der blaue reiter


Markus Rapp: In uns wartet, was nicht schreien kann; Die Bedrängnis der Ruhe
Tuschezeichnungen auf Papier, 2008



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Philosophische Körperbilder

Der menschliche Körper: Ebenbild Gottes oder Kerker der Seele?

Ein gesteigertes Körperbewusstsein gehört zu den charakteristischen Merkmalen unserer Zeit. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, welch untergeordnete Rolle der Körper in der abendländischen Philosophiegeschichte spielt. Doch wird er in deren Verlauf nicht nur vernachlässigt und verachtet, sondern bisweilen sogar als das wahre Wesen des Menschen verherrlicht.

Das Auffälligste an der Erscheinung des menschlichen Körpers ist der „aufrechte Gang“. Die Selbstaufrichtung des Menschen bedeutet aber mehr als nur die Fähigkeit, auf zwei Beinen zu stehen. So gilt der aufrechte Gang einmal als Ermöglichung des Himmelanblicks zur besseren Erkenntnis Gottes und der Götter, wie es seit Platon und Marcus Tullius Cicero bis zu Johann Gottfried Herder immer wieder heißt; dann als äußeres Kennzeichen des Unterschieds zwischen Mensch und Tier; weiter als anschaulicher Hinweis auf die menschliche Gottebenbildlichkeit, wie der Kirchenvater Laktanz betont. Schon Aristoteles zufolge geht der Mensch nur deshalb aufrecht, weil sein Wesen göttlich ist. Seit Ovid über die Renaissance bis in die Neuzeit wird der aufrechte Gang außerdem zur Begründung des menschlichen Herrschaftsanspruchs über die Natur herangezogen. Im 18. Jahrhundert schreibt Herder in den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit: „Gehe aufrecht und werde der Gott der Tiere!“. Doch kennzeichnet der aufrechte Gang den Menschen nicht nur als Beherrscher der äußeren Natur, sondern auch als Lenker seiner inneren Natur. Der aufrechte Gang steht für Freiheit und Macht der Vernunft über Wollust und Leidenschaft. In diesem Sinne sei der Mensch gleichfalls Beherrscher seines Körpers, der in der abendländischen Philosophiegeschichte fast immer dem Geist untergeordnet wurde.
Auch in der Propaganda der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts ist die körperliche Erscheinung, ist der „aufrechte Gang“ ein wichtiges Schlagwort, das für Selbstachtung und Würde, aber auch für Kampfgeist und Tapferkeit steht. Den Gegenbegriff hierzu bildet das von schwerer Arbeit „gebeugte“ Industrieproletariat. Doch hat ein Jahrhundert zuvor bereits das Bürgertum einen Anspruch auf den aufrechten Gang gegen die Feudalgesellschaft erhoben: Der bürgerliche Mann geht aufrecht! Höfischer Knicks und Kniefall, das Buckeln und Bücken, wie sie Friedrich Schiller in der Figur des sich ständig verbeugenden Sekretärs „Wurm“ in Kabale und Liebe karikiert, sind ihm zuwider. Unter der Überschrift „Von der Kriecherei“ schreibt Immanuel Kant hierzu in Metaphysik der Sitten: „Wer sich selbst zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ So manifestiert sich in der Körperhaltung das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums, geprägt von den Ideen der Freiheit und Gleichheit.

Körper-Seele-Geist

Die abendländische Philosophiegeschichte des Geistes ist zugleich eine Kulturgeschichte des Körpers, der darin zumeist verachtet und vernachlässigt, jedenfalls als niederer Teil des Menschen von Philosophen und Theologen entwertet wurde. Die philosophische Tradition, die den Menschen von allen übrigen Lebewesen dadurch unterscheidet, dass er Vernunft, Verstand, Bewusstsein oder Geist hat, reicht bis in die griechische Antike zurück. Allgemein gesprochen ist in griechischer Sichtweise der Mensch das „vernunftbegabte Tier“. Dies ist wohl eine der geschichtsmächtigsten Definitionen des Menschen, die sich bei Aristoteles findet. Teils tierischer, teils göttlicher Natur steht der Mensch zwischen Tier und Gott. Das Doppelwesen Mensch ist nach Platon und Aristoteles ein Zwischenwesen. Es vereinige in sich zwei wesensverschiedene Naturen. Denn es ist ein Zusammengesetztes aus beseeltem Körper und naturentrückter Vernunft. Als naturales Lebewesen sei der Mensch sterblich, als göttliches Vernunftwesen unsterblich. Dieser Gedanke vom Menschen als Doppelwesen, als Wesen, das zwischen Tier und Gott steht, durchzieht in abgewandelter Form das gesamte abendländische Denken – von Platon und Aristoteles über Aurelius Augustinus und Thomas von Aquin, René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz bis zu Immanuel Kant und darüber hinaus.
Dabei wird der Mensch zumeist als Einheit aus Leib, Seele und Geist gedacht, so etwa von Platon, aber auch den Mitgliedern der Stoa (siehe Erläuterung). Zu den gemeinsamen Grundanschauungen der Stoiker gehört die Vorstellung vom Menschen als leiblich-seelisch-geistiger Einheit. In diesem Sinne schreibt der römische Kaiser Marc Aurel als Vertreter der jüngeren Stoa im 2. Jahrhundert n. Chr.: „Drei Dinge sind, aus denen du bestehst, Körper, Seele, Geist“, wobei den Menschen von den Tieren allein sein Geist unterscheide, an dem er sein Leben ausrichten solle.

