweils verschiedene Wege beschreiten, um das, was die Griechen „Logos“ nannten, zu gestalten.
Menschen machen sich unterschiedliche Reime auf Sinnfragen – aber ebendies haben sie gemeinsam: Es ist Menschen versagt, nicht danach zu fragen, was all dies, was sie da sehen und hören, erleben und erfahren, berechnen und träumen, durchleiden und genießen, denn eigentlich bedeute.

 

Sinn ist wie Gott offenbar nicht offenbar.

 

Es gibt eine Sphäre, auf die Sinn und distinkte Bedeutung angewiesen sind – die der Bedeutsamkeit. Bedeutsamkeit und Sinn lassen sich bedeutsam und sinnvoll unterscheiden. Bedeutsamkeit ist unspezifisch, Sinn ist spezifisch; Bedeutsamkeit ist ein Medium, Sinn ist eine Form. Bedeutsamkeit ist dem Sinn immer vorgängig, denn Bedeutsamkeit ist die Möglichkeitsbedingung von Sinn. Bedeutsam nennen wir das, wovon wir nicht recht wissen, was es genau bedeutet, von dem wir aber annehmen, dass es nun eben nicht einen konkreten Sinn habe, sondern überhaupt irgendwie bedeutsam sei, also nicht einfach nur da ist.
Es gehört nicht zu unseren alltäglichen, wohl aber zu unseren reizvollsten geistigen und emotionalen Erfahrungen, wenn wir gewahren, dass da „etwas“ ebenso Unbestimmtes wie Weitreichendes ist (ein Klang, ein Bild, ein Blick, ein Ereignis, ein Verschwinden, eine Stimmung). Die neuzeitliche Theoriesprache hat für die Erfassung solcher Phänomene die so gar nicht theoretisch, sondern vielmehr suggestiv klingende Formel „Je ne sais quoi“ (wörtlich: „Ich weiß nicht was“) geprägt. Dies da, dieser Ton, diese rätselhaften Worte, dieses schwer zu identifizierende Phänomen, von dem ich nicht genau weiß, was es ist und bedeutet, fasziniert mich, verlangt meine Aufmerksamkeit und schlägt mich in Bann. Heinrich Heine hat es mit seiner ungemein populären Liedzeile „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ geschafft, der in dieser „Je ne sais quoi“-Formel fokussierten rätselhaften Erfahrung einen prägnanten Ausdruck zu verleihen.
Heines berühmtes Gedicht hat das große Verdienst, einem Übermaß an Tiefsinn sogleich ins Wort zu fallen. Was im Umkehrschluss natürlich auch heißt, dass es ein ebenso entspanntes wie aufmerksames Verhältnis zu tiefsinnigen Fragestellungen ermöglicht. Denn die ironisch-romantischen Verse entfalten eine Problemkonstellation, die sich schon beim ersten Hören oder Lesen erschließt. Die bedeutende Frage nach dem Ursprung von Bedeutsamkeit überhaupt ist kein Fall möglichen Fakten- und Sachverhaltswissens („Ich weiß nicht“); sie hat durchaus obsessive Momente („kommt mir nicht aus dem Sinn“), weil Bedeutsamkeit immer schon in Anspruch genommen werden muss, wenn man überhaupt spricht, denkt, sich orientiert; sie depotenziert das „Ich“, mit dem das Gedicht selbstbewusst einsetzt, sogleich zu einem nicht-wissenden Ich und sodann zum „mir“; sie verweist nicht nur auf Strukturen, sondern zugleich auch auf deutungsbedürftige Geschichten, in die wir immer schon verstrickt sind („ein Märchen aus alten Zeiten“); und diese Strukturgeschichten verweisen ihrerseits auf einen geradezu intimen Zusammenhang von Schönheit und Endlichkeit, von fließender Zeitlichkeit („ruhig fließt der Rhein“) und ereignishafter Plötzlichkeit, von Selbst- und Fremderfahrung – ein Zusammenhang, der seinerseits Anlass zu Trauer und Melancholie, aber auch zu Enthusiasmus gibt. Es ist dieser Zusammenhang von Endlichkeit und Selbst- inklusive Fremderfahrung, der „Bedeutsamkeit“ abgründig fundiert.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.

Was genau die schönste Jungfrau singt, erfahren wir nicht. Wohl aber, wie sie singt. Getragen werden ihre unspezifischen Worte von einer „wundersamen gewaltigen Melodei“, die „den Schiffer im kleinen Schiffe“ mit „wildem Weh“ ergreift und dazu verführt, in die Höh’ zu schauen statt auf die Felsenriffe zu achten, die seiner Fahrt ein vorzeitiges Ende setzen. Eine trotz aller mitlaufenden reizvollen Laszivitäten religiöse Blickrichtung, die aber nicht zur Erlösung des Schiffers beiträgt. Und so kommt es zu einem Schiffbruch mit einem Zuhörer, der dem Sirenengesang der Loreley nicht erliegt, sondern sich lesend, hörend, deutend vielmehr einen Reim machen kann auf die Frage „was soll das bedeuten?“.
Lebenspraktisch hat der Schiffer versagt. Er versagt aber, weil ihm – anders als jenem, der, obwohl oder weil nicht wissend, was es bedeuten soll, dass er so traurig ist, beredt seinen Fall anführt – die Einsicht in die Her- und Abkunft von Bedeutsamkeit versagt ist. Es gelingt ihm, anders als dem an den Sirenenklängen vorbeifahrenden Odysseus, buchstäblich nicht, die Klippe der Bedeutsamkeit zu umschiffen.

(…)

Autor: Jochen Hörisch