der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Wozu Philosophie?


Seit Menschen über sich und ihr Verhältnis zur Welt nachdenken, sehen sie sich mit der Frage nach dem Nutzen des Philosophierens konfrontiert. Da mit Nutzen auch in der Antike ein geldwerter, ein ökonomischer Nutzen gemeint war, sah sich schon Aristoteles genötigt, das Beispiel des Thales von Milet anzuführen. Als dieser wegen seiner Armut verspottet worden war, pachtete er sämtliche Ölpressen und verdiente, als – wie von ihm vorhergesehen – plötzlich viele Pressen benötigt wurden, „einen Haufen Geld zum Beweis, dass es für die Philosophen ein Leichtes wäre, reich zu werden“. Dass Denken allerdings auch hinderlich sein kann, beweist das Erfolgsrezept des besten Mittelstürmers der 1970er Jahre, Gerd Müller: „Wennst denkst, ist’s eh zu spät.“ In der Tat kann man mit Philosophie keine Tore schießen! Unwidersprochen ist jedoch auch, dass weder die Wirtschaftswissenschaft noch der Sport die berühmten Fragen Immanuel Kants beantworten können: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“.
Der Geborgenheit des Mutterleibs entronnen, ist und bleibt der Mensch ein ungesichertes Wesen, das im beständigen Fragen nach sich selbst Orientierung sucht. Der Sturz ins Bewusstsein, der immer auch einen Absturz in die je eigenen Abgründe mit sich bringt, scheint ihn jedoch eher zu verunsichern, als ihm Halt zu geben. Seit Galileo Galilei der Sicherheit verlustig gegangen, der Mittelpunkt der Welt zu sein, um den sich alles dreht, seit Charles Darwin mit der Gewissheit behaftet, dass er „nur“ vom Tier abstammt und sich seit Sigmund Freuds Entdeckung der Macht des Unterbewusstseins auch gewiss, nicht Herr des eigenen Ichs zu sein, steht sich der Mensch trotz der Erkenntnisse der modernen Wissenschaften selbst als offene Frage gegenüber.
Philosophiert wird zumeist erst dann, „wenn die Einheit einer Lebensform brüchig geworden ist und die bisherigen Gestalten des Zeitgeists ihre integrative Kraft eingebüßt haben“, kurz, wenn die Einheit der wirklichen Welt zerbrochen ist, schreibt Hans-Klaus Keul im Beitrag Wozu „wozu“? In der modernen Frage nach dem Nutzen der Philosophie zeige sich, dass auch das philosophische Denken nicht vor der rastlosen Rationalisierung unserer Zeit gefeit ist. Natürlich wäre es töricht, wollte man „die Fragen unseres Bewußtseins, die Interessen der jetzigen Welt bei den Alten beantwortet“ finden, zitiert er Georg Wilhelm Friedrich Hegel, doch, so gibt er zu bedenken, die einzelnen „Gestalten“ der Philosophie leben aus ihrer „gemeinschaftlichen Wurzel“. Während laut Keul die Entfernung vom Gegebenen eine Grundvoraussetzung des Philosophierens ist, forderten schon Hegels Nachfolger den Abstieg vom Denken der Unendlichkeit zur Kritik der endlichen Welt. Dementsprechend formulierte Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zuverändern.“
Doch schon die Aufklärer waren überzeugt, dass mithilfe von Wissenschaft, Technik und freier Wirtschaft die Moderne die kleinen und großen Lebensprobleme lösen und das „größte Glück für die größte Anzahl“ realisieren könne. „Es scheint jedoch, dass das Kalkül nicht gänzlich aufgegangen ist, und der Optimismus, dass es jemals aufgehen wird, ist geschwunden“, schreibt Wilhelm Schmid unter dem Titel Philosophie als Lebenskunst. Weniger die Welt als Ganzes zu verändern als vielmehr den Umgang mit sich selbst und der Welt so zu gestalten, dass das Leben als bejahenswert erscheint, ist denn auch Schmid zufolge Anliegen der modernen philosophischen Lebenskunst. Gerade die Bedingungen der modernen Freiheit, die so vieles zu einer Frage der Wahl machen, erforderten Die Sorge um das Selbst, so der Untertitel seines Beitrags, und lassen eine Selbstbefreundung zur Entstehung eines neuen „Wir“ als unabdingbar erscheinen. Die Begrenztheit des Lebens, so Schmid, ist das finale Argument dafür, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu belassen. Die Philosophie der Lebenskunst eröffne Möglichkeitshorizonte, „um letztlich eine überlegte eigene Wahl zu ermöglichen“, ohne jedoch Normen vorzuschreiben und neue Verbindlichkeiten zu schaffen.
