der blaue reiter


Christiane Forstnig: Im Fluss



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Doch letztlich rebelliert der Körper


Nicht selten reagiert der Körper mit Krankheiten auf die dauernde Missachtung seiner lebenserhaltenden Funktionen. Zu ihnen gehört die Treue zu unserer wahren Geschichte. Es handelt sich um den Konflikt zwischen dem, was wir fühlen und wissen, weil es unser Körper registriert hat, und dem, was wir fühlen möchten, um den moralischen Normen zu entsprechen, die wir sehr früh verinnerlicht haben. Es stellt sich heraus, dass unter anderem auch eine ganz bestimmte, allgemein anerkannte Norm, nämlich das vierte Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren“), uns häufig daran hindert, unsere wahren Gefühle zuzulassen, und dass wir diesen Kompromiss mit körperlichen Erkrankungen bezahlen.

Die Reichweite und die Macht dieses Gebots sind unermesslich, weil es von der natürlichen Bindung des kleinen Kindes an seine Eltern genährt wird. Auch die größten Philosophen und Schriftsteller wagten es nie, dieses Gebot anzugreifen. Trotz seiner scharfen Kritik an der christlichen Moral blieb Friedrich Nietzsches Familie von seiner Kritik verschont, denn in jedem einst misshandelten Erwachsenen schlummert die Angst des kleinen Kindes vor der Strafe der Eltern, wenn es sich gegen ihr Verhalten auflehnen wollte.
Ein Forschungsteam in San Diego hat 17000 Menschen im Durchschnittsalter von 57 Jahren befragt, wie ihre Kindheit gewesen war und welche Krankheiten sie in ihrem Leben zu verzeichnen hatten. Es hat sich herausgestellt, dass die Zahl der schweren Erkrankungen bei einst misshandelten Kindern um ein Vielfaches größer war als bei Menschen, die ohne Misshandlungen aufgewachsen sind, auch ohne „erzieherische“ Schläge.
Der klinische Psychologe Oliver James beweist anhand zahlreicher Forschungsergebnisse und Studien schlüssig, dass genetische Faktoren bei der Entwicklung seelischer Krankheiten eine sehr geringe Rolle spielen (Oliver James: They F*** You Up, 2003). Auch die erhellenden Untersuchungen der 1970er-Jahre über die Kindheit der Schizophrenen sind über die Publikation in Fachzeitschriften hinaus einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt geworden. Der Glaube an die Genetik feiert weiterhin Triumphe. Von Fachleuten wird immer stärker die Auffassung vertreten, dass die seelischen Leiden Erwachsener auf genetische Vererbung zurückzuführen seien und nicht etwa auf konkrete Verletzungen und elterliche Versagungen in der Kindheit.
Nietzsches großartiges Werk verstehe ich als einen Schrei nach Befreiung von der Lüge, der Ausbeutung, der Heuchelei und der eigenen Anpassung, aber niemand, er selbst am wenigsten, konnte sehen, wie sehr er schon als Kind darunter gelitten hatte. Sein Körper jedoch spürte diese Last pausenlos. Schon als kleiner Junge hatte er mit Rheuma zu kämpfen, das, wie seine starken Kopfschmerzen, zweifellos auf das Zurückhalten der starken Emotionen zurückzuführen war. Er litt auch an unzähligen anderen Erkrankungen, angeblich bis zu hundert während eines Schuljahrs. Dass es das Leiden an der verlogenen Moral war, die zu seinem Alltag gehörte, konnte niemand merken, da doch alle die gleiche Luft atmeten wie er. Aber sein Körper hat die Lügen deutlicher als die anderen Menschen gespürt. Hätte jemand Nietzsche geholfen, das Wissen seines Körpers zuzulassen, hätte dieser nicht den „Verstand verlieren“ müssen, um bis an sein Lebensende für seine eigene Wahrheit blind bleiben zu können.
Ich staune immer wieder über diese Fähigkeit des Körpers. Er kämpft gegen die Lüge mit einer verblüffenden Ausdauer und Klugheit. Die moralischen und religiösen Forderungen können ihn nicht täuschen und nicht verwirren. Das kleine Kind wird mit Moral gefüttert, nimmt diese Nahrung willig auf, weil es seine Eltern liebt, es leidet aber in der Schulzeit an unzähligen Erkrankungen. Der Erwachsene benutzt seinen herausragenden Intellekt, um gegen die Moral zu kämpfen, wird vielleicht Philosoph oder Dichter. Doch seine wahren Gefühle seiner Familie gegenüber, die schon in der Schulzeit von den Beschwerden verschleiert wurden, blockieren seine Muskulatur, wie es zum Beispiel bei Friedrich von Schiller oder auch Nietzsche der Fall war. Schließlich wird er zum Opfer seiner Eltern, für deren Moral und Religion, obwohl ja der Erwachsene die Lügen der „Gesellschaft“ so gründlich durchschaute. Aber die eigene Selbstlüge zu erkennen, zu sehen, dass er sich zum Opfer der Moral machen ließ, war für ihn schwerer als philosophische Traktate oder mutige Dramen zu schreiben. Und doch sind es die inneren Prozesse der einzelnen Menschen und nicht ihre vom Körper losgelösten Gedanken, die eine produktive Veränderung unserer Mentalität herbeiführen könnten.



Autorin: Alice Miller