 

Der Körper ist Quelle aller Lust.

 

Im Unterschied zu Platon und den Stoikern entwickelt der Kirchenvater Augustinus eine zweigeteilte Anthropologie (Lehre vom Menschen), wonach der Mensch nur „aus zwei Teilen, nämlich aus Seele und Körper“, besteht. Dem Körper ordnet er Sterblichkeit, Weltverfallenheit, Trieb und Wollust, der Seele dagegen Unsterblichkeit, Gottessuche und Vernunftherrschaft zu. In der Ordnung der Geschöpfe sei der Mensch ein „Mittleres zwischen den Tieren und Engeln“. Im Leben soll sich der Einzelne von seinem Körper, seiner Sinnlichkeit und der Welt abkehren und in seiner Innerlichkeit Gott suchen. Augustinus zufolge ist die „Seele besser, schlechter aber der Leib“. Deshalb „muss man die Sinnenwelt fliehen, und man muss sich gut in acht nehmen, solange man den Menschenleib trägt, dass an den Leimruten dieser Welt die Flügel unserer Seele nicht kleben bleiben, denn wir brauchen sie unversehrt und vollständig, um uns aus unserer Finsternis bis zum Lichte Gottes emporzuschwingen“. Allerdings ist für Augustinus die Abkehr von Körper und Welt nicht, wie für die Stoiker, der Weg zu Seelenruhe und Gelassenheit, sondern vielmehr der Weg zur Unruhe unserer Seele vor Gott, die erst nach dem Tode zu Ruhe und Sorglosigkeit finde.
Ähnlich wie für Augustinus ist auch für den Hochscholastiker (siehe Erläuterung „Scholastik“) Thomas von Aquin der Mensch „etwas aus Körper und Seele Zusammengesetztes“. Die Seele, durch die sich der Mensch von den Tieren unterscheide, sei im Gegensatz zum Körper immateriell, unzerstörbar, eine geistige Substanz. Auch wenn Körper und Seele wesensverschieden seien, so seien sie doch eng miteinander verbunden. Die Seele beschreibt Thomas als „Form des Körpers“. Wie ein Stuhl aus der Materie des Holzes und der ihm eigentümlichen Form bestehe, welche die Materie erst zum Stuhl mache, verleihe die Seele dem Körper eine Form, die ihn zum Menschen mache. Dabei werde der Körper zwar „durch die Erzeugung des Körpers erzeugt, nicht aber die geistige Seele“, die Gott allein und unmittelbar erschaffe – eine Position, an der die katholische Kirche bis heute festhält.

 

Der Körper ist der „Kerker der Seele“.
(Papst Innozenz III.)

 

In der wechselvollen Geschichte der Selbstbeschreibungen des Menschen kommt es in abgewandelter Form immer wieder zur Herausbildung ähnlicher Körperbilder. So entwickelt auch Descartes eine Anthropologie, nach welcher der Mensch „aus Körper und Geist zusammengesetzt ist“. Den Körper bezeichnet er als ein ausgedehntes Etwas (res extensa) und den Geist als ein denkendes Etwas (res cogitans), das „keineswegs aus den bewegenden Kräften der Materie abgeleitet werden“ könne. Ähnlich wie Thomas von Aquin kennzeichnet Descartes die „geistige Substanz“ als immateriell, unsterblich und ungezeugt. Diese verdanke ihre Existenz direkt dem Wirken Gottes, weshalb auch bei ihm wie zuvor schon bei Augustinus und Thomas Gott und Mensch enger miteinander verbunden werden als Welt und Mensch. Aber so wesensverschieden Geist und Körper seien, bildeten sie dennoch eine Einheit. Auch Leibniz zufolge bildet der Körper zusammen mit dem Geist den Menschen. Im Gegensatz zu Descartes bestreitet er aber, dass sie beide aufeinander Einfluss nehmen: „Die Seele folgt ihren eigenen Gesetzen und ebenso der Körper den seinen.“ Wenn aber zwischen Körper und Seele keinerlei Beziehung besteht, wie kommt es dann zur Verbindung etwa meines Wunsches, den Arm zu heben, mit dem Heben des Arms? Die Antwort von Leibniz hierauf ist das Prinzip der „prästabilierten Harmonie“: Gott habe von Anbeginn Körper und Geist so geschaffen, dass das eine, während es nur seinen eigenen Gesetzen folge, doch mit dem jeweils anderen zusammenstimme, als ob ein gegenseitiger Einfluss stattfände. Körper und Geist glichen zwei Uhren, die mit solcher Präzision hergestellt seien, dass sie ohne jede Wechselwirkung unablässig parallel zueinander liefen.

(…)

Autor: Franz Josef Wetz