Während Friedrich Dieckmann das Motiv des Philosophierens mit der Welt- und Selbst-verwunderung eines Astronomen angesichts der Unendlichkeit des Weltalls zu beschreiben sucht, sieht Robert Spaemann in der Philosophie ein Krisensymptom. Da sich Probleme sozialer Praxis nicht auf der Ebene individueller Reflexion lösen ließen, leiste Philosophie Hilfestellung bei der Verständigung über unsere Handlungszwecke und über die einschränkenden Regeln, die wir bei der Verfolgung dieser Zwecke respektieren. Anspruch der Philosophie seit Platon sei es, so Spaemann, Wissen über richtige und falsche Ziele, richtige und falsche Prioritäten zu schaffen. Weil Philosophie ohne Wahrheit reine Unterhaltung sei, wie Vittorio Hösle einmal bemerkte, muss sie, wenn sie überhaupt einen Sinn haben soll, irgendwo ankommen, schreibt auch Spaemann im Beitrag Philosophie als institutionalisierte Naivität: „Sie muss dahin gelangen, bestimmte Ansichten für vernünftiger zu halten als andere und bestimmte Vorschläge für besser als andere. Und dies aufgrund von Maßstäben, die nicht ihrerseits wieder hinterfragbar sind.“
Auch wenn Philosophie, wie Novalis schreibt, das Heimweh nach dem Ganzen ist, widerspricht Otto-Peter Obermeier vehement der Ansicht, dass Philosophie verbindliche Wahrheiten zutage fördern könne. Unter dem Titel Philosophie, ein bunter Hund schreibt er: „Philosophie ist, wenn sie nicht in die Verkündigungen letzter Wahrheiten, also in Glauben, mutiert, ehrlich. Jedes noch so schön zurechtgezimmerte System ist hinfällig. Das ist ja einer der Gründe für ihre Buntheit. Wer abgepackte letzte Wahrheiten will, soll dorthin gehen, wo sie verkündet werden. Er erbt jedoch die Schwierigkeit, dass es nämlich auch dort eine Unzahl Verkünder ,anderer‘ letzter Wahrheiten gibt.“ Eine Philosophie, die zugestehe, dass auch noch die sogenannten letzten Fundamente wackelig sind, wird, so Obermeier, zur Bescheidenheit und Toleranz förmlich gestoßen und komme erst gar nicht in die Versuchung, dogmatisch zu werden.
Auch Jochen Hörisch ist der Überzeugung, dass es einen für alle verbindlichen Sinn, Letzt-Sinn, nicht geben könne: „Sinn ist, ebenso wie Gott, offenbar nicht offenbar.“ Aber auch wenn sich die Menschen unterschiedliche Reime auf Sinnfragen machen, ist es ihnen doch versagt, „nicht danach zu fragen, was all dies, was sie da sehen und hören, erleben und erfahren, berechnen und träumen, durchleiden und genießen, denn eigentlich bedeute“. Tiere folgen ihren Instinkten, verarbeiten zwar Informationen über spezifische Umweltdaten und tauschen diese auch aus, fragen aber nicht nach Sinn, Bedeutung und Bedeutsamkeit. Demgegenüber vollziehe sich menschliches Leben, so Hörisch, im Raum der Bedeutsamkeit und des Sinns. Das größte Problem der Philosophie verortet er in der Ignoranz der heute tonangebenden analytischen Philosophie gegenüber dem „Potenzial an diskussionswerten Einsichten, das literarische Texte bereithalten“. Als Erkenntnismittel empfiehlt er den Mut zur Lüge: „Dichter lügen, und sie dürfen lügen, weil Dichtung gar nicht die Verpflichtung hat, richtige, zutreffende und sachverhaltsadäquate Sätze aneinanderzureihen. Auch um das zu erkennen bedarf es der Philosophie – aber einer neuen, die sich nicht nur, aber eben auch der Erkenntnisformen der Literatur bedient!“
