der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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In Bewegung


Bewegung ist das Medium, mit dem und über das der Mensch die Welt erfasst. Seit den naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Moderne wird Bewegung nicht mehr als grundlegendes Prinzip einer göttlichen Ordnung verstanden, sondern als Tatsache: als beobachtbarer, messbarer, schriftlich und bildlich fixierbarer Sachverhalt. Bewegung und mithin Veränderung sind in der modernen Welt nur mehr Kategorien der Mach- und der Gestaltbarkeit. Selbst die Entdeckung von Neuem wird als planbar erachtet. Begriffe wie Schicksal werden als psychologische Angst- und Versagensbewältigungsstrategien diskreditiert.
Unbeachtet bleibt im modernen naturwissenschaftlich-technischen Weltbild zumeist, dass selbst vollkommene materielle Befriedigung nicht zum Verschwinden der grundlegenden Sehnsucht führt, die den Grundantrieb des Menschen darstellt: sein In-der-Welt-Sein als Suchender. Sehnsucht ist ein beständig in Bewegung befindliches, fliehendes Denken, das zwar Ziele, aber keine Ankunft kennt. Gleichwohl die Sehnsucht Urmutter des Kitsches ist und nur all zu oft antiintellektuell und gefühlstrunken daherkommt, ist „die Schwalbe des Geistes“ wie Clemens Brentano sie beschreibt, für Stefan Diebitz das bewegendste aller Gefühle. Denn zur Angst wie zur Sehnsucht gehöre der Gegensatz von Natur und Geist, von Welt und Ich. Mit Bezug auf Oswald Spengler konstatiert er im Essay: „Angst und Sehnsucht sind die Empfindung einer elementaren Unvertrautheit, und diese Unvertrautheit kennt allein der Mensch.“
Eine solche Verunsicherung ist auch der Preis der modernen Freiheit. Bringt diese doch den Verlust der Möglichkeit der Orientierung an unverfügbaren Ordnungssystemen mit sich, weil selbst das handlungsbestimmende Wertesystem permanenten Veränderungen unterworfen ist. Entsprechend können die modernen Gesellschaften nicht umhin, sich auf permanenten und riskanten Wandel einzustellen: Ziele sind immer nur vorläufig, wo man auch jeweilig steht – man steht jeweilig. Tempo ist die Maxime, der es zu huldigen gilt; was möglich ist, soll wirklich werden, und jede Wirklichkeit schafft neue Möglichkeiten, schreibt Jens Badura unter dem Titel Nicht mehr hier und noch nicht dort. Leben im Übergang. Er fordert ein sogenanntes konstellares Denken ein, das sich geschmeidig den jeweiligen Verhältnissen anpasst.
In der Feststellung, dass alles sich ändert, und keiner weiß, wohin das führt, hätte man vor nicht allzu langer Zeit eine Bankrotterklärung der Vernunft erblickt. „Was soll ich tun?“ ist denn auch der Angstschrei einer Gesellschaft, der trotz aller Möglichkeiten die substanziellen Ziele abhandengekommen sind. Krisen werden nur noch „gemanagt“, Konflikte bloß stillgestellt. Doch das Zaudern und Zögern, das Aufschieben und Anhalten erzeugt einen ungeheuren Stau an Möglichkeiten, aus dem eine Art Paralleluniversum des bloß Denkbaren erwächst. Nicht von ungefähr schreibt Hartmut Böhme in seinem Beitrag von einer Situation „in der alles möglich ist, aber nichts mehr geht“. Aus Angst, Erreichtes zu verlieren, wird übersehen, dass gerade Unsicherheit und Wagnis die Entwicklungsvoraussetzungen moderner Gesellschaften sind, dass Veränderung und Wandel – auch und vor allem zum Besseren hin – unausweichlich der „kreativen Zerstörung“ des Bestehenden bedürfen.
Auch wenn das Verlassen der Komfortzone, auch wenn beständige Anpassung an neue Gegebenheiten keine Garantie dafür ist, die Herausforderungen des Kommenden zu bestehen, so ist der Stillstand doch der Garant für den Untergang. Wenig überraschend ist dabei, so der Managementtrainer Klaus Doppler im Beitrag Wille zum Wandel?, dass „zwar viele überleben wollen, den Preis in der Währung Veränderung dafür bezahlen jedoch eher wenige“. Weil alte Erfahrungen neue Erkenntnisse im Rahmen der eingespielten mentalen Modelle blockieren, müssten wir nämlich, um Neues wahrnehmen zu können, zum einen erst verlernen – „wir müssten große Teile unserer inneren Festplatte löschen“ – und zum anderen „uns aus der frei gewählten Unterwerfung nach oben lösen und wie Pfadfinder das Risiko auf uns nehmen, selbst die Zeichen am Weg zu suchen, zu deuten und Entscheidungen zu treffen“.
Mit einer Versicherungsmentalität, die viele Eltern schon Bausparverträge, Ausbildungs- und Lebensversicherungen für Ungeborene abschließen lässt, ist ein Wandel hin zu einer Gesellschaft, die nie auslernt, in der man sich auch noch in hohem und höchstem Alter mit Neuem konfrontiert, nicht zu schaffen. Hierfür braucht es eher ein „Denken in und aus der Bewegung“, so Ottmar Ette unter dem Titel Aufbruch ins Neue. Neues entdecke auch der Reisende nur, wenn er bereit ist für ein Denken und Handeln in offenen Horizonten. Entscheidend ist nicht, ob der „Reisende“ Herr seines Weges ist, sprich wohin die Reise geht, sondern dass er auf der Reise ist. Alexander von Humboldt, ein Mann des ständigen Aufbruchs, wusste „nur allzu gut, dass sein Weg nicht zum Erreichen eines vorgesteckten Ziels führt, sondern Erkenntnis aus der Bewegung selbst gewonnen wird. Nicht umsonst steht im Französischen (wie auch in anderen romanischen Sprachen) das Wörtchen sens nicht nur für den ,Sinn‘, sondern auch für die ,Richtung‘ – und damit für die Bewegung.“
Dieser sprachliche Zusammenhang ist für Gabriele Klein kein Zufall; ist körperliche Bewegung doch das Medium des Handelns. „Denn erst die körperliche Bewegung verleiht der Handlungsabsicht einen praktischen Sinn, indem diese im Bewegungsvollzug sozial wirksam wird“, schreibt sie unter dem Titel „Wie geht’s?“ Bewegungswissen des Körpers und der Gesellschaft. Im Körper sieht sie jedoch keinen Sklaven, der sich willfährig als Medium zur Wirklichkeitsherstellung den Maßgaben der Vernunft fügt. Der Körper, so Klein, „hat eine eigenständige und mitunter der Ratio widerstrebende Praxis“. Mit Arnold Gehlen und Merleau Ponty postuliert sie ein Körper- und Bewegungsgedächtnis als Form der „praktischen Erkenntnis“. Vermittels der neuen Kommunikations- und Transportmedien tritt jedoch der „passive Körper“ auf die historische Bühne: zum Stillsitzen gezwungen bewegt er sich nur mehr im Stillstand und jenseits der Grenzen körperlicher Wahrnehmungsfähigkeit in Raum und Zeit.
Die grundlegende Frage nach dem Gegensatz zwischen Stillstand und Bewegung wird von Parmenides und Heraklit im Zusammenhang mit der Frage nach dem Wesen des Seienden diskutiert. Während Parmenides alle Veränderungen als nur scheinbare glaubt entlarven zu können, verficht der von Platon zu dessen Antipoden stilisierte Heraklit die These, dass alles in beständiger Veränderung begriffen ist. Im Portrait legt Cristof Rapp dar, dass Heraklit mit der Rede davon, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen könne, weniger die Vorläufigkeit und Vergänglichkeit alles Seienden thematisiert als vielmehr seine Theorie der „Einheit der Gegensätze“. Deren grundlegende Einsicht besteht darin, dass entgegen dem geläufigen Verständnis gerade Bewegung und Veränderung es sind, die den Fortbestand einer Sache garantieren.
Ein solches „dialektisches“, sich in Gegensätzen bewegendes Denken, das Bewegung und Veränderung nicht der Identität einer Sache als entgegengesetzt, sondern für diese nachgerade als konstitutiv erachtet, liegt auch der Phänomenologie des Geistes von Georg Wilhelm Friedrich Hegel zugrunde. Für Hegel gehöre es zur realen Komplexität der Sachen und Sachverhalte, auch das Gegenteil ihrer selbst sein zu können, erläutern Claudia Wirsing und Michael Forster. Mit Denken in Bewegung, so auch der Titel ihres Beitrags, sei das Umschlagen der begrifflichen Formen in ihr Gegenteil, sprich die Existenz der Begriffe als innere Einheit eines Widerspruchs gemeint. Walter Benjamin karikierte ein solches Zusammendenken von Bewegung und Stillstand, in dem das lebendige Werden und Vergehen quasi seine intelligible Entsprechung findet, als völlig verstrittenes, in jeder Sache uneiniges Paar, das weder ohne einander noch miteinander leben könne.
Während Hegel mit seinem System der Geistphilosophie den Anspruch auf ein ganzheitliches und vollkommenes Verstehen des Seienden erhebt, fordert Alfred North Whitehead von den Philosophen, auf sterile Gewissheitsansprüche zu verzichten. Die Frage laute nicht, ob eine Denkweise wahr oder falsch sei, sondern für welchen Bereich sie gelte. Der Schlüssel zum Verstehen, wie Neues entstehen kann, ist bei Whitehead zugleich das alte Rätsel der Schöpfung, führt Maria-Sibylla Lotter in ihrem Beitrag aus: „Damit genuin Neues entstehen kann, ohne dass die Welt unerklärlich und unberechenbar scheint, muss der Bereich des Möglichen so auf den des Wirklichen bezogen sein, dass sich ,reale‘ Möglichkeiten ergeben.“ Mithin liege Gottes Schöpferfunktion in der ständigen Vermittlung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit.
Mit seiner Metamorphosenlehre versucht Johann Wolfgang von Goethe die Vereinbarkeit der himmlischen ewigen Ideenwelt und der irdischen vergänglichen Erscheinungswelt aufzuzeigen, schreibt Yuho Hisayama unter dem Titel Verwandlungen des Lebendigen. Dabei handele es sich um eine Theorie der humanen Selbstkultivierung, in welcher der Mensch als ein sich bildendes Wesen verstanden wird, „welches das urphänomenal Höchste ahnt, zu dem er zwar nie gelangen, nach dem er jedoch, von Ehrfurcht vor der Gott-Natur erfüllt, immer streben wird. Wahrscheinlich ist unser Leben ganz so wie die Metamorphose im Wandel – regelmäßig-fortschreitend, unregelmäßig-rückschreitend, bisweilen auch zufällig.“ Aber gerade in einer solchen ewigen Umwandlung bestehe ja das Lebendige der Natur.
„Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“, diese Forderung Friedrich Nietzsches, auf jede Gefahr hin auszulaufen, ist heute Realität für jeden – jederzeit. Auch wenn es vor einem offenen Horizont den Einzelnen schwerfällt, selbst die Richtung zu bestimmen, auf offener See ihren eigenen Kurs zu halten, ist die Formel von der ewigen Wiederkunft des Gleichen kein Grund zur Resignation. Mit der ewigen Wiederkunft des Gleichen ist bei Nietzsche nämlich keine Rückkehr zu den zyklischen Zeitvorstellungen der Antike gemeint, welche die Menschen dazu verdammten, ihr Schicksal als von den Göttern geschickt anzunehmen, heißt es im Beitrag von Andreas Luckner, sondern deren endgültige Auflösung. Auch wenn die Dinge in Wahrheit niemals besser oder schlechter, nur eben anders werden, wie Sebastian Haffner bilanzierte, ist Nietzsches Fazit „War Das – das Leben? … Wohlan, noch einmal!“ als höchste Form der Bejahung vielmehr eine Aufforderung zum Handeln.
Sein Leben so zu leben, dass man es genau so, wie es gelebt wurde, noch einmal leben möchte, ist in der Tat eine gute Medizin gegen das allerorts grassierende Unbehagen angesichts einer Zukunft, die, wie Karl Valentin einst höhnte, früher auch schon mal besser war…

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur