der blaue reiter


Rembrandt: Faust, 1650–1652



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Eine kurze Geschichte der Metaphysik


Der Begriff Metaphysik dient unter Philosophen immer wieder als Bezeichnung für alles, was Philosophie heute vermeintlich nicht mehr sein darf. Das verwundert, weil mit Metaphysik doch nichts anderes bezeichnet wird als die Frage nach der Beschaffenheit und dem Sinn der Wirklichkeit insgesamt beziehungsweise nach dem Sein. Metaphysik befasst sich mit der Grundfrage der Philosophie schlechthin. Mithin ist eine Philosophie ohne Metaphysik eigentlich ein Widerspruch in sich.

Wenn man nach der Beschaffenheit und dem Sinn der Wirklichkeit insgesamt fragt, fragt man insbesondere auch danach, ob hinter der Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen, noch eine andere, voraussichtlich höhere liegt, das heißt ob es ein Prinzip gibt, das die uns zugängliche Wirklichkeit erklärt. Diese Frage mag heute von vielen negativ beantwortet werden, in der Philosophiegeschichte war dies jedoch meist anders.

Antike

Die griechische Philosophie kreist seit ihren Anfängen um die Frage der Metaphysik. So ist für Thales von Milet (624–546 v. Chr.), den Aristoteles den Vater der Philosophie nennt, der Grund der Wirklichkeit das Wasser. Aus dem Wasser entspringe alles, wobei das Wasser überhöht als ein Prinzip gedacht wird, das weder entsteht noch vergeht und damit auch nicht noch einmal aus etwas anderem hervorgeht. Für Anaximander (610–545 v. Chr.) ist dieses Prinzip das Unendliche, für Anaximenes (585–528 v. Chr.) die Luft, für Pythagoras (570–496 v. Chr.) die Zahl, für Heraklit (544–484 v. Chr.) ist es der Logos (= Vernunft), für Parmenides (540–470 v. Chr.) das Sein.
Für Platon (427–347 v. Chr.) ist die unserer wahrnehmbaren Wirklichkeit zugrunde liegende Wirklichkeit die Welt der Ideen. Er unterscheidet zwischen einer körperlichen, dem Wandel und der Vergänglichkeit unterworfenen Sinnenwelt und einer Welt der Ideen, die unkörperlich, unwandelbar und ewig ist. Seine wahre Erfüllung erlangt der Mensch, der eine ewige Seele besitzt, nur in der Erkenntnis der ewigen Ideen. Platon erwähnt in seinen Dialogen Ideen wie die der Gerechtigkeit, der Tapferkeit oder des Schönen, Ideen von natürlichen und künstlichen Gegenständen, kurz: von allem, was in der Sinnenwelt existiert. Innerhalb der Ideenwelt aber gibt es eine Idee, die gegenüber allen anderen eine hervorgehobene Stellung einnimmt: die Idee des Guten. Sie wird im sechsten Buch von Platons Staat als die Ursache sowohl der Erkenntnis als auch des Seins aller anderen Ideen dargestellt. Die Ideenwelt ist für Platon das eigentliche Sein, demgegenüber die Sinnenwelt, die an der Ideenwelt nur auf unvollkommene Weise teilhat, eine Wirklichkeit zwischen Sein und Nichtsein ist. Die Idee des Guten aber bezeichnet Platon als etwas dem Sein der Ideenwelt gegenüber noch einmal Überseiendes. An keiner Stelle in seinen Dialogen setzt Platon die Idee des Guten mit Gott beziehungsweise der Vorstellung eines Schöpfers der Sinnenwelt gleich. Im Dialog Timaios allerdings ist von einem Bildner, einem Demiurgen, die Rede, der sich der Ideen bedient, um den sichtbaren Kosmos zu erschaffen.
Der Begriff „Metaphysik“ als solcher taucht erstmals in Verbindung mit der Philosophie von Aristoteles (384–322 v. Chr.) auf. Aristoteles selbst hat ihn allerdings nicht verwendet. Es handelt sich um eine im ersten Jahrhundert nach Christus eingeführte bibliothekarische Sammelbezeichnung für 14 von Aristoteles verfasste Schriften, die in der damals erstellten Werkausgabe nach denen zur Physik angeordnet worden waren (griechisch: metà = nach, tà physiká = der Physik). Dieser „Metaphysik“ aber verdanken wir die für das Abendland wohl einflussreichste Bestimmung von Metaphysik. Aristoteles bezeichnet die Metaphysik einerseits als die Wissenschaft vom Seienden als Seienden, das heißt als die Wissenschaft, die nicht von einem besonderen Bereich des Seienden handelt (wie zum Beispiel die Physik oder die Biologie), sondern von der Beschaffenheit des Seienden im Allgemeinen; andererseits als die Wissenschaft von den ersten Ursachen und Prinzipien, die bis auf eine allererste, mit Gott gleichgesetzte Ursache zurückfragt.
In der Metaphysik als Wissenschaft vom Seienden als Seienden – in der Neuzeit oft auch Ontologie genannt – befasst sich Aristoteles mit einer Anzahl von philosophischen Bestimmungen, die grundlegend für die gesamte Philosophiegeschichte wurden. Er unterscheidet zunächst zehn Kategorien. Das heißt, alles, was ist, lässt sich einordnen in Kategorien wie: Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort… Eine hervorgehobene Stellung nimmt dabei die Kategorie der Substanz ein, denn eine Substanz ist etwas selbstständig Seiendes, während das Seiende aller anderen Kategorien nur etwas an Substanzen sein kann. Ein Baum ist eine Substanz, während die Farbe der Blätter, die Größe des Baums… unselbstständige, nur an der Substanz „Baum“ vorfindliche Bestimmungen sind. Weiter ist Aristoteles zufolge alles sinnlich Wahrnehmbare aus Form und Materie zusammengesetzt. Die Materie einer Statue ist die Bronze, deren Form die immaterielle Struktur, die ihr als Statue zugrunde liegt. Die Formen, die unveränderlich und ewig sind, unterscheiden sich dadurch von Platons Ideen, dass sie keine getrennte Wirklichkeit bilden, an der die sinnlich wahrnehmbaren Dinge teilhaben, sondern dem Wahrnehmbaren selbst innewohnen. In dem berühmten FreskoDie Schule von Athen wurde dieser Unterschied von Raffael künstlerisch festgehalten: Platon zeigt mit dem Finger zum Himmel (wo die Ideen sind), während Aristoteles die Hand flach zum Boden gerichtet hält (Immanenz der Formen).

 

Gott ist das Sein selbst.

 

In der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit ist zugleich alles aus Potenz und Akt beziehungsweise Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzt: Das Stück Bronze ist eine potenzielle Statue, die fertige Statue ist die Statue als Akt. Veränderung und Bewegung aber definiert Aristoteles als Verwirklichung von etwas potenziell Seiendem. Entscheidend für Aristoteles’ Wirklichkeitsverständnis ist dabei, dass alle Veränderung und Bewegung im Kosmos als ein zielgerichteter Vorgang anzusehen ist, dass mit anderen Worten die gesamte Wirklichkeit „teleologisch“ verfasst ist (von griechisch telos = Ziel). So wie der wachsende Baum nach seiner vollendeten Gestalt strebt, so strebt jede aus Materie und Form zusammengesetzte Substanz nach der Verwirklichung ihrer Form. Aber auch alle Ortsbewegung ist das Streben nach einem Ziel: Die schweren Körper streben nach unten, weil dort ihr „Zuhause“, ihr angestammter Platz ist; die leichten Körper aus demselben Grund nach oben.
Die Existenz Gottes aber wird im Buch XII aus der Notwendigkeit hergeleitet, für die ununterbrochene Bewegung im Kosmos einen ersten unbewegten Beweger zu finden. Allerdings sei Gott als erster unbewegter Beweger nicht die Ursache, die alles bewirkt oder hervorgebracht hat, sondern das Ziel, auf das sich alles zubewegt. In einem Kosmos, der nach Aristoteles ewig ist, gibt es deshalb Bewegung, weil Gott alles zu sich zieht – der Kosmos ist auf Gott bezogen, nicht aber Gott auf den Kosmos. Gott wird als das vollkommen glückliche Leben vorgestellt, das gemäß Aristoteles’ berühmter Gottesdefinition allein nur mit sich selbst beschäftigt ist: Gott ist das sich selbst denkende Denken.

 

„Die Materie ist das Böse.“ (Plotin)

 

Eine letzte große, einflussreiche Gestalt der Philosophie der Antike ist Plotin (205–275), dessen Denken sich vor allem stark an dasjenige von Platon anlehnt. Plotin teilt die Wirklichkeit in seinen Enneaden grundsätzlich in drei hierarchisch abgestufte, eigenständige Seinsbereiche, sogenannte Hypostasen, auf: das Eine, der Geist und die Seele. Dabei geht in einem Prozess, der Emanation genannt wird (von lateinisch emanare: herausfließen, entspringen), eine Hypostase aus der anderen hervor. Hinzu kommt die körperliche, materielle Welt als Ausfluss der Seele, die von Plotin allerdings nicht mehr als ein eigenständiger Seinsbereich verstanden wird.
Das Eine bringt Plotin mit dem Guten im Sinne von Platons Idee des Guten in Verbindung. Es ist das Überseiende und damit das Unerkennbare und Unsagbare, das im Grunde nur negativ bezeichnet werden kann. Es genügt sich völlig selbst; aus ihm geht alles andere hervor wie aus einer Fülle, die überströmt, ohne dabei zu verströmen – so wie nach damaligem Verständnis die Sonne Licht spendet, ohne Einbuße zu erleiden. Der Geist als die erste Emanation aus dem Einen ist die Zweiheit des sich selbst denkenden Denkens (Aristoteles’ Gott!) sowie die Vielheit des Gedachten, allerdings ohne dass der Geist damit aufhört, eine Einheit zu bilden. Der Geist ist der Inbegriff von allem, was ist. Er enthält die Idee von allem und denkt dabei alle seine Inhalte so, dass er sie ewig zugleich anschaut. Aus dem Geist geht die Seele hervor, gemeint ist die Weltseele, die zugleich die Vielheit der voneinander in Raum und Zeit getrennten körperlichen Dinge aus sich heraussetzt und sie ungeteilt durchdringt. Die Seelen der Menschen sind als Momente dieser einen Weltseele zu verstehen. Die körperliche Welt aber ist wie bei Aristoteles aus Form und Materie zusammengesetzt, wobei Plotin die Materie als das völlig Unbestimmte und damit als reine Negation (Privation) versteht. Die Materie ist das Böse; alles andere aus dem Einen-Guten Hervorgehende hat Anteil am Guten, die Materie als der letzte Ausfluss aus dem Einen aber ist der reine Mangel an Gutem. …

Autor: Jörg Disse