Als oft missverstandenen Grenzgänger zwischen wissenschaftlicher Philosophie und Literatur sieht sich auch Peter Sloterdijk. Im Interview erinnert er daran, dass unter anderen Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Albert Camus und Jean-Paul Sartre den Weltbegriff der Philosophie anreicherten, gleichwohl sie keine Philosophieprofessoren waren. Eine immer gleichbleibende Aufgabe der Philosophie kann er nicht erkennen. Philosophie müsse sich ihre Aufgaben in jeder Generation von Neuem suchen, so Sloterdijk. Während ein Philosoph aus antiker Sicht jemand ist, der sein Leben nach den Regeln des Kosmos einrichtet, ein Mönch der Vernunft, sei heute vielmehr die universale Beratungskompetenz der Philosophen gefragt. Ist Dilettantismus bei Fragen der Erkenntnis ansonsten zu Recht verboten, so Sloterdijk, „wird er bei den Philosophen geradezu gefordert, nämlich als Bereitschaft, in alles hineinzureden … Was mir vorschwebt, ist ein Forum für Philosophie als zivilisatorisches Pädagogicum. Sie muss lernen, die Rolle einer Moderatorin im Übergang zur Weltkultur zu spielen, ausgehend von der Einsicht, dass es keinen Zusammenstoß der Zivilisationen gibt, sondern den Zusammenstoß der lokalen Kulturen mit dem Zivilisationsprozess.“
Seit Pythagoras dominiert ein Verständnis des mathematischen wie des philosophischen Denkens, als ein dem unmittelbaren Nutzen entzogenes, dessen Zweck allein in der Formulierung allgemeiner und wohlbegründeter Sätze liegt, buchstäblich von der Zeit und den Belangen der Lebenswelt befreit. Demgegenüber fordert Dieter Mersch, sich nicht von den kristallklaren Figuren der Vernunft fesseln zu lassen. Philosophie als Askese, so auch der Titel seines Beitrags, bedeute die Ekstase des Denkens im Wortsinne des „Aus-sich-Heraustretens“. Denn, so Mersch: „Das Denken der Welt bedeutet, die Welt zu akzeptieren und zugleich eine Trennung zu vollziehen.“
Die Vorstellung, dass Philosophie wie Mathematik bei einem Nullpunkt beginnen, quasi voraussetzungslos argumentieren könne, ist für Stefan Diebitz überaus merkwürdig. Unter dem Titel Philosophie ist die Kunst des langsamen Denkens schreibt er, dass die Begriffe der Mathematik gemacht seien und somit der Willkür unterliegen; jene der Philosophie dagegen „werden uns vom Leben gegeben und sind vom Leben geprägt. Die Begriffe der Mathematik lassen sich nur auf das tote Sein beziehen. Der Fall eines Steins lässt sich berechnen, nicht aber das Leben eines Menschen.“
In der Tat, auch wenn das Gebäude des Denkens nie fertig gestellt werden kann, die Philosophie sich immer wieder hoffnungslos in sich selbst verstrickt und die Geschichte des Denkens lediglich die Geschichte eines unendlich oft wiederholten Scheiterns ist: Wichtiger als eine Antwort auf die Frage, wozu philosophiert wird, essenzieller als worüber und auf welche Weise nachgedacht wird, ist, dass philosophiert wird!
Dementsprechend beantwortet der Grenzgänger Reinhold Messner im Rahmen unserer Umfrage unter Prominenten die Frage nach dem Nutzen des Philosophierens mit der Gegenfrage: „Umgekehrt: Warum nicht? Seit sich der Mensch die Frage nach dem Woher und Wohin stellt, philosophiert er … Wir horizontsüchtigen Seefahrer, Wanderer, Grenzgänger sind diesen Fragen rund um den Globus nachgegangen, ohne die Antwort zu finden, oder haben in geschlossenen Räumen nachgedacht, bis wir einschliefen oder verrückt wurden. Nur, wer zu philosophieren aufhört, ist weise oder tot.“ 